5. SUBSTANZINDUZIERTE STÖRUNGEN: ALKOHOLISMUS

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1 49 5. SUBSTANZINDUZIERTE STÖRUNGEN: ALKOHOLISMUS * Gebrauch von bestimmten Substanzen kann zu Beeinträchtigung von Erleben und Verhalten führen -> kurz- oder längerfristig fehlangepaßte Verhaltensmuster => Substanzmißbrauch: -> Substanz hat zentralen Platz im Alltag der Person -> Verlust der Rollenerfüllung in den verschiedenen Lebensbereichen * solche Substanzen sind: Alkohol, Koffein, Halluzinogene, Tabak, flüchtige Lösungsmittel * mehrfacher Substanzmißbrauch: Einnahme von mehreren Suchtmitteln -> multiple Abhängigkeit (= Polytoxikomanie) => Substanzabhängigkeit: zu den bereits erwähnten Beeinträchtigungen kommt körperliche Abhängigkeit * Kennzeichen der körperlichen Abhängigkeit: -> Toleranzentwicklung -> Entzugssymptome bei plötzlicher Unterbrechung der Drogeneinnahme * DSM-IV: Substanzinduzierte Störungen * ICD-10: Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen => Alkohol: -> wirkt dämpfend auf das ZNS (Aktivitäten des Nervensystems werden verlangsamt) -> bei ausreichender Dosierung: Spannungslösung und Enthemmung -> Beeinträchtigung der motorischen Funktionstüchtigkeit -> Beeinträchtigung der Urteilsfähigkeit * Unterscheidung zwischen Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit (siehe oben!); sind sehr gut untersuchte Störungsbilder * bio-psycho-soziales Modell (= Ursachenmodell der Alkoholabhängigkeit): -> Alkohol (Droge mit Suchtpotenz) -> Person (körperliche und psychische Faktoren) -> Sozialfeld (Trinkverhalten, Griffnähe, Anforderungen der Familie, des Arbeitsplatz, der Gesellschaft) Diese drei Faktoren spielen beim Alkoholismus eine Rolle! * unterschiedliche Typen des Alkoholkonsums: 1) Nichttrinker 2) Trinker (Alkoholkonsumenten) a) gelegentlich Trinkende b) gelegentlich exzessiv Trinkende

2 50 3) Alkoholiker a) nicht süchtige -> Alpha-Alkoholiker -> Beta-Alkoholiker b) süchtige (= Alkoholkranke) -> Gamma-Alkoholiker -> Delta-Alkoholiker -> Epsilon-Alkoholiker * Im Englischen Unterscheidung von: -> misuse: Einsatz einer Substanz abweichend von dazu vorgesehenen Orten und Situationen -> abuse: Konsumation in einer von der soziokulturellen Norm abweichenden Menge * Menge des Alkohols hat wichtige Bedeutung in Hinblick auf -> Körpergröße -> Verträglichkeit -> Langzeitschäden => Ausmaß der Wirkung des Alkohols auf den Stoffwechsel wird gemessen an seiner Konzentration im Blut => Gleicher Alkoholspiegel wirkt sich bei einer schwereren Person weniger aus; Grund: schwerere Person hat größeres Blutvolumen => Frauen vertragen weniger (kritische Grenze = 20g pro Tag); bei Männern 60g / Tag * Alkohol kann auch hinsichtlich seiner Funktion mißbraucht werden -> wenn er als Mittel zur Verbesserung der Stimmung oder zur Reduzierung von Hemmungen eingesetzt wird. Je mehr er diese Funktion erhält -> Bewältigungsverhalten wird an Suchtmittel gebunden -> Lernvorgang (einzelne miteinander verknüpfte Reize können nur sehr schwer wieder entkoppelt werden!) * Alkoholkonsum (z.b. in Deutschland) in den letzten 50 Jahren vervierfacht, Zahl der behandlungsbedürftigen Alkoholiker verzehnfacht * Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums: -> mittelfristige bzw. langfristige Schädigung von neurokognitiven Funktionen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration, Kritikfähigkeit) -> Beeinträchtigung von körperlichen Parametern (z.b. Leber und Herz) * großen Einfluß auf dem Weg in den Alkoholismus haben va. bei Jugendlichen die Peer- Groups (sind starke Bezugsnorm, oft alkoholfreudiges Milieu)

3 51 * Familie: > Alkoholiker wird mit zunehmender Sucht zum schwächsten Glied -> Rollenverlust -> Ausgliederung aus dem Familienverband > Nach Rückkehr aus Therapie -> Status ist von anderem Familienmitglied besetzt; Systemveränderung hat stattgefunden -> oft deshalb neuerliches Abgleiten in die Sucht > Daher: Miteinbeziehen der Familie in die Therapie! a) Verlaufsformen: * 3 Alkoholismus-Formen: 1) Funktion des Alkohols spielt große Rolle, Person setzt Alkohol zu einem bestimmten Zweck ein => Alpha-Alkoholiker 2) Alkohol wird als generelle Problemlösestrategie eingesetzt; massive Schädigungen => Gamma-Alkoholiker 3) Alkohol wird gleichmäßig konsumiert => Beta-Alkoholiker bei jahrelangem übermäßigem Gebrauch -> Chronifizierung => Delta-Alkoholiker (= Spiegeltrinker; fällt oft lange Zeit nicht auf...) außerdem: Epsilon-Alkoholiker: neigt zu Alkoholexzessen, dann wieder lange Zeit nüchtern Verlaufsformen nach JELINEK: 1) Alpha-Trinker: -> psychische Grundstörung stark -> physiologische Vulnerabilität nicht bis gering -> soziokulturelle Bedingungen gering bis mittel -> Gewebstoleranz gering bis mittel -> Suchtmechanismen / Hauptkriterien: kein Kontrollverlust, keine Abhängigkeit -> Progredienz: psychische Abhängigkeit nicht bis gering = typisch für Skandinavien 2) Beta-Trinker: -> psychische Grundstörung gering -> physiologische Vulnerabilität nicht bis gering -> soziokulturelle Bedingungen gering bis mäßig -> Gewebstoleranz gering bis mäßig -> Suchtmechanismen / Hauptkriterien: keine Abhängigkeit -> Progredienz ohne Berücksichtigung der soziokulturellen Abhängigkeit nicht bis gering = typisch für Weingegenden

4 52 3) Gamma-Trinker: -> psychische Grundstörung: stark -> physiologische Vulnerabilität: hoch -> soziokulturelle Bedingungen: gering bis mäßig -> Gewebstoleranz: hoch -> Suchtmechanismen / Hauptkriterium: Palimseste; Kontrollverlust -> Progredienz: zunächst reine psychische Abhängigkeit, hoch = typisch für den angloamerikanischen Raum; kommt im Mittelmeerraum nicht vor 4) Delta-Trinker: -> psychische Grundstörung: gering -> physiologische Vulnerabilität: hoch -> soziokulturelle Bedingungen: hoch -> Gewebstoleranz: hoch -> Suchtmechanismen / Hauptkriterium: kein Kontrollverlust; nicht aufhören können -> Progredienz: rasche physische Abhängigkeit, langsamere Progression = typisch für Weingegenden; kommt vor allem im Mittelmeerraum vor (z.b. Frkr.) * Phasen eines Gamma-Trinkers nach JELINEK: a) präalkoholische Phase: -> einige Monate bis 2 Jahre; allmähliches Steigen der Toleranz bis zu jenem Punkt, an dem es zum Kontrollverlust kommt. -> Person setzt Alkohol in falscher Weise ein, wird zur allgemeinen Problemlösestrategie (z.b. um sich Mut zu machen, um sich zu aktivieren, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, um sich zu entspannen, um sich in Gesellschaft zu integrieren, um das Alleinsein zu ertragen, usw.) b) prodromale Phase: 6 Monate bis 5 Jahre; am Anfang Palimseste; Kontrollverlust -> Person kann nicht mehr mit dem Trinken aufhören; Konsequenz = Rausch und Intoxikation -> Person kann sich nicht mehr erinnern, die eigentliche Abhängigkeit beginnt... c) kritische Phase: Jahre; Kontrollverlust -> Phase der eigentlichen Abhängigkeit -> Alkohol wird immer weniger gut abgebaut, Person verträgt immer weniger d) chronische Phase: Absinken der Toleranz -> Gedächtnis- und Merkfähigkeitsstörungen (beziehen sich vor allem auf den Zeitraum, in dem übermäßig Alkohol getrunken wird -> Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit -> allgemeiner Abbau -> Person verhält sich kritiklos -> Abstinenzerscheinungen werden mit Alkohol bekämpft -> oft Abgleiten in ein niedrigeres Milieu, Person wird zu Außenseiter der Gesellschaft und schließlich zu Dauerpatienten in Psychiatrie

5 53 -> bei schwerem Mißbrauch: Wernicke-Encephalopathie bis Korsakoff-Syndrom * Hohe Komorbidität mit primär psychischen Störungen, wie affektiven Störungen (dysphorische, depressive oder bipolare Episoden); bei schwerer Alkoholvergiftung auch akute Alkoholpsychose mit typisch psychotischen Merkmalen. b) Therapie: * früher: oberstes Ziel = Abstinenz (-> ist für die fortgeschrittenen Stadien der Abhängigkeit auch heute unabdingbare Voraussetzung); Hauptaugenmerk wurde auf die getrunkene Menge gelegt (wird jedoch vom Trinker geleugnet und daher falsch angegeben!) * heute: > auch kontrolliertes Trinken / soziales Trinken : -> Alkoholkonsum wird von bestimmten Funktionen, wie Spannungs- und Streßreduktion, entkoppelt -> geänderter Trinkstil wird initiiert -> ABER: NICHT für abhängige Problemtrinker und chronische Alkoholiker -> Rückfall bewirkt aber nicht Ausschluß aus dem Therapieprogramm (= Möglichkeit, die eigene Gefährdung erkennen zu lernen!) > man achtet mehr auf Funktionalität des Alkohols und das Bedingungsgefüge seiner Konsumation. > wichtig ist aber vor allem: individueller Zugang -> wieviel trinkt jemand -> zu welcher Tageszeit trinkt er? -> bei welchen Gelegenheiten trinkt er? -> mit welchen Vorstellungen trinkt er? > auch heute Ziel der Behandlung = lebenslange Alkoholabstinenz -> ambulante und stationäre Therapiemöglichkeiten, z.b. Spezialambulanzen, Fachkliniken, Beratungsstellen, niedergelassene Fachärzte > therapeutische Kleingruppen und Einzelpsychotherapie > Zielpersonen = Patient selbst UND die gesamte Familie (-> Familientherapie) > Setting wird entsprechend der individuellen Lebenssituation des Patienten und seiner sozialen Umwelt gewählt

6 54 > Vorgangsweise: -> zuerst Alkoholentzug (= Entgiftung ), wird meist unterstützt durch Medikamente -> dann Aufarbeitung der Probleme in Zusammenarbeit mit den Angehörigen (eventuell auch mit Arbeitgeber, Freundeskreis, etc. falls möglich) - Erkennen von Problemlösestrategien - Herauslösen aus der Abhängigkeit und der Fremdkontrolle - Üben der neuen Rolle als abstinenter Alkoholiker - Erarbeiten von alkohol-inkompatiblen Verhaltensstrategien - Erzielen von Krankheitseinsicht und Motivationsaufbau -> relapse prevention : Bedachtnahme auf rückfallgefährdende Situationen und Verhaltensweisen -> Arbeit auf der Ebene der Antizipationen (= Erkennenlernen auslösender Situationen, Vorwegnahme möglicher Konsequenzen) -> besonders wichtig = Behandlung der Verhaltensdefizite in vivo -> Alkoholablehnungstraining * Notwendigkeit und Dauer einer stationären Therapie: > hängt ab von: -> individuellem Krankheitsbild -> Folgeschäden -> sozialer Unterstützung > dauert 4 Wochen - 6 Monate; > ist heute Standard (va. in größeren Städten * Nachsorgephase notwendig wegen -> alkoholfreier Bewältigung von Krisen -> Risiko für Rückfälle abfangen => Selbsthilfegruppen (z.b. Anonyme Alkoholiker) * begleitende medikamentöse Therapie ist oft notwendig, weil: -> Behandlung der Entzugserscheinungen -> Behandlung der Stimmungsschwankungen ABER: aufpassen, daß es nicht zur Suchtverschiebung (d.h. vom Alkohol zu Medikamenten) kommt!

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