Korrespondenz 03/03. Rechenschaftsbericht des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland

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1 Rechenschaftsbericht 2003 des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland Diakonische Konferenz 14. bis 16. Oktober 2003, Speyer Korrespondenz 03/03

2 Impressum Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Hausanschrift: Stafflenbergstr. 76, Stuttgart Verantwortlich für die Reihe: Andreas Wagner Abteilung Information und Kommunikation im Diakonischen Werk der EKD Postfach , Stuttgart Telefon (07 11) Telefax (07 11) Internet: de Verantwortliche Redaktion: Uwe Mletzko Persönlicher Referent des Präsidenten Telefon (0 30) Layout: Andrea Niebsch-Wesser Bestellungen: Zentraler Vertrieb des Diakonischen Werkes der EKD Karlsruher Str. 11, Leinfelden-Echterdingen Telefon (07 11) Telefax (07 11) Der Bezug von Diakonie Korrespondenz und Diakonie Dokumentation bis zu zehn Exemplaren ist kostenlos. Bei Bestellungen ab zehn Exemplaren stellen wir für jedes zusätzliche Exemplar einen Euro in Rechnung. Die Texte, die wir in Diakonie Korrespondenz und Diakonie Dokumentation veröffentlichen, sind im Internet unter frei zugänglich. Sie können dort zu nicht-kommerziellen Zwecken heruntergeladen und vervielfältigt werden. Stuttgart, September Auflage Druck: Zentraler Vertrieb des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Karlsruher Straße 11, Leinfelden-Echterdingen 2 Diakonie Korrespondenz 03/2003

3 Inhaltsverzeichnis Vorwort Diakonisches Profil schärfen Über das Prägen von Bildern Von Menschen und Möglichkeiten Die Transparentaktion Das Ja der Bibel im Jahr der Bibel Förderpreis Fantasie des Glaubens Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung Missionarische Aussiedlerseelsorge Evangelische Kneipenarbeit in Deutschland und Emmaus-Kurs Qualität durch Kommunikation sichern Arbeitsschwerpunkte in der Hauptgeschäftsstelle Tageseinrichtungen für Kinder Erziehungshilfen Die Auseinandersetzung um das Zuwanderungsgesetz nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes Entwicklung eines Gesamtintegrationskonzeptes für Zuwanderinnen und Zuwanderer Überlegungen zur Regionalisierung des Flüchtlingsschutzes: Positionen des Diakonischen Werkes der EKD General Agreement on Trade in Services NAPinclusion und Indikatoren sozialer Ausgrenzung Soziale Dienste in der europäischen Verfassung Die Notwendigkeit einer internationalen Sozialpolitik Beispiel der Kaffeekrise Das Qualitätsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege Birger-Forell-Stiftung Projekte der Hauptgeschäftsstelle Bedeutung und Besonderheiten der Diakonie im Rahmen der Daseinsvorsorge Strategische Dimension diakonischen Handelns zur Verwirklichung von Integration und Gleichstellung Wertorientierung der sozialen Arbeit in der Zivilgesellschaft Qualitative Weiterentwicklung der Normen und Standards im Bereich von Gesundheit und Rehabilitation Hilfen für Einrichtungen und Mitglieder Pflicht zum Risiko die Verheißung erfüllen Pflicht zum Risiko biblische Aspekte Missionarische Diakonie eine Pflicht zum Risiko Pflicht zum Risiko Gemeinden verändern durch Gemeindeentwicklungsteams Zur Stärkung der Patientensouveränität nach den Eckpunkten der Konsensverhandlungen zur Gesundheitsreform vom 21. Juli Weiterentwicklung des Gesundheitswesens Einige ausgewählte Aspekte zum Stichwort Risiko aus der Perspektive des Handlungsfeldes Diakoniestationen/ambulante gesundheits- und sozialpflegerische Dienste Prävention und Eigenverantwortung Wer fällt durch das Raster? /2003 Diakonie Korrespondenz 3

4 Inhaltsverzeichnis 4.8. Strukturelle Grenzen und Traditionen überschreiten am Beispiel der ambulanten Suchtkrankenhilfe und der Sozialpsychiatrie Kontrollierter Umgang mit Risiken in diakonischen Einrichtungen und Diensten aus betriebswirtschaftlicher Sicht Persönliches Budget Mögliche Auswirkungen der Sozialhilfereform auf Beratungsdienste Reform der Sozialhilfe, Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Umbau der Bundesanstalt für Arbeit Pflicht zum Risiko Mut zum Handeln Zwischen der Pflicht zur eigenständigen Existenzsicherung und dem Risiko einer Auswanderung: arbeitslose Klienten der Wanderungsberatungsstellen Alternative Konzepte zur Pflegeheimversorgung Risiko und Chance für ältere Menschen Pflicht zum Risiko oder der Mut zum Handeln am Beispiel des Öffentlichkeitsprojektes Prostitution und Menschenhandel was geht uns das an? Der demografische Wandel Wandel in der diakonischen Arbeit? Ehrenamt in der Offenen Altenarbeit gibt es nicht umsonst Die Reform der Arbeitsvertragsrichtlinien Die Zukunft der Hilfe in besonderen sozialen Lebenslagen gemäß DVO des 72 BSHG, insbesondere durch die mögliche Anbindung an JobCenter und die bereits für 2004 geplante Reform der Sozialhilfegesetzgebung Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben auch für Benachteiligte Initiative zur Schaffung von teilsubventionierten Stellen für leistungsgeminderte Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten Monitoringprojekt der Evange lischen Obdachlosenhilfe zur Rechtsdurchsetzung von Sozialhilfe ansprüchen von Wohnungslosen Gender Mainstreaming und die Pflicht zum Risiko Risiko Osteuropa? Ein Plädoyer für die Chance! Risikovermeidung als Überlebens strategie in Entwicklungsländern Arbeitsbereiche Bereich Wirtschaft und Verwaltung Bereich Diakonische Dienste/Dienststelle Berlin Bereich Zentrale Dienste Bereich Ökumenische Diakonie Dienststelle Brüssel Diakonische Arbeitsgemeinschaft Diakonisches Institut für Qualitätsmanagement und Forschung ggmbh (DQF) Diakonische Akademie Deutschland (DAD) Anhang Diakonie Dokumentationen Diakonie Korrespondenzen Presse-Informationen /2003 Diakonie Korrespondenz 4

5 Vorwort Diakonie ist für Menschen da. Das Leitbild Diakonie spricht davon, dass wir dort sind, wo uns Menschen brauchen. Im zurückliegenden Jahr haben wir begonnen, mit der Kommunikationslinie Werte dieser Leitbildthese Gestalt zu verleihen. Fünf Bilder wollen eine Diskussion über die Orientierungsmarken des menschlichen Zusammenlebens anregen. Geborgenheit und Zuflucht, Heimat und Nähe sowie Hoffnung, sie stehen für eine besondere Qualität unserer Arbeit. Menschen brauchen Orte, an denen sie nicht herumgestoßen werden oder auf ein Alter in Würde hoffen können. Menschen brauchen Verlässlichkeit in einer Zeit des Umbruchs. Mehr noch geht es darum, dass in Zeiten des Umbaus des Sozialstaates darauf geachtet wird, dass niemand ausgegrenzt wird. Die Diskussionen und Vorschläge zur Zukunft unserer Sozialsysteme werden von der Einsicht geleitet, dass wir in den vergangenen Jahren über unsere Verhältnisse gelebt haben. Wenn Risiken und Verantwortungsbereiche jetzt neu verteilt werden, darf jedoch nicht allein nach der Leistungsbereitschaft gefragt werden, sondern auch nach den Möglichkeiten, die die Einzelnen haben. Chancen und Möglichkeiten sind ungleich verteilt. Doch sollte auch bei der Diskussion um den Sozialstaat nicht gleich das Ende des Zeitalters der Solidarität ausgerufen werden. Ich hoffe auf eine Diskussion mit einer gesellschaftspolitischen Prioritätensetzung. Die entscheidende Frage heißt dabei: Wie entwicklungsfähig ist das sozialstaatliche Arrangement? Wie werden Ökonomie, Ökologie und Soziales ausbalanciert? Aufgabe der Diakonie ist es darauf zu achten, dass niemand ausgegrenzt wird oder durch das Netz fällt. Das bedeutet, dass Diakonie dazu beizutragen hat, dass alle Personen Zugang zu sozialen Dienstleistungen haben. Dieses ist im Rahmen einer verlässlichen sozialen und kulturellen Infrastruktur sicherzustellen. Zudem müssen Qualität und Effizienz die Dienstleistungen bestimmen und Partizipation möglich sein. Verlässlichkeit ist kein Pokerspiel mit hohem Risiko. Dennoch haben wir die Pflicht zum Risiko. Risiko meint dabei nicht etwa Unsicherheit, Ungewissheit oder gar Gefahr. Risiko ist nicht ein Spiel wie bei der Unterhaltungssendung Der große Preis, bei der die Spieler alles gewinnen oder auch alles verlieren können. Ich verstehe Risiko als die Chance, Veränderungsprozesse wahrzunehmen und sie zu gestalten, damit Menschen am Leben in der Gesellschaft teilhaben können. Zu diesem Risiko hat die Diakonie eine Pflicht um der Menschen willen. Dieser Bericht gibt Rechenschaft über die Arbeit des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland. Neben den Aufgaben, die das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland in Stellungnahmen, Anhörungen, Lobbyarbeit sowie in ihren Dienstleistungsfunktionen für die Mitglieder wahrnimmt, hat im zurückliegenden Jahr unter anderem der Ausbau der Diakonie-Bundesvertretung gestanden. Die Arbeit in Zentren nimmt Gestalt an und bekommt ein Gesicht, das die Rahmenbedingungen schafft, um den zukünftigen Herausforderungen diakonischer Arbeit zielgerichtet und effektiv begegnen zu können. Durch neue Formen der Projektarbeit wird die Partizipation der Landes- und Fachverbände an den Entscheidungsfindungen gewährleistet. Synergien in der Zusammenarbeit werden erschlossen und tragen dazu bei, dass effiziente Arbeitsbedingungen entstehen. Die gemeinsamen Bemühungen zeigen ihre Früchte und ich danke allen, die an den Prozessen bisher mitgewirkt haben. Die Vielfalt von Themen in diesem Rechenschaftsbericht zeigt die Bandbreite diakonischer Arbeit. Jedes Thema für sich ist wichtig und gehört auf die Agenda. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre mit Informationen, die für die eigene Arbeit hilfreich sein können. Pfarrer Jürgen Gohde Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland 03/2003 Diakonie Korrespondenz 5

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7 1. Diakonisches Profil schärfen 1.1. Über das Prägen von Bildern Die Kommunikationslinie Werte: Imagestrategie und Werbung für mehr Menschlichkeit Das Deutsche Rote Kreuz ist fünf Mal kleiner als die Diakonie, aber sechs Mal bekannter. Rund 30 Prozent der Deutschen kennen die Caritas, aber nur acht Prozent die Diakonie. Das ist das Ergebnis einer Image- Analyse aus dem Jahr Was muss getan werden, um die Diakonie in Zukunft bekannter zu machen? Und welchen Nutzen hat überhaupt Bekanntheit? Ist die Diakonie ein unbekannter Riese? So bezeichnete unlängst die Unternehmensberatung McKinsey den Bekanntheitsgrad des zweitgrößten deutschen Wohlfahrtsverbandes. Auch diese Einschätzung zeigt: Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Diakonie spontan kein Bild. In der Image-Befragung 2001 fiel bei vielen erst nach einigen hilfreichen Stichworten der Groschen. Dieser Mangel an Bekanntheit erfordert planvolle und strukturierte Gegenmaßnahmen. Die Kommunikationslinie Werte ist als Konzept aus einer intensiven Gremiendiskussion und -vorarbeit entstanden. Sie ist ein offenes Konzept für Sozialmarketing, das mit kampagnenartigen Verfahren arbeitet, aber auch vielfältige Ansätze für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bietet. Im Zentrum steht dabei das Senden von Profilaussagen und das Prägen von Bildern, die identisch für die Leistungen der Diakonie stehen und dabei Symbolkraft entwickeln. Aus der Binnenperspektive betrachtet, richtet sich das Kommunikationsziel der Werte-Linie auf eine Verbesserung der Bekanntheit und eine Kräftigung des Images. Die Öffentlichkeit wird als Kommunikationsziel stärker wahrnehmen, dass die Diakonie für mehr Menschlichkeit wirbt und sich für die Rechte von Hilfebedürftigen einsetzt. Die Werte-Motivserie, die ab Mitte 2003 in einer Auflage von Großflächenplakaten bundesweit plakatiert wird, zeigt Porträts hilfebedürftiger Menschen aus exemplarischen Arbeitsfeldern der Diakonie. Viel Licht und Wärme ist in den Aufnahmen, die mit sparsamen, aber einfühlsam betonten Schwarz- Weiß-Konturen arbeiten, so als würde sich intensiver Sonnenschein auf die Gesichter richten. Die Modelle posieren dabei jedoch nicht für die Kamera, sondern es wird ein Abstand gewahrt. Wir dürfen sozusagen einen Moment lang in ihr Leben als alter Mensch, verprügelte junge Frau, Flüchtling oder Kind mit Down-Syndrom hineinsehen. Dazu wurden prägnante Slogans gewählt, die das anwaltschaftliche Handeln der Diakonie auf sehr kurze und leicht lesbare Formeln bringen. Schließlich verfügt der heutige Mensch in Zeiten der medialen Reizüberflutung nur über ein sehr begrenztes Aufmerksamkeitsbudget. Nähe ist Diakonie lautet eine der insgesamt sechs Headlines. Sehr einprägsam wird bei diesem Beispiel der große Wert Nähe für die Diakonie besetzt; das ist nicht nur ungleich merkfähiger als der Satz Diakonie ist Nähe, es ist auch eine weitaus tief greifendere Aussage. Denn Handeln aus Nähe steht nicht nur für Hilfe in der Not, es beinhaltet auch die Überwindung von Ausgrenzung und den Respekt vor der Würde des Menschen. Glaubwürdigkeit als zentrales Gut Aus der Marktforschung wissen wir, dass Image-Ziele am Besten über die Kommunikation von Profilaussagen erreichbar sind, die eine zentrale klare These, einen Mehrwert transportieren: das, was man im kaufmännischen Bereich die Unique Selling Proposition nennt. Bei der Diakonie ist dieser Markenkern eindeutig definiert. Sie ist der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirchen. Im Zentrum jeder ihrer Leistungen steht nicht nur der Mensch und sein individueller Fall, sondern immer auch die Vermittlung von Werten auf der Basis des christlichen Glaubens. Wird eine solche Identität nach außen ausgestrahlt, spricht man von einem Image. Ein werblich verbreitetes Image schafft Bekanntheit und prägt Vorstellungen. Doch es muss in sich stimmig und überprüfbar sein. 03/2003 Diakonie Korrespondenz 7

8 Diakonisches Profil schärfen Einmal geweckte Erwartungen müssen eingelöst werden. Denn viele Menschen sind kritisch geworden gegenüber der Absatzpolitik von Unternehmen und Institutionen. Die Wahrheit ist das wertvollste wirtschaftliche Gut, sagt der Ex-Greenpeace-Campaigner Peter Metzinger, heute Inhaber der PR-Agentur 4C Communications in Zürich. Die Diakonie kann diese Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen. Denn die Image-Analyse im Jahr 2001 hat auch gezeigt, dass die Menschen, die sie kennen, ihre Einrichtungen, ihre anwaltschaftliche Leistung für Bedürftige und insbesondere den christlichen Hintergrund schätzen und befürworten. Flexibilität durch Planung Mit welchem Planungskonzept wird die Werte-Linie realisiert? Die Werte-Linie ist ein dynamisches und kein statisches Konzept. Sie ist als offene Themenplattform angelegt, die sich nicht auf ein lineares Verfahren festlegt und somit ein Höchstmaß an Flexibilität gewährleistet. Das ist notwendig, um der Verbandsstruktur der Diakonie gerecht zu werden und allseits eigenständige Handlungsmöglichkeiten für die Landesverbände zu eröffnen. In zweiter Hinsicht ist diese Flexibilität erforderlich, da für die Kommunikationslinie Werte nur ein Bruchteil eines marktüblichen Etats zur Verfügung steht und von daher kein üblicher Roll-out der Werbung mit Media-Agentur und begleitender Markt- und Meinungsforschung stattfinden kann. Die Motive werden den Landesverbänden und den Einrichtungen zur eigenständigen Nutzung für Werbung sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung gestellt. Planerisch setzt die Werte- Linie damit auf so viel Kommunikationskonzept wie nötig und so viel Kreativität und Flexibilität wie möglich. Das kann in der Praxis heißen, dass tagesaktuell neue Maßnahmen hinzukommen können, wie beispielsweise das Schalten von Riesenpostern an Kirchen in belebten Fußgängerzonen oder das Abspielen der Motive als elektronisches Plakat auf innerstädtischen Videoboards. Kommunikation schafft Gestaltungsräume Doch welchen Nutzen haben überhaupt eine verbesserte Bekanntheit und ein gestärktes Image? Wer erfolgreich kommuniziert, ist in der Mediengesellschaft präsenter, kann besser Vertrauen und Verständnis erreichen und langfristige Akzeptanz sichern. Neben dem Prägen von Bildern geht es bei einem solchen PR-Projekt immer auch darum, Standpunkte zu vermitteln, um im Prozess öffentlicher Meinungsbildung Einfluss zu nehmen und Handlungsräume zu gewinnen. Die Kommunikationslinie Werte ist in diesem Kontext natürlich nur ein Baustein der PR- Arbeit auf Bundes- und Landesebene und ist in hohem Maße auf eine integrierte Verbandskommunikation angewiesen. Für den durchschnittlichen Rezipienten ist eine solche Kampagne immer auch ein Impuls an soziale und individuelle Normen. Hier trifft sich die Werte-Linie in ihren Kommunikationszielen mit einer gesellschaftlichen Veränderung: Erstmals seit 20 Jahren verzeichnen die Meinungsforscher einen Einbruch bei den hedonistischen Werten. Sie stellen fest, dass die Menschen nach einer neuen Sinnorientierung, die Halt, Beständigkeit und auch Wesentliches in das Leben bringt, suchen. Die Kommunikationslinie Werte wird in ihrer Laufzeit bis 31. Dezember 2004 deshalb auf ein günstiges gesamtgesellschaftliches Klima hoffen dürfen. Werbemaßnahmen und Evaluation Die Werte-Linie wird aktuell bundesweit über eine ganze Reihe von Werbeträgern verbreitet. Die Motive sind auf Videowänden in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf geschaltet, darunter die mit 120 Quadratmetern größte innerstädtische Videowand in Deutschland auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Zusammen mit großen Plakataufträgen von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe wurden in einem gemeinsamen Auftrag Werte-Großflächenplakate gedruckt und ab Sommer 2003 bundesweit plakatiert. Gebäudeposter an Kirchen und Anzeigen in Tageszeitungen und Zeitschriften, wie im SPIEGEL, im stern, der FAZ, Readers Digest und vielen anderen Publikationen werden fortlaufend geschaltet. Diese Anzeigenplätze werden in der Regel gesponsert zur Verfügung gestellt. An einem Evaluationskonzept wird aktuell gearbeitet. Das Ziel ist eine maximale Streuung der Motive in der Öffentlichkeit bei begrenzten Mitteln. Nur dann kann einsetzen, was die Werbelehre als Prozess von intuitivem und kognitivem Wiedererkennen beschreibt und was der PR-Experte Ulrich Maubach in dem Satz zusammenfasst: Image ist die Summe aller Begegnungen! Michael Handrick 8 Diakonie Korrespondenz 03/2003

9 Diakonisches Profil schärfen 1.2. Von Menschen und Möglichkeiten Caritas und Diakonie auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin Caritas und Diakonie entschieden in der Planungsphase für die Teilnahme beim Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) 2003 in Berlin, sich nicht auf der Agora, dem Markt der Möglichkeiten auf dem Messegelände zu präsentieren, sondern an einem zentralen Ort in der Stadt. Die Idee war, soziale Themen in einem unterhaltsamen und informativen Programm auf einer Openair-Bühne zu präsentieren. Neben den Besucherinnen und Besuchern des Kirchentages sollten Menschen angesprochen werden, die nicht zwingend ein Interesse oder gar Bindungen zur Kirche oder zu Caritas und Diakonie haben. Bei diesen Überlegungen konnte man auf die Erfahrungen der Caritas beim Katholikentag in Hamburg und der Diakonie beim Kirchentag in Frankfurt zurückgreifen. Themenauswahl und Programmstruktur Die Projektkommission, die für die Vorbereitung und Durchführung eingesetzt wurde, hatte die Themenbereiche: Wohnungslosigkeit, Menschen mit Behinderungen, allgemeine soziale Arbeit, Migration, Kinder und Hilfe weltweit, die Arbeit von Caritas international und Diakonie Katastrophenhilfe ausgewählt. Die Mitglieder der Projektkommission übernahmen die Verantwortung für je einen Themenbereich und hatten die Aufgabe, Arbeitsgruppen zusammenzustellen und zu leiten, um zum jeweiligen Thema ein etwa halbtägiges Programm zu gestalten. Die Vorgabe lautete: abwechslungsreich, unterhaltsam, kurze Programmpunkte (maximal zehn Minuten), Wechsel von Redebeitrag und Musik- oder Showeinlage. Es galt, soziale und teilweise sperrige Themen so aufzubereiten, dass ein Laufpublikum Lust bekommen würde, stehen zu bleiben und sich ansprechen zu lassen. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden in der Projektkommission besprochen und koordiniert. Der Programmablauf gestaltete sich folgendermaßen: Im Programm am Donnerstag, 29. Mai 2003 von 11 bis 17 Uhr zu den Themen Wohnungslosigkeit und allgemeine soziale Arbeit wurden im Wechsel Podiumsdiskussionen zu den Themen Öffentlicher Raum, Familie, Jugend und Gewalt, Unterhaltungsangebote wie Kinderzirkus, Musik, Kölner Berber Bühne, Projekt Boxenstopp und eine Publikumsbefragung durch Georg Kardinal Sterzinsky geboten. Am Freitag, 30. Mai 2003 standen von 10 bis 12 Uhr die Kinder im Mittelpunkt mit einem Kinderprogramm mit Robert Metcalf und Band, Aktionen für Kinder rund um die Bühne und dem Start von 500 Brieftauben. Von 12 bis 17 Uhr präsentierte die Behindertenhilfe ein Programm mit Modenschau, Auftritten verschiedener Theater- und Musikgruppen, Interviews und Gesprächen mit Einrichtungsleitern und Politikern. Der Gottesdienst für Mitarbeitende von Caritas und Diakonie wurde am Samstag, 31. Mai 2003 von 10 bis 11 Uhr gefeiert. Zum Thema Migration wurden von 11 bis 14 Uhr Interviews, Gesprächsrunden, Kabarett und Modenschau geboten. Hilfe weltweit die Arbeit von Caritas international und Diakonie Katastrophenhilfe war von 14 bis 17 Uhr auf der Bühne und präsentierte eine brasilianische Straßenkinderband, eine Straßentheatergruppe, Musik vom Balkan und Gespräche mit Politikern, Experten und Betroffenen. Werbung Neben der Veröffentlichung des Programmablaufs im Programmheft des Ökumenischen Kirchentages und der Unterstützung durch die Pressearbeit des Ökumenischen Kirchentages wurden eigene Werbemaßnahmen durchgeführt. Zum Programmpunkt Fehlt Ihnen etwas?, einer Kampagne der Berliner Wohlfahrtsverbände zum Thema verdeckte Armut, gab es eine bundesweite Postkartenaktion, die zum Mitmachen aufforderte. Die Verteilung erfolgte in einigen Städten in Cafés und an anderen Orten sowie über verbandliche Beratungsstellen. Dazu erfolgte eine Pressemeldung. Die Resonanz war gering, es gab kaum Rücklauf ausgefüllter Karten, und so ist der Werbeeffekt eher gering einzuschätzen. Das Kinderprogramm am Freitag wurde mit einem eigenen Flyer (Auflage: 3.500) beworben, der beim Caritas-Kindergottesdienst in Berlin an 1000 Kinder sowie über die konfessionellen Kindertagesstätten verteilt wurde. Die Resonanz: Das Kinderprogramm war mit rund 750 Kindern gut besucht. Trotz großer 03/2003 Diakonie Korrespondenz 9

10 Diakonisches Profil schärfen Hitze blieben viele zwei Stunden dabei, da das Angebot auf und neben der Bühne zum Mitmachen einlud und sehr kurzweilig war. Zum gemeinsamen Gottesdienst für die Mitarbeitenden hatten die beiden Präsidenten mit einem Schreiben eingeladen, das über die Diözesan-, Ortsund Landesverbände an alle Mitarbeitenden verteilt werden sollte. Resonanz: Rund 500 Mitarbeitende nahmen am Gottesdienst teil, weniger als erhofft und erwartet. Auf den Programmteil Hilfe weltweit am Samstagnachmittag wurde in einem Flyer von Brot für die Welt hingewiesen. Das Programm wurde von über Besuchenden gesehen. Insgesamt wurde das dreitägige Bühnenprogramm mit einem eigenen, vierfarbigen Flyer beworben, der in einer Auflage von Stück über den Diözesan- und Ortsverband Berlin und die Landeskirche Berlin-Brandenburg an Einrichtungen, Beratungsstellen und Pfarreien verteilt und an die bundesweit 27 Diözesanverbände verschickt wurde. Am Abend der Begegnung verteilten Obdachlose (gegen ein geringes Entgelt) den Flyer. Die Resonanz kann nicht beurteilt werden. Der Flyer wurde später produziert und verteilt als ursprünglich geplant und erreichte viele Einrichtungen erst wenige Tage vor dem Ökumenischen Kirchentag. Am Abend der Begegnung wurde er wenig wahrgenommen. Kosten Neben einer Sachbearbeiterstelle (zeitlich befristet), die die Vorbereitung, Organisation und den Ablauf des Bühnenprogramms unterstützen sollte, wurden Sachkosten von rund Euro kalkuliert (Übernachtung, Catering, Werbung, Kosten für Moderatoren und Theater-/Musikgruppen, Fahrtkosten). Der Sachkostenansatz wurde um etwa 10 Prozent unterschritten. Fazit Das Programm wurde zu einem weit überwiegenden Teil positiv sowohl von Mitarbeitenden als auch von Besuchenden wahrgenommen und gelobt. Die Voraussetzung für das Gelingen war neben dem guten Wetter! die organisatorisch und inhaltlich detailgenaue Planung wie minutengenaue Regiepläne, für die jeder Arbeitsgruppenleiter verantwortlich war, die Auswahl professioneller Moderatorinnen und Moderatoren und die hohe Motivation und das Engagement aller beteiligten Gruppen und Personen. Auch die Unterstützung durch den Kirchentag und die technisch perfekte Ausstattung der Bühne hatten wesentlichen Anteil am reibungslosen Ablauf. Die Gestaltung des Backstage-Bereichs durch das VIP-Zelt und das Angebot des professionellen gleichwohl gemeinnützigen Caterers haben ebenfalls zum Gelingen beigetragen. Bei allen beteiligten Gruppen und Personen, die sich auf und hinter der Bühne engagiert haben, war deutlich zu spüren, wie die Freude und das Gefühl des Das haben wir gemeinsam geschafft gewachsen sind. Durch die Teilnahme von Gästen aus Politik, Gesellschaft und Kirche am Bühnenprogramm bestanden ausgezeichnete Möglichkeiten, Kontakte aufzubauen, die für die Arbeit von Caritas und Diakonie wichtig sind. Im Vergleich der drei Bühnentage zeigte sich, dass immer dann ein Rückgang der Zuschauer zu verzeichnen war, wenn längere Zeit gesprochen wurde (wie bei Interviews, Podiumsdiskussionen). Musik, Tanz, Kleinkunst, überhaupt Aktion und Bewegung lockte die Menschen und hielt sie vor der Bühne. Die Kunst eines Bühnenprogramms lautet also: die Umsetzung sozialer Themen in Bilder, Töne und Bewegung, die ansprechen und neugierig machen. Um zu erreichen, dass ein so qualitativ hoch stehendes Programm (Äußerung der Kirchentagsleitung) von noch mehr Menschen, insbesondere von Mitarbeitenden von Caritas und Diakonie wahrgenommen wird, sollten mehr Ressourcen in Werbung investiert werden. Zusammenfassend lässt sich aus Sicht der für das Projekt Verantwortlichen sagen, dass sich der sehr hohe zeitliche, personelle und finanzielle Aufwand, den ein solches Projekt erfordert, lohnt. Die Beobachtung von Zeitungsartikeln, Gespräche mit Mitarbeitenden und Besuchern und der wahrnehmbare Motivationsschub bei den Beteiligten erlauben die Aussage: Caritas und Diakonie können durch diese Form der Darstellung sozialer Themen einen Zuwachs an positivem Image, Mitarbeiterzufriedenheit und verstärkter öffentlicher Aufmerksamkeit erreichen. Olaf Petters, Claudia Beck 10 Diakonie Korrespondenz 03/2003

11 Diakonisches Profil schärfen 1.3. Die Transparentaktion Das Ja der Bibel im Jahr der Bibel Kirchtürme sind in der Silhouette einer Stadt oder eines Dorfes meist deutlich herausgehoben. Mit dem Transparent Das Ja der Bibel soll für alle sichtbar auf Suchen. Und finden Das Jahr der Bibel. aufmerksam gemacht werden und auch darauf, dass Bibel und Kirche zusammenhängen. Zum Jahr 2000 wurden an über tausend Kirchtürmen und Gemeindehäusern die 2000 Jesus -Transparente aufgehängt. Dieser große Zuspruch hat die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste (AMD) angeregt, zum Jahr der Bibel 2003 ein weiteres Transparent anzubieten. Das Ja der Bibel weist auf Gottes Ja zu uns Menschen hin, das in der Bibel bezeugt wird. Mit dem Kirchturmtransparent sollen Christinnen und Christen wie auch Nichtchristinnen und Nichtchristen auf das Jahr wie auf das Ja der Bibel und damit auf die Bibel selbst aufmerksam gemacht werden. Die Hoffnung ist, dass das Transparent ein Aha-Erlebnis auslöst, neugierig macht und zum Nachdenken oder Nachfragen einlädt. Von daher ist es wichtig, nicht nur das Kirchturmtransparent aufzuhängen, sondern auch Gemeindeveranstaltungen anzubieten, in deren Mittelpunkt die Bibel mit ihrer Botschaft steht. Zum Transparent wird eine Begleitmappe angeboten, die Anregungen zu einer Gottesdienstgestaltung, zu einem Gemeindeabend und zu einem Gemeindeseminar zur Bibel enthält. Daneben wird über die vorhandenen Bibelkurse informiert. Die Transparentaktion ist jetzt schon ein voller Erfolg: Inzwischen sind alle 1200 Transparente verkauft. Dr. Rosemarie Micheel 1.4. Förderpreis Fantasie des Glaubens Die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) hat im Jahr 2002 den Förderpreis Fantasie des Glaubens ausgeschrieben für Konzepte und Projekte, die zeigen, wie Gemeinden missionarisch werden und bleiben. Bewerbungsschluss war der 30. Juni Bewerben konnten sich Kirchengemeinden, freie Werke, Projektgruppen und Einzelpersonen. In dem Flyer, mit dem für die Aktion geworben wurde, hieß es: Welche kleinen oder großen, welche kühnen Projekte haben Menschen mit ihrer Fantasie bereits umgesetzt und andere wissen nichts davon? Warum das Rad selber erfinden, wenn es woanders schon rund läuft? Wie das geschieht und geschehen könnte, soll durch den Förderpreis für die gesamte Kirche in einem Ideenpool sichtbar gemacht werden. Durch die Reflexion über das Wie des missionarischen Auftrags an der Schwelle des 21. Jahrhunderts wollen wir Sie und andere zu neuer Kreativität und Nachahmung anstiften. Die Resonanz und die Beteiligung waren großartig. Insgesamt gingen 128 Bewerbungen ein. Kurzbeschreibungen der Projekte können auf der Homepage der AMD (www.a-m-d.de) angeschaut werden. Eine Jury suchte die Gewinner aus. Schirmherr der Aktion war Präses Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der EKD. Er nahm am Rand der EKD-Synode 2002 in Timmendorfer Strand die Preisverleihung vor. In seinem Grußwort sagte Kock: Wir haben mit dem Evangelium einen Schatz anzubieten, der nicht zu übertreffen ist... Wer den Schatz des Evangeliums für sich entdeckt hat, weiß, dass es sich lohnt, mit aller Fantasie andere Menschen dafür zu gewinnen. Der Ratsvorsitzende lobte alle Projekte, weil sie Menschen auf unkomplizierte Weise Mut zum Glauben machen und weil Menschen erreicht werden, die sonst wahrscheinlich nie den Schritt über die Schwelle einer Kirche tun würden. Den vierten Preis erhielt das Projekt LebensArt aus Erlangen. Die dortige Elia-Gemeinde veranstaltet einmal im Monat in einem Bistro einen Gottesdienst für Kirchenferne. Als Einladung werden Postkarten in Kneipen verteilt. Dritter wurde das Projekt Bauwagen in Wiederau/ Sachsen. Ein alter Bauwagen wurde von Jugendlichen ausgebaut, gestaltet und ausgestattet. Er taucht überall dort auf, wo im Ort etwas Besonderes stattfindet, bei Dorf- und Stadtfesten, auf dem Weihnachtsmarkt und bei Kinder- und Jugendveranstaltungen. Der Wagen 03/2003 Diakonie Korrespondenz 11

12 Diakonisches Profil schärfen dient als Veranstaltungsbühne für Theaterstücke, Konzerte, Videoclips und Gottesdienste. Er bietet aber auch Möglichkeiten zu ungezwungenem Zusammensein. Auf dem zweiten Platz landeten die Prignitzer Kuckuck Kickers, ein christlicher Fußballverein aus dem Brandenburgischen Buchholz. Er spielt inzwischen mit zwei Mannschaften in der Kreisliga und bietet neben dem Sportgeschehen Raum für Begegnung und Gespräche über den Glauben. Den ersten Preis erhielt der Treffpunkt Vaterhaus aus Neuenburg/Baden. Neben dem Erwachsenen- Gottesdienst wird in Neuenburg ein Gottesdienst für Kinder angeboten, der die Lebenswelt der Kinder Ernst nimmt und in ihre Situation hinein kindgemäß von der Liebe Gottes spricht. Seit 1999 findet der Gottesdienst für Kinder wöchentlich statt. Im Durchschnitt kommen 120 Kinder, darunter immer wieder neue. Viele der Kinder nehmen inzwischen auch die Angebote der Gemeinde in der Woche wahr. Der erste Preis betrug 2500 Euro, der zweite bis vierte: jeweils 1000 Euro. Die Projekte auf den Plätzen fünf bis elf wurden zu einem Kreativ-Workshop eingeladen. Alle 128 Projekte sind inzwischen in einer Dokumentation mit dem Titel Förderpreis Fantasie des Glaubens / Ideenpool veröffentlicht worden. Vorgestellt werden Ideen aus den Bereichen Evangelisation und Gottesdienst / Öffentlichkeitsarbeit / Kreative Bibelabende / Christliche Cafés / (Kirchen-)Jahreszeitlich bedingte Projekte und Organisationskonzepte. Zu jedem Projekt findet man Informationen über Idee, Ziel, Mitwirkende, Rahmenbedingungen, Durchführung, Auswirkungen in Kirche und Öffentlichkeit und Adressen von Kontaktpersonen. Das 140 Seiten starke Buch kann für 7 Euro in der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste in Berlin bestellt werden: Altensteinstraße 51, Berlin, Telefon (0 30) , Telefax (0 30) , Waldemar Wolf 1.5. Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung Die Idee ist schon ziemlich alt, die Planung ist seit zwei Jahren im Gange und Wirklichkeit wird das Ganze am 1. April Die Idee ist, neben dem diakoniewissenschaftlichen Institut an der Universität Heidelberg und der Missionsakademie für Weltmission an der Universität Hamburg eine universitäre Einrichtung zu installieren, die sich den Themen Evangelisation und Gemeindeaufbau in Deutschland in besonderer Weise zuwendet und in Forschung und Lehre deutliche Akzente setzt. Hintergrund der Überlegung war auch, dass die Themen Volksmission und Evangelisation endlich den muffigen Geruch verlieren müssen, den sie durch oft unglaubliche und verletzende Vorurteile und Verurteilungen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte bekommen haben. Die Verortung in der Praktischen Theologie und die Einbettung in den Wissenschaftsverkehr deutscher Universitäten würde mit Sicherheit helfen, Vorurteile abzubauen und mit Mission und Evangelisation in Forschung und Lehre in Deutschland mit der gleichen Selbstverständlichkeit umzugehen, wie es in vielen anderen Ländern der Welt der Fall ist. Schließlich sind die missionarischen Herausforderungen dieser Zeit so groß, dass eine Kirche gar nicht darauf verzichten kann, ein Institut zu haben, in dem analytische Arbeiten zur Religiosität in Deutschland genau so entwickelt werden wie hermeneutische und homiletische Arbeiten im Blick auf die Frage, wie es gelingen kann, das Evangelium heute unter die Leute zu bringen. Dieses in einer Zeit, in der ein Drittel der deutschen Bevölkerung mit steigender Tendenz keiner christlichen Gruppierung mehr angehört. Diese drei Gesichtspunkte waren und sind wesentlich leitend für die Gedanken im Blick auf ein entsprechendes Institut. Vor gut zwei Jahren wurde deutlich: Am günstigsten und den verschiedenen Anliegen entsprechendsten ist der Ort Greifswald mit seiner Universität und der dortigen theologischen Fakultät. In Greifswald finden sich die notwendigen Räumlichkeiten, der Lehrkörper in der Praktischen Theologie steht einem solchen Institut sehr offen gegenüber und will es ausdrücklich und möchte seine Kompetenzen dafür bereit stellen. 12 Diakonie Korrespondenz 03/2003

13 Diakonisches Profil schärfen Außerdem befindet sich Greifswald in der Nordostecke Deutschlands und damit in einer Gegend, in der das Thema Konfessionslosigkeit eine zentrale Rolle spielt. In Pommern sind 80 Prozent der Bevölkerung ohne jede Kirchenzugehörigkeit. Wo lässt sich diese atheistische oder ungebundene religiöse Lebensform besser studieren als dort? Und wo müssen die missionarischen Herausforderungen der Kirche dringlicher bearbeitet werden als in diesem Bereich Deutschlands, in dem Kirche zuallererst die Pflicht zum Risiko zu leben und Veränderungsprozesse anzugehen hat, die gegenüber früheren Existenzformen von Volkskirche revolutionäres Gepräge haben? Inzwischen haben nun die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) durch ihren Vertrauensrat, die Pommersche Landeskirche durch ihre Synode und die Universität Greifswald durch ihren Senat ihre Bereitschaft erklärt, als Träger des Instituts tätig zu werden. Ein viel versprechendes Hearing im Juni 2003 hat Wissenschaftler und leitende Persönlichkeiten aus Kirchen und freien Werken in Deutschland und mehreren europäischen Nachbarländern zusammengeführt. Das Institut soll internationales, europaweites Gepräge bekommen. Erster Direktor des Instituts wird Prof. Dr. Michael Herbst, Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, werden. Der Name des Instituts liegt noch nicht ganz fest; vieles spricht aber dafür, dass die gegenwärtige Bezeichnung Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung tragfähig genug ist. Thematisch wird in vier Bereichen gearbeitet werden: Zum einen werden analytische Arbeiten eine wesentliche Rolle spielen, um Strömungen in der Kirche und vor allem in der Gesellschaft aufzuspüren. Zum anderen wird das Thema Evangelisation in Theologie und Praxis eine wesentliche Bedeutung bekommen. Drittens geht es um Fragen der Gemeindeentwicklung und schließlich um das große Thema Bildung und dabei auch unter anderem um Fragen der Ausbildung der Theologinnen und Theologen, der Diakoninnen und Diakone. Die diakonische Dimension ist in der Gesamtthematik mitbedacht. Vorgesehen sind Vorlesungen, Seminare und Übungen im universitären Bereich, Gemeindepraktika und Kurse mit großer Gemeindenähe, innerhalb und außerhalb des Instituts. Die Nähe zu den Angeboten der AMD soll sich produktiv auswirken. Das Institut wird seine Tore in Greifswald am 1. April 2004 öffnen; zugesagt sind bereits zwei Planstellen, sodass die Arbeit mit frischen Kräften beginnen kann. Inzwischen sind weitere Einrichtungen der Evangelischen Kirche, und dabei insbesondere mehrere Landeskirchen auf EKD-Ebene sowie das Diakonische Werk der EKD an der Arbeit interessiert. Pflicht zum Risiko unter dieser Überschrift lässt sich das geplante Institut gut verorten, in einer Zeit wachsender Entkirchlichung bei ebenfalls wachsender Religiosität. Die Risiken dieser Institutsplanungen standen und stehen deutlich vor Augen; leitend aber ist die Zuversicht, dass sich die Entwicklung dieses Instituts in der Spur von Gottes Verheißungen gestaltet. Hartmut Bärend 1.6. Missionarische Aussiedlerseelsorge Wenn man die Statistiken anschaut, zeigen diese den Rückgang der Aussiedlerzahlen. Die geplanten Änderungen des Aufnahmeverfahrens für Spätausgesiedelte könnten zu weiterer erheblichen Absenkung der Aussiedlerzahlen führen. Da das In-Kraft-Treten des geplanten Zuwanderungsgesetzes derzeit nicht in Sicht ist, gehen Experten davon aus, dass in diesem Jahr mit circa neuen Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern zu rechnen ist. Trotz dieser zurückgehenden Zahlen bleibt die kompetente Begleitung eine wichtige Aufgabe. Die Praxis zeigt immer wieder, dass auch diejenigen, die schon längere Zeit hier leben und scheinbar integriert sind, Begleitung brauchen. Erst im Einleben in unserer Gesellschaft wird bewusst, wie viel Verständnis auf beiden Seiten noch aufzubringen ist. Repräsentanten beider großer Kirchen bezogen deutlich Position für die Aussiedler. Aussiedler sind ein Segen (nicht nur in Bezug auf die demografische Entwicklung). Sind wir auch ein Segen für sie? Zeigen wir ihnen auch in unseren Kirchengemeinden klar und erfahrbar, dass sie bei uns willkommen sind? Wie gehen wir mit der zunehmend negativen Berichterstattung der Massenmedien um? Den Ausgesiedelten Wertschätzung entgegenbringen, sie ermutigen, jeglicher Stigmatisierung entgegenwirken und berechtigte Kritik aussprechen, muss die Basis für ein gelingendes Miteinander sein. 03/2003 Diakonie Korrespondenz 13

14 Diakonisches Profil schärfen Wer sich der Diakonie und dem missionarischen Handeln verpflichtet, wird nach Wegen suchen, die allen Menschen ein Leben in Achtung und Würde ermöglicht. Gleichzeitig wird er den Glauben bekennen und Zeugnis ablegen. In der missionarisch-seelsorgerlichen Gemeindearbeit wird im gemeinsam gelebten Glauben die Verantwortung der Christen konkret. Wie unterschiedlich gelebter Glaube sich darstellt, wird besonders bei den Spätaussiedlern wahrgenommen. Ein für uns veraltetes und moralisches Verständnis vom Christsein, dass uns völlig fremd und unverständlich ist, trifft auf unser liberales, hinterfragbares und manchmal auch unverbindliches Christenleben. Wer sich aber auf diese Begegnung einlässt, wird sie als Bereicherung erfahren: Wir haben einen gemeinsamen Grund, der unser Leben trägt und wir können voneinander lernen. Nicht relevant für unsere Arbeit sind daher die sinkenden Aussiedlerzahlen. Uns ist die Begleitung wichtig, die Ausgesiedelte in ihren neuen Wohnorten und dort in ihrer Kirchengemeinde bekommen. Unser herzliches Willkommen wird das Zusammenwachsen ermöglichen und die Gemeinschaft fördern. Dieser gemeinsame Weg aber braucht viel Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen und Verständnis. Und genau hier liegen die Risiken, die auch in der missionarischen Arbeit zu bedenken sind, wenn wir Spätaussiedler für unsere Gemeinden gewinnen wollen: zu spät auf die Ausgesiedelten zugehen; zu früh das Bemühen um sie aufgeben. Um gemeinsam das Gespräch um den christlichen Glauben zu führen und lebendig zu halten, wurden Arbeitshilfen für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kirchengemeinden herausgegeben. Die Tauf- und Glaubenskurse, die Gesprächseinheiten zu den Festzeiten im Kirchenjahr sind als sinnvolle und hilfreiche Angebote gut aufgenommen worden. Im Jahr der Bibel wurde ein großes Projekt realisiert. Gemeinsam mit der Aussiedlerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft wurde eine neue Bibel herausgegeben. Anfangen die Bibel für Deutsche aus Russland, enthält in der revidierten Fassung der Lutherbibel das Neue Testament und die Psalmen komplett und das Alte Testament in Auszügen. Das Besondere an dieser Bibelausgabe ist ein Anhang in deutscher und russischer Sprache, der das Lesen und den Zugang zur Bibel erleichtern soll. Damit soll signalisiert werden, dass die Sprachprobleme erkannt sind und Ernst genommen werden. Im Anhang finden sich prominente Texte wie das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, Erklärungen und Bibeltexte zu den Sakramenten sowie Bibelsprüche zu verschiedenen Anlässen wie Taufe, Hochzeit, besondere Festtage, Tod und Trauer. Das Vorwort steht unter dem Bibelvers Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren (Luk.11,28) und drückt den Wunsch aus, dass die Bibel nicht nur ein Lesebuch, sondern vor allem ein Lebensbuch sein soll, das zu einem Leben im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Gottes anleitet. Eine Arbeitshilfe mit Bibelarbeiten, erarbeitet von landeskirchlichen Mitarbeitenden in der Aussiedlerseelsorge, nimmt Bibeltexte auf, die besonders im Leben der Ausgesiedelten wichtig geworden sind und will Anregungen zu Bibelgesprächen geben. Die Deutschen aus Russland haben eine lange Tradition im Hören auf das, was die Bibel den Menschen sagt. Die Bibel war ihnen ein wichtiges Buch, aus dem sie Trost und Zuversicht bekamen. Verbotene Gottesdienste; geheimes Bibellesen, immer in der Angst vor schwerer Bestrafung, wenn es entdeckt wurde; versteckte, wohl gehütete einzelne Seiten einer alten Bibel; per Hand abgeschriebene Bibeltexte, aufbewahrt durch mehrere Generationen sind in der Erinnerung der Spätaussiedlerfamilien bis in die jüngste Generation hinein sehr präsent. Diese Bibeltradition wird damit aufgenommen. Im Hören auf die Erinnerungen und die Geschichte der Spätaussiedler und im Gespräch über unsere Erfahrungen mit der Bibel werden sich gemeinsam Wege im Glauben und im Lebensalltag entdecken und leben lassen. Inge Bühner 14 Diakonie Korrespondenz 03/2003

15 Diakonisches Profil schärfen 1.7. Evangelische Kneipenarbeit in Deutschland und Emmaus-Kurs In vielen Menschen steckt eine große Reiselust. Während für viele das Gute doch so nah liegt meine Biografie ist gekennzeichnet durch Fernweh. Die Seiten unzähliger Reisepässe sind vollgestempelt: Brasilien, Südafrika, Neuseeland, Kalifornien, Israel, Russland... Viele haben ihren Kopf oft auf fremde Kissen gebettet, aber selten im Hotel geschlafen. Es ging ihnen dabei vielmehr um den Kontakt zu den locals, den Einheimischen. Wer viel unterwegs ist, entwickelt Sensoren dafür, ob an einem Ort oder in einem Land eine Kultur der Gastfreundschaft gepflegt wird. Zu jeder Reise gehören Überraschungen. Das gilt besonders für Rucksackreisende. Man genießt die Freiheit, dort seine Zelte aufzuschlagen, wo es einem gefällt. Aber auch das Risiko, irgendwo anzukommen, wo man eigentlich gar nicht hinwollte, reist im Gepäck mit. Menschen laden jemand für sie Fremden ein, eine Nacht in der Hängematte auf ihrer Veranda oder in ihrem Haus zu verbringen. Man kocht und isst zusammen, erzählt einander Geschichten, trinkt Rotwein. Spürbare Gastfreundschaft ist es, was sich einem für das ganze Leben in die Festplatte brennt. Wer viel unterwegs ist, weiß genau, ob die Menschen, die einem ihr Haus öffnen, gastfreundlich sind oder nicht. Ob sie an einem als Person interessiert sind oder nur am Geld. Echte, gelebte Gastfreundschaft ist der Schlüssel zum Herz eines Menschen. Das sollte man auch in der Kirche bei allem mitunter verbissenem - Ringen um die richtige Strategie, den so genannten Kirchenfernen im christlichen Glauben ein Zuhause bieten zu wollen, nicht vergessen. Denn nur dort, wo ich dem Fremden so begegne, als ob er mein Freund sei, zeige ich selbst mein Herz. Und erst, wenn die Brücke von Herz zu Herz errichtet ist, kann Jesus auf dieser Brücke unterwegs sein. Zwei Projekte in der Abteilung Missionarische Dienste setzen genau an diesem Punkt an. Es handelt sich zum einen um das Netzwerk der christlichen Cafés und Kneipen; zum anderen um einen Glaubenskurs, der aus England importiert wird: Emmaus Auf dem Weg des Glaubens. Netzwerk der christlichen Cafés und Kneipen Man schätzt, dass täglich etwa 15 Millionen Deutsche ein Café oder eine Kneipe aufsuchen. Sie tun das weniger, weil zuhause der Kühlschrank leer ist und sie unbedingt etwas essen wollen, sondern weil es sich um einen Raum mit besonderen Erlebnisqualitäten handelt. Der eine schätzt die ungezwungene Atmosphäre; ein anderer möchte lieber nicht allein zuhause sitzen, sondern unter Menschen sein; ein Dritter kommt, weil er sehen und gesehen werden will. Mit einem Cappuccino vor sich ist es auch leichter über Tiefsinniges ins Gespräch zu kommen. Es gibt unzählige Leute, die bei dem Gedanken an den Besuch einer Kirche fröstelnde Gefühle bekommen ein Café dagegen ist absolut positiv besetzt. Mit seiner gastfreundlichen und unverbindlichen Atmosphäre bietet es große Chancen, um Menschen in ihrer Erlebniswelt Gott näher zu bringen. Darüber hinaus ermöglicht es zwanglose, überraschende Begegnungen mit Christen, die beim Rest der Bevölkerung oft klischeehaft als verklemmt, moralisch und weltfremd gelten. In Sachen Professionalität sind die meisten christlichen Cafés oft kaum von den anderen Kneipen am Ort zu unterscheiden wohl aber in der Zielrichtung ihrer Arbeit. Oft arbeiteten Dutzende Ehrenamtlicher in einem Café mit ohne Entgelt. Über die Motivation entwickelt sich manches Gespräch zwischen einem Gast und dem Mitarbeiter am Zapfhahn, das dann vielleicht auch noch tiefer geht. In manchen Kneipen gehören auch Brunch-Gottesdienste, Konzerte christlicher Bands, Kleinkunst, Glaubenskurse, länderspezifische Menükarten (Los Wochos lässt grüßen!) und anderes mehr zum Programm. Ins Café gegangen und überraschend Gott getroffen das können inzwischen immer mehr Leute in Deutschland sagen. Weil das so ist, wächst die Zahl der christlichen Wirte unaufhörlich: Vor 25 Jahren öffnete die City-Station in Berlin als erstes christliches Café in Deutschland ihre Türen, heute sind es über 80 bundesweit. Das Netzwerk veranstaltet einmal jährlich eine Fachtagung für Leitende und Mitarbeitende zu café-spezifischen Themen. Darüber hinaus zeigt es Präsenz bei Kirchentagen wie jüngst in Berlin, wo Seminare unter dem Motto... und schenkst mir voll ein Christliche Cafés als gelebte Gastfreundschaft angeboten wurden. Geplant ist ebenfalls ein Workshoptag für potenzielle Cafégründer. 03/2003 Diakonie Korrespondenz 15

16 Diakonisches Profil schärfen Emmaus ein neuer missionarischer Glaubenskurs Gastfreundschaft ist auch der Schlüsselbegriff bei Emmaus Auf dem Weg des Glaubens. Im engeren Sinn ist damit ein Glaubenskurs gemeint, der Menschen Wege zum christlichen Glauben eröffnet. Im weiteren Sinne jedoch beschreibt Emmaus das Unterwegssein der christlichen Gemeinde hin zu den Entkirchlichten. Das Besondere an diesem Kurs ist, dass beide Seiten, Christen wie Nichtchristen, ihre Pflicht zum Risiko einlösen. Sie verlassen ihre sicheren Standpunkte und machen sich gemeinsam auf den Weg für alle Beteiligten eine Reise voller Entdeckungen. Der Kurs wird in England seit einigen Jahren erfolgreich eingesetzt und nun ins Deutsche übertragen. Emmaus greift die biblische Geschichte der Begegnung Jesu mit den resignierten und orientierungslosen Jüngern nach der Kreuzigung auf. Der Kurs wurde im Anschluss an eine breit angelegte Studie Finding Faith Today (auf Deutsch: Wie Menschen heute zum Glauben kommen ) Mitte der Neunzigerjahre von einer konfessionsübergreifenden Autorengruppe entwickelt. Zentrale Aussagen dieser Studie sind: 1. Menschen kommen weniger durch ein plötzliches Ereignis zum Glauben als vielmehr durch einen längeren Prozess (durchschnittlich zwei bis drei Jahre). 2. Dazugehören kommt vor dem Glauben. Das bedeutet, dass suchende Menschen in der Regel erst Sinn- und Glaubensfragen an sich heranlassen, wenn ihnen in so ausreichendem Maße Wertschätzung entgegen gebracht wurde, dass sich eine vertrauensvolle Atmosphäre aufbauen oder sogar Freundschaften entwickeln konnten. 3. Noch so perfekt arrangierte und an den vermeintlichen Bedürfnissen der Entkirchlichten orientierte Gottesdienste oder andere kirchliche Veranstaltungen verfehlen ihre Wirkung, wenn sich auf der Beziehungsebene nichts ereignet. Der Emmaus-Kurs ist ein idealer Baustein im Modell des beziehungsorientierten Gemeindeaufbaus. Der Basiskurs, den Christen und Nichtchristen gemeinsam erleben, berührt in 15 Einheiten die Essentials des christlichen Glaubens. Weiterführende Kurse, die nicht automatisch weiter belegt werden müssen, bauen darauf auf oder bieten eine vertiefte Herangehensweise zu den Inhalten des Basiskurses. Gearbeitet wird in kleinen Gruppen und mit Methoden aus der Erwachsenenbildung. So wird die Beteiligung des Einzelnen ermöglicht, aber auch gewährleistet, dass sich niemand unter Druck gesetzt fühlt oder das Gefühl haben muss, er könnte nicht so sein wie er eigentlich ist. Beim Emmaus-Kurs geht es nicht darum, dass Freundschaften instrumentalisiert werden, um Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Es wird bewusst ein persönlicher Weg gegangen, weil postmoderne Menschen sich der Wahrheitsfrage nur durch einen persönlichen Zugang stellen. Die Frage der Menschen an das Evangelium ist nicht: Ist es wahr?, sondern Funktioniert es für mich?. Wenn wir Christen unseren Zeitgenossen mit echtem Interesse zuhören, dann werden diese auch unserer persönlichen Geschichte mit Gott Gehör schenken. Aktuelle Informationen sind auf der Homepage zu finden. Andreas Schlamm 1.8. Qualität durch Kommunikation sichern Wer nicht in der Öffentlichkeit präsent ist, wird nicht wahrgenommen auch wenn seine Ziele noch so gut, seine Arbeit noch so professionell sein mag. Pressearbeit und Kommunikation haben, wenn sie überzeugen wollen, Grundprinzipien zu berücksichtigen, an denen sie sich messen lassen müssen: Wahrhaftigkeit, Aktualität, Erreichbarkeit, Klarheit in der Aussage, Transparenz, selbstkritische Offenheit und fachliche Kompetenz. Die Stärke eines Verbandes ergibt sich auch durch dessen mediale und öffentliche Präsenz. Erfolgreiche Pressearbeit ist eine Investition in die Effektivität eines Verbandes, sie kann und soll die Politik des Hauses durch Vermittlung unterstützen. Viele Presseverantwortliche in Verbänden bestätigen: Seit dem 11. September 2001 ist eine viel größere Offenheit in den Redaktionen für soziale Themen zu verzeichnen. Manche sprechen als Ursache von einem 16 Diakonie Korrespondenz 03/2003

17 Diakonisches Profil schärfen Unbehagen in der Wohlstandsgesellschaft. Für die Pressekommunikation der Diakonie gilt es dies als Chance zu nutzen. Dennoch ist von Selbstverständlichkeiten in der Berichterstattung nicht mehr auszugehen. Die Verbände sind, gerade in der Hauptstadt Berlin, in einer erheblichen Wettbewerbssituation, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung geht. Kirche und Diakonie werden nicht selbstverständlich als wichtige Gesprächspartner verstanden. Eine positive Berichterstattung über die Diakonie und ihre Themen muss erarbeitet werden. Die Offenheit für soziale Fragestellungen korrespondiert mit einer Wirtschaftskrise, die erhebliche Auswirkungen auf die Medien hat. Auflösungen oder Reduzierungen von Redaktionen, das heißt Entlassungen von Journalisten, erfolgen fast täglich. Tausende Menschen in den Arbeitsfeldern Information und Kommunikation haben ihren Job verloren. Dies führt auch zu einer geringeren Personalstärke in den Medien. Weniger Platz für redaktionelle Beiträge in den Printmedien auf Grund des nahezu zusammengebrochenen Anzeigenmarktes erschweren erheblich die Arbeit einer Pressestelle, deren Aufgabe es vor allem ist, Verlautbarungen zu platzieren. Die Medien befinden sich in ihrer schwersten Krise seit 1973/74. Dies ist eine große Herausforderung für die Diakonie und ihre Pressearbeit. Der Medienmarkt in der Bundesrepublik Deutschland ist aber weiter in der Vielzahl beträchtlich. Die Anzahl der Fernsehsender liegt bei 53, 42 davon sind dem privat-kommerziellen Bereich zugeordnet. Zu dieser Sparte gehören auch 187 der insgesamt 245 Radioprogramme. Rund Zeitungen werden vertrieben, davon sind 355 (auch überregionale) Tageszeitungen und Anzeigenblätter sowie 24 Wochenzeitungen. Zudem erscheinen Zeitschriften, 973 davon gehören zu den Publikumszeitschriften (Angaben entstammen der AC Nielsen Werbeforschung, 2000). Dazu kommen unzählige Onlineredaktionen, wie Spiegel online, die eine große Leserschaft und Resonanz haben. Seit Herbst 2001 wurden von der Hauptgeschäftstelle 135 Presse-Informationen über einen neuen Presseverteiler verbreitet, circa 69 Interviews vermittelt und unzählige Einzelanfragen beantwortet. Ein auszubauendes Netzwerk zu ausgewählten Medien ist entstanden. Die Zusammenarbeit mit kirchlichen und diakonischen Pressestellen in Landesverbänden und Fachverbänden wurde neu initiiert. Die Bundespressestelle der Diakonie wendet sich insbesondere an externe Medien (Agenturen, Printmedien, Radio, TV und Internet). Der Schwerpunkt liegt dabei auf nichtkirchlichen Medien. Die Pressestelle ist die Servicestelle für die Medien, in denen die Diakonie vorkommen und zitiert werden will. Das Diakonische Werk der EKD hat ein Interesse an den Medien. Das Interesse der Medien hingegen muss geweckt und ihm positiv und professionell begegnet werden. Medienvertreter haben einen Anspruch auf Erreichbarkeit, schnelle kompetente Reaktion und Auskünfte. Ein Ziel dabei: Erwähnungen diakonischer Positionen und sozialer Themen in säkularen und externen Medien erhöhen und ausbauen. Damit folgt dieser Bereich dem Leitbild der Hauptgeschäftsstelle: Wir leisten Hilfe und verschaffen Gehör. Wir erinnern an unsere vielfältigen Beiträge zur Mitgestaltung von Politik. Wir vertiefen Kenntnisse und Fähigkeiten und nutzen die Möglichkeiten der modernen Kommunikation, um unsere anwaltschaftliche Funktion wirksam gestalten zu können. Wir gestalten unsere Arbeitsund Organisationsstrukturen so, dass wir neuen Herausforderungen gewachsen sind. Wir wollen unsere Ressourcen effizient nutzen, Entscheidungen zügig treffen und Informationen zeitnah weitergeben. Ein -Presseverteiler wurde mit technischer Hilfe des Referates Neue Medien seit September 2002 kontinuierlich aufgebaut. Mittlerweile werden Empfänger, darunter auch die Mitglieder der Diakonischen Konferenz, sehr schnell mit Presse- Informationen aus der Hauptgeschäftsstelle versorgt. Der Presseverteiler ist für alle Interessierten offen. Neben Redaktionen und freien Journalisten nutzen Einrichtungen, Abgeordnete, Forschungsstätten und Kirchengemeinden das kostenlose Angebot. Die Presse-Informationen richten sich primär an Medien, die Mitteilungen müssen daher in Stil, Inhalt und Aktualität journalistischen Ansprüchen entsprechen. Die Mitteilungen an die Presse heißen Presse- Informationen (nicht Presse-Meldungen, denn diese 03/2003 Diakonie Korrespondenz 17

18 Diakonisches Profil schärfen wollen wir erst in den Medien erreichen). Sie sind aktuell, kurz gehalten und sollen Journalisten zur Berichterstattung einladen. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen der Redaktionen, dies betrifft auch die Zeiten der Verbreitung. Die Diakonie hat eine respektable Bekanntheit in der deutschen Öffentlichkeit (Image-Studie der EKD, 2001). Sie ist aber noch weit von der öffentlichen Wahrnehmung anderer Organisationen dieser Größe entfernt. Es gilt diesen Zustand zu korrigieren, unter anderem durch die Festlegung auf einen Vertreter: Die Diakonie redet mit einer Stimme. In Presse-Stellungnahmen der Hauptgeschäftsstelle gilt daher seit September 2001 die One-Voice-Policy, das heißt Vorrang hat bei Zitaten und Interviews der Präsident. Er steht mit seinem Amt und seinem Namen für die Diakonie in Deutschland. Die Medien und die zu erreichende Öffentlichkeit haben nur so die Chance, mit der Diakonie auch einen Repräsentanten zu identifizieren und ihn zu befragen. Regelmäßige Redaktionsbesuche des Präsidenten und des Pressesprechers signalisieren den Medien ein Interesse der Diakonie und die Offenheit des Gespräches. Die Diakonie will auf sich aufmerksam machen und bietet Informationen aus erster Hand, gerade auch in aktuellen sozialpolitischen Auseinandersetzungen. Zudem bieten Redaktionsbesuche auch die Möglichkeit, sich der Kritik an der Medienarbeit der Diakonie zu stellen und sie den Medienbedürfnissen anzupassen und zu optimieren. Als weiteres Instrument dienen Hintergrundgespräche den Journalistinnen und Journalisten zur Recherche und Diskussion. Bundesweite Medien-Informationswochen zu einem Thema wie Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit eröffnen die Chance, gemeinsam mit den Landes- und Fachverbänden Inhalte auf verschiedenen Ebenen zu vermitteln. Das Grundmuster: An fünf Werktagen verbreitet die Pressestelle eine Presse-Information jeweils zu einem Aspekt der Thematik. Die Pressestellen der gliedkirchlichen Diakonischen Werke werden anregt, parallel zu den gestellten Inhalten, regionale Informationen und Angebote in eigenen Presse-Informationen zu verbreiten. Textbausteine zum Thema zur redaktionellen Anregung stellt dafür die Bundes pressestelle frühzeitig zur Verfügung. Die eingebundene Fachebene sorgt für die Einbeziehung der Referentinnen und Referenten der Werke und führt zu deren Teilnahme und inhaltlichen Mitgestaltung. Zudem stehen in der Medienwoche jeden Tag die jeweiligen Fachreferenten der Hauptgeschäftsstelle (und in den gliedkirchlichen Werken) für telefonische Interviews und Hintergrundgespräche zur Verfügung. Die Pressestelle des Diakonischen Werkes der EKD sieht in der Jugend-Pressearbeit einen wichtigen Schwerpunkt. Die Diakonie wird von vielen jungen Menschen auf Grund ihrer positiven Erfahrungen im Freiwilligen Sozialen Jahr, im Diakonischen Jahr im Ausland sowie im Zivildienst geschätzt. Viele suchen ihre berufliche Zukunft im sozialen Bereich. Die Diakonie will verstärkt Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen, um auch in Zukunft die Diakonie und diakonische Themen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nachhaltig präsent zu halten. Dabei geht es insbesondere um die Erarbeitung der Konzeption, Strategie und fortschreitenden Planung eines nachhaltigen Presse-Engagements, das junge Menschen erreicht und ihr Interesse an der Diakonie und sozialen Themen steigert. Der Aufbau einer bundesweiten Diakonie-Jugend-Pressearbeit beinhaltet jugendgemäße Presse-Informationen und die Vermittlung von sozialen Themen, die besonders junge Menschen interessieren. Medien haben ein besonderes Interesse an statistischem Material. Die neue Serie Diakonie-Zahl versorgt die Medien mit Daten und Zahlen. In Zusammenarbeit mit der Abteilung Statistik wird interessantes diakonisches Zahlenmaterial aufbereitet und den aktuellen Medien regelmäßig als Presse-Information per zur Verfügung gestellt werden. Die Zuständigkeiten der Pressearbeit der Hauptgeschäftstelle gliedern sich derzeit wie folgt: Anfragen zur Diakonie allgemein, zu Positionen des Hauses, in Kooperationen mit Pressestellen von Staat und Kirche werden in der Pressestelle beantwortet, die am Standort Berlin angesiedelt ist. Anfragen zur ökumenischen Diakonie, zu Brot für die Welt, Diakonie Katastrophenhilfe, Hoffnung für Osteuropa und Kirchen helfen Kirchen werden von der Abteilung Presse und Werbung in Stuttgart bearbeitet. Die Bundes-Pressestelle ist hierarchisch, organisatorisch und inhaltlich nicht mit der Abteilung Information und Kommunikation verbunden. 18 Diakonie Korrespondenz 03/2003

19 Diakonisches Profil schärfen Zur Abstimmung der Diakonie-Pressearbeit ist von der Geschäftsführung eine Arbeitsgruppe Presseverantwortliche der Hauptgeschäftsstelle eingerichtet worden. Sie tagt mit festem Mandat und unter der Leitung des Pressesprechers. Die Teilnehmenden sind die Pressereferenten von Brot für die Welt, Hoffnung für Osteuropa, Diakonie Katastrophenhilfe sowie der Leiter der Abteilung Information und Kommunikation. Die Aufgabenstellung beinhaltet unter anderem konzeptionelle und organisatorische Vorarbeiten, die dem Servicecharakter der Hauptgeschäftsstelle entsprechen. Hier werden die Kommunikationslinien der Abteilungen vermittelt und Projekte abgesprochen. Diese Runde stellt sicher, dass Pressetermine und Termine für Pressereisen aktuell angeglichen und geplant werden können. Außerdem dient der Kreis als Planungsinstrument, um pro-aktiv Pressearbeit zu betreiben, also auch eigene Themen zu lancieren, auf aktuelle Gegebenheiten zu reagieren oder Hintergrundgespräche zu organisieren. Zu einzelnen Themen können Vertreterinnen und Vertreter der gliedkirchlichen Werke, der Fachverbände und der Fachebene eingeladen werden. Qualität durch Kommunikation sichern bedeutet auch, die Presseverantwortlichen der gliedkirchlichen Diakonischen Werke und der Fachverbände durch Fortbildungsangebote, Seminare und Fachtagungen zu unterstützen. Es gilt, die teilweise sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in Ausbildung und Erfahrung der Pressestellen zu optimieren und die Qualität der diakonischen Erscheinung in der Pressearbeit zu heben. Die zu schaffenden Angebote sind auch für Mitarbeitende in Pressestellen der großen Einrichtungen zugänglich. Erste Seminare (Grundlagen der Pressearbeit und Krisen-PR) sind in Zusammenarbeit mit dem Medienbüro Hamburg für Landesverbände und Einrichtungen erfolgreich durchgeführt worden. Weitere sind bereits fest verabredet. Miguel-Pascal Schaar 1 Telefon-Befragung durch TNS Emnid mit repräsentativem Panel 03/2003 Diakonie Korrespondenz 19

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