Fünf Beiträge zur Viola da Gamba. Jubiläumsschrift. zum zehnjährigen Bestehen der Viola da Gamba-Gesellschaft

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1 «Pièces de Viole» Fünf Beiträge zur Viola da Gamba Jubiläumsschrift zum zehnjährigen Bestehen der Viola da Gamba-Gesellschaft Herausgegeben von Manfred Harras und Brigitt Stehrenberger Viola da Gamba-Gesellschaft CH-Winterthur, 2004

2 INHALT Manfred Harras Zehn Jahre Viola da Gamba-Gesellschaft 5 Annette Otterstedt Wie deutet man ein Bild? Leseprobe 10 Simone Eckert Mme Lévi La Célèbre Eine Virtuosin auf dem Pardessus Leseprobe 26 Wolfgang Eggers Vom Gamben-Ensemblespiel Leseprobe 33 Klaus Martius Ansichten einer Diskant-Gambe von Henry Jaye Lesep. 44 Hagen Schiffler Restaurationsbericht zu einem Diskant von Rudolph Höss, gebaut ca Leseprobe 61 Unsere Autorinnen und Autoren / Impressum 71 3

3 Zehn Jahre Viola da Gamba - Gesellschaft Ein Rückblick von Manfred H. Harras Die Idee, eine Vereinigung für Gambenspieler nach dem Muster der britischen oder amerikanischen Viola da Gamba Society zu gründen mit Herausgabe einer Zeitschrift, geisterte auch hierzulande schon seit mehr als zwanzig Jahren in den Köpfen von engagierten Gambenspielern herum. Bei den von Susanne und Peter Bosshard alljährlich organisierten Spieltreffen in Humlikon bei Winterthur ergaben sich viele inspirierende Kontakte, die dieser Sache zum entscheidenden Aufschwung verhalfen. Zu einem solchen Treffen im Mai 1990 hatte Brigitt Stehrenberger einen Gambenboten gestaltet, quasi als Nullnummer einer möglichen Zeitschrift. Darin wurde auch um weitere Gambenspieleradressen gebeten, worauf die von Peter Bosshard geführte Adresskartei so gewaltig anwuchs, dass die Realisierung einer Vereinigung tatsächlich möglich schien. Zu diesem Zweck bildeten Peter Bosshard, Brigitt Stehrenberger, José Vázquez und Harro Schmidt eine informelle Arbeitsgruppe Viola da gamba, die im September 1990 eine Umfrage über die Herausgabe einer Zeitschrift und Gründung eines Vereins an rund 450 Gambenspieler in den deutschsprachigen Ländern versandte. Das Echo war groß, das Bedürfnis nach einer Zeitschrift ganz klar vorhanden; zu einem Verein äußerte man sich eher zurückhaltend. Das Zeitschriftenprojekt ließ sich nun zügig realisieren; für die Abonnementsbeiträge wurden in drei Ländern Konten eingerichtet, betreut von Brigitt Stehrenberger (CH), Elsbeth Greifeneder (D) und Michael Brüssing (A). Im November 1990 erschien in einer Auflage von 210 Exemplaren der erste Gambenbote, dem ein sehr ermutigender Brief von Dr. August Wenzinger ( ) einem der maßgeblichen Pioniere des Gambenspiels im 20. Jahrhundert und seinerzeit Mitbegründer der Schola Cantorum Basiliensis an die Redaktorin vorangestellt war: Sehr geehrte Frau Stehrenberger, zu Ihrer Idee eines deutschsprachigen Mitteilungsblattes über die Viola da gamba gratuliere ich Ihnen herzlich und wünsche Ihnen dazu viel Erfolg. Schon längst wäre ein solches Organ, eventuell auch ein Verein nötig gewesen, um die vielen Fragen und Probleme um das Instrument, seine Literatur, seine Spielweise und seine Spieler zu erörtern und um die Interessenten zu informieren. 5

4 Es zeigt sich ja an der Viola da Gamba Society of Great Britain und der Viola da Gamba Society of America und ihren Veröffentlichungen, wie fruchtbar eine regelmäßige Information über wichtige Veranstaltungen und eine ernsthafte Diskussion wichtiger Fragen sind. Sicher nötig und willkommen ist auch im deutschsprachigen Raum eine regelmäßige Orientierung über Kurse und Konzerte, Instrumente und Instrumentenbauer, Neuerscheinungen von Musikalien und Schallplatten. [ ] Besonders wichtig scheint mir der Dialog über das Gambenspiel selbst zu sein. In den dreihundert Jahren, in denen die Viola da gamba eine wichtige Stellung im Musikleben und in den Stilentwicklungen eingenommen hat, hat sich auch ihr Spielstil verändert. Tongebung, Artikulation, Ornamentik und Ausdruck haben sich dem jeweiligen Zeitund Nationalstil angepasst. Da wir heute unsere Programme aus Werken verschiedener Stile bestreiten, müssen wir auch fähig sein, sie im richtigen Stil zu interpretieren. Und das verlangt sowohl historisches Wissen und ein sensibles Stilgefühl als auch eine gewandte und flexible Technik. So stellen sich dem Plan einer Viola da gamba-zeitschrift so viele und schöne Aufgaben, dass man ihr und ihren Initianten von Herzen viel Mut und gutes Gelingen wünschen kann. August Wenzinger Die zweite Ausgabe der Zeitschrift vom Februar 1991 erschien dann mit dem neuen, uns längst vertrauten Titel Viola da gamba-mitteilungen (kreiert von Durih Stuppan), den die Abonnenten aus vier Vorschlägen ausgewählt hatten. Noch im selben Jahr schien die Zeit reif für eine Vereinsgründung. Anlässlich des legendären Gambenspieltreffens vom 26. Oktober 1991 in Humlikon schritt Harro Schmidt zur Tat und nach ausgiebiger Diskussion über das Für und Wider eines Vereins zum Gründungsakt. Statuten wurden verabschiedet, Mitgliederbeiträge festgesetzt und eine Marschrichtung angezeigt. Die 14 Gründungsmitglieder bestimmten Peter Bosshard (CH-Attikon), Margarita Kaltenböck (Wien), Ulrike Melliger (CH-Winterberg), Dr. Harro Schmidt (Hamburg) und Brigitt Stehrenberger (Winterthur) zum Vorstand, dem die Aufgabe zukam, die Arbeitsgruppe Viola da gamba in den Verein Viola da gamba-gesellschaft zu überführen. Leider zeigte sich bald, dass diese erste Vereinsgründung gravierende formale Mängel aufwies, sodass ihre rechtliche Anerkennung in Frage gestellt war; dies bestätigte nach Einsichtnahme in die Unterlagen auch Frau Dr. iur. Verena Marty. Sie riet zu einer Neugründung, überarbeitete die Statuten und war auch bereit, den Anlass als Tagespräsidentin zu leiten. Während dieser ganzen Zeit erschienen unberührt von den dramatischen Ereignissen weitere Ausgaben des Mitteilungsblattes. Am 31. Oktober 1992 fand dann in der Villa Seerose in Horgen am Zürichsee die zweite Gründungsversammlung der Viola da gamba-gesellschaft statt. Die 18 Mitglieder der ersten Stunde waren: 6

5 Peter Bosshard Susanne Bosshard Manfred H. Harras Dr. Verena Marty Ulrike Melliger Irene Ott Lilo Schütz Brigitt Stehrenberger José Vázquez Margrit Zürrer Dr. Dietmar Greifeneder Elsbeth Greifeneder Ruth Gerdes Christine Heinrich Karl-Friedrich Kürten Dr. Rolf Mecke Michael Brüssing Margarita Kaltenböck Aus ihrer Mitte wurden in den ersten Vorstand der Gesellschaft gewählt: Manfred H. Harras (Präsident) Ulrike Melliger (Vizepräsidentin und Aktuarin) Brigitt Stehrenberger (Sekretariat, Kassieramt, Redaktion) Elsbeth Greifeneder (Beisitzerin und zuständig für Deutschland) Margarita Kaltenböck (Beisitzerin und zuständig für Österreich) Alle bisherigen Abonnenten wurden über die Neugründung des Vereins informiert und zum Beitritt eingeladen. Besondere Aufgabe des Präsidenten war es, sich mit den Berufsgambisten in Verbindung zu setzen und diese ebenfalls zum Beitritt zu ermuntern. Der Erfolg dieser Aktionen war viel versprechend, und nach einem halben Jahr zählte die junge Gesellschaft bereits 167 Mitglieder. An der 1. Generalversammlung am 15. Mai 1993 in Horgen wurde Dr. August Wenzinger, der eigens für einen Vortrag angereist war und der die Idee einer Vereinsgründung so engagiert unterstützt hatte, zum Ehrenmitglied ernannt. Schon sehr bald stellte sich der neue Vorstand die Frage, was man den Mitgliedern außer der Zeitschrift und dem umfangreichen Gambenspielerverzeichnis noch bieten könnte, um eine Mitgliedschaft attraktiv zu machen. Den größten Stellenwert für den Zusammenhalt im Verein hatte von Anfang an die Zeitschrift. Das ist bis heute so geblieben. Neben dem jeweiligen Hauptartikel zu den Themen Gambenspiel, Gambenbau etc. und dem Praxistipp (meist von Peter Lamprecht verfasst) interessieren auch die Informationen und die Rezensionen von neuen Notenausgaben, Büchern und CD-Produktionen, der Marktplatz sowie Kurs- und Konzertkalender. Nach einer Startauflage von 210 wird heute in einer Auflage von 900 Exemplaren gedruckt. Dank den steigenden Mitgliederzahlen kann sich der Verein eines guten finanziellen Polsters erfreuen. So war es möglich, die so genannte Kursbeihilfe einzurichten: Auf Antrag werden Kursbesuche von jungen Leuten bis zum Alter von 27 Jahren durch die Gesellschaft finanziell unterstützt, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Pro Jahr können bis zehn Beihilfen zu je 100 SFr. ausgerichtet werden, was bisher bereits über 40 mal in Anspruch genommen wurde. 7

6 1997 erschien erstmals eine Kunstkarte im Eigenverlag der Viola da Gamba- Gesellschaft als Jahresgabe an alle Mitglieder. Inzwischen liegen sechs Motive im Großkartenformat vor, die sehr geschätzt werden. Unsere Reproduktionen zeigen Gemälde oder Bildausschnitte, in deren Mittelpunkt immer die Viola da Gamba steht. Sehr beliebt sind auch die so genannten Sonderangebote. Mit diesen ermöglicht die Gesellschaft ihren Mitgliedern einmal im Jahr, zu sehr günstigen Preisen Musikalien, gelegentlich auch Bücher und CDs, zu beziehen ein Angebot, das sich immer eines außerordentlich guten Zuspruchs erfreut. Von Anfang an wollten wir den Berufsgambisten unter unseren Mitgliedern nicht mit der Organisation eigener Kurse Konkurrenz machen. Aber einmal im Jahr lädt der Vorstand zu einem Musizierwochenende ein, in dessen Rahmen die obligatorische Generalversammlung durchgeführt wird. Dabei stellen sich dankenswerterweise immer wieder Berufsgambisten und erfahrene Spieler zur Verfügung und übernehmen die Leitung der einzelnen Consorts. In den ersten Jahren fand dieser Anlass in Winterthur, dem Sitz des Vereins, statt. In den Jahren 2001 und 2002 wurde das Wochenende auf der Kapfenburg (BRD) durchgeführt, und 2003 war Schloss Beuggen (ebenfalls BRD) der Tagungsort. Bei der Größe unseres Einzugsgebietes (Schweiz, Deutschland, Österreich und darüber hinaus) stellte sich die Frage, wie man den Kontakt zu den Mitgliedern enger gestalten könnte. Für diese Aufgabe haben sich Damen und Herren zur Verfügung gestellt, die einen guten Einblick in die Gambenszene ihres Gebietes haben. Im Jahre 2000 konnten daraufhin die ersten Regionalvertreter vorgestellt werden. Für Mitglieder besteht seither die Möglichkeit, sich mit Fragen bezüglich Unterricht, Zusammenspielgelegenheiten, Instrumentenerwerb etc. an ihren Regionalvertreter zu wenden. Als solche wirken zur Zeit: Manfred Harras, Brigitt Stehrenberger (CH); Margarita Kaltenböck (A); Herbert Fischer, Christiane Gerhardt, Agnes Görißen, Walter Grabski, Dr. Ursula Kändler, Adelheid Krajewski, Gerhard Lutz und Ilse Schulte (D). Seit 1999 ist der Verein mit einer eigenen Website im Internet präsent, die man unter findet. Dr. Marc Strümper in Wien, der sie aufgebaut hat und seither betreut, leistet damit einen wertvollen und wichtigen Beitrag zu unserer Arbeit. Gerade auch junge Leute werden auf diesem Weg vermehrt angesprochen. Ziel und Zweck der Viola da Gamba-Gesellschaft ist es, die Viola da Gamba und das Gambenspiel zu fördern und auch einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Zehn Jahre nach der Vereinsgründung darf man sagen, dass die 8

7 Gesellschaft in dieser Richtung intensiv gearbeitet und gewirkt hat. Schon die Mitgliederzahl von 655 (Schweiz 113, Deutschland 462, Österreich 50, weitere Länder 30) spricht ja für sich und zeigt, dass unsere Arbeit und Angebote breite Zustimmung finden. Seitens des Vorstandes wird nach wie vor auf ehrenamtlicher Basis viel Zeit und Arbeit für die Gambengesellschaft eingebracht. Positive Rückmeldungen und viele Anregungen von Mitgliedern waren und sind immer wieder hilfreich und spornen an. Der derzeitige Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: Manfred H. Harras (Präsident und Koredaktor) Ulrike Melliger (Vizepräsidentin und Sekretariat) Irene Ott (Aktuarin) Karl-Friedrich Kürten (Kassier) Brigitt Stehrenberger (Redaktion) Als Revisoren der Gesellschaft wirkten und wirken: Willy Zürrer (seit 1992), Gerold Schlipf ( ), Lutz Grafahrend ( ) und Verena Hunziker (seit 2002). Mit einem gewissen Stolz können wir sagen, dass wir eine der wenigen Vereinigungen im musikalischen Bereich sind, die unter ihrem Dach begeisterte Laien und professionelle Musiker vereinen. Das ist nicht selbstverständlich. Unsere Zeitschrift bildet dabei quasi das Bindeglied zwischen beiden Gruppen: Den Liebhabern der Gambe bietet sie vielseitige Informationen, für die Berufsgambisten ist sie darüber hinaus auch ein Podium, wo sie sich und ihre Arbeit als Künstler, Pädagogen oder Wissenschaftler präsentieren können. Die ersten zehn Jahre des Aufbaues der Viola da Gamba-Gesellschaft waren aus der Sicht des Vorstandes spannend und lehrreich in vielfältigster Hinsicht, manchmal aber auch belastend punkto Arbeitsaufwand und gelegentlich sogar recht aufregend. Alles in allem dürfen wir aber rückblickend feststellen, dass es ein gutes Jahrzehnt war. Möge unserer Gesellschaft ein weiteres erfolgreiches Dezennium bis zum nächsten Jubiläum beschieden sein! 9

8 Wie deutet man ein Bild? von Annette Otterstedt Beispiel: Gemälde von Johan Voorhout (1674) im Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg (Abb. 1, nebenstehend) Auf der Durchreise durch die Freie und Hansestadt Hamburg im Januar 2002 nutzte ich die Gelegenheit, mir ein Gemälde von Johannes Voorhout (gemalt in Hamburg 1674), das im Museum für Hamburgische Geschichte aufbewahrt wird, genauer anzusehen 1. Über dieses Bild hat es bereits seit längerer Zeit eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gegeben. Dabei ging es vornehmlich um die Identität der dargestellten Personen, unter denen sich das einzige bekannte Portrait Dietrich Buxtehudes befinden soll 2. Bei dem Mann am Cembalo handelt es sich um Jan Adam Reinken, bei dem Gambisten um Johann Theile, und dem Mann mit dem Notenblatt um Dietrich Buxtehude. Allein die dargestellte Dame ist nicht identifiziert, und Wolff vermutet in ihr ein Modell aus der Werkstatt des Malers 3. Harro Schmidt möchte gern die Zuordnung der Figuren Theile und Buxtehude vertauscht wissen. Unabhängig von diesen Zuordnungen finde ich einen anderen Aspekt viel interessanter. Hier werden Musiker dargestellt, umgeben von allen Anzeichen der Opulenz. Um das würdigen zu können, müssen wir weiter ausholen. Vom Sachsenspiegel, dem bedeutenden Gesetzbuch des 14. Jh., in dem Musiker als 1 Für ihr freundliches Entgegenkommen möchte ich mich herzlich bedanken bei Frau Prof. Dr. Gisela Jaacks, die mir den Zugang zu dem im Moment nicht öffentlich zugänglichen Gemälde gestattete. Außerdem gilt mein besonderer Dank dem Sammlungsverwalter Herrn Schmoock, der viel Zeit damit verbrachte, das Bild freizuräumen. 2 Gisela Jaacks, Häusliche Musikszene von Johannes Voorhout. Zu einem neu erworbenen Gemälde im Museum für Hamburgische Geschichte, in: Beiträge zur deutschen Volks- und Altertumskunde 17 (1978), S Christoph Wolff, Das Hamburger Buxtehude-Bild. Ein Beitrag zur musikalischen Ikonographie und zum Umkreis von Johann Adam Reinken, in: Studien zur Musikgeschichte der Hansestadt Lübeck (Kieler Schriften zur Musikwissenschaft 31, Kassel 1989), S Harro Schmidt, Das Buxtehude-Bild von Voorhout. Zur Authentizität des einzigen Buxtehude-Bildes, in: Der Kirchenmusiker 5 (1987), S Wolff, a. a. O., S. 5 11

9 Mme Lévi La Célèbre Eine Virtuosin auf dem Pardessus de Viole von Simone Eckert Ganz Paris muss ihr zu Füßen gelegen haben Männer, Frauen, Musikkritiker, Musikschriftsteller, Musikerkollegen alle überschlugen sich im Lob auf sie. Einer Göttin gleich muss sie ihr Instrument beherrscht haben, liest man all die Berichte über sie. Dennoch bleibt sie ein Geheimnis. Herkunft, Abstammung, Familienstand, Wohnsitz und Privatleben hält sie bis heute verdunkelt. Umso mehr fasziniert sie, diese legendäre Mademoiselle oder Madame Lévi. Wir lesen im Mercure de France, Februar 1745: On attendit avec une satisfaction générale Mme Lévi, excellente musicienne, arrivée depuis peu de Rennes, qui joua un concerto des plus brillants sur le pardessus de Viole. Elle tira de cet instrument des sons plus vifs et plus parfaits qu il n en produit ordinairement, et promena son archet sans aigreur jusqu au plus haut du manche. Enfin, Paris a confirmé unanimament les suffrages que lui avait accordés la Bretagne. 1 ( Man erwartete mit allgemeiner Zufriedenheit Mme Lévi, eine hervorragende Musikerin, die vor kurzem aus Rennes gekommen war, die eines der brillantesten Concertos auf dem Pardessus de Viole spielte. Sie entlockte diesem Instrument lebendigere und perfektere Töne als die, die es normalerweise von sich gibt, und führte ihren Bogen ohne Schärfe bis in die höchsten Höhen des Griffbretts. Letztendlich hat auch Paris einstimmig den Beifall gespendet, den sie in der Bretagne erhalten hat. ) In der gleichen Zeitung lesen wir bereits im März desselben Jahres: Ensuite Madame Lévi a joué un concerto sur le pardessus de viole qui a réuni tous les suffrages. La vivacité de son jeu n altère point les grâces tranquilles de sa contenance, et n excite point en elle ces mouvements presques convulsifs qui échappent quelquefois aux plus habiles symphonistes 2 ( Danach hat Mme Lévi ein Concerto auf dem Pardessus de Viole gespielt, das allen Beifall auf sich zog. 1 Zitiert nach: Christiane Dubuquoy-Portois, Le Pardessus de viole aux XVIIIe siècle: un nouvel instrument de divertissement, aus: Instrumentistes et Luthiers Parisiens XVIIe XIXe siècles 2 a.a.o. 27

10 Vom Gamben-Ensemblespiel von Wolfgang Eggers Die folgenden Überlegungen sind ursprünglich im Hochschulrahmen entstanden und sollten Studenten und Studentinnen der Viola da Gamba bekannt machen mit den Problemen, die im Ensemblespiel auf alle Partner, vor allem aber auch auf den Leiter einer Gambengruppe zukommen. Ich glaube jedoch, jenseits von aller beruflichen Ausbildung ist das Durchschauen und Beherzigen dieser Gedanken wichtig für einen jeden, der sich für Ensemblespiel interessiert. Ob man sich nun einfach aus Freude am Musizieren trifft oder aber zu einer Probe, die ein Vorspielen vorbereiten soll es geht mit dem Stimmen los, und demnach habe ich dieser Maßnahme ziemlich viel Raum gewidmet. Wer will, kann diesen Aufsatz also nach dem Lesen des Stimm-Abschnitts weglegen und sich nun dem Spielen hingeben in der Hoffnung, dass sich das Erträumte einstellen möge: Man ist oder wird unbefangen; Man fühlt sich nicht unter Druck; Man lernt neue, schöne Stücke kennen; Das subjektive Hören und die Fantasie gewähren das Geschenk, das geniale Werk zu begreifen und zu erleben. Von diesen Werten hat ja seit je die Hausmusik gelebt. Welcher Musizierende hätte nicht solche seligen Erinnerungen? Der Tag kann aber schnell kommen, an dem alle Beteiligten fühlen, es kann so nicht bleiben, irgendwie kommt drohend der Begriff Arbeit in Sicht. Wer sich denn also in diesem kritischen Stadium befindet, der sollte nach den Bemerkungen zum Stimmen weiterlesen. Vielleicht hilft es ihm. Das Einstimmen Ich will es hier nun möglichst kurz machen und alle Theorie beiseite lassen. Was ist zu tun? 1. Unbedingt nacheinander und nicht gleichzeitig stimmen! Es ist unmöglich, eine Gambe sorgfältig zu stimmen, wenn es gleichzeitig in dem Raum noch einen anderen Ton oder auch nur ein Geräusch (z. B. Sprechen) gibt. Das mag mit der enormen Mischfähigkeit der Gamben zusammenhängen. 33

11 Ansichten einer Diskant-Gambe von Henry Jaye von Klaus Martius Die Gamben der englischen Gambenbauer Barak Norman, Richard Meares und Henry Jaye gehören für den heutigen Spieler elisabethanischer Consortmusik zu den am häufigsten nachgebauten Vorbildern. Infolge der Pionierleistungen englischer Forscher wie Arnold Dolmetsch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die englische Gambe gar stilprägend für unsere Vorstellung von diesem Instrument und gleichsam zum Inbegriff unserer modernen Gambe geworden. Durch zahlreiche technische Zeichnungen verschiedener Musikinstrumentensammlungen 1 und Kataloge, die dem Interessierten angeboten werden, sind die Originale heute häufig gut dokumentiert und erreichbar. Auch das Germanische Nationalmuseum (GNM) beherbergt unter seinen ca. 40 Instrumenten der Viola-da-Gamba-Familie, meist deutscher Herkunft, eine englische Gambe von Henry Jaye. Um 1629 datiert, gehört sie neben dem einzigartigen Bassinstrument von Hans Vogel 1563 und den Gamben von Hans Pergette, München 1599, einigen oberitalienischen Vertretern und dem Gambenconsort Ernst Buschs zu den ältesten Streichinstrumenten der Nürnberger Sammlung. (Abb. 1 3) Beschreibung Die Gambe ist mit einem handgeschriebenen Zettel signiert: Henry Jaye in// Southwarke Nere// London Bridge// 1629 (s. Abb. 4). Auf der Decke findet sich des Weiteren ein handschriftlicher, teilweise unleserlicher Reparaturvermerk: A. KNAPS// Venlo [...]// [...]//... Bergen op Zoom// Der Umriss entspricht gemäß eingangs Gesagtem dem klassischen Gambenmodell mit fallenden Schultern. Decke, Schalllöcher und die ovale Perga- 1 Eine Übersicht bietet: Technical Drawings of Musical Instruments in Public Collections of the World. Herunterzuladen unter der Homepage von CIMCIM: ed.ac.uk/euchmi/cimcim Diese Aufstellung wurde von Robert van Acht in Zusammenarbeit des Gemeentemuseums Den Haag mit dem International Musical Instrument Committee (CIM- CIM) erarbeitet und verzeichnet über 600 veröffentlichte und erwerbbare technische Zeichnungen aus 26 internationalen Sammlungen und Museen. 45

12 Restaurationsbericht zu einem Diskant von Rudolph Höss, gebaut ca von Hagen Schiffler Rudolph Höss, geboren nach heutiger Vermutung in Vils (Tirol) in Rom als Lehrling, danach in Venedig, Bologna, Wien und Graz in München als Geselle bei Lorenz Hollmayr. Danach Bürger in Augsburg und ab 1682 bis 1729 (evtl. 1739) endgültig in München. Churfürstlich bayerischer Hof-Lautenund Geigenmacher. (aus: R. Bletschacher, Die Lauten- und Geigenmacher des Füssener Landes) Die Vorgeschichte Das Instrument tauchte vor einigen Jahren zur Bratsche umgebaut ohne Zuordnung und Zettel im Handel auf. Ein Umbau auf eine fünfsaitige Diskantgambe, der sich nur auf Hals, Griffbrett, Saitenhalter und Steg bezog, hatte leider keinen klanglich zufrieden stellenden Erfolg, so dass ein völliger Rückbau in Erwägung gezogen wurde. Bei der Suche nach vergleichbaren Instrumenten ergab sich eine überraschende Ähnlichkeit zu einer Bratsche von Rudolf Höss, München 1696, die sich im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien befindet. Mit freundlicher Erlaubnis von deren Direktion wurden Messdaten dieses Instrumentes abgenommen und der Vergleich zeigte große Ähnlichkeiten auf. Dies gilt auch für die Holzwahl: Zargen und Boden sind aus Vogelaugenahorn. Leider war auch dieses Instrument in der Zargenhöhe dezimiert, so dass es in dieser Hinsicht nicht als Vorbild fungieren konnte. Dr. Konrad Ruhland, den dieser Diskant gleich als ein Höss-Instrument ansprach, machte auf den Restaurationsbericht eines Schwesterinstrumentes in Italien aufmerksam. Paolo Biordi und Franco Giraud beschrieben in Liuteria, Musica e Cultura 1996 ihre Arbeiten an einem ebenfalls zur Bratsche mutierten Höss-Instrument. Dessen Zettel war von 1690, die Messdaten ergaben wiederum große Ähnlichkeiten und auch die Holzwahl entsprach dem hier vorgestellten Instrument. Auskünfte über originale Zargenhöhen waren wieder nicht vorhanden. Dieses Instrument wurde 6-saitig eingerichtet. Nach Vermessung weiterer Vergleichsinstrumente unter Mithilfe u.a. von Hartmut Münzberg und Frau Dr. Annette Otterstedt z. B. im Musikinstrumentenmuseum Berlin, waren so viele brauchbare Daten zusammengekommen, dass an 61

13 Unsere Autorinnen und Autoren Dr. Annette Otterstedt, Hagelberger Straße 51, D Berlin Simone Eckert, Lohkamp 3, D Ellerhoop Wolfgang Eggers, In der Borbeck 16 C, D Essen Klaus Martius, Ebenseestraße 7, D Nürnberg Hagen Schiffler, Wagnergasse 14, D Laufen Impressum ISBN Satz und Layout: Brigitt Stehrenberger Druck: Mattenbach AG, Winterthur Auflage: 1200 Exemplare Viola da Gamba-Gesellschaft, CH-Winterthur, 2004 Zu beziehen für SFr. 15. / 10, (inkl. Versand) bei: Karl-Friedrich Kürten, Wisserswandstr. 32, D Waldkirch (für Deutschland) bestellen Irene Ott, Turmstr. 21, CH-8330 Pfäffikon ZH (für alle anderen Länder) bestellen 71

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