Die Hintergründe einer schleichenden Volkskrankheit. Bluthochdruck eine tickende Zeitbombe. Quelle: MTD-Verlag; Artikel aus MTD 7/2000

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1 Die Hintergründe einer schleichenden Volkskrankheit Bluthochdruck eine tickende Zeitbombe Quelle: MTD-Verlag; Artikel aus MTD 7/2000 Verfasser: Hartmuth Brandt; Mobilissimo, Institut für herstellerneutrale Pflege- und Hilfsmittelberatung Holtzendorffstraße 213, München, Bluthochdruck tut nicht weh zunächst zumindest. Doch die Folgen der schleichenden Volkskrankheit sind vielfältig und lebensbedrohlich. Hartmuth Brandt (Dipl.-Ökonom/Krankenpfleger Mobilissimo/Institut für herstellerneutrale Pflege und Hilfsmittelberatung, München) schildert in seinem Beitrag die Hintergründe dieses Krankheitsumfeldes. Der Mann konnte einfach nicht schlafen: Mehr als vier Stunden Schlaf in der Nacht erlebte er schon seit einigen Jahren nicht mehr. Bis fünf Uhr morgens pflegte er gewöhnlich zu arbeiten; um neun Uhr vormittags leitete er die ersten Kabinettssitzungen. Und das alles mit diesen heftigen Kopfschmerzen, die ihn den ganzen Tag über plagten. Seine Blässe, die Ringe unter den Augen und die zunehmende Erschöpfung entgingen in seinen letzten, sehr bewegten Lebensjahren auch seiner Umgebung nicht. Er rang oft nach Luft und klagte häufig über Schwindelgefühle und Ohrensausen. Dieser Hypertoniker veränderte mit Hochdruck die Weltgeschichte: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, litt in seinen letzten Lebensjahren an der damals unheilbaren Hypertonie (Bluthochdruck). Lenin starb schließlich nach mehreren Schlaganfällen einer der häufigsten Spätkomplikationen der Hypertonie. Ein Einzelschicksal aus grauer Vorzeit? Keineswegs. In Deutschland hat jeder zweite Mensch über 60 Jahren einen zu hohen Blutdruck. Die Hochdruckliga schätzt die Zahl der Hypertoniker auf etwa 16 Millionen. Neun Millionen Hypertoniker erhalten eine Therapie. Aber nur vier Millionen Hypertoniker erreichen ihren Zielblutdruck. Damit sind nur ein Viertel aller Hypertoniker zufriedenstellend therapiert. Dies zeigt die Cannes-Studie aus dem Jahre Was genau ist Blutdruck? Als Blutdruck bezeichnet man den Druck des strömenden Blutes auf die Arterienwände. Der systolische Druck (oberer Messwert) entsteht beim Zusammenziehen der Herzmuskulatur. Der diastolische Druck (unterer Messwert) kennzeichnet den Blutdruck während der Erschlaffungsphase des Herzens. Der Blutdruck wird üblicherweise in mmhg (Millimeter Quecksilbersäule) gemessen. Die meisten Hochdruckkranken leiden unter der primären Hypertonie, die vor allem auf die zunehmende Verkalkung der Blutgefäße zurückzuführen ist. Nur etwa 10 Prozent der Patienten sind sekundäre Hypertoniker : Hier sind vor allem anatomische Veränderungen an den Blutgefäßen und Nierenerkrankungen die Ursache für den Hochdruck. Als allgemeine Symptome gelten:

2 - Herzklopfen (v. a. nachts) - Angstgefühle - Schweißausbrüche - Schwindelgefühle - Ohrensausen - Nasenbluten - Luftnot auch im Ruhezustand - Beinödeme - Sehstörungen - starke Kopfschmerzen - Angina pectoris - Erbrechen - Gesichtsrötung (primäre Hypertonie) oder aschfahles, weißes Gesicht (sekundäre Hypertonie) Gefahr des Bluthochdrucks Ist der Blutdruck zu hoch, wird durch die Scherkräfte des strömenden Blutes die glatte Innenwand der Blutgefäße aufgeraut. Die nunmehr spröde Innenschicht bietet einen guten Anker für meist cholesterin- und kalkhaltige Ablagerungen. Die verkalkten und verengten Arterien führen zu gefährlichen Durchblutungsstörungen. Außerdem werden die Gefäße durch den hohen Druck immer weniger elastisch. Das Herz muss dann zunehmend mehr Kraft aufbringen, um die Blutversorgung zu gewährleisten. Der Blutdruck steigt also weiter. Ein Teufelskreislauf mit verheerenden Folgen. Personen mit Bluthochdruck haben ein - 8-mal höheres Schlaganfallrisiko - 7-mal höheres Herzinsuffizienzrisiko (Herzschwäche) - 6-mal höheres Niereninsuffizienzrisiko (Nierenfunktionsstörungen mit möglicher Dialysepflicht) - 3-mal höheres Herzinfarktrisiko

3 In dieser vereinfachten Grafik werden die Techniken der Blutdruckmessung dargestellt (von oben): (1) Bei der direkten Blutdruckmessung über einen Katheter innerhalb einer Arterie kann man den Blutdruck von Puls zu Puls messen. (2) Bei der Standard-Methode werden die Werte über das Abhören der Korotkoff-Geräusche in der Ellenbeuge bestimmt. (3) Bei der oszillometrischen Methode werden die Vibrationen der Arterienwand elektronisch ausgewertet, die zwischen dem kompletten Verschluss und der vollständig geöffneten Arterie auftreten. (Grafik: U. Rahner) Das tödliche Quartett Die kontinuierlich voranschreitende Verkalkung der Gefäße hat jedoch noch andere Ursachen. Bluthochdruck ist dabei nur der Haupttäter einer Viererbande, die gemeinsam die Blutgefäße schädigt. Alle vier treten häufig zugleich auf und werden als metabolisches Syndrom bezeichnet: - Bluthochdruck - Diabetes - erhöhte Blutfettwerte - Stammfettsucht Unter Stammfettsucht versteht man dabei die Anlagerung von Fettgewebe im Bereich des Bauches. Oft ist dieser Bauch gut sichtbar. Doch erst die Messung des Körperfettanteils gibt sichere Auskunft über das gesamte, manchmal nicht sichtbare Fett im Bauchbereich. Hüftspeck schädigt zwar wie jedes Übergewicht die Gelenke, ist jedoch hinsichtlich des Risikos einer koronaren Herzerkrankung weniger gefährlich als der dicke Bauch. Leiden ohne Schmerz Was hat die Viererbande gemeinsam? Unser Frühwarnsystem Schmerz versagt und verleitet uns zu einem ungesunden Lebenswandel. Wenn ein Diabetiker mit einem Blutzucker von 200 mg % in seinen Schokoriegel beißt, schreit er nicht vor Schmerz auf. Ein Hochdruckkranker kann ohne weiteres seine dritte Maß Bier trinken und dabei die zwölfte Zigarre rauchen: Weh tut das nicht. Und der dicke Bauch wird in manchen Regionen Deutschlands sogar eher stolz hergezeigt. Erhöhte Blutfettwerte beeinträchtigen das persönliche Wohlbefinden schließlich gar nicht. Nur die Spätfolgen sind schmerzhaft. Ob Herzinfarkt, Schlaganfall, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Nierenversagen oder sogar Alzheimer man weiß heute, dass das tödliche Quartett häufig die Ursache für den voranschreitenden Verfall des gesunden Organismus ist. Die einzelnen Risikofaktoren treten dabei meist gemeinsam auf: So entwickelt jeder zwölfte Hochdruckkranke einen Diabetes und jeder zweite Diabetiker einen Hochdruck. Circa 30 bis 50 Prozent aller Hochdruckkranken und etwa 90 Prozent aller Diabetiker sind übergewichtig. Als Gefahr von Bluthochdruck wenig erforscht: Schlafapnoe Hochdruckkranke sind überdurchschnittlich häufig auch von nächtlichen Atemstörungen und kurzfristigen Atemstillständen (Apnoe) betroffen. Vier Prozent der männlichen und ein bis zwei Prozent der weiblichen Bevölkerung leiden an Schlafapnoe. Bei Patienten mit Schlafapnoe ermittelt man Atemstillstände von mehr als zehn Sekunden. Das reaktive Wiedereinsetzen der Atmung bewirkt dann einen dramatischen Anstieg des Blutdrucks im kleinen Kreislauf. Die Folgen sind Herzrhythmusstörungen und Rechtsherzinsuffizienz. Außerdem ist der Schlaf nicht mehr erholsam, so dass häufig psychische Störungen der Patienten beobachtet werden. Die Diagnostik erfolgt durch stationäre oder ambulante Schlaflabore, in denen unter anderem der Blutdruck kontinuierlich gemessen wird. Die Patienten sollten bestehendes Übergewicht abbauen und Alkohol meiden

4 Je höher, desto schlechter Unter Hypertonie oder Bluthochdruck versteht man eine krankhafte Steigerung des Gefäßinnendrucks. Nach Empfehlungen der Hochdruckliga aus dem Jahre 1999 unterteilt man den Blutdruck in folgende Klassen: Für nierenkranke Patienten ist ein normaler Blutdruck bereits zu hoch. Nach Studien der Universität Heidelberg gilt für Nierenkranke ein Zielblutdruck von 120/70 mmhg. Vor allem Diabetiker leiden im Verlauf ihrer Erkrankung häufig an Nierenschäden und sollten daher den niedrigen Zielblutdruck von 120/80 mmhg ansteuern. Zu niedriger Blutdruck Circa drei Millionen Deutsche klagen über zu niedrigen Blutdruck. Doch was genau ist damit gemeint? Sinkt der Blutdruck beispielsweise auf 95/60 mmhg, so signalisiert dieser Wert unter sonst gleichen Bedingungen eine außergewöhnlich hohe Lebenserwartung. Getrübt wird diese frohe Botschaft lediglich durch Symptome wie Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Aber ist es nicht verblüffend, dass andere europäische Völker mit dem Begriff niedriger Blutdruck als eigenständigem Krankheitsbild gar nichts anfangen können? Erstaunt über das Volksleiden der Deutschen, spricht man daher im europäischen Ausland von German disease. Belastung: Wie hoch darf der Blutdruck maximal steigen? Bei gesunden Menschen kann bei bestimmten psychischen und physischen Aktivitäten ein Blutdruck von 250/130 mmhg erreicht werden. Der Belastungshochdruck wird unter standardisierten Bedingungen auf dem Fahrradergometer ermittelt. Als Faustregel gilt: - Bei einer körperlichen Belastung von 100 Watt auf dem Fahrradergometer darf der Blutdruck nicht über 200/100 mmhg steigen. - Unter der gleichen Belastung darf die Anzahl der Pulsschläge nicht höher als 180 minus der Lebensjahre betragen. Bei einem 50-Jährigen sollte also die Schlagfrequenz unter Belastung nicht über 130 Schläge pro Minute steigen. Werden diese Werte überschritten, spricht man von Belastungshochdruck. Lärm, Alkohol und Haustiere beeinflussen den Blutdruck Aktuelle amerikanische Studien unterstreichen den vermuteten blutdrucksteigernden Effekt von Stress und Lärm. Und dass Nikotin, Koffein und ein erhöhter Salzkonsum den Blutdruck steigern, ist ebenso bekannt wie wissenschaftlich belegt. Weniger bekannt ist jedoch die komplizierte Wirkung von Alkohol auf den Blutdruck: Alkohol steigert die Sympathikusaktivität und schwächt die gegenregulatorischen Betarezeptorenreflexe. Adrenalin, Noradrenalin, Vasopressin und Renin werden bei Alkoholgenuss verstärkt ausgeschüttet. So erklärt sich die blutdrucksteigernde Wirkung von Alkohol. In geringen Dosen (unter 30 g täglich) überwiegt jedoch der kardioprotektive Effekt. Gegenüber Nichttrinkern besteht nach neueren Studien ein 45 Prozent geringeres Risiko für koronare Herzerkrankungen, die als Vorläufer des Herzinfarktes gelten! Wer gar nicht trinkt, lebt also ungesünder als eine Vergleichsperson, die beispielsweise 0,5 Liter Bier oder zwei Gläser Wein am Tag genießt. Bei Hypertonikern kann der Blutdruckanstieg nach Genuss von 50 g Alkohol bis zu 10 mmhg systolisch und 5 mmhg diastolisch betragen und 60 bis 70 Minuten anhalten. Wer körperlich aktiv ist, senkt sein Risiko, eine Hypertonie zu entwickeln, im Vergleich zu körperlich inaktiven Mitmenschen um etwa ein Drittel. Dabei genügt es, am Tag

5 etwa 20 Minuten spazieren zu gehen. Dies ist das Ergebnis mehrerer amerikanischer Studien mit über Probanden aus dem Jahre Und schließlich konnte eine weitere Studie aus dem Jahre 1999 zum ersten Mal belegen, dass Haustiere tatsächlich einen beruhigenden und nachweisbar blutdrucksenkenden Effekt auf Menschen haben. Ob sich durch dieses Ergebnis neue Verkaufsfelder für den medizinischen Fachhandel ergeben, muss jedoch noch abgewartet werden.

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