In welcher Gesellschaft leben wir? Professor Doktor Norbert Lammert Präsident des Deutschen Bundes-Tages Herr Lammert hält den Eröffnungs-Vortrag. Das ist eine Zusammen-Fassung des Vortrages von Herrn Lammert. Das sagt Herr Lammert zum Thema Behinderung: Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk. Dieses Geschenk kann jedem von uns jederzeit genommen werden. Jeder von uns kann einmal eine Behinderung bekommen. Das Thema Behinderung betrifft alle Menschen. In den letzten Jahren hat sich viel für behinderte Menschen verändert. Aber immer noch gibt es Hindernisse und Barrieren, auch in den Köpfen. Immer noch werden behinderte Menschen schlechter behandelt, als andere Menschen. Lammert: In welcher Gesellschaft leben wir? 1
Es gibt immer noch viel zu tun. Darum brauchen behinderte Menschen starke Partner und Unterstützer, die sich für ihre Interessen einsetzen. Wir müssen gemeinsam Ziele planen und Entscheidungen umsetzen. Wir wollen Normalität im täglichen Leben für alle Menschen. Behinderung ist etwas Normales. Und behinderte Menschen gehören ganz normal dazu. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein selbständiges und selbst-bestimmtes Leben. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Wir brauchen auch viele gute Ideen. Damit können wir die Hindernisse und Barrieren überwinden und die Vorurteile abbauen. Gemeinsam können wir Lösungen finden, die behinderten Menschen das Leben erleichtern. Herr Lammert bedankt sich bei allen Menschen, die für behinderte Menschen arbeiten, und die mit behinderten Menschen arbeiten. Die sie beraten und unterstützen. Und die dabei helfen, dass behinderte und nicht-behinderte Menschen gut zusammen leben können. Lammert: In welcher Gesellschaft leben wir? 2
Das sagt Herr Lammert über den Sozial-Staat: Die Demokratie wurde nicht in Deutschland erfunden. Demokratie heißt, dass immer die Mehrheit bestimmt. In Parlamenten sprechen die Politiker miteinander und entscheiden. Parlamente gab es anderswo früher als hier. Aber der Sozial-Staat ist in Deutschland entstanden. In den letzten 50 Jahren hat sich der Sozial-Staat verändert. Nach dem Krieg waren viele Menschen arm. Und vielen Menschen ging es schlecht. Damals konnte man mit wenig Hilfe schon sehr viel erreichen. Dann ging es den Menschen wieder besser. Aber damit stiegen auch die Erwartungen an den Sozial-Staat. Je besser es den Leuten ging, desto größer wurden die Erwartungen. Heute ist es so: Für jedes Problem gibt es Menschen, die für ihre Hilfe bezahlt werden. Wir verlassen uns darauf, dass es Hilfe vom Staat gibt. Wir vergessen dabei, dass wir auch eine eigene Verantwortung zum Helfen haben. Und dass wir vielleicht auch selbst etwas tun und uns gegenseitig helfen können. Lammert: In welcher Gesellschaft leben wir? 3
In Deutschland arbeiten viele Menschen ehren-amtlich. Die Menschen machen die Arbeit freiwillig, und sie bekommen kein Geld dafür. Zum Beispiel im Sport-Verein oder im Alten-Heim. Was wäre, wenn wir diese Arbeit bezahlen müssten? Das kann der Staat gar nicht alles bezahlen. Dann müssten wir die Steuern viel höher machen. Und wir müssten die Beiträge für die Versicherungen höher machen. Wir freuen uns also, dass so viele Menschen ehrenamtlich arbeiten. Als Dank müssen diese Menschen nicht so viel Steuern bezahlen. Ehrenamtliche Arbeit wird die bezahlte Arbeit nicht ersetzen. Aber sie ist eine wichtige Ergänzung. Alle sollen gut zusammen arbeiten. Zusammen können wir viel erreichen. Das sagt Herr Lammert zum Thema Gesellschaft: Vieles, was in unserem Land, in unserer Gesellschaft passiert, muss nicht für immer so bleiben. Manche Dinge sind vielleicht aus Gewohnheit so. Weil wir es schon immer so gemacht haben. Aber diese Dinge sind nicht sicher. Sie können sich auch wieder verändern. Lammert: In welcher Gesellschaft leben wir? 4
Aber es gibt auch sichere und verbindliche Vorgaben, wie zum Beispiel die Straßen-Verkehrs-Ordnung oder unseren Sozial-Staat. Die Straßen-Verkehrs-Ordnung legt fest, wie man sich im Verkehr verhalten muss. Und der Sozial-Staat legt fest, wie die Menschen miteinander umgehen. Dafür gibt es Gesetze. Und diese Gesetze hat eine Regierung beschlossen. Diese Sachen werden nicht in einer Talk-Show im Fernsehen vereinbart. Was hält ein Land im Inneren zusammen? Das ist nicht Politik allein. Und das ist nicht die Wirtschaft und schon gar nicht das Geld. Sondern: Es ist unsere Kultur. Es sind unsere gemeinsamen Erfahrungen, wie wir leben. Und andere Dinge, die uns wichtig sind. Das nennt man auch Traditionen. Diese Dinge verbinden die Menschen in unserer Gesellschaft. Und die Menschen halten das Land zusammen. Lammert: In welcher Gesellschaft leben wir? 5