Grußwort. Stefan Müller, MdB

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Transkript:

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung Stefan Müller, MdB anlässlich der Abschlusskonferenz des BMBF-Forschungsprojekts Professionelle Integration von freiwilligen Helfern in Krisenmanagement und Katastrophenschutz (INKA) am 23. September 2015 ca. 10:45 11:00 Uhr im Umweltforum Berlin Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Dr. Schön, meine sehr geehrten Damen und Herren, ein wohlmeinender Mensch hat einmal gewarnt: Willst Du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt Dir geben! Willst Du nicht zu früh ins Grab, lehne jedes Amt gleich ab! Dieser oft Wilhelm Busch, manchmal Joachim Ringelnatz, zugeschriebene Ausspruch scheint keine abschreckende Wirkung zu entfalten, wenn ich heute in unsere Runde schaue. Zum Glück! Denn unser Gemeinwesen lebt davon, dass Menschen sich freiwillig für ihre Mitmenschen einsetzen und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen. Mehr als 23 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich: Sie trainieren Jugendliche in Sportvereinen, versorgen Bedürftige mit Lebensmitteln, setzen sich für den Denkmalschutz ein oder begleiten Sterbende in Hospizen. 1,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger engagieren sich im Katastrophenschutz. Ohne sie wäre die flächendeckende Arbeit der Hilfsorganisationen in Deutschland undenkbar. Das kann ich auch aus meiner eigenen Erfahrung als Vorsitzender des BRK-Kreisverbandes Erlangen- Höchstadt nur unterstreichen. Aber - wir leben in einer dynamischen Welt, in der viele traditionelle Bereiche zum Teil rasante Entwicklungen durchlaufen. In dieser Welt ändern sich auch die Rahmenbedingungen für ein ehrenamtliches Engagement. Es wird zunehmend schwieriger, geeigneten Nachwuchs zu finden. Das liegt am demographischen Wandel. Das liegt auch daran, dass das Ehrenamt in Konkurrenz zu vielfältigen anderen Freizeitoptionen und medialer Unterhaltung steht. Auszubildende und Berufstätige sind Teil einer Arbeitswelt, die ihnen immer mehr zeitliche Flexibilität und Mobilität abverlangt. Viele jüngere Menschen tun sich schwer, sich für mehrere Jahre räumlich festzulegen, Seite 2 von 6

also zum Beispiel auf einen konkreten Ortsverein. Vor diesem Hintergrund macht das Deutsche Rote Kreuz in kluger Voraussicht immer wieder darauf aufmerksam, dass es in den nächsten Jahrzehnten für alle Katastrophenschutz- und Hilfsorganisationen darauf ankommen wird, vor allem die jüngere Generation für ein bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen. Ich freue mich sehr, dass wir heute mehr über konkrete Lösungsvorschläge erfahren werden, wie freiwillige Helferinnen und Helfer erfolgreich in Krisenmanagement und Katastrophenschutz integriert werden können. Zu verdanken haben wir das den Beteiligten des Forschungsprojekts Professionelle Integration von freiwilligen Helfern in Krisenmanagement und Katastrophenschutz oder kurz INKA. Sie haben sich in den letzten drei Jahren intensiv mit der Weiterentwicklung des Ehrenamts beschäftigt. Dafür an dieser Stelle herzlichen Dank! Der Dank geht an die Kameradinnen und Kameraden vom Deutschen Roten Kreuz, die das Projekt auf den Weg gebracht und koordiniert haben. Dank an das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, das auch die heutige Veranstaltung organisiert. Dank an die Berliner Feuerwehr als Praxispartner ebenso wie an die wissenschaftlichen Partner, die Universitäten Stuttgart und Greifswald sowie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Sie haben gemeinsam hervorragende Arbeit geleistet. Für den Projekterfolg halte ich es für wesentlich, dass es mit INKA zum ersten Mal gelungen ist, alle Hilfsorganisationen in einem Forschungsprojekt an einem Tisch zusammenzubringen. Arbeiter-Samariter-Bund, DLRG, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, Feuerwehren sowie THW und BBK alle haben sich am vertrauensvollen Erfahrungsaustausch beteiligt und ihre Expertise engagiert eingebracht. Dadurch ist INKA zu einem guten Beispiel für den erfolgreichen Schulterschluss von Wissenschaft und Praxis geworden. So entstehen wissenschaftlich fundierte Lösungen, die von allen Beteiligten mitgetragen werden und die deshalb auch praktisch umsetzbar sind. Diese unmittelbare Praxisnähe zeichnet das Projekt aus meiner Sicht aus. Sie, sehr geehrte Forschungspartner, bieten mit INKA neue Ideen, wie wir den freiwilligen Hilfseinsatz auch in Zukunft attraktiv gestalten können. Sie zeigen Wege auf, wie das Ehren- Seite 3 von 6

amt vielseitiger, flexibler und damit lebensnäher gestaltet werden kann, um so neue Zielgruppen wie Senioren, Migranten und junge Menschen für das zivilgesellschaftliche Engagement zu begeistern. Sie haben dazu eine Fülle ganz konkreter Vorschläge. Lassen Sie mich drei Beispiele nennen: die Einführung passiver Mitgliedschaften. Damit blieben die Menschen auch dann an ihre Organisation gebunden, wenn sie sich in bestimmten Lebensphasen, aus familiären oder beruflichen Gründen, gerade nicht aktiv einbringen können; die parallele Mitarbeit in zwei Organisationen. Dadurch könnten Pendler am Wohn- und am Arbeitsort aktiv sein; die Förderung ehrenamtlichen Engagements durch Unternehmen. Von Wertschätzung und Kompetenzen profitieren Mitarbeiter und Arbeitgeber gleichermaßen. Am Ende aller Forschungsprojekte steht als große Herausforderung der erfolgreiche Transfer in die Praxis. Hier hat INKA den großen Vorteil, dass alle Hilfsorganisationen von Beginn an eingebunden waren. Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass der Begeisterungsfunke aus der Forschung in die Praxis überspringt. Es gilt, innovative Vorschläge in die häufig eher traditionell geprägten Strukturen der Katastrophenschutzorganisationen zu tragen. Meine Damen und Herren, Sie alle hier sind potentielle Multiplikatoren. Nehmen Sie die Anregungen von INKA mit und tragen zur Umsetzung guter Ideen bei. Die Attraktivität des klassischen Ehrenamtes zu erhöhen ist eine wichtige Aufgabe. Aber sie ist nur ein Teil der Lösung. In Krisensituationen sehen wir glücklicherweise, in welch großem Maße Menschen spontan helfen wollen, die nicht an eine Katastrophenschutzorganisation gebunden sind. Aktuell erleben wir das bei der Bewältigung des großen Flüchtlingszustroms. Ob am Münchner Hauptbahnhof oder in Moabit vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales: Überall helfen Bürgerinnen und Bürger ohne zu zögern mit. Sie verteilen Wasser, Lebensmittel, Windeln und Spielzeug, um die Not der Flüchtlinge zu lindern. Diese Hilfsbereitschaft ist eine große Chance. Klug koordiniert und in die Arbeiten der Hilfsorganisationen richtig integriert, leisten die zusätzlichen Helferinnen und Helfer einen enorm wichtigen Beitrag zur Bewältigung von Krisen, Katastrophen und Notsituationen. Seite 4 von 6

Das war auch beim Hochwasser 2013 so. Darauf haben Sie im Projekt INKA schnell und flexibel reagiert. Sie haben Ihr Forschungsziel erweitert und beim Hochwasser-Hilfseinsatz auch die Motivation und Einbindung der sogenannten ungebundenen Helferinnen und Helfer untersucht. Meine Damen und Herren, das noch frische Phänomen der Spontanhelfer bleibt ein wichtiger Punkt auf unserer Forschungsagenda. Wir unterstützen mit dem zivilen Sicherheitsforschungsprogramm über INKA hinaus weitere neue Ideen und Konzepte. Das Rote Kreuz und die Berliner Feuerwehr suchen mit weiteren Partnern zum Beispiel nach Wegen, Bürgerinnen und Bürger, die auf Grund ihres Berufes spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen, möglichst schnell und gezielt in die Hilfe zu integrieren 1. Durch eine neue Anwendung für Mobiltelefone sollen etwa Hausmeister oder medizinisch ausgebildete Ersthelfer schnell alarmiert werden können, um Soforthilfemaßnahmen vor Ort einzuleiten und die Einsatzkräfte zu unterstützen. Die spontane Selbsthilfe der Bürgerinnen und Bürger untereinander setzt voraus, dass hilfesuchende und hilfeanbietende Menschen den Kontakt zueinander finden. Das ist schwierig, wenn Mobilfunknetze überlastet sind oder ausfallen. Ein Forscherteam um das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt deswegen ein Notfall- Kommunikationssystem, bei dem sich die Mobiltelefone direkt untereinander verbinden und lokale Netze aufbauen 2. Meine Damen und Herren, in der zivilen Sicherheitsforschung wollen wir uns den praktischen Herausforderungen der zivilen Sicherheit in unserer modernen Gesellschaft stellen. Unser Ziel ist es, innovative Lösungen voranzutreiben, die Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen, in den Katastrophenschutzorganisationen, Feuerwehren und Rettungsdiensten. Deswegen fördern wir interdisziplinär aufgestellte Projekte, in denen Forscherinnen und Forscher aller Disziplinen gemeinsam mit Endanwendern und Unternehmen an praxistauglichen Lösungen arbeiten. Im Rahmenprogramm Forschung für die zivile Sicherheit haben wir seit 2007 insgesamt 1 2 Projekt: Verbesserte Krisenbewältigung im urbanen Raum durch situationsbezogene Helferkonzepte und Warnsysteme (ENSURE) Projekt: Notfall-Kommunikationssysteme auf Basis von Mobiltelefonen (SMARTER) Seite 5 von 6

über 230 Projekte mit mehr als 440 Millionen Euro gefördert. Allein den Schwerpunkt Schutz und Rettung von Menschen haben wir mit mehr als 93 Millionen Euro unterstützt. Meine Damen und Herren, sicherlich sind Sie jetzt ebenso gespannt wie ich, von den Projektbeteiligten selbst zu erfahren, was INKA gebracht hat. In diesem Sinne wünsche ich uns eine aufschlussreiche Abschlusskonferenz und anregende Diskussionen. Ich würde mich freuen, wenn wir am Ende des Tages das gleiche Fazit ziehen, wie ein ehrenamtlicher Dichter im Internet: Willst Du froh und glücklich leben, lass ein Ehrenamt Dir geben! Denn auch in Zukunft Gutes stammt: Fast ausnahmslos vom Ehrenamt! Seite 6 von 6