Fachtagung Jugendförderung



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Transkript:

Fachtagung Jugendförderung Forum 1: Bedingungen des Aufwachsens Forschungsbefunde und ihre Bedeutung für die ausserschulische Jugendarbeit Dr. Barbara Fontanellaz / 24. Oktober 2014

Ziele und Aufbau des Forums 1. Kindheits- und Jugendforschung in der Schweiz: Ausgangslage, Hintergrund und Herausforderungen 2. Einblick in ausgewählte (inter-)nationale Forschungsbefunde 3. Anstelle eines Fazits: Fragen an die Jugendarbeit und Reflexion des Präsentierten hinsichtlich der eigenen Berufspraxis 4. Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse und Diskussionspunkte

1. Ein paar Worte zur Ausgangslage Kindheits- und Jugendforschung in der Schweiz war lange Zeit ein vernachlässigtes Thema NFP 52 Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel (2003 2008) schliesst eine zentrale Lücke Lebensverhältnisse sowie Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Zentrum regelmässige wissenschaftliche Berichterstattung über die Situation von Kindern und Jugendlichen als Grundlage für politisches und fachliches Handeln... sozioökonomische Herkunft ist dominanter Einflussfaktor für das Erleben des Aufwachsens auch in der Schweiz

1. Hintergrund sozialwissenschaftlicher Kindheits- und Jugendforschung Sozialpolitik Demographischer Wandel Politische Wahrnehmung gesellschaftlicher «Problemfelder» Sozialisationserfahrungen haben Auswirkungen auf späteres Erwachsenenleben und somit auf die ganze Gesellschaft Themen familiäre Erziehung Umgang mit Medien Konsumverhalten Bildungserfolg Jugendarbeitslosigkeit häusliche Gewalt Delinquenz Schule und Freizeit Kinderarmut

1. Der Blick auf die Bedingungen des Aufwachsens: Eine mögliche Systematisierung Politische / ökonomische Rahmenbedingungen Kindheit und Jugend Entwicklungspsychologie materielle und kulturelle Ressourcen Sozialisation und (familiale) Umwelt Historischer Kontext (sozial und kulturell)

2. «well-being» (Wohlergehen) im Kontext von Aufwachsen well-being als (internationales) Konstrukt zur Erfassung von für das Aufwachsen relevanter Aspekte Dieses umfasst: - materielles Wohlbefinden - Wohnsituation und Lebenswelt/Milieu - Erziehung und Bildung - Gesundheit und Sicherheit - Risikoverhalten - Qualität des Schullebens Aussagekraft dieser (z.b. OECD, UNICEF) Studien liegt in der Sichtbarmachung von Unterschieden sowie potenzieller Problem- und Interventionsfelder (und nicht in der theoriegeleiteten Analyse)

Soziale Arbeit

2. Was sagen die Jugendlichen selber? Die JUVENIR*-Studien 1. Unser Platz Jugendliche im öffentlichen Raum (2012) 2. Die erste grosse Entscheidung: Wie Schweizer Jugendliche eine (Berufs-)Ausbildung wählen (2013) 3. Geld (k)ein Thema: Wie es um die Finanzen der Schweizer Jugendlichen steht (2014) * abrufbar unter: www.juvenir.ch

2. Unser Platz Jugendliche im öffentlichen Raum Öffentliche Wahrnehmung und mediale Berichterstattung: findet in aller Regel unter negativem Vorzeichen statt (Littering, Bottelloens, Vandalismus, Lärm etc.). Diese negative Aussenwahrnehmung steht im Widerspruch zur grossen Bedeutung öffentlicher Räume aus Sicht der Jugendlichen. Erschliessung und Nutzung öffentlicher Räume fördern die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihrer Umwelt eine wichtige Voraussetzung für aktives Mitwirken in der Gesellschaft. These: Die Nutzung des öffentlichen Raums ist als Gegenentwurf zu einem ansonsten durchstrukturierten und -pädagogisierten Alltag zu verstehen.

2. Unser Platz Jugendliche im öffentlichen Raum Zentrale Motive zur Nutzung öffentlicher Räume: gute Erreichbarkeit, freie Zugänglichkeit und geringe Kosten (ca. 90%) geringe Kontrolle durch Erwachsene sowie tun und lassen können, was man möchte (ca. 50%) spielen dabei eine untergeordnete Rolle Jugendliche möchten ihre Treffpunkte selber aussuchen und nicht von Erwachsenen zugewiesen bekommen (80%)

2. Die erste grosse Entscheidung: Wahl der (Berufs-)Ausbildung Bei der Berufswahl folgen ca. 60% der Jugendlichen ihren persönlichen Interessen und habe konkrete berufliche Vorstellungen. Ca. 20% sind Pragmatiker : Arbeitsplatzsicherheit, Verdienstperspektiven, Nähe zwischen Ausbildungs- und Wohnort als zentrale Motive. Ca. 20% der Jugendlichen fällt es schwer, sich für eine Ausbildung zu entscheiden. Grund: Angst vor der falschen Entscheidung (überwiegend bei weibl. Jugendlichen). 93% bewerten ihre berufliche Ausbildung als gute Grundlage für weiterführende Qualifizierungen und vielfältige berufliche Chancen. Und: Ausbildung macht Spass! Frage: Wie können unsichere Jugendliche bei der Ausbildungswahl besser unterstützt werden?

2. Geld (k)ein Thema. Wie es um die Finanzen der Schweizer Jugendlichen steht. Verzicht ist für ca. ¾ der Jugendlichen ein Fremdwort ob als Schüler/-in oder nach der Schule. Über die Hälfte der Jugendlichen (15-21 Jahre) ist von den Eltern abhängig. Finanzielle Unabhängigkeit bis 21 Jahre ist die Ausnahme. Marke war gestern 72% investieren ihr Geld lieber in eine gute Zeit mit ihren Freunden als in teure Sachen. Miete, Mobilität und Ausgang sind zu teuer dennoch wird nicht auf den Ausgang und das Zusammensein mit Freunden verzichtet. Frage: Wie erleben Jugendarbeiter/-innen das Freizeitverhalten der Jugendlichen? Was beschäftigt, was interessiert sie?

2. Ausgewählte Ergebnisse aus der JAMES*- Studie Bei den Freizeitbeschäftigungen ohne Medien steht das Treffen mit Freunden (im Ausgang) an erster Stelle, gefolgt von Freizeitsport. Bei Handy, Computer, digitale Fotokamera, Fernseher, DVD-Player, Radio und MP3-Player kann in den Haushalten beinahe von einer Vollabdeckung (92-99%) ausgegangen werden. 82% der Jugendlichen sind bei mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet (Facebook, Twitter, Google+, Netlog, My Space). Sie achten besser als vor zwei Jahren auf den Schutz ihrer Privatsphäre (84%). Erfahrungen mit problematischen Handyinhalten (Pornofilme, Gewalt-Videos, Schlägerei filmen) liegen zwischen 4-7%. * abrufbar unter: http://www.swisscom.ch/dam/swisscom/de/ghq/verantwortung/documents/ergebnisbericht_james_2012.pdf

3. Anstelle eines Fazits: Fragen an die ausserschulische Jugendarbeit 1. Inwiefern erweisen sich die hier präsentierten Themen und Forschungsbefunde als relevant für die Jugendarbeit? 2. Entsprechen die Angebote der Jugendarbeit den Bedürfnissen und Wünschen der Jugendlichen? 3. Welche Auswirkungen hat die häufig negative, öffentlichmediale Aussenwahrnehmung auf die Jugendlichen auf die Jugendarbeit? 4. Welche Erkenntnisse, Zusammenhänge, weiterführende Überlegungen etc. nehmen Sie aus dem Workshop mit?

4. Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse und Diskussionspunkte 1. Deutlich wurde die zentrale Bedeutung der (familialen) Umwelt auf das Aufwachsen. 2. Offene Jugendarbeit ergänzt z.t. familiäre Aufgaben (diskutiert am Beispiel Berufswahl: Unterstützung beim Erstellen und/oder Drucken von Bewerbungsunterlagen). 3. Erstaunlich und interessantes Ergebnis der OECD/UNICEF- Studien zu Gesundheit und Sicherheit: Schweiz rangiert hier zuhinterst. 4. Forschung: sehr komplexe Zusammenhänge zur Erfassung von Forschungsdaten zum Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen (sowie deren Interpretation). 5. Erstaunlich ist, dass in der Schweiz Studien zur Erfassung relevanter Daten zum Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen lange Zeit vernachlässigt wurden und erst 2003-2008 (NFP52) ein erster Grundstein gelegt wurde.

Quellen / Literaturverzeichnis Fontanellaz, B. & Grubenmann, B.: (2012): Aufwachsen in der Schweiz. In Riedi, A.M.; Zwilling, M.; Meier Kressig, M.; Benz Bartoletta, P. & Aebi Zindel, D. (Hrsg.), Handbuch Sozialwesen Schweiz (S. 35-46). Bern: Haupt. JUVENIR-Studien (2012; 2013; 2014): abrufbar unter www.juvenir.ch OECD (2009). Doing Better for Children. Paris: OECD. Schultheis, F.; Perrig-Chiello, P. & Egger, St. (Hrsg.). (2008). Kindheit und Jugend in der Schweiz. Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel». Basel: Beltz. UNICEF. (2007). Child Poverty in Perspective: An Overview of Child Well- Being in Rich Countries. Florence: UNICEF. UNICEF. (2010). The Children Left Behind. A League Table of Inequality in Child Well-Being in the World s Rich Countries. Florence: UNICEF. Willemse, I.; Waller, G.; Süss, D.; Genner, S. & Huber, A-L. (2012). JAMES Jugend, Aktivitäten, Medien Erhebung Schweiz. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.