Politisches System Schweiz

Ähnliche Dokumente
Vorlesung III: Was ist Demokratie? Was sind Demokratien?

Das politische System der Schweiz

Das politische System der Schweiz

Einführung in die Politikwissenschaft. - Vergleichende Regierungslehre I: Typen von Demokratien. Di

Mehrheits- und Konsensdemokratien

T abellenverzeichnis 15. Abbildungsverzeichnis 19. Abkürzungsverzeichnis 23. Abkürzungsverzeichnis der Schweizer Kantone 25

2. Typologien politischer Systeme. Typologie besteht aus spezifischer Zahl an Typen

Idealtypische Merkmale von Mehrheits- und Verhältniswahl

Das politische System der Schweiz

Vergleichende Politik

Bundesstaatlichkeit (Grundlagen) Einheitsstaat (1/2) Einheitsstaat (2/2) Staatsrecht II Vorlesung vom 16. März Heutige Einheitsstaaten

Tutorium zur Einführung in die Politikwissenschaft

WO BLEIBEN DIE FRAUEN? Partizipation und Repräsentation von Frauen auf europäischer Ebene. PD Dr. Beate Hoecker

Das politsche System der Bundesrepublik Deutschland im Kontext

Inhalt. Inhalt 5. Einleitung... 11

Kapitel 5: Demokratische Regierungssysteme

Studienarbeit. Mehrheitsdemokratie versus Konsensdemokratie

GLIEDERUNG DER VORLESUNG VERFASSUNGS- RECHTSVERGLEICHUNG I. A. Gegenstand, Methode und Ziel der Veranstaltung Verfassungsrechtsvergleichung

Ergebnisse des Index der unternehmerischen Freiheit: Länderprofile

Teil 1: Dual Choice Fragen Sind die folgenden Aussagen richtig oder falsch? Berichtigen Sie falsche Aussagen.

1.4.4 Bezug der Politikwissenschaft zur Politik und Öffentlichkeit Verbindung zu anden» Sozial- «ad Geisteswissenschaften 54 13

Themenliste für MA-Arbeiten bei Prof. Adrian Vatter

Lobbyarbeit was ist das eigentlich?

Kapitel 5: Formen demokratischer Regierungssysteme

Politikwissenschaft. Oldenbourg Verlag München. 6., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Von Professor Dr. Hiltrud Naßmacher

1. Grundlagen der Politikwissenschaft... 11

Schweizerische Demokratie

Analyse und Vergleich politischer Systeme. 5. Der Bereich Analyse und Vergleich politischer Systeme am Institut für Politikwissenschaft in Darmstadt

Das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland

Das Politische System Deutschlands

Inhalt. 1. Grundlagen der Politikwissenschaft l l. 2. Theorien der Politikwissenschaft) 26

Die institutionelle Perspektive

Allgemeinverbindlicherklärungen Erfahrungen aus Europa

Inhaltsverzeichnis. 1 Einleitung... 1

Die Europäische Union

Studienarbeit. Mehrheitsdemokratie versus Konsensdemokratie

Berufliche Bildung aus Sicht der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung

Südafrika auf dem Weg zur Demokratie

Das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus: Vergleich der Regierungssysteme - Deutschland und Italien

Die glückliche Variante des Kapitalismus Wie sich Lebenszufriedenheit und wirtschaftlicher Fortschritt beeinflussen

Verbände zwischen Korporatismus und Pluralismus

Jahrgang 10. Thema + Leitfrage Kategorien: Erdkunde = E Politik = P Geschichte = G Wirtschaft = W. Projekte Medien Methoden

Kollektive Lernprozesse durch Vetospieler?

Vorlesung: Vergleichende Politikwissenschaft (POL102)

WILHELM HOFMANN NICOLAI DOSF I DTF.TF.R WOLF. Politikwissenschaft. basics. UVK Verlagsgesellschaft

Inhalt. 1 Grundlagen der Politikwissenschaft

Schweizerische Aussenpolitik

Einbürgerungstest Nr. 3

politik.21 Niedersachsen Band 1 Stoffverteilungsplan Analysekompetenz (Erkenntnisgewinnung)

Einführung in die Integrationsforschung Der Europäische Integrationsprozess im historischen Verlauf

Arbeitsbeziehungen im Rheinischen Kapitalismus. Zwischen Modernisierung und Globalisierung

Einführung in das Regierungssystems Deutschlands (V, 2 std.) Parlamentarische Kontrolle und Europäische Union (S, 2 std.)

Gemeinschaft und Staat. Andreas Blumer, Daniel Gradl, Manuel Ochsner, Serge Welna

Minderheitenfreundliches Mehrheitswahlrecht

2. Typologien politischer Systeme

Parlamentarismuskritik und Grundgesetz

Verzeichnis der Lehrveranstaltungen

Beeinflusst die Struktur der Parteiensystems die Demokratiezufriedenheit? Eine international vergleichende Analyse

Ungleiche Vermögensverteilung: Anmerkungen aus wirtschafts- und sozialpolitischer Perspektive

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus: Vergleich der Regierungssysteme - Deutschland und Frankreich

Spannungsverhältnis Demokratie. Menschenrechte versus Volksrechte in der Schweiz

Vorlesung VII: Politische Legitimität und das Konzept der politischen Unterstützung von David Easton

VATTENFALL-Cyclassics

Studienkurs. Politikwissenschaft. Samuel Salzborn. Demokratie. Theorien, Formen, Entwicklungen. Nomos

Dawisha, Adeed (2005): The New Iraq. Democratic Institutions and Performance. Journal of Democracy. Vol 16. No. 3:

Die Jelzinsche Verfassung von 1993: Verfassungswirklichkeit

Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Referentin: Sonja Kreienfeld

Grundkurs I Einführung in die Politikwissenschaft 8. Vorlesung 01. Dezember Artikulation und Aggregation von Interessen 3: Verbände

Roland Sturm. Politik in Großbritannien

Formen der Gewaltenteilung. Prof. Eva Maria Belser

Interessengruppen und Parteien. Armin Glatzmeier, M.A.

Transkript:

Die Schweiz Vorlesung am Institut für Öffentliches Recht der Universität Bern Theoretische Grundlagen und ein internationaler Vergleich Zentripetales Element (kulturelle Heterogenität) Integrative Elemente (Neokorporatismus, Konkordanz) Prof. Dr. IDHEAP Lausanne Frühjahrssemester 2010 1 2 Neokorporatismus Liberal-konservative Variante des demokratischen Korporatismus Mit dem Begriff Neokorporatismus wird die Einbindung ("Inkorporierung") von organisierten Interessen in Politik und ihre Teilhabe an der Formulierung und Ausführung von politischen Entscheidungen bezeichnet. Die Struktur der Interessenverbände, informelle Koordination und Verhandlungen und die Sozialpartnerschaft machen die Schweiz zu einem Land mit einem demokratischen Korporatismus. In Europa ist der Korporatismus vor allem in der Schweiz (Friedensabkommen 1937, GAVs, Vernehmlassungsverfahren, Parastaatliche Organisationen) und in den skandinavischen Ländern, seit Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Deutschland, Österreich und den Niederlanden besonders stark ausgeprägt, während er etwa in Großbritannien oder in Frankreich, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielt. Da die Gewerkschaften relativ schwach sind, kann der Korporatismus als liberale Variante (Katzenstein 1985) und aufgrund der Bedeutung des Gewerbes und der Bauernschaft als liberal-konservative Form des demokratischen Korporatismus bezeichnet werden (Mach 2006). 3 4

Konkordanz Konkordanz -> Power sharing In der Konkordanzdemokratie sollen politische Konflikte über Verhandlungen und Kompromisse und nicht primär über politische Mehrheiten gelöst werden. Um den angestrebten Konsens unter den beteiligten Interessenparteien erreichen zu können, bedarf es teils äußerst komplizierter Vermittlungstechniken. Föderalismus (zwischen den territorialen Einheiten) Konkordanz (zwischen den Parteien) Direkte Demokratie (zwischen den Bürgerinnen und den politischen Entscheidungsgremien) 5 6 Internationaler Vergleich Machtteilung im Inneren der Institutionen Lijphart in seinem Buch Patterns of Democracy (1999) untersucht t 36 Demokratien ate Unterscheidet zwischen Konsensus- und Mehrheitsdemokratie Er betrachtet zwei Dimensionen: executives-parties und federal-unitary Prüft Auswirkungen und Folgen dieser unterschiedlichen Demokratiemuster 7 8

Machtteilung zwischen den Institutionen Mehrheitssystem: Grossbritannien Einparteienregierung, Mehrheitskabinette Vorherrschaft des Kabinetts über Parlament, sehr starker Prime Minister Zweiparteiensystem Mehrheitswahlsystem Pluralistisches Verbandssystem Zentralistischer Einheitsstaat Zwei Kammern, aber Oberhaus praktisch ohne Macht Verfassung flexibel Keine gerichtlichen Prüfungsmöglichkeiten Unabhängige Notenbank erst seit 1997 9 10 Konsensmodell: Schweiz Grosse Koalition, Konkordanz, Zauberformel Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative Multipartismus Proporzsystem Korporatistisches Verbandssystem Föderalismus Zwei gleichgewichtige Kammern Verfassung rigide Keine Verfassungsgerichtbarkeit, hier weicht die Schweiz vom Idealtyp ab Unabhängige Notenbank Ordnen Sie bitte die folgenden Länder nach ihrem Regierungssystem: Australien Schweden Norwegen Frankreich Holland England Italien Deutschland Schweiz USA Belgien Österreich Diskussion Kanada Neuseeland Dänemark 11 12

Erklärungsfaktoren: Der sozio-kulturelle Pluralismus Das angelsächsische Erbe Die Grösse eine Landes 13 14 These von Lijphart: Konvergenz? kein eindeutiger Trend Für (kleine) Gesellschaften mit mehreren Subkulturen oder Lagern eignet sich die Konsensusdemokratie besser zur Integration sowie zur Willensbildung und Entscheidungsfindung. 15 16

Evaluation der beiden Arten von Demokratien: Lijphart (1989, 1991) Die Konsensdemokratien sind wirtschaftlich und hinsichtlich der Kontrolle der Gewalt nicht weniger erfolgreich als die Mehrheitsdemokratien (kein Mangel an Effizienz). Konsensdemokratien sind erfolgreicher bezüglich Qualität der Demokratie und der Repräsentation der Gesellschaft. Sie zeichnen sich durch eine höhere Lebensqualität aus (Lijphart 1999: 288 ff.) Lijphart (1989, 1991) widerlegt mit seinem Vergleich der Demokratien die weit verbreitete Annahme, dass die Mehrheitsdemokratie die bestmögliche Form der Demokratie hinsichtlich Stabilität und Problemlösungskraft ist. 17 18 Vatter (2008): Swiss Political Science Review 14(1): 1 47 Kann die schweizerische Demokratie weiterhin als Extrembeispiel einer Konsensusdemokratie im Sinne von Arend Lijphart (1999) betrachtet werden? Eine Re-Analyse von Lijpharts Studie für das politische System der Schweiz von 1997 bis 2007 macht deutlich, dass sich aufgrund der politisch-institutionellen Veränderungen (sinkende Parteienzahl, leicht gestiegene Disproportionalität des Wahlsystems, zunehmende Dezentralisierung und Deregulierung der Staat- Verbände-Beziehungen) in neuester Zeit eine Konsensusdemokratie herausgebildet hat, die starke Züge einer Angleichung und Normalisierung des ursprünglichen Sonderfalls Schweiz an die übrigen kontinentaleuropäischen Verhandlungsdemokratien trägt. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch die verschärften politischen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, die gestiegene Polarisierung zwischen den parteipolitischen Lagern im Parlament, die Nicht- Wiederwahl amtierender Bundesräte und die Schwächung kollegialer Konsenssuche als bisher dominanter Verhandlungsmodus in der Regierung verstärkt. Aus der Perspektive des internationalen Vergleichs kann die Schweiz damit in Zukunft als Normalfall anstelle eines extremen Sonderfalls - einer Konsensusdemokratie betrachtet werden. 19