Freie und Hansestadt Hamburg DIE SENATORIN

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1 Seite 1 von 17 Freie und Hansestadt Hamburg B e h ö r d e f ü r W i s s e n s c h a f t u n d F o r s c h u n g DIE SENATORIN Impulsvortrag beim Politischen Abend des Hochschulforum Digitalisierung , 19:00 Uhr Regionalzentrum der Fernuniversität Hagen, Anna-Louisa-Karsch-Str. 2, Berlin Es gilt das gesprochene Wort. Sehr geehrter Herr Prof. Hoyer, sehr geehrter Herr Dr. Meyer-Guckel, sehr geehrter Herr Prof. Jäckel, sehr geehrter Herr Schüller, sehr geehrte Preisträgerinnen, sehr geehrter Preisträger, meine sehr verehrten Damen und Herren,

2 vielen Dank für die Einladung zum politischen Abend Humboldt Digital des Hochschulforums Digitalisierung. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, mit Ihnen über Lern- und Bildungsprozesse im 21. Jahrhundert zu diskutieren und über die Rolle der Digitalisierung in der Hochschullehre. Ich möchte diese Gelegenheit unter anderem dazu nutzen, Ihnen die Strategie Hamburgs für digitales Lehren und Lernen an unseren staatlichen Hochschulen vorzustellen. Seite 2 von 17 Die Digitalisierung erfasst mittlerweile so gut wie alle Lebensbereiche der Menschen: in den Industrieländern, aber auch in den Schwellenund in Entwicklungsländern. Sie bestimmt weltweit die Kommunikation, den Wissenstransfer und das Rechercheverhalten, in allen Bereichen der Gesellschaft, nicht zuletzt auch in der Wissenschaft und Lehre. Vor dem Hintergrund der Digitalen Agenda der

3 Bundesregierung ist für den Bereich Wissenschaft und Forschung Handlungsbedarf insbesondere auf sechs Feldern zu identifizieren: 1.) Anpassungen im Urheberrecht für digitale Anwendungen bei Bildung und Wissenschaft. 2.) Eine umfassende Open-Access-Strategie für wissenschaftliche Publikationen. 3.) Die Weiterentwicklung und Vernetzung von digitalen Forschungsdateninfrastrukturen - von digital humanities bis Hochleistungsrechnersystemen. 4.) Neue Konzeptionen, Verfahren und Techniken für Digitales Lernen. 5.) Die Weiterentwicklung der Digitalen Verwaltung an wissenschaftlichen Einrichtungen. 6.) Vernetzung in der Wissenschaft allgemein, etwa zwischen Hochschulen und Staatsbibliotheken oder Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Uns interessiert hier und heute vor allem die Seite 3 von 17

4 Seite 4 von 17 Digitalisierung des Lernens, genauer, die Digitalisierung in der Hochschullehre. Meine Damen und Herren, die Tatsache, dass wir heute via Internet eine unglaubliche Menge an Informationen beschaffen können, generiert noch kein neues Wissen, keinen Lernprozess. Ich denke, darin sind wir uns einig. Aber auch der für den Lernprozess erforderliche Informations- und Gedankenaustausch von Menschen geschieht zunehmend auf digitalem Wege. Vernetzte elektronische Systeme, nicht nur das Internet, ermöglichen Lernprozesse, die auf allgemein zugänglichen, vernetzten, partizipativen und kollaborativen Anwendungen beruhen. Diese Art von Anwendungen spielt allerdings in der Hochschullehre immer noch eine viel zu geringe Rolle. Die Digitalisierung der Hochschullehre wirft bekanntlich eine ganze

5 Reihe ungelöster Probleme und unbeantworteter Fragen auf. Sie sind die Hauptgründe dafür, warum deutsche Hochschulen das Thema digitale Lehre bisher nicht systematisch angegangen sind: Wie soll das überhaupt technisch gehen, ist es künftig egal, ob man in die Vorlesung kommt oder sie sich am Computer anschaut, was ist mit den Urheberrechten an didaktischen Materialien, das hat doch alles keine wissenschaftliche oder pädagogische Qualität So oder so ähnlich lauten die Sorgen und Bedenken. Seite 5 von 17 Das Problem dabei ist: Wenn die staatlichen Hochschulen sich nicht überlegen, wie sie in Zukunft ihren akademischen Informations- und Wissenstransfer unter den Bedingungen der zunehmenden Digitalisierung im Bildungsbereich gestalten wollen, dann tun es andere. Nämlich kommerzielle Anbieter. Sie

6 sind schon kräftig dabei. Noch ringen sie um ihre Geschäftsmodelle, um ihre Finanzierungsmodelle und um ihre Inhalte. Noch sind sie keine wirklich ernst zu nehmende Konkurrenz. Aber das war auf dem Musikmarkt einst nicht anders. Und auf dem Verlags- und Buchmarkt auch nicht. Und bei beiden haben wir erlebt, wie die Digitalisierung die bisherigen Marktstrukturen innerhalb weniger Jahre zerstört und neue etabliert hat. Seite 6 von 17 Deshalb sage ich: Wer sich jetzt nicht in Position bringt, dem droht möglicherweise in zehn, fünfzehn Jahren dasselbe Szenario, das wir heute in der Verlags- und Buchhandelsbranche erleben: dass er nämlich die Vorgaben eines kommerziellen Plattforminhabers akzeptieren muss, um überhaupt noch mit seinen Angeboten wahrgenommen zu werden. Wir wollen aber nicht die Situation haben, dass es zwei oder

7 drei kommerzielle Anbieter gibt, die entscheiden, welche Hochschulen mit welchen Inhalten auf ihrer Plattform vorkommen, und die dadurch etwa der Universität Hamburg faktisch diktieren, welche Fachgebiete sie betreibt und welche nicht. Auch deshalb ist es gut und richtig, dass die Bundesregierung ihr Programm Digitale Agenda verfolgt. Und deshalb ist das Forum Digitalisierung so wichtig. Seite 7 von 17 Meine Damen und Herren, wir haben uns in Hamburg entschieden, eine eigene digitale Hochschul-Plattform zu entwickeln: keine profitgeleitete, sondern eine wissensgeleitete Plattform, die dem gesetzlichen Auftrag der staatlichen Hochschulen entspricht, gebührenfreie grundständige Lehre anzubieten; die ganzheitliche, lernendenzentrierte Bildungsprozesse ermöglicht; und die auf

8 allgemein zugänglichen, vernetzten, partizipativen und kollaborativen Anwendungen beruht: die Hamburg Open Online University. Ja, wir wollen den ganz großen Wurf versuchen. Und wir wollen damit in der staatlichen akademischen Hochschullehre in Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen. Seite 8 von 17 Die Hamburg Open Online University wird entwickelt und betrieben von den sechs staatlichen Hamburger Hochschulen, dem Universitätsklinikum und dem Senat, vertreten durch meine Behörde. Die Hochschulen und das UKE betreiben bereits erfolgreich eigene digitale Lehrangebote. Diese sind schon seit gut einem Jahrzehnt integraler Bestandteil ihrer Hochschullehre. Es geht daher nicht darum, diese Plattformen zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen um eine hochschulübergreifende digitale Plattform.

9 Die Hamburg Open Online University vernetzt die Hamburger Hochschulen mit öffentlich-staatlichem, nichtkommerziellen Bildungsauftrag untereinander. Sie garantiert insofern die Qualitätsstandards, für die diese Hochschulen stehen. Diese Vernetzung des Wissens und der Lehrangebote von sechs renommierten staatlichen Hochschulen ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zu kommerziellen Anbietern - und ein entscheidender Wettbewerbsvorteil auf dem entstehenden digitalen Hochschulbildungsmarkt. Dieses Modell ermöglicht zudem neue, auch institutionelle Kooperationsformen zwischen den Hochschulen. Seite 9 von 17 Mit der geplanten digitalen Lernplattform wollen wir darüber hinaus die Hochschulbildung in Hamburg für weitere

10 Zielgruppen öffnen mit dem Ziel, unser Bildungssystem durchlässiger zu machen und Bildungschancen zu erhöhen. Die Hamburg Open Online University stellt digitale Lehrangebote der staatlichen Hamburger Hochschulen zur Verfügung und zwar nicht nur ihren immatrikulierten Studierenden, sondern auch der interessierten Öffentlichkeit, ähnlich der Staats- und Universitätsbibliothek. Sie schlägt auf diese Weise eine Brücke in Gesellschaftsbereiche außerhalb der Hochschulen. Schülerinnen und Schüler etwa können sich frühzeitig über Inhalte von Studiengängen informieren und schauen, was ihnen liegt und was ihnen für ein Studium noch an Kenntnissen fehlt. Im Idealfall hilft das, im ersten Anlauf die richtige Studien- und Berufswahl zu treffen und dadurch die Abbrecherquote zu senken. Für beruflich Qualifizierte könnte die Hamburg Open Online University eine Möglichkeit werden, Seite 10 von 17

11 berufsbegleitend zu studieren. Meine Damen und Herren, diese öffentliche Zugänglichkeit ist in Deutschland einzigartig. Seite 11 von 17 Zum geplanten digitalen Lehrangebot selbst: Auch da halte ich die Hamburg Open Online University für zukunftsweisend. Es geht ja längst nicht mehr darum, nur ein paar Vorlesungen als Video ins Internet zu stellen. Lernen funktioniert ganz wesentlich über Beziehungen: zwischen Lernenden und zwischen Lehrenden und Lernenden. Dabei spielt auch die physische Präsenz der Lehrenden eine Rolle. Insofern werden digitale Angebote niemals die Begegnung mit einer Professorin oder einem Professor vollständig ersetzen. Wir wollen nichts und niemanden ersetzen, wir wollen das bestehende analoge und digitale Lehrangebot ergänzen. Die heutige Studierendengeneration ist aber geprägt von digitalen Anwendungen wie

12 Seite 12 von 17 Facebook, Google und WhatsApp. Dieser Generation ist nicht vermittelbar, wieso digitaler Wissenstransfer an Hochschulen bisher eine so untergeordnete Rolle spielt. Die Hamburg Open Online University wird entsprechende Anwendungen anbieten: Online-Kurse, bei denen man mit anderen Studierenden vernetzt an konkreten Aufgaben arbeitet. Die Lehrenden stellen dafür entsprechendes Material zur Verfügung und geben den Studierenden Rückmeldung zu ihrem Lernprozess. Auf diese Weise können Studierende problem und project based learning mit anderen Studierenden, Schülern und weiteren interessierten Menschen in der ganzen Welt praktizieren. Hamburg plant dabei, dass auf der Plattform auch mit frei verfügbaren Lehr- und Lernmaterialien gearbeitet wird, das heißt, mit

13 open educationel resources, also mit didaktischen Inhalten, die sich verändern und weiterverbreiten lassen. Das wirft zum einen urheberrechtliche Fragen auf. Zum anderen ist es eine Menge Arbeit, einen solchen Kurs zu konzipieren, und dazu muss man zunächst die dazugehörigen Anwendungsprogramme beherrschen. Das Konzept für die Hamburg Open Online University sieht daher auch vor, Lehrende entsprechend zu qualifizieren und weiterzubilden und den technischen Support sicherzustellen. Der Senat hat hierfür entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt. Eine Probeversion der digitalen Lernplattform ist bis Mitte des Jahres geplant. Seite 13 von 17 Meine Damen und Herren, zurzeit arbeiten drei Expertengruppen daran, didaktische Formate zu entwickeln, juristische Fragen zu klären, die Qualifizierung von Lehrenden zu entwickeln und die Hamburg

14 Open Online University technisch umzusetzen. Klar ist meines Erachtens schon jetzt: Anders als befürchtet, wird die Digitalisierung die Hochschullehre nicht ab-, sondern aufwerten und zur Steigerung ihrer Qualität beitragen. Ich bin sicher: Die Hamburg Open Online University wird zu einem Kulturwandel bei unseren Hochschulen führen. Der Einsatz digitaler Medien wird genauso selbstverständlich werden wie der bewährter herkömmlicher Lehr- und Lernmittel. Bei Berufungen wird die digitale Kompetenz von Lehrenden künftig eine wichtige Rolle spielen müssen. Seite 14 von 17 Das Neue an der digitalen Hochschullehre ist dabei nicht die Technik, sondern das kluge Zusammenspiel von Didaktik und Technik. Dafür wird die Hamburg Open Online University eine hervorragende Grundlage sein.

15 Seite 15 von 17 Klar ist: Die Hamburg Open Online University wird nie fertig sein. Genauso wie herkömmliche Lehrmethoden ständig weiter entwickelt werden, wird dies auch für die Hamburg Open Online University der Fall sein. Die Digitalisierung ist ein Prozess, der nie aufhört. Sie ist eine grundlegende gesellschaftliche und technologische Umgestaltung und Veränderung der Welt. Wir haben uns vorgenommen, diesen Prozess für Hamburg strategisch zu steuern. Meine Damen und Herren, wir werden ja nachher noch über die oft gestellte Frage diskutieren, ob und inwiefern die Digitalisierung der Hochschullehre die gesellschaftliche Rolle der Hochschulen generell in Frage stellt. Ohne allzu viel vorwegnehmen zu wollen: Wenn die Hochschulen sich an die Spitze dieser

16 Entwicklung stellen und deren Qualitätsstandards definieren, ist mir um die Zukunft der Hochschulen als Institutionen nicht bang. Hinzu kommt: Auch künftig werden viele junge Menschen einen Hochschulabschluss mit dem Stempel einer Universität oder einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften anstreben. Selbstverständlich. Die staatlichen Hochschulen werden auch künftig die wichtigsten Institutionen für gebührenfreie grundständige Lehre sein. Das ist ihr gesellschaftlicher Bildungsauftrag. Daran wird sich nichts ändern, nur weil sich Art und Organisation der Wissensvermittlung ändern und kommerzielle Anbieter gebührenpflichtige Angebote machen. Zudem gibt es nur an den Hochschulen die Möglichkeit, von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu lernen: sowohl in Präsenz- als auch in Online- Veranstaltungen. Seite 16 von 17

17 Ich bin gespannt auf Ihre Fragen! Seite 17 von 17

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