In Würde alt werden. Positionspapier Altenhilfe. der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel

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1 In Würde alt werden Positionspapier Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel Juli 2011

2 2 Arbeitsstand Inhalt Vorwort Seite 1 Gemeinschaft verwirklichen Vision für die Arbeit der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel 4 2 Die Lebenssituation und Erwartungen alter Menschen heute 5 3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Demographische Entwicklung 3.2 Unterstützung pflegebedürftiger Menschen 3.3 Erweiterte Hilfesysteme 3.4 Sozialversicherungssystem und Generationenvertrag 3.5 Pflegebegriff 3.6 Wettbewerb und die abnehmende Sonderstellung der Wohlfahrt 3.7 Bild der Pflege in der Öffentlichkeit 3.8 Ethische Fragestellungen 3.9 Bedarf an professionellen Pflegekräften 3.10 Gesetzliche Rahmenbedingungen 4 Interessensgruppe 12 5 Das Arbeitsfeld Altenhilfe in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel 13 6 Auch als alter Mensch mitten im Leben Leitgedanken für das Arbeitsfeld Altenhilfe 14 7 Leitlinien unseres Handelns Wir unterstützen Menschen, dass sie alt werden, wie sie es wünschen 7.2 Wir vernetzen unsere Angebote im Sozialraum 7.3 Wir machen flexible und differenzierte Angebote 7.4 Wir machen Angebote von hoher Qualität 7.5 Wir fördern Ausbildung 7.6 Wir bieten vielfältige Möglichkeiten des beruflichen Engagements von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 7.7 Wir fördern Bürgerschaftliches Engagement 7.8 Wir handeln wirtschaftlich 7.9 Wir leben unseren Glauben und bieten Orientierung an 8 Erwartungen an Politik und Gesellschaft 22 Anhang 1 Charta der Rechte pflege- und hilfebedürftiger Menschen 24 2 Unsere Angebote 26 3 Unsere Standorte 28

3 3 Vorwort Gemeinschaft verwirklichen unter dieser Überschrift steht die Vision der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel mit ihren vier Stiftungen Bethel, Sarepta, Nazareth und Lobetal und all ihren Untergliederungen. Dieses Leitmotiv unserer diakonischen Arbeit gilt selbstverständlich auch für alte Menschen. Solange sie es können und wollen, sollen sie in ihrer gewohnten Umgebung, mit den ihnen vertrauten Menschen leben können und die dafür notwendige Unter - stützung durch Menschen aus ihrem Umfeld und je nach Bedarf durch professionelle Dienste erfahren. Ebenso sollen sie sich entscheiden können für das Leben in einem Heim, wenn ihnen das die notwendige und gewünschte Unterstützung und Sicherheit bietet und für einen Lebensraum, in dem sie Kontakte zu anderen Menschen haben können und eine lebenszugewandte Atmosphäre erleben. Angesichts der demografischen Entwicklung, in der der Anteil alter und auch pflegebedürf tiger Menschen in unserer Gesellschaft erheblich zunehmen wird, sehen wir es als Aufgabe der Diakonie und damit auch der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, sich daran zu beteiligen, dass es solche Angebote auf der Grundlage des christlichen Glaubens und Menschenverständnisses gibt, so dass Menschen sich für eine ihnen entsprechende Unterstützung entscheiden können. Dieses Positionspapier wurde vom Fachausschuss Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel erarbeitet: Thomas Butenuth-Grünenbaum Christian Jensen Petra Knirsch Ulrike Lübbert Rüdiger Nölle Christine Schäfer Anette Seidel Ulrich Strüber Christian Sundermann Sabrina Umlandt-Korsch Angela Wischet Pastor Bernward Wolf Die Rahmenbedingungen für eine angemessene Unterstützung im Alter werden schwieriger: Qualitätsanforderungen und Qualitätskontrollen nehmen zu, die Refinanzierung entspricht nicht dem Bedarf. Trotzdem stellen wir uns dieser Aufgabe um der Menschen willen, die auf Begleitung und Unterstützung angewiesen sind. Wir danken allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die diese oft schwere, aber auch erfül lende und sinnvolle Aufgabe wahrnehmen. Sie tun dies stellvertretend für unsere Gesellschaft, die sich daran messen lassen muss, wie sie, wie wir alle mit unseren alten Menschen umgehen und welche Möglichkeiten wir ihnen bieten im Alter zu leben, an Gemeinschaft teilzuhaben und ihr Leben würdig abzuschließen. Das vorliegende Positionspapier ist vom Fachausschuss Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel erarbeitet worden. Es beschreibt die Grundlagen und die Eckpunkte unserer Angebote in den verschiedenen Regionen. Allen Kolleginnen und Kollegen des Fachausschusses sei herzlich gedankt für die Mitarbeit! Wir wünschen uns das Gespräch über unsere Positionen mit Mitarbeiterinnen und Mitar beitern, mit Angehörigen, mit externen Fachleuten und insbesondere mit den Menschen, denen diese Angebote gelten. Auf diese Weise können wir unsere eigenen Konzepte weiter entwickeln. Der Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel hat das Papier im Februar 2011 beschlossen. Bernward Wolf Dr. Johannes Feldmann Vorstand Vorstand v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

4 4 1 Gemeinschaft verwirklichen Vision für die Arbeit der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel Unsere Vision ist das selbstverständliche Zusammenleben, das gemeinsame Lernen und Arbeiten aller Menschen. Ihre Verschiedenheit verstehen wir als Bereicherung: Mehr oder weniger gesunde, mehr oder weniger behinderte, mehr oder weniger leistungsfähige, jüngere und ältere Menschen, Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Prägung sollen als Bürgerinnen und Bürger mit gleichen Chancen, Rechten und Pflichten in der Gesellschaft leben. Unsere Vision gründet im christlichen Glauben und beruht auf der Achtung der unbedingten Würde jedes einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes. Sie fordert Nächstenliebe, Solidarität und einen fairen Interessenausgleich im Zusammenleben. Qualifiziert helfen Wir sind ein diakonisches Unternehmen und verstehen unsere Angebote als Dienstleistungen. Wir achten das Selbstbestimmungsrecht der Menschen, die unsere Angebote nutzen. Mit ihnen vereinbaren wir Art und Umfang unserer sozialen, pädagogischen und gesundheitlichen Dienstleistungen. Unsere Leistungen sind von hoher Qualität. Die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzen wir für die Umsetzung der bestmöglichen fachlichen Standards. Orientierung bieten Wir sind Teil der evangelischen Kirche und unsere Arbeit gründet sich auf den christlichen Glauben. In der Begegnung mit dem einzelnen Menschen unterstützen wir die Suche nach Sinn und bieten religiöse Orientierung. Dies prägt unser gemeinsames Leben und Arbeiten ebenso wie die Gestaltung unserer Bildungs- und Ausbildungsangebote. Für Ver kündigung und Seelsorge, die Feiern des Kirchenjahres und das Erleben von Spiritualität nehmen wir uns Zeit und Raum. Wir setzen uns ein für eine mitmenschliche Gesellschaft. In unserem gesellschafts- und sozialpolitischen Engagement sind wir besonders den Rechten und Bedürfnissen der Menschen verpflichtet, die am schwersten von Krankheit, Behinderung, sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung betroffen sind. Lebensräume gestalten Wir verstehen Bethel als Idee und fördern die Teilhabe von sozial benachteiligten Menschen, von Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen an verschiedenen Orten in der Gesellschaft. An der Gestaltung der jeweiligen Gemeinwesen beteiligen wir uns. Wo es erforderlich ist, machen wir dazu eigene Angebote, kooperieren mit anderen Trägern oder beraten und unterstützen Initiativen vor Ort. In unseren gewachsenen Ortschaften gestalten wir weiterhin das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen: Menschen, die dort wohnen, Menschen die dort arbeiten, Menschen die dort unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Hierbei ermöglichen wir die Mitwirkung aller Gruppen.

5 5 2 Die Lebenssituation und Erwartungen alter Menschen heute Kaum jemand in unserer Gesellschaft ist unberührt von Themen und Fragen, die mit dem Älterwerden zusammenhängen. Viele Menschen sind in dieser Lebensphase oder kennen sie durch Familienangehörige, Freunde und Bekannte. In der öffentlichen Dis kussion wird dieses Thema fortwährend bewegt, sei es durch Berichte zur demographischen Entwicklung, zu den Fähigkeiten und Möglichkeiten von älteren Men schen heute oder durch eine oftmals skandalisierende Berichterstattung über die Versorgung in Alten- und Pflegeheimen. Nach dem Eintritt in das Rentenalter erleben heute viele Menschen diese Lebensphase zunächst als eine Zeit, die von Aktivität geprägt ist. Ältere Menschen sind nicht nur als Konsumenten gefragt, sondern sind aktiv, wie z. B. im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen auf Hilfe im Tagesablauf angewiesen zu sein. Viele ältere Menschen beginnen zu merken oder befürchten, dass sie für die Erledigung von Dingen des alltäglichen Lebens der Unterstützung bedürfen. Frau I. aus Bielefeld, die noch in ihrem eignen Haus wohnt, sagt: Meine Kräfte haben nachgelassen, ich benötige eine Haushaltsunterstützung. Bei Frau A., die in Kirchdorf in Niedersachsen lebt, haben beispielsweise häufiges Fallen, eine zunehmende Immobilität, chronische Schmerzen und die Überforderung der Angehörigen dazu geführt, dass sie in ein Pflegezentrum gezogen ist. Ja natürlich, man kann ja nicht mehr alles. Ich kann fast gar nichts mehr. Ich kann nicht mal mehr alleine zu einer Behörde gehen., beschreibt die Bewohnerin Frau T. des Pflegezentrums Lohmannshof der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ihre Situation. Nicht mehr unabhängig zu sein und selbstbestimmt entscheiden zu können, hilfsbedürf tig zu sein und nicht mehr im eigenen Haus leben zu können, ist bei vielen älteren Menschen Anlass zur Sorge. Körperliche Einschränkungen machen sich zunehmend bemerkbar und schränken Aktivitäten ein. Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert. Frau W. aus dem Altenpflegezentrum Freudenquell in Brandenburg beschreibt die Lebenssituation älterer Menschen als nachlassende Kraft und einen verkleinerten Lebensradius, Herr L. ergänzt: Nachdenken über das gelebte Leben. Ältere Menschen sind damit konfrontiert, dass Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner, Freunde und Bekannte ähnlichen Alters sterben. Die 94-jährige Frau S. aus Bielefeld erzählt: Mein Mann ist gestorben und ich bin so krank geworden, dass ich nicht alleine zu Hause sein konnte. Es stand gar nicht zur Debatte, zu Hause zu bleiben. Ich habe unser Haus verkauft.

6 6 Die eigene Endlichkeit wird spürbar: Das ist der Lebenslauf, den wir alle gehen müssen. Wir können nichts dagegen machen. Damit verbindet sich manchmal die Angst vor dem Leiden und Sterben. Viele Menschen haben in dieser Lebensphase ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, nach Gemeinschaft und sozialer Geborgenheit. Wir haben ältere Menschen, die wir in unseren Einrichtungen und Diensten unterstützen und begleiten gefragt, was ihrem Leben einen Sinn gibt, und folgende Antworten bekommen: Ein gutes Verhältnis zu den Kindern Kontakte zu anderen Menschen Der Glaube und das Verhältnis zu meiner Frau Kontakt zu Freunden und Bekannten, Gespräche, sprechen über den Glauben Zusammen mit anderen Menschen sein, die Gemeinschaft in meiner Familie Kontakte zu haben Dass ich mich wohl fühle, dass ich mit allen reden kann Andachten und Gottesdienste im Haus, gute Verpflegung und Besuche und Gespräche Gesundheit und Familie Der Bedarf nach Kontakt, Gesprächen und Gemeinschaft mit anderen Menschen ist von großer Bedeutung. Viele Befragte wünschen sich, bis zuletzt zu Hause in ihren eigenen vier Wänden leben zu können: Da zu leben, wo ich immer gelebt habe. Frau B., die im Betreuten Wohnen in Bielefeld wohnt, berichtet, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen musste weil ich auf einen Rollator angewiesen bin und meine bisherige Wohnung nicht barrierefrei war. Der Wunsch in den eigenen Wänden zu leben wird oft durch simple Gründe verhindert. Wenn sich dieser Wunsch aber verwirklichen lässt, ist es gleichzeitig für viele ältere Menschen schwer, sozial in Kontakt zu bleiben. Frau I. aus Bielefeld, die alleine in ihrem eigenen Haus wohnt, berichtet: Viel alleine zu sein. Vereinsamung tritt oftmals ein. Eine Bewohnerin im Betreuten Wohnen antwortet auf die Frage, was ihr an ihrer Wohnsituation nicht so gut gefällt: dass hier nur alte Leute wohnen. Eine Bewohnerin im Pflegeheim ist der Meinung: Die Mitarbeiter haben zu wenig Zeit für persönliche Gespräche.

7 7 Manche ältere Menschen sind in Sorge bei der Vorstellung ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Ein Bewohner des Pflegezentrums Lohmannshof in Bielefeld berichtet: Mein Gesundheitszustand hat das [Anmerkung: Umzug in eine stationäre Einrichtung] verlangt. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte es meine Frau stark belastet. Und nun, da ich hier bin, sehe ich dass es eine gute Lösung war. Die Äußerungen lassen erkennen, dass weitere Verbesserungen und Ausdifferenzierungen bei den Angeboten für die Versorgung und Teilhabe älterer Menschen notwendig sind. Auf die Frage, was ihr besonders wichtig ist im Leben, antwortet Frau F. aus dem Altenpflegeheim Freudenquell Als Mensch behandelt zu werden. Wir in Bethel sehen es als unsere Aufgabe an, Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, so zu unterstützen, dass sie auch im Alter ihre Lebensbedingungen gestalten können, wie sie es wünschen.

8 8 3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel erbringen im Arbeitsfeld Altenhilfe Leistungen, die stark geprägt sind von dem gesellschaftlichen Kontext. Die wichtigsten Rahmenbedingungen, die sich auf die Arbeit in der Altenhilfe auswirken, werden im Folgenden dargestellt. 3.1 Demographische Entwicklung Die Geburtenzahl in Deutschland ist rückläufig. Die Zahl der Sterbefälle wird trotz steigender Lebenserwartung zunehmen, da die geburtenstarken Jahrgänge ins hohe Alter hineinwachsen werden. Die Bevölkerung wird abnehmen und die Relationen zwischen Alt und Jung verändern sich stark. Alterspyramide Deutschland Alter > Einwohner 65 Mio. 79 Mio. 62 Mio. Die gegenwärtigen sozialen Sicherungssysteme sind unzureichend auf die sich verändernde Bevölkerungsentwicklung vorbereitet. Dies betrifft sowohl das Rentensystem, als auch die Krankenversicherung, die Arbeitslosenversicherung und die Pflegeversicherung. 3.2 Unterstützung pflegebedürftiger Menschen Mehr als zwei Drittel (1,54 Millionen) der pflegbedürftigen Menschen wurden im Dezember 2007 laut Statistischem Bundesamt zu Hause versorgt. Es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl der Angehörigen, die für pflegebedürftige Menschen zukünftig und dauerhaft die notwendige Unterstützung erbringen, auf dem heutigen hohen Niveau bleiben wird.

9 9 3.3 Erweiterte Hilfesysteme Neben dem Hilfesystem Familie wird die Bedeu tung nachbarschaftlicher Hilfe und bürgerschaft lichen En gagements ebenso steigen wie der Bedarf an professio neller Pflege. 3.4 Sozialversicherungssystem und Genera tionenvertrag Der bisherige Generationenvertrag kann voraussichtlich nicht ohne Veränderungen fortgeführt werden. Der Umfang der Leistungen aus dem Gesundheitssystem, den ältere Menschen derzeit in Anspruch nehmen können, wird aufgrund der Kosten in Zukunft nicht mehr fortzuführen sein. Die Solidarität der Generationen untereinander wird unter den aktuellen Rahmen bedingungen zunehmend in Frage gestellt. Die Sozialsysteme bedürfen einer grund legenden Reform. 3.5 Pflegebegriff Pflege wird mit dem aktuell gültigen Begriff auf die Erfüllung somatischer Bedürfnisse reduziert. Betroffene werden als pflegebedürftig eingestuft, wenn sie Hilfe in Verrichtungen der Körperpflege, Ernährung, Mobilität und bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. In der wissenschaftlichen und sozialpolitischen Diskussion wird ein neues Grundverständnis von Pflege diskutiert, das den Begriff wieder auf Betreuung und Zuwendung hin ausweitet und die Ansprüche speziell von Menschen mit Demenz erweitert. Ziel ist, individuelle Hilfebedarfe besser zu erfassen und angemessen helfen zu können. Ein erhebliches Problem wäre es, wenn das neue Verfahren zur Begutachtung des Pflegebedarfs unter der Prämisse gedeckelter Finanzmittel eingeführt wird. 3.6 Wettbewerb und die abnehmende Sonderstellung der Wohlfahrt Primär sind es die Kunden, die den Markt der Altenhilfe regulieren. Die Diakonie genießt bei vielen Menschen großes Vertrauen. Kirche und Diakonie haben aus Sicht der Politik immer weniger einen ideellen Vorrang. Prinzipien, wie das der Subsidiarität haben an Bedeutung verloren. Es gibt keinen Handlungsvorrang der freien Wohlfahrtspflege mehr, stattdessen gilt der freie Wettbewerb der Anbieter.

10 10 Im Unterschied zu privaten Anbietern entnimmt die Freie Wohlfahrt nicht Gewinne aus dem Unternehmen, sondern führt sie der Entwicklung der Arbeit zu. Die freie Wohlfahrt fühlt sich prinzipiell für alle Bedarfsgruppen verantwortlich. 3.7 Bild der Pflege in der Öffentlichkeit Veröffentlichungen zu Pflegenotständen finden in der Politik, den Medien und insgesamt in der Gesellschaft ein großes Echo und werden häufig verallgemeinert. Damit wird das Arbeitsfeld in Misskredit gebracht und Menschen verunsichert, die auf Pflege angewiesen sind. Die Schuld wird oft denen zugewiesen, die pflegen. Dabei werden die hinter einem Pflegenotstand liegenden Rahmenbedingungen, Ursachen und Probleme aus dem Blick verloren. Es wird häufig übersehen, dass die Kluft zwischen den von der Politik gewollten Anforderungen und den zur Verfügung gestellten Ressourcen immer größer wird. Es gilt, die dahinter liegende Frage: Was ist der Gesellschaft die Pflege alter Menschen wert? stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft zu bringen und einen öffentlichen Diskurs dazu anzuregen. 3.8 Ethische Fragestellungen Zu der Frage, wie mit lebenserhaltenden Maßnahmen bei schwer kranken oder sterbenden Menschen umzugehen ist, begegnen wir sehr unterschiedlichen Haltungen und Meinungen in unserer Gesellschaft. In vielfacher Weise verändern sich die in unserer Gesellschaft geltenden Wertorientierungen. Dies betrifft insbesondere auch Entscheidungssituationen am Ende des Lebens. Dabei spielen die gesellschaftliche Bewertung des Wertes des Lebens, von Hilfebedürftigkeit und Leid, des Selbstbestimmungsrechts sowie Fragen der finanziellen Absicherung eine wesentliche Rolle. Wir erleben, dass die medizinische Entwicklung manches, was früher als gottgegeben und damit vom Menschen ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit anzunehmen war, jetzt in der Verantwortung des Menschen selbst liegt und unterschiedliche Handlungsoptionen bietet. Unser Ziel ist, eine dem betroffenen Menschen dienende und unserem christlichen Menschenverständnis entsprechende Form der Begleitung und Unterstützung auf dem letz - ten Abschnitt des Lebensweges zu leisten und damit ethisch ver antwortlich zu handeln. In Konfliktsituationen gilt für uns: Im Zweifel für das Leben. 3.9 Bedarf an professionellen Pflegekräften Im Jahr 2020 werden in Deutschland wie auch in anderen westlichen Ländern deutlich mehr Pflegekräfte benötigt als heute. Je nach Quelle schwanken die Angaben von zusätzlich benötigten Pflegekräften bis hin zu (+ 42 %) 3. Bereits heute existiert ein Mangel an Pflegekräften. Gleichzeitig ist auf Grund der demographischen Entwicklung in Deutschland mit abnehmenden Zahlen von Berufsanfängern/ -innen zu rechnen. Das aktuell schlechte Image der Altenpflege und die im Vergleich hohe psychische und physische Belastung, sind Faktoren, die die Berufe in der Altenhilfe un attraktiv machen. 2 DEVAP, 3 Heiner Schülke vom Bundesverband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe (VDAB) Berlin, am im Hamburger Abendblatt

11 Gesetzliche Rahmenbedingungen Die Altenhilfe arbeitet auf Basis der gesetzlichen Grundlagen, insbesondere der Sozialgesetzbücher V und XI (Pflegeversicherung) mit ihren umfangreichen Richt linienwerken der jeweiligen landesgesetzlichen Regelungen über die Umsetzung des Sozial gesetz buches XI der bundes- und landesrechtlichen Bestimmungen über die Ausbildung in den Pflege berufen des Wohn- und Teilhabe-Gesetzes (WTG-NRW) oder entsprechender Gesetze in anderen Bundesländern des privatrechtlichen Wohn- und Betreuungs-Vertrags-Gesetzes (WBVG) auf Bundesebene.

12 12 4 Interessensgruppen Auf das Arbeitsfeld Altenhilfe wirken verschiedene Anspruchsgruppen mit unterschiedlichen Interessen ein. Im folgenden Schaubild werden diese Gruppen, deren verschiedene und zum Teil divergierende Ansprüche miteinander in Ausgleich gebracht werden müssen, dargestellt. kostengünstige Angebote, gesicherte Qualität Qualität, Nähe, Preis, Seriosität, Sicherheit Sozialhilfeträger Seniorinnen und Senioren Verlässlichkeit, Akzeptanz, Kommunikation, Beratung und Unterstützung, Kontinuität, Preis Angebote der Altenhilfe Angehörige Pflegekräfte kostengünstige Angebote, gesicherte Qualität Pflegekassen Angemessene Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit, Mitgestaltung, verlässliche Arbeitszeit, Förderung, Entwicklung, Fortbildung Qualifizierte Praktikumsstellen, Exkursionen, Praktiker als Lehrende, Theorie- Praxis-Transfer, Projekte Schulen & Ausbildungsstätten für Altenpflegeberufe Bürgerschaftlich engagierte Menschen Gestaltungsmöglichkeiten, Eigenverantwortlichkeit, anleitung und Begleitung, Erfahrungsaustausch Kirchengemeinden Regionale Nähe, Infrastrukturleistungen Menschen, die in der Altenhilfe arbeiten, bewegen sich neben den beschriebenen Rahmenbedingungen in diesem Netz von teilweise divergierenden Interessen. Dies stellt eine hohe Anforderung dar. Die aufgezeigten Zielkonflikte sind teilweise kaum aufzulösen.

13 13 5 Das Arbeitsfeld Altenhilfe in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel bieten mit einer Vielzahl von Einrichtungen und Diensten Unterstützung und Hilfen für alte und pflegebedürftige Menschen an. Das Arbeitsfeld umfasst Plätze und rund 790 ambulante Betreuungsverhältnisse (Stand 2010). Insgesamt arbeiten rund Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Arbeitsfeld. Der Anteil der Altenhilfe am Gesamtumsatz der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel beträgt in etwa 10 Prozent. 4 Weitere Angebote für alte Menschen sind auch in anderen Arbeitsfeldern der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel angesiedelt: In den Arbeitsfeldern Behindertenhilfe und Psychiatrie werden alle Arten von Unterstützungsleistungen für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung angeboten, unabhängig von ihrem Alter. Im Arbeitsfeld Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen betreut Bethel Menschen aller Altersstufen. Im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB) haben sich verschiedene Abteilungen zum Zentrum für Altersmedizin zusammengeschlossen, um eine optimale, auf ältere Patientinnen und Patienten speziell zugeschnittene multidisziplinäre Behandlung zu ermöglichen. In der Hospizarbeit der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel werden Menschen, die unheilbar krank sind und nur noch eine kurze Lebenserwartung haben, begleitet und umsorgt. 4 Jahresabschluss 2010

14 14 6 Auch als alter Mensch mitten im Leben Leitgedanken für das Arbeitsfeld Altenhilfe In der Entwicklung unserer Arbeit orientieren wir uns an der Vision für die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel (siehe Seite 4). Bezogen auf ein würdevolles und integriertes Leben älterer und alter Menschen in unserer Gesellschaft konkretisieren wir diese Vision für das Arbeitsfeld Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in folgenden Leitgedanken: Alte Menschen leben so weit sie selbst es wollen mittendrin. Sie erleben sich auch mit alters bedingten Einschränkungen als souveräne Bür gerinnen und Bürger, als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft. Sie nehmen am nachbar schaftlichen und gesellschaftlichen Leben teil. Sie wohnen, so lange wie möglich und so lange sie es wünschen, in ihrem Haushalt und ihrer vertrauten Umgebung und erhalten dort die notwendige Unterstützung. Das Gemeinwesen wird als Lebensraum und Gemeinschaft erlebt, mit dem sich Bürgerinnen und Bürger identifizieren. Die Beteiligung älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben ist eine Bereicherung. Seniorinnen und Senioren bringen ihre Kompetenzen und Erfahrungen, ihre Zeit, ihre Bereit schaft zu Engagement und ihre Freude daran in die Gemeinschaft ein. So sind sie nicht nur Empfängerinnen oder Empfänger von Unterstützung, sondern nehmen eine aktive und mitgestaltende Rolle ein. Sie leisten einen Beitrag für das gesellschaftliche Miteinander. In jedem Stadtteil ist ein Spektrum von Unter stützungsangeboten vorhanden: Von Nachbarschaftshilfe, über Wahlverwandtschaft, bürgerschaftlich organisierte Hilfen, Serviceangeboten bis hin zu ambulanten Diensten und stationärer Betreuung. Auf diese Weise erhält jeder Mensch in seinem Stadtteil ggf. gemeinsam mit seinen Angehöri gen in der von ihm gewollten Lebensform die notwendige Unterstützung. Auch in ländlichen Bereichen gibt es entsprechende An gebote bezogen auf den Bedarf und die vorhandenen Strukturen.

15 15 7 Leitlinien unseres Handelns Aus den genannten Leitgedanken ergeben sich folgende Leitlinien für die Aus - ge staltung der Angebote in der Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel: 7.1 Wir unterstützen Menschen, dass sie alt werden können, wie sie es wünschen Auch im Alter wünschen sich Menschen ein gelingendes und erfülltes Leben mit Möglichkeiten der Wahl und mit sozialen Beziehungen, die von Respekt, Geborgen - heit und Zugehörigkeit geprägt sind. Wir stellen die Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen in den Mittelpunkt. Wir ver stehen uns dabei als Dienstleisterinnen und Dienstleister. Wir sind uns sehr wohl der Grenzen unserer Bemühungen, weitestgehende Selbstbestimmung unserer Kundinnen und Kunden zu erreichen, bewusst. Dies sind Grenzen, die durch die finanziellen Rahmenbedingungen gesetzt werden, aber auch Grenzen, die im Prozess des Alt werdens entstehen oder an die wir mit unserer eigenen Kraft und unseren Möglich keiten stoßen. 7.2 Wir vernetzen unsere Angebote im Sozialraum Wir schaffen Angebote für ältere Menschen dort, wo sie leben, damit sie ihre sozialen Bezüge erhalten und die Gemeinde als Lebensraum erleben können. Dazu machen wir regional angepasste, der individuellen Lebenswelt entsprechende, offene und durchlässige Unterstützungsangebote. Die in einem Stadtteil bestehenden Ressourcen und Potentiale der Selbstorganisation werden entdeckt und genutzt. In jedem Gemeinwesen werden spezifische Entwicklungen und dort passende Lösungen befördert. In diesem Sinne verstehen wir uns als regionaler sozialräumlich ausgerichteter Anbieter. Wir entwickeln und unterstützen stadtteil- und nachbarschaftsorientierte, gemeinde - nahe Netzwerke, z. B. mit Kirchengemeinden, Wohnungsbaugesellschaften, Vereinen und Gruppen, die gemeinsame generationenübergreifende Verantwortung sowie Verbundenheit und damit Lebensqualität im Stadtteil fördern, auch im Rahmen von Netzwerken, die über das Arbeitsfeld Altenhilfe hinaus gehen (fallunspezifische Netzwerke) notwendige Unterstützung für hilfebedürftige Menschen organisieren und leisten (fallspezifische Netzwerke) professionelle und institutionelle Dienstleistungen erbringen, wenn familiäre oder soziale Systeme nicht mehr tragen oder überfordert sind die Kompetenzen und Energien der im Stadtteil lebenden Menschen aktivieren und zur Wirkung bringen und damit Sinnerfahrung ermöglichen Jeder Mensch braucht seine tägliche Dosis an Bedeutung für andere Menschen 5. 5 Klaus Dörner, Leben und Sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem, 2007, S.69

16 Wir machen flexible und differenzierte Angebote Wir entwickeln offene, flexible, durchlässige und sozialräumlich vernetzte Angebote. Damit ermöglichen wir Unterstützungsleistungen, die in hohem Maße den individuellen Bedarfen und Wünschen der Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, entsprechen. Wir halten eine große Bandbreite an Angeboten mit unterschiedlichen Fachschwerpunkten (Demenz, Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen, Ge rontopsychiatrie, Palliativbegleitung, etc.) vor. Im Einzelnen sind dies: Anlaufstellen/Vermittlung von Diensten Begegnungsmöglichkeiten Netzwerkunterstützung Beratung und Vermittlung von bürgerschaftlicher oder professioneller Unterstützung Betreutes Wohnen Hauswirtschaftliche und haustechnische Unterstützung Ambulante Betreuung/Pflege Alltagsbegleitung bei Demenz Niedrigschwellige Betreuungsangebote Tagesstätten Essensangebot (offener Mittagstisch) Tagespflege Kurzzeitpflege Nachtpflege Stationäre Pflege und Betreuung Ambulante Hospizdienste Stationäre Hospize Urlaubsangebote Gerontopsychiatrie (Diagnostik, Behandlung, Pflege) Seelsorgerliche Begleitung

17 Wir machen Angebote von hoher Qualität In unseren Einrichtungen und Diensten erstellen wir für alle Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, eine individuelle Pflegeplanung. Wir berücksichtigen die Biographie des zu betreuenden Menschen bei der Pflegeplanung wie auch bei der Durchführung der Pflege und Betreuung. Wir orientieren uns an den Qualitätsgrundsätzen der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, die die folgenden Werte in den Mittelpunkt stellen: Würde Eigenverantwortung Privatheit und Intimsphäre Entfaltung Sinnsuche und religiöse Orientierung Soziales Leben Sinnerfüllte Betätigung und Zeitstrukturierung Rechtswahrung Die Gemeinsamen Grundsätze und Maßstäbe zur Qualität und Qualitätssicherung für vollstationäre Pflegeeinrichtungen, teilstationäre und ambulante Angebote (1996) sind maßgeblich für die Arbeit unserer Dienste und Einrichtungen. Sie dienen dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen als Grundlage für ihre Prüfungen. Wir beteiligen uns an externen Projekten der Qualitätsentwicklung durch unsere Mitarbeit wie auch als Modelleinrichtungen. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen arbeiten wir in multiprofessionellen Teams beständig daran, eine größtmögliche Qualität zu erreichen. Dazu überprüfen und optimieren wir regelmäßig unsere Prozesse und Strukturen und verfügen über ein internes Qualitäts-Management-System. Unsere Verwaltungsprozesse verbessern wir immer wieder mit dem Ziel, eine unterstützende und Synergien fördernde Verwaltung vorzuhalten. Den Einsatz neuer technischer Unterstützungsmöglichkeiten wägen wir unter Betrachtung von ethischen Fragestellungen sowie Effizienz und Kosten ab. 7.5 Wir fördern Ausbildung Wir unterhalten eigene Ausbildungs-, Fort- und Weiterbildungsstätten und kooperieren mit Bildungseinrichtungen, in denen Menschen für die Tätigkeit in der Altenhilfe auf verschiedenen Qualifikationsniveaus ausgebildet werden. Damit tragen wir eine Mit- Verantwortung für die Gewinnung und Ausbildung von (jungen) Menschen für soziale und pflegerische Berufe. Wir sehen unsere Aufgabe u. a. darin, auch geringer quali - fi zierte Menschen für die Arbeit in der Altenhilfe zu gewinnen und sie angemessen aus- bzw. fortzubilden.

18 Wir bieten vielfältige Möglichkeiten des beruflichen Engagements von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Im Arbeitsfeld Altenhilfe benötigen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die anspruchsvolle Aufgabe der Arbeit für und mit älteren, alten und hochbetagten Menschen fachlich qualifiziert, aufmerksam und zugewandt gestalten. Die Gewinnung von Fachkräften ist ein zentrales Thema in der Altenhilfe. Diese sind insbesondere auch für die Anleitung geringer qualifizierter Arbeitskräfte und die Koordinierung der Unterstützungsleistungen verantwortlich. Gleichzeitig werden motivierte und engagierte Hilfskräfte benötigt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren und langfristig zu binden, ist eine wesentliche Aufgabe der Führungskräfte im Arbeitsfeld Altenhilfe. Die Identifikation mit der Aufgabe und den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel als Arbeitgeber ist dabei von besonderer Bedeutung. Wir bieten Raum für Austausch und Bildungsmöglichkeiten zu unserem diakonisches Selbstverständnis und christlichen Glauben. Wir haben den An spruch, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Planungs- und Entscheidungsprozessen in ihrem Aufgabenfeld zu beteiligen und Informationen frühzeitig und umfassend zur Verfügung zu stellen. Als großer Arbeitgeber, der in vielen Arbeitsfeldern tätig ist, bieten wir arbeitsfeldübergreifende Entwicklungs-, Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. 7.7 Wir fördern Bürgerschaftliches Engagement Uns ist die Gewinnung von bürgerschaftlich engagierten Menschen im Ehrenamt wichtig. Sie begegnen älteren Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, als Mitbürgerin und Mitbürger und nicht in der Rolle des professionellen, bezahlten Dienstleisters. Damit wird eine zusätzliche wichtige Beziehungsebene angeboten. Bürgerschaftlich Engagierte sind bei ihrem Arbeitseinsatz nicht in der Weise wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Effektivität und Effizienz gebunden und können deshalb ihre Beziehung zu alten Menschen anders gestalten. Sie ermöglichen andere und zusätzliche Angebote im Alltag. In dieser Weise ein Netzwerk menschlicher Beziehungen aufzubauen, bedeutet auch eine Bereicherung für das Gemeinwesen. 7.8 Wir handeln wirtschaftlich Für diakonische Einrichtungen ist es unter den gegebenen Rahmenbedingungen nur schwer möglich, Einrichtungen rentabel zu führen: Die angewandten Tarife BAT/AVR liegen im Pflegebereich auf branchenüblichem Niveau. Die Kostenträger deckeln die Ausgaben und erhöhen gleichzeitig kontinuierlich die qualitativen Standards. Wenn für die Arbeit in der Altenhilfe gesellschaftlich nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, ist es zwangsläufig notwendig, die Sach- und Personalkosten auf das jeweilige Refinanzierungsniveau zu senken. Dies ist die Voraussetzung für den langfristigen Erhalt der Einrichtungen und Dienste. In den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wurde ein leistungsbezogenes Steuerungsmodell entwickelt, um den Ressourceneinsatz im Bereich Pflege, Hauswirtschaft und Verwaltung zu optimieren.

19 19 Der wirtschaftliche Druck setzt der Qualität der Ver sorgung Grenzen: Personalknapp heit und Stau bei den Instandhaltungen der oftmals alten Gebäude, stellen hohe Anforderungen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bedeuten eine Herausforde rung an die Arbeitsorganisation. Die Einrichtungen der v. Bodelschwinghschen Stif tungen Bethel kooperieren über greifend z. B. im Einkauf, um Sachkosten senken zu können. Andere Organisations formen von Arbeit z. B. neue Arbeitszeitmodelle werden erprobt. Dies sichert einerseits Arbeitsplätze und reduziert andererseits Personalkosten. 7.9 Wir leben unseren Glauben und bieten Orientierung an Als diakonisches Unternehmen sehen wir unsere Arbeit im Auftrag Jesu begründet und orientieren uns in unserem Handeln an der biblischen Botschaft. Wir bieten unsere Dienste mit diakonischer Prägung und guter fachlicher Qualität allen Menschen an. Eine besondere Herausforderung liegt in der vorrangigen Option der Kirche für die Armen : Wo Menschen in Not sind, sich nicht selber helfen können bzw. keine ent sprechenden Netzwerke haben, suchen wir nach Möglichkeiten, ihnen Unterstützung anzubieten. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen ihren persönlichen Glauben in die Arbeit ein. Ihre diakonische Haltung zeigt sich im täglichen Umgang mit den Menschen. Wir ermutigen und begleiten sie darin. Wie auch in anderen Lebensphasen kann der christliche Glaube im Altwerden und auf der letzten Wegstrecke eines Menschen eine Hilfe sein, Rückblick zu halten, das eigene Leben im Zusammenhang zu sehen und als ein einzigartiges Leben zu bejahen. Er kann eine Hilfe sein, auch mit Unglück, Leid, Versagen und Schuld umzugehen. Der christliche Glaube kann über die Zusage der Nähe Gottes auch an den Grenzen des Lebens Ver trauen stärken und dabei helfen, Ängste zu überwinden. Er kann über ge lebte Formen wie z. B. Gottesdienst, Besinnung, Andacht, Abendmahl, Salbung, Aus segnung Ge meinschaft herstellen und dem Einzelnen die Erfahrung vermitteln, getragen zu sein. Alte Menschen erinnern sich häufig wieder neu an frühe Erfahrungen ihres Lebens. Religiöse Prägungen spielen dabei eine besondere Rolle. Aus Kindheit und Jugend bekannte biblische Texte, Gebete, Lieder bekommen neue Bedeutung, gerade auch für Menschen, die an Demenz leiden. Sie können Halt und Orientierung geben.

20 20 In unseren Einrichtungen beziehen wir bewusst bekannte Riten, Lieder, Texte in das gemeinsame Leben und in die persönliche Begleitung einzelner Menschen ein. Wir bieten Gespräche zu Glaubens- und Sinnfragen an und entwickeln lebendige Beziehungen zu benachbarten Kirchengemeinden. Seelsorgerliche Begleitung, Andachten und Gottesdienste, Feste im Laufe des (Kirchen-)Jahres gehören zur Gestaltung des Lebens in unseren Einrichtungen und Diensten. Menschen, die in unseren Einrichtungen sterben, werden in der Regel ausgesegnet und verabschiedet. Menschen mit anderen konfessionellen oder religiösen Orientierungen werden in unseren Einrichtungen und Diensten ganz selbstverständlich respektiert Wir nehmen so weit wie möglich Rücksicht auf ihre Kultur und vermitteln, wenn gewünscht, Kontakte zu ihrer Religionsgemeinschaft. Die Würde des Menschen ist unantastbar, bis zuletzt. Menschen, die auf Hilfe gerade auch im sehr persönlichen, intimen Bereich angewiesen sind, erleben ihre Abhängigkeit oft als beschämend, haben das Gefühl, anderen Menschen nur noch zur Last zu fallen. Wir sehen das Altwerden, das Angewiesensein auf Hilfe, das Sterben als etwas, das wesentlich zum Leben dazu gehört. So individuell und einzigartig wie das Leben eines Menschen ist, so ist es auch sein Altwerden und sein Sterben. Wir unterstützen Menschen dabei, in würdiger Weise den letzten Abschnitt ihres Lebensweges zu gehen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben immer wieder die Spannung zwischen ihrem persönlichen und dem fachlichen Anspruch diakonischer Altenhilfe und der Wirklichkeit der gesetzlichen Vorgaben und der Refinanzierung. Unser Ziel ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, andererseits im gegebenen Rahmen möglichst gute Arbeit zu leisten. In besonderer Weise stellt sich die Frage der Menschenwürde im Prozess des Sterbens und beim Einsatz lebenserhaltender Maßnahmen. Die Grenzen zwischen Begleitung eines Menschen im Prozess des Sterbens und aktiver Sterbehilfe verschwimmen in einigen europäischen Ländern und auch in der Diskussion in Deutschland zunehmend. Auch bei uns begegnen wir sehr unterschiedlichen Haltungen und Meinungen bei Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ärztinnen und Ärzten sowie Angehörigen. Dies führt häufig zu Konfliktsituationen zwischen den beteiligten Personen und beeinträchtigt die schwere Situation der Be gleitung und Pflege alter Menschen zusätzlich.

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