Predigt im Bamberger Hochschulgottesdienst am

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1 1 Predigt im Bamberger Hochschulgottesdienst am Von Heinrich Bedford-Strohm Predigttext: Lukas 11, Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. 9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! Liebe Hochschulgemeinde, das Beten gehört wahrscheinlich zu den intimsten Dingen, die es im Leben eines Menschen gibt. Es gibt so etwas wie eine religiöse Scham, die manchmal noch viel größer ist als die Scham bei der Sexualität. Über Sexualität reden wir noch eher, das gilt für Jugendliche und Erwachsene, zumal sie in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften laufend thematisiert wird. Aber über das Beten? Wer erzählt eigentlich den Menschen, die ihm nahe sind, dass er, dass sie persönlich betet? Ein Pfarrer hat einmal in einem Artikel über die religiöse Scham beschrieben, wie er bei einem Traugespräch das Paar nach dem Beten fragte und die beiden zukünftigen Eheleute erstmals voneinander erfuhren, dass sie beide regelmäßig beteten. Woran liegt das, dass wir so große Hemmungen haben, über das Beten zu sprechen? Zum einen liegt es wahrscheinlich daran, dass wir uns beim Beten als verletzlich zeigen: beim Beten bringen wir vor Gott das, was uns freut und wofür wir dankbar sind, aber eben auch, was uns runterzieht, wo wir nicht mehr weiterwissen, wo wir Angst und Sorgen haben, wo wir bedürftig sind. Wo wir eben ganz anders sind als es gesellschaftlich angesagt zu sein scheint: Bei Erwachsenen eben stark und erfolgreich zu sein, optimistisch und gesellig und möglichst humorvoll. Und bei Jugendlichen möglichst obercool zu sein, happiness und fun auszustrahlen und sich möglichst keine Blöße zu geben. Und

2 das, obwohl Erwachsene ebenso wie die Jugendlichen ganz genau wissen, dass das Leben anders ist und wir vielleicht auch schon erfahren haben, wie viel Nähe es schaffen kann, wenn wir auch einmal unsere verletzliche Seite zeigen. Also: das ist der eine Grund für unsere Scheu, über das Beten zu reden: weil wir damit auch unsere Schwäche offenbaren. Und der andere Grund ist möglicherweise, dass wir so große Zweifel haben, ob da eigentlich was dran ist am Beten. Ob es nicht doch völlig blödsinnig ist, gegenüber einem Gott unser Herz auszuschütten, den es vielleicht gar nicht gibt, der vielleicht nichts anderes ist als unsere Einbildung, von dem ein aufgeklärter Mensch eigentlich nur mit einem mehr oder weniger mitleidigen Lächeln sprechen kann. Und es fällt ja nicht schwer, genügend Beispiele dafür zu finden, dass Gebete ganz offensichtlich unerhört geblieben sind. Besonders drastisch ist das bei den Unglücksfällen, die wir als Mitfühlende oder direkt Betroffene erleben. Was war mit all den Gebeten, als vor einigen Jahren kurz nach Weihnachten der Tsunami über Südostasien kam? Und was ist mit dem ganz persönlichen Tsunami, der Menschen überfällt, die durch einen plötzlichen Unfall oder durch einen Herzinfarkt einen lieben Menschen verlieren, vielleicht ihren liebsten? Bei solchen Ereignissen, die uns ins Herz treffen, verliert das Gebet seine Unschuld und die Frage wird umso dringlicher, was das eigentlich ist, das Gebet, was es vermag, oder was es vielleicht nicht vermag. Der Predigttext, den wir gerade gehört haben, trifft also in etwas, was uns existentiell bewegt. Und es ist gut, dass wir heute einmal nicht schweigen über das Gebet, sondern von diesem Bibeltext mitten hinein geführt werden in das, was das Gebet bedeutet. Die Bilder, die Jesus da gebraucht, die sind ja ziemlich drastisch: ein Mann, der seinen Freund mitten in der Nacht herausklingelt, weil er für seinen Gast etwas zu essen braucht und der so lange drängelt, so unverschämt drängelt, wie der Text sagt, bis der Freund endlich aufsteht und ihm seinen Wunsch erfüllt! Und ein Vater, den sein Sohn um einen Fisch bittet und der diesem Sohn dann eben nicht etwa eine Schlange statt einem Fisch gibt. Oder noch solch ein Vater, der, vom Sohn um ein Ei gebeten, seinem Sohn eben nicht einen Skorpion reicht! Bei solchen Bildern kam man eigentlich nur sagen: natürlich gibt der Vater dem Sohn, was er erbittet! Ich muss gestehen, dass mir die Unerbittlichkeit des Bittens in dem Freund-Beispiel und das letztendliche Erhören der Bitte ziemlich bekannt vorkommt. Und vielleicht geht es denen unter Ihnen, die Kinder haben oder sich vielleicht noch klar genug an ihr eigenes Kindsein erinnern, ähnlich. Ich weiß nicht, ob Ihnen folgenden Szene so oder ähnlich bekannt vorkommt: Samstag abend, die Tagesschau ist zu Ende. Eine Stimme im Engelston sagt: Papa Dürfen wir noch Wetten dass schauen? Der Papa sagt: Nein, beim besten Willen nicht, ihr habt doch eben schon die Sportschau geschaut. Das 2

3 hättet ihr euch eher überlegen müssen! Die engelgleiche Stimme: Aber wir haben heute unsere Zimmer aufgeräumt, die Teller rausgetragen, und die Hausaufgaben sind auch schon gemacht. Vater: Das ist auch sehr schön und lobenswert. Aber Wetten dass schaut ihr jetzt nicht. Das geht immer so lange. Und dann wollt ihr nicht vorzeitig ausmachen, und morgen früh, wenn wir in die Kirche wollen, krieg ich euch nicht aus dem Bett raus. Aber Papa. Der Konny und meine anderen Freunde dürfen es auch immer schauen. Ihr seid die einzigen, die es uns nicht erlauben Ich erspare Ihnen jetzt den weiteren Fortgang der Unterhaltung, aber Sie liegen nicht ganz falsch, wenn Sie vermuten, dass in einer nicht unbedeutenden Zahl von Fällen solche Unterhaltungen dann am Ende für den Bittsteller zum gewünschten Ergebnis führen. Weil der Papa am Ende eben doch ein gutes Herz hat. Wie auch immer sich der Vater im einen oder anderen Fall entscheiden mag. Eines ist klar. Bei der Frage, was dann am Ende passiert, ist von zentraler Bedeutung, was da eigentlich erbeten wird. Wenn der Vater dem Kind aufgrund des intensiven Bittens etwas erlaubt, was dem Kind am Ende schadet, dann ist er einfach nur schwach und tut seinem Kind ganz bestimmt nichts Gutes. Wenn es aber etwas ist, was der Vater eigentlich guten Gewissen gewähren kann, dann darf auch nachgegeben werden. Vielleicht ist es ja beim Gebet genauso. Was erbitten wir eigentlich? Und welches Bild von Gott haben wir, wenn wir zu Gott beten? Können wir das tatsächlich erfahren, was Jesus in dem Text seinen Jüngern verspricht? Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt und wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Dass diese Worte etwas anderes sind als eine Handlungsanweisung zum Erreichen des gewünschten Ziels, liegt auf der Hand. Wenn etwa am Dienstag beim Pokalspiel die Club-Fans gebetet hätten: Lieber Gott, ich bitte dich, dass Nürnberg heute 3:1 gewinnt. Und auf der anderen Seite hätten die Schalke-Fans das Gleiche für ihre Mannschaft erbeten, dann wäre schon vorher klar gewesen, dass nicht beide Bitten erhört werden können. Und selbst wenn die Bitten nicht in Konkurrenz zueinander gestanden hätten, so hätten die meisten Menschen den Kopf geschüttelt oder amüsiert gelächelt bei solchen Gebeten. Denn, was immer wir glauben, wir wissen alle ganz genau, dass Gott jedenfalls keine Wunscherfüllmaschine ist, bei der wir oben die Bitte hinein geben und unten kommt die Wunscherfüllung heraus. Gott ist da, Gott wirkt, Gott wendet. Aber eben nicht als Maschine oder als Bediener einer Maschine. Gott drückt nicht den Frühlingsknopf, so gerne wir das jetzt nach dem langen Winter hätten. Gott schaltet nicht den Regen oder die 3

4 Sonne ein, und Gott hat auch kein himmlisches Schaltbrett vor sich, auf dem er die Lebenslichter je nach Laune an- und abschaltet. Ja, liebe Gemeinde, für das Gebet ist es wichtig, wie wir uns Gott vorstellen! Wenn Gott kein Knopfdrückergott ist, dann hat er auch an jenem Tag nach Weihnachten in Südostasien nicht auf den Seebeben-Knopf gedrückt, dann ist es nicht Gottes Wille gewesen, dass so viele tausend unschuldige Menschen so plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wurden. Gott war da in der Katastrophe, da bin ich ganz sicher, aber Gott war nicht als Verursacher da, sondern als Tröster der Trauernden und als derjenige, der die verstorbenen Opfer in seinen ewigen Schoß genommen hat. Keiner von uns weiß, wie Gott wirkt. Keiner von uns weiß, warum Dinge passieren, die ganz und gar gegen Gottes Willen zu stehen scheinen. Keiner von uns kann beweisen, dass es überhaupt einen Gott gibt. Alles, was wir können, ist: radikal vertrauen. Unser Leben ganz in Gottes Hand geben, uns ganz in das Kraftfeld jenes Gottes stellen, von dem die Geschichten des Alten und des Neuen Testamentes so erstaunliche, so faszinierende, so heilvolle Geschichten erzählen. Von dem erzählt wird, wie er sein Volk aus der Sklaverei führt, aus dem bitteren Leid in eine Zukunft, von der sie nur träumen konnten, von dem berichtet wird, wie er seinem Volk immer und immer wieder vergeben hat, obwohl es immer wieder vom rechten Weg abgewichen ist, von dem überliefert wird, dass er zu seinem Volk gehalten hat, aus reiner Liebe, aus reiner Güte, weil er das Leben wollte und nicht den Tod! Das ist der Gott, zu dem wir beten und deswegen haben wir guten Grund, unser Leben ganz in seine Hand zu legen, im Gebet alles vor ihn zu bringen, was uns im Herzen bewegt und - seine Kraft zu spüren. Damit wir besser verstehen, wie wir beten sollen, ist es gut, auf Jesus zu schauen. Jesus hat auch zu Gott gebetet. Und es gibt eine Gebetsszene in der Bibel, die besonders bewegend ist. Jesus betet im Garten Getsemane. Er weiß, was ihm bevorsteht. Und es packt ihn die Angst. Und er betet: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Und das Gebet gibt ihm Kraft. Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn heißt es im Bericht des Lukas. Jesus geht den schweren Weg. Das Blatt wendet sich nicht. Er stirbt. Und dann passiert das Unglaubliche. Da, wo jeder normale Mensch gedacht hätte, dass jetzt alles aus ist. Beten zwecklos. Aus. Verloren. Da zeigt sich Gottes Lebensmacht und es passiert etwas, das bis heute die Menschen in aller Welt bewegt und inspiriert. Gott überwindet den Tod. Jesus erscheint den Jüngern und sie erzählen es weiter, so dass wir heute, weit weg von Israel und Palästina, wo das passiert ist, so dass wir heute hier in der Bamberger Elisabethkirche immer noch davon reden und davon zehren. Und so wird plötzlich sonnenklar, wovon unser heutiger Predigttext über das Beten spricht. Wer da bittet, der empfängt und wer da sucht, der findet und wer 4

5 da anklopft, dem wird aufgetan. Das haben unzählige Menschen tatsächlich im Gebet erfahren. Sie haben erfahren, dass sie sich im Gebet ganz in Gottes Hand gegeben haben, ihm radikal vertraut haben und dass sich dann tatsächlich eine Tür aufgemacht hat, dass sie dann tatsächlich empfangen haben, dass sie da tatsächlich gefunden haben. Dass da tatsächlich ein Engel vom Himmel gekommen ist und sie gestärkt hat. Vielleicht ist es nur die Erfahrung, ruhig zu werden und wieder zu sich selbst zu finden. Vielleicht ist es eine tiefe Mutlosigkeit, die sich wendet in die Gewissheit: ich kann jetzt weiterleben. Vielleicht ist es die Erfahrung nach einer Prüfung, auf die man sich lange vorbereitet hat und die gründlich schiefgegangen ist, neue Kraft fürs Studium zu bekommen und den Kopf wieder frei zu bekommen, vielleicht auch tief drinnen wieder spüren zu können, dass der eigene Wert eben nicht von den Studienleistungen abhängt. Die tiefe Freude und Gelassenheit, die aus der Kraft des Gebetes kommt, hat Paul Gerhardt in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das für mich unübertroffen ist: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich. So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott! Paul Gerhardt, der diese Zeilen gedichtet hat, hat selbst in unendlichem persönlichen Leid, immer wieder die Erfahrung, dass diese Sätze Jesu wahr geworden sind: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Die Feinde und die Widersacher von heute, Einsamkeit, Traurigkeit, Armut, Leistungsdruck, haben ihre Macht verloren, wo wir unser Leben im Gebet ganz in Gottes Hand legen. Der Himmel öffnet sich. Wir dürfen ohne Furcht und voller Vertrauen in diesen Tag, in diesen Monat, in dieses Jahr gehen. Und der Friede Gottes... AMEN 5

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