Die Götterwelt des Voodoo

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2 Die Götterwelt des Voodoo Indessen sind die Greuelbilder vom meuchelmörderischen und sogar kannibalistischen Voodookult weitaus älter als die heutigen Zombies aus Zelluloid. Seiner Herkunft nach ist der haitianische Voodooismus eine Sklavenreligion, gefügt aus kulturellen Trümmern, aus bruchstückhafter Erinnerung an Götter, Gebete und Rituale, die mit den Sklaven aus Dahome, Kongo oder Nigeria in die Neue Welt verschleppt worden waren. Die erste Schiffsladung Sklaven traf bereits Anfang des 16. Jahrhunderts an der Küste Haitis ein wenige Jahre, nachdem Kolumbus Amerika entdeckt hatte. Nahezu industrielle Ausmaße aber nahm die Verschleppung der Afrikaner ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an. Der offizielle Vorwand für dieses hunderttausendfache

3 Unrecht lautete, dass man die Sklaven zum Christentum bekehren und mit den Segnungen der weißen Zivilisation vertraut machen müsse. Die Wirklichkeit jedoch sah anders aus: In Massentaufen wurden die Schwarzen von katholischen Priestern flüchtig mit Weihwasser besprengt und anschließend auf Zuckerplantagen und in die Goldminen getrieben. Dort kamen sie zu Zehntausenden unter der Peitsche zu Tode oder starben einfach an Hunger, Elend, Krankheit, Unterernährung glücklicherweise aber mit der Aussicht auf ein ewiges Leben im Jenseits des weißen Mannes. Mit der organisierten Gewalt gegen die schwarzen Sklaven wuchs jedoch auch die Angst ihrer Peiniger vor der Rache der Entrechteten. Um ihr Gewissen zu beschwichtigen, verteufelten die christlichen Herren ihre heidnischen Opfer als

4 Satansbrut, die keine bessere Behandlung verdient habe. So entstanden die ersten abergläubischen Legenden und von Hysterie genährten Gerüchte um teuflische Praktiken der Voodooisten, die beispielsweise weiße Kinder entführten und den gesottenen Leichnam rituell verzehrten. Währenddessen versuchten die Priester und Adligen, die in beträchtlicher Zahl aus den afrikanischen Königreichen verschleppt worden waren, aus den überlieferten Bruchstücken einen religiösen Ritus zu fügen, der Bedürfnissen und Gewohnheiten aller bunt zusammengewürfelten Volksgruppen entsprach. Weitaus bedeutsamer als kulturelle Unterschiede in der Bezeichnung, Anrufung oder Verehrung einzelner Götter war das allen gemeinsame überwältigende Gefühl der Entwurzelung und des Verlustes. Das Paradies des Voodoo, die

5 Sphäre der Götter, Engel und unsterblichen Ahnen, wohin jede Seele nach dem Tod zurückkehrt, ähnelt daher weder dem christlichen Jenseits noch der Hölle Satans, dem die Voodooisten angeblich huldigten. Seine Urbilder sind vielmehr die verlorene Heimat der Verschleppten, bald schon mythisch entrückte afrikanische Königreiche namens Dahome oder Guinée. Die Insel unter dem Meer Im folgenden Kapitel komme ich noch ausführlich auf die Geschichte des haitianischen Voodoo zu sprechen einschließlich seiner Abgrenzung von den autochthonen Vodunkulten im heutigen Benin wie auch von den afroamerikanischen Rudimenten des Voodoo, die etwa in der Gegend von New Orleans unter dem Namen Hoodoo bekannt sind. An dieser Stelle geht

6 es vor allem um eine erste Annäherung an das Jenseitskonzept des haitianischen Voodooismus und die Beziehungen zwischen den Welten, wie diese Religion sie lehrt und in ihren Riten umzusetzen sucht. Das mythische Dahome oder Guinée des Voodoo, Gegenstand ritualisierter Anrufungen während der Zeremonien, hat sich von den realen afrikanischen Landschaften namens Guinea oder Dahome (im heutigen Benin) vollständig abgelöst. Gewiss trifft es zu, dass etliche der wichtigsten Gottheiten des Voodoo ursprünglich aus einstigen Königreichen Afrikas stammen, aus denen sie gleichsam in den Köpfen der Versklavten mit verschleppt wurden. Aber im Verlauf der Jahrhunderte haben auch sie sich, ebenso wie Kultur und Menschen Haitis, so sehr gewandelt, dass die Unterschiede heute in mancherlei Hinsicht

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