Lebenswelt Pflegeheim Lebensqualität Studie zur Lebensqualität in der stationären Pflege aus Bewohnersicht (QUISTA) objektive Lebensqualität subjektive Lebensqualität 5. Fachtagung Palliative Geriatrie Experten definieren einen Standard (sog. objektive Lebensbedingungen) und überprüfen diesen anhand von Kennziffern u.ä. Die Betreffenden selbst bestimmen, welche Bedeutung die jeweiligen Lebensbedingungen für sie haben und wie zufrieden sie mit diesen sind Liane Schenk Berlin, 15.10.2010 U N I V E R S I T Ä T S M E D I Z I N B E R L I N Unser Ansatz Individuelle Qualitätsurteile sind abhängig von der Erfüllung jener Lebensbereiche, die von den befragten Personen als zentral betrachtet werden. Welches sind relevante Lebensbereiche (Dimensionen) aus Sicht der Bewohner und Bewohnerinnen? Definition der Lebensqualität durch die Betroffenen selbst und nicht über Außenstehende (Bewohner als Experten ihrer eigenen Situation) Erfassung von Werturteilen: Was ist für mich ein gutes Leben? Was gibt meinem Leben Qualität? Welche Aspekte sind mir dabei wie wichtig? (Soll-Zustand) Gegenüberstellung mit dem Ist-Zustand Schritt 1 unserer Erhebung (Qualitative Verfahren), gefördert durch Den Paritätischen Landesverband Berlin e.v.
Stichprobe und Setting Leitfaden N = 42 (24 Frauen, 18 Männer) Alter: 55 bis 99 Jahre (M > 85) Pflegestufen 1 bis 3 Interviewbeginn Mit einem Erzählstimulus werden die Heimbewohner gebeten, von der Zeit vor und nach dem Heimeintritt zu erzählen 8 beteiligte Einrichtungen (Der Paritätische LV Berlin e.v.) Interviews im Herbst 2009 Ich möchte gern, dass Sie mir von ihrem Leben erzählen. Erzählen Sie zunächst von der Zeit, bevor sie ins Heim kamen. Erzählen Sie alles, was Ihnen dazu einfällt. Leitfaden Weitere Fragen, die wir im Laufe des Interviews gestellt haben: [Zielen wiederum darauf ab, Erzählungen hervorzurufen] Das erste Mal, als Sie herkamen - erzählen Sie einmal, was Sie erlebt haben. Wenn Sie über Ihr Leben früher und heute nachdenken, also ihr Leben insgesamt, was macht ihr Leben schön? Erzählen Sie von schönen Dingen, Erlebnissen. Können Sie sich an Situationen hier im Heim erinnern, bei denen Sie sich besonders wohl fühlen/ gefühlt haben? Thematisierung von Emotionen: Einsamkeit, Freude, Ärger I: Also ich möchte gerne, dass Sie mir von Ihrem Leben erzählen. Erzählen Sie zunächst von der Zeit bevor Sie hier ins Heim kamen. X: Und dass ich hier her gekommen bin, und habe hier eine Arbeit die mich zufrieden stellt, wo ich weiß, ich habe noch etwas zu tun in meinem Leben (.) Ich hoffe dass ich=s noch lange machen kann (.)
I: Dann würde ich gerne wissen, können Sie mir, sagen was für Sie persönlich Lebensqualität ist X: Lebensqualität ist in meinen Augen, wenn man etwas tut, etwas Sinnvolles tut, wenn man anderen Menschen vor allen Dingen damit Freude machen kann, das ist, das ist doch der Sinn des Lebens, dass man etvor allen Dingen etwas tut wann einem selbst Freude macht und womit man anderen auch Freude machen kann (.)... Ich habe Aufgaben. Mein Heim und meine Umgebung gestalte ich mir so, dass ich noch Freude dran habe. ( ) Das mach ich, indem ich mir Sachen hinstelle und mache und tue, dass ich weiß, zum Beispiel freue ich mich an dem Kaktus, der ist über 100 Jahre, der ist von meiner Urgroßmutter aus Thüringen und den hegen wir und pflegen wir mit der Tochter zusammen, der hat bis vor Jahren immer noch geblüht (K3/ 229-235) I: Sagen Sie langweilen Sie sich manchmal hier ((fragend)) E: Nee, komischerweise, kommen hier manche und sagen, ach hier würde ich mich langweilen, hier von anderen Besuchern, meine haben es noch nicht gesagt, //mhm// aber ich wissen Sie, ich hab mir extra die Gardinen Tag und Nacht aufziehen lassen, hier, weil ich (sage) hier die Bäume habe, im Winter ist natürlich alles kahl, sonst ist hier ja alles voller Blätter und grün, da sind Eichhörnchen //((ah ja ))// da sind Vögel, ich hab schon zwei Eichhörnchen gesichtet, den einen Tag waren es zwei Eichhörnchen die ich gesichtet hab, jetzt kommen sie ja nicht mehr so viel, //mhm// aber gesehen hab ich sie auch wieder, und da halte ich mich dran, an die Vögel, an die- an die Natur, //mhm// //mhm// die gibt mir sehr viel, muss ich ehrlich sagen (41) I: Sind Sie manchmal einsam hier ((fragend)) E: Nee, das ist ja das wo ich sage eigentlich nicht, //mhm// eigentlich fühle ich mich auch nicht einsam hier, //mhm// hier kommt immerzu eine Schwester rein, hier ist dann das, ich hab ja noch eine Bettnachbarin, die auch sehr krank ist, und die wird auch versorgt, da kommt dann ab und zu ne Schwester rein, dann ist das, dann habe ich wie gesagt das Fenster hier, das dürfen sie mir nicht nehmen (41)
Qualitätsdimensionen...na ja, wie gesagt ick bin o:ch gerne immer arbeiten gegangen (.) //I: Hm// (.) Und denn wenn man nun jetzt nach so vielen Jahren denn so hier rumsitzt? (Herr B, 87 Jahre) 1) Etwas Sinnvolles/ Freude stiftendes tun 3) Selbstbestimmung und Selbstständigkeit 5) Ruhe und Privatsphäre 2) Sich austauschen (Freunde, Familie, Personal, Heimbewohner) 4) Intimsphäre 6) Abwechslung, Beschäftigung und Aktivität 7) Sich heimisch fühlen 8) Sich sicher und behütet fühlen 9) Gesundheit 10) Im Dialog stehen Informationen erhalten Beispiel: Die Dimension Soziale Kontakte Bewohnergemeinschaft: Soziales Klima Freundlich zueinander sein Zu Heimbewohnern Persönliche anderen Gesprächspartner haben Gegenpol: Einsamkeit Unterdimensionen Persönliches Engagement des Personals Soziale Kontakte Pflegen (austauschen) Zum Pflegepersonal Mündige Person Hauptdimension Heiterer und freundlicher Umgang OT= Orientierungsrahmen oder Habitus einer Person Zur Familie Emotionale Bindung/ Unterstützung Und seit dem ich hier bin hab ich auch keine Angstzustände mehr ich hatte zu Hause also, Sie haben ja sicher noch keine gehabt aber, es ist fürchterlich das können Sie sich nicht vorstellen, //I: Hmh// Das ist nervlich bedingt und (..) Aber das hab ich hier nicht mehr gehabt (.) Und das liegt och daran weil man ständig mit anderen Menschen zusammen ist weil man nicht alleine ist (..) Ist sehr wichtig (..) dass man, wie gesagt für andere was tun kann, sich mit anderen unterhalten kann. (Frau X)
Beispiel: Die Dimension Soziale Kontakte Aber nun bin ich hier und bin trotzdem wieder praktisch alleine. Ich hab s mir ein bisschen anders noch vorgestellt. Gegenpol: Einsamkeit Soziale Kontakte Pflegen (austauschen) Hauptdimension Zu Heimbewohnern Unterdimensionen Zum Pflegepersonal Zur Familie Bewohnergemeinschaft: Soziales Klima Persönliche anderen Persönliches Engagement des Personals Mündige Person Heiterer und freundlicher Umgang Emotionale Bindung/ Unterstützung Freundlich zueinander sein Gesprächspartner haben OT= Orientierungsrahmen oder Habitus einer Person E:... eine Schwester hat ein Übertöpfchen gebracht wegen Kaktus, der stand bloß auf einem Blatt Papier, was eingewickelt war, wie mein Junge das brachte, die Stacheln, so ein kleiner Kakteentopf, und dann brachten sie mir hier aus der Küche so ein, von von Weckgläsern so ein Deckel da haben wir ihn ringestellt, //mhm// und den einen Tag sah das eine Schwester und sagt Frau E gucken Sie mal was ich Ihnen heute mitgebracht habe, //mhm// ich hab Ihnen heute ein Übertöpfchen mitgebracht, für die- also die hat das ja nicht gewusst, die hat ja das gesehen, na das sind so Kleinigkeiten, über die ich mich freue, //mhm// //mhm// also das sind jetzt nicht große Sachen, //mhm// die mich so hochheben, sondern auch Kleinigkeiten, mhm, da freue ich mich wahnsinnig drüber, wenn einer so eine Kleinigkeit für mich übrig hat, irgendwie, und dann weiß ich, ah du bist da willkommen, //mhm// (41/ 412-425) E:... mal ein liebes Wort, dafür bin ich sehr empfänglich, //mhm// ((lacht)) ja, ein liebes Wort,... (41/ 195-196)
Qualitätsdimensionen 1) Etwas Sinnvolles/ Freude stiftendes tun 3) Selbstbestimmung und Selbstständigkeit : 5) Ruhe und Privatsphäre 2) Sich austauschen (Freunde, Familie, Personal, Heimbewohner) 4) Intimsphäre 6) Abwechslung, Beschäftigung und Aktivität (Institutionelle Unterhaltung) Lebensqualität ist multidimensional subjektiv individuell verschieden auch bei Heimbewohner/innen erfragbar 7) Sich heimisch fühlen 8) Sich sicher und behütet fühlen Lebensqualität ist Übereinstimmung der erlebten Situation mit zuvor formulierten Kriterien 9) Gesundheit 10) Im Dialog stehen Informationen erhalten Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Projektteam: Direktorin: Dr. Liane Schenk (Leitung) Roger Meyer Anja Behr Dr. Martin Holzhausen Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey liane.schenk@charite.de Institut für Medizinische Soziologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin Luisenstraße 57, 10117 Berlin