Kleine Kinder im Heim Herausforderungen für den stationären Alltag

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1 Kleine Kinder im Heim Herausforderungen für den stationären Alltag Wolfgang Pretzer Diplom-Sozialpädagoge(FH) Einrichtungsleiter Salberghaus ( Bad Salzschlirf,

2 Aktuelle Zahlen belegen den Trend: Aufnahmeanfragen von (sehr) kleinen Kindern in der stationären Kinder- und Jugendhilfe nehmen zu. Einrichtungen müssen sich auf die veränderten Bedingungen und Notwendigkeiten in der Betreuung kleiner Kinder einstellen und ihre bestehenden Konzepte entsprechend erweitern bzw. anpassen.

3 80% traumatisierter Kleinkinder weisen einen desorganisierten Bindungsstil auf (van ljzendoorn et al. 1995/96/99) Wenn zunehmend mehr kleine Kinder stationär untergebracht werden müssen, bedarf es inhaltlicher und struktureller Kriterien, die es kleinen Kindern ermöglichen, sichere Bindungserfahrungen in einem ihren Bedürfnissen angemessenen Lebensfeld zu erlangen.

4 34 SGB VIII betont, dass Hilfe zur Erziehung entsprechend dem Alter des Kindes dem Entwicklungsstand dienen soll. Weil kleine Kinder spezielle Beziehungs- und Betreuungsbedürfnisse haben, muss sich jede Einrichtung, die kleine Kinder betreut oder betreuen will, mit den notwendigen personellen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen auseinandersetzen. Erkenntnisse der Kleinkindforschung sind in alltagsrelevanten Handlungskonzepte zu überführen.

5 Notwendigkeiten bei der Gestaltung der Infrastruktur Für kleine Kinder ist eine Herausnahme aus dem Familiensetting als emotional hoch belastet (und teilweise traumatisierend) zu beschreiben. Die notwendige Anpassungsleistung an ein völlig fremdes Erziehungsumfeld mit anderen Kindern und verschiedenen Erwachsenen fällt dem Kind umso leichter, je überschaubarer und kindgerechter das neue Lebensumfeld gestaltet ist und Abläufe auf die Bedürfnisse von kleinen Kindern abgestimmt sind.

6 Notwendig sind: kleine Gruppen (6 7 Kinder) überschaubare Raumstruktur mit guter Balance zwischen Überschaubarkeit (Aufsichtspflicht) und Rückzugsmöglichkeiten kleinkindgerechte Ausstattung (innen/außen) Kontaktmöglichkeit zu anderen Kindern ähnlicher Altersstruktur kleinkindgerechte Ernährung klare Tagesstruktur; regelmäßig wiederkehrende Rituale ganzheitliche medizinisch-therapeutische Versorgung

7 Notwendigkeiten in der Familienarbeit Naturgemäß ist der Bezug von kleinen Kindern zu ihren Eltern intensiver als bei Jugendlichen. Deshalb ist auf dem Kontakt zwischen Kind und Eltern ein besonderes Augenmerk zu legen. 34 SGB VIII benennt die Ziele einer Heimunterbringung: Rückkehr in die Familie Erziehung in einer anderen Familie (Pflegefamilie) auf längere Zeit angelegte Lebensform (Heimerziehung)

8 Voraussetzungen zur Verwirklichung der Ziele: individuelle Regelung der Kontaktsequenz zwischen Eltern und Kind differenzierte Begleitung und Anleitung der Eltern (z.b. Feinfühligkeitstraining, Interaktionstraining u.a.) Möglichkeit für die Eltern, neue Kompetenzen auszuprobieren und anzuwenden regelmäßige Elterngespräche Besuchs- und Kontaktmöglichkeiten für Eltern bzw. Pflegeeltern in der Wohngruppe Begleitung des Anbahnungs- bzw. Verlegungsprozesses in eine Pflegefamilie bzw. andere Einrichtung

9 Notwendigkeiten Personal Kinder lernen am Modell Entsprechend den Bedürfnissen kleiner Kinder muss bei der Auswahl des pädagogischen Personals ein besonderes Augenmerk gelegt werden auf: Bereitschaft zu Arbeit mit einer ganz speziellen Altersgruppe Empathiefähigkeit, Feinfühligkeit, Zuverlässigkeit Fähigkeit zur wertfreien Begegnung und Zusammenarbeit mit Multiproblemfamilien Fähigkeit zur individuellen Zuwendung zu den Kindern ab dem Moment der Aufnahme Verständnis für und Bereitschaft zur ganzheitlichen Betreuung mit hohem pflegerischen Aufwand

10 Notwendigkeiten Fort- und Weiterbildung Um einen möglichst hohen Standard in der Betreuung und Erziehung kleiner Kinder sicher zu stellen, müssen den MitarbeiterInnen Fortbildungsangebote zur Verfügung gestellt werden, die sich mit Themen wie z.b. frühkindliche Bindung Feinfühligkeit Struktur- und Grenzsetzung Säuglings- und Kleinkindpflege Trennung und Abschied Gesprächsführung u.a. befassen.

11 Zusammenfassung: Soll die stationäre Unterbringung kleiner Kinder den frühkindlichen Bedürfnissen nach sicherer Gebundenheit, transparenten und wiederkehrenden Abläufen entsprechen, müssen dafür angemessene personelle und infrastrukturelle Rahmenbedingungen sichergestellt sein. Kleine Kinder sollten wenn möglich nicht dauerhaft im Heim untergebracht sein. Einrichtungen, die sich der Betreuung kleiner und kleinster Kinder widmen, sollten sich dazu eine eigenen Abteilung erlauben, in der von einem bestimmten Mitarbeitertyp speziell auf die kleinen Kinder abgestimmten Rahmenbedingungen gelingende Sozialisationsverläufe ermöglicht werden. Sinnvolle Alternativen sind bei längerfristigen Unterbringungen sicherlich Kinderdörfer oder Familiengruppen, in den von dem Gruppenmüttern exklusive Beziehungen und Bindung angeboten wird.

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