Zentral dämpfende Pharmaka



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Transkript:

Sedativa Zentral dämpfende Pharmaka Dämpfung der psychischen Reaktionsbereitschaft und verminderte Aktivität Anxiolytika Beseitigung von Spannungs- und Angstzuständen Hypnotika Einleitung und/oder Erhaltung des Schlafs Benzodiazepine und andere Benzodiazepinagonisten Barbiturate Dicarbamate (Meprobamat) Thiazolderivate (Clomethiazol) Aldehyde (Chloralhydrat) Piperidindione (Thalidomid, Gluthetimid, Methyprylon) H1 Antihistaminika (Hydroxyzin) Azaspirone (Buspiron)

Phelps and LeDoux, 2003 Angstkonditionierung (fear conditioning)

Angstreaktion

Serotonin und Amygdala

Pace-Schott, 2002

Hobson, 2002 Schlafzyklen

Saper et al, 2001 Schlafregulation Acetylcholin GABA NA/5-HT/Histamin

Orexine Sakurai, 2007

γ-aminobuttersäure GABA

GABA-A Rezeptoren

GABA-A Rezeptoren und Sedativa Rho et al, 1997 Rho et al, 1996 GABA (3µM) GABA + Mdz + Flumazenil (20µM) GABA + Midazolam (3µM) 200pA 1sec Felicia Popovici, 2008

GABA-A Rezeptor Modulation 100 Anionenstrom (%) 80 60 40 20 0 Benzodiazepine: GABA alleine oder mit Antagonist GABA mit Agonist GABA mit inversem Agonist GABA (log Konzentration) Anionenstrom (%) 100 80 60 40 20 0 GABA Barbiturat Meprobamat Clomethiazol Agonist (log Konzentration)

Hauptangriffsorte für Sedativa im Gehirn

GABA-A Rezeptoren

Myorelaxation Anxiolysis Myorelaxation

Antagonisten-Dosis Benzodiazepine: Wirkungen Schlafinduktion, anterograde Amnesie Muskelrelaxation Anxiolyse Antikonvulsion Narkose Sedation Agonisten-Dosis

Benzodiazepine: unerwünschte Wirkungen Paradoxe Reaktionen Reaktionsminderung Agonisten-Dosis Schläfrigkeit, Apathie Atemdepression (nicht lähmung!) Toleranz Keine Effekte außerhalb des ZNS, geringe Toxizität Unspezifisch: Kopfschmerzen, Schwindel, Nausea, Tachykardie, Mundtrockenheit, Leberfunktionsstörungen, allergische Reaktionen Abhängigkeit

Benzodiazepine: Langzeitwirkungen affektive Verflachung, Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit, Dysarthrie, Ataxie, Muskelschwäche REM Rebound Entzugssymptomatik: Unruhe, Nervosität, Schlafstörungen, Delirien, Krämpfe, erhöhte Lichtund Geräuschempfindlichkeit, Paraesthesien, Dysaesthesien

Benzodiazepine: Vorsichtsmaßnahmen Die Therapie sollte mit einer ausreichenden, aber möglichst niedrigen Dosierung erfolgen. Die Arzneimittel sollten nur für begrenzte Zeit (bis zu zwei, maximal vier Wochen) verabreicht werden. Schon in oder wenigstens nach der ersten Therapiewoche sollte man eine Dosisreduktion in Erwägung ziehen. Patienten mit einer Abhängigkeitsanamnese sollten von einer Therapie ausgeschlossen werden. Bei mangelnder Compliance (z.b. eigenmächtige Dosisüberschreitung) sollte die Therapie schnellst möglich beendet werden. Nach länger dauernder Therapie (> 4 Wochen) ist dieselbe immer ausschleichend zu beenden: Je länger die Therapie, desto länger die Ausschleichphase.

Benzodiazepine: Kontraindikationen Myasthenia gravis, kardiorespiratorische Insuffizienz, Abhängigkeitsanamnese, Intoxikation mit zentral dämpfenden Substanzen Benzodiazepine: Interaktionen Die Wirkung aller Sedativa wird durch alle anderen zentral dämpfenden Substanzen (z.b. Ethanol) potenziert. Benzodiazepine sind alleine verabreicht ungefährlich, können in Kombination mit anderen Sedativa aber zu einer Atemlähmung führen. Benzodiazepine werden durch CYP3A4 und CYP2C19 metabolisiert. Vorsicht mit Hemmern der CYP3A4 (z.b. Erythromycin, Clarithromycin, Ciprofloxacin, Ketoconazol, Grapefruitsaft) und CYP2C19 (z.b. Omeprazol, Ticlopidin, Ketoconazol, Fluoxetin, Felbamat, Topiramat).

Benzodiazepine: Strukturen Nitrazepam Triazolam Clobazam Midazolam Flumazenil

Andere Benzodiazepinagonisten Zolpidem Zopiclon

Benzodiazepine: Metabolismus

Benzodiazepine: Einteilung HWZ (h) Metabolit HWZ (h) Wirkdauer Gruppe Zolpidem 2 - - < 4 ultrakurz Triazolam 2-4 α-hydroxytriazolam 2 < 6 Midazolam 2-4 α-hydroxymidazolam 2 < 6 Oxazepam 8 - - < 16 kurz Temazepam 11 - - < 20 Lorazepam 14 - - < 24 Alprazolam 12 α Hydroxyalprazolam 6 < 30 mittel Nitrazepam 20 - - < 35 Clonazepam 23 - - < 40 Diazepam 43 Nordazepam, Oxazepam 60 > 48 lang Flurazepam 1 Hydroxyethylflurazepam, 60 > 48 Desalkylflurazepam

Barbiturate: Wirkungen Dosis Sedation Muskelrelaxation Anxiolyse Schlafinduktion Antikonvulsion Narkose Enzyminduktion, verringerter Metabolismus im ZNS, Spasmolyse, ADH- Sekretion

Barbiturate: unerwünschte Wirkungen Paradoxe Reaktionen Dosis Reaktionsminderung, Schläfrigkeit, Apathie, Hyperalgesie, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Hypotonie Toleranz Abhängigkeit Atemlähmung!!! Hohe Toxizität!!! 10-fache Überdosierung ev. letal

Barbiturate: Kontraindikationen Akute intermittierende Porphyrie (Induktion der δ Aminolävulinsäure-Synthetase) Barbiturate: Interaktionen Durch Enzyminduktion gesteigerter Abbau anderer Arzneimittel: z.b. Antiepileptika, Cumarine, VitK, VitD, Kontrazeptiva. Durch Enzymkonkurrenz verminderter Abbau anderer Arzneimittel: z.b. trizyklische Antidepressiva. Die Wirkung aller Sedativa wird durch alle anderen zentral dämpfenden Substanzen (z.b. Ethanol) potenziert.

Histamin im Gehirn Yanai and Tashiro, 2007 Gyrus cinguli Frontotemporal Amygdala Hippocampus

Antihistaminika Ältere Vertreter mit ausreichender ZNS-Penetration: z.b. Clemastin, Diphenhydramin, Dimenhydrinat, Hydroxyzin, Meclozin, Promethazin, Doxepin diese Substanzen vereinen H 1 -, Muskarin-, und D 2 -Rezeptor blockierende Eigenschaften daher neben sedativ/hypnotischer auch antiemetische Wirkung aber keine Muskelrelaxation UAW: Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit, Reaktionsverzögerung, selten paradoxe Reaktionen Keine Abhängigkeit oder Entzug, aber Potenzierung der Ethanolwirkung

Gross et al, 2004 Anxiety - Angsterkrankungen

Pathologie der Angsterkrankungen Gross et al, 2004

Pharmakologie der Angsterkrankungen Gross et al, 2004 akut - Benzodiazepine chronisch - Azaspirone, SSRIs, Mianserin, Mirtazapin, Venlafaxin

5-HT 1A Agonisten und SSRIs Blier et al, 2003

Azaspirone Partielle 5-HT 1A Agonisten Ipsapiron Anxiolytische Wirkung nach mehreren Tagen bis Wochen Keine sedativ/hypnotische Wirkung oder Muskelrelaxation Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörung Buspiron (Gepiron, Tandospiron) Keine Abhängigkeit oder Entzug, keine Potenzierung der Ethanolwirkung