gesundheit Endlich ein starker Rücken Was haben Liebeskummer, Hormone und Infektionen mit Rückenschmerzen zu tun? Erstaunlich viel. Das belegen neue Erkenntnisse aus der Forschung. Prof. Wolfgang Ertel von der Berliner Charité erklärt uns, was unserem Rücken gut tut Prof. Wolfgang Ertel, Direktor der Klinik für Unfall- und Wieder - herstellungschirurgie an der Berliner Charité Schmerzen im Rücken ge - hören zum Leben wie ein Schnupfen. Und sind meistens genauso harmlos. Neue Erkenntnisse zeigen, dass ihr Auftreten nicht nur auf Stress und lasche Muskeln zurück - geführt werden kann, sondern auch mal mit schwankenden Hormonen oder Liebeskummer zusammenhängt. Wie diese Mechanismen ausgehebelt werden können, erklärt der Wirbelsäulen-Experte Prof. Wolfgang Ertel von der Berliner Charité. Und natürlich weiß er auch, was dem Rücken gut tut und warum Bandscheibenvorfälle nicht immer sofort operiert werden müssen. VITAL: Warum ist der Rücken überhaupt der größte Schwachpunkt des Körpers? PROF. ERTEL: Grundsätzlich ist die Wirbelsäule stabil genug für unseren Alltag. Allerdings haben sich in den letzten 30 Jahren einige Faktoren geändert, die sie stark belasten. Dazu gehören in erster Linie chronische Fehlbelastungen wie langes Sitzen, Bewegungsmangel, die höhere Lebenserwartung, neue Extremsportarten und häufiger auftretendes Über gewicht. Auch der steigende seelische Druck im Alltag und Beruf spielt bei Rückenschmerzen eine zunehmende Rolle, obwohl sich in diesen Fällen keine organischen Veränderungen finden lassen. Psychische Rückenschmerzen existieren die wirklich? Ja, wir beobachten in der Tat eine steigende Zahl von Patienten im mittleren Alter, die über chronische Rückenschmerzen klagen. Untersucht man sie im Magnetresonanz - tomographen, findet man nur selten signifikante Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule. Sind das alles Hypochonder? Nein. Wir wissen ja, dass sich Stress, Überforderung, Frustrationen, Depressionen, ja sogar Liebeskummer auf das Schmerzerleben auswirken können. Gerade beim chronischen Schmerz, der heute als eigenständige Erkrankung gilt, ist bekannt, dass dem Gehirn Schmerzinformationen vermittelt werden, selbst wenn im Extremfall kein auslösender Reiz vorliegt. Psychosoziale Faktoren beeinflussen den Verlauf von Rückenschmerzen vermutlich ebenso stark wie körperliche. Deshalb arbeiten wir in meiner Klinik interdisziplinär mit Schmerztherapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten Hand in Hand, um auch diesen Patienten eine hoch differenzierte Therapie zu garantieren. Wir nennen das Psychologische Schmerztherapie. Hand in Hand mit Psychologen Haben zufriedene Menschen demnach seltener Rückenschmerzen? Nein, definitiv nicht. Aber psychi - sche Faktoren beeinflussen die Weiterverarbeitung des Schmerzes im Gehirn. Je nach negativer oder positiver Ausrichtung wirken sie ent weder verstärkend oder lindernd. Auch die Motivation, Rückenschmerzen frühzeitig mit Rücken u FOTOS Sarah Maingot/trunkarchive.com 68 VITAL 12/ 2011
20% der Deutschen haben chronische Rückenschmerzen V I TA L 1 2 / 2 0 1 1 69
gesundheit schulung und gezieltem Sport zu behandeln, ist bei Patienten mit ausgeglichener Psyche viel höher. Wie wirkt sich eine zu schwache Muskulatur aus? Verkümmerte Muskeln machen den Rücken anfälliger für Schmerzen. Menschen mit chronischen Schmerzen weisen krankhafte Muskelveränderungen auf. Dadurch verliert die Wirbelsäule ihre Stabi lität und neigt zu schmerzhaften Verspannungen. Auch eine schlecht trainierte Bauchmuskulatur fördert Rückenprobleme. Welcher Sport hilft dem Rücken? Schwimmen, Wandern, Aerobic, Ski- Langlauf, Mountain-Biking und Radfahren können Rückenprobleme vermeiden und bestehende bessern. Gift für die Wirbelsäule und erheblich belastend sind kurzfristige, schnelle Drehbewegungen und Stauchungen wie beim Tennis, Golf, Squash, Badminton, Rudern, Reiten, Gewichtheben und Ski alpin. Haben hormonelle Umbrüche wie die Wechseljahre einen Einfluss? Ja, in den Wechseljahren kann die Muskelkraft durch die Hormon - umstellung abnehmen. Die dadurch veränderte Körperhaltung ruft unter Umständen Rückenschmerzen hervor. Dagegen helfen Sport und eine eiweißreiche Ernährung. Die durch den Östrogenmangel verursachte Bindegewebsschwäche kann zudem ein Wirbelkörpergleiten fördern. Auch in dem Fall tut Sport gut und ein rückenfreundliches Leben. Frauen haben fünf Mal häufiger Schmerzen im Kreuz als Männer. Liegt das an ihrer Doppelbelastung? Nein, ich führe es auf die häufigere Bindegewebsschwäche und ihre schwächere Muskulatur zurück. Und Frauen haben öfter ein Hohlkreuz. Welche Auswirkungen hat das? Das Hohlkreuz wird durch falsche Körperhaltungen wie gekrümmter Gang oder gekrümmtes Sitzen, eine schwache Bauch- oder eine verkürzte Rückenmuskulatur begünstigt. Es fördert Hüftgelenksarthrose und den Verschleiß der Lenden wirbelsäule. Deshalb sollten Frauen mit Hohlkreuz auf eine gute Körperhaltung und die Kräftigung ihrer Bauch- und Rückenmuskulatur achten. Eine Infektion kann schuld sein Verstecken sich auch mal organische Krankheiten hinter Rückenschmerzen? Ja, man muss auch immer an einen Herzinfarkt denken, an ein Bauch - aortenaneurysma, also eine krankhafte Erweiterung der Bauchschlagader, an Gallen- oder Nierensteine, an eine Entzündung von Gallenblase, Nieren oder Bauchspeicheldrüse. u 70 VITAL 12/ 2011
73% der Frauen haben in den Wechseljahren Rückenprobleme Fünf Tipps für den Alltag vom Rücken-Experten pachten Sie am Schreibtisch darauf, dass Ihre Füße flach auf dem Boden stehen und die Sitz - fläche um 15 Grad nach vorn gekippt ist. Falls das nicht geht, benutzen Sie ein Keil-Kissen. püben Sie vor dem PC alle 15 Minuten über die Oberschenkel-Muskulatur 10-mal leichten Druck auf Ihre Fußsohlen aus. patmen Sie nicht flach, sondern tief in den Bauch hinein. Das richtet die Wirbelsäule auf. pschlafen Sie auf einer mittelharten Matratze, gönnen Sie sich alle zehn Jahre eine neue. Liegen Sie vor dem Einschlafen eine Weile entspannt auf dem Rücken, legen Sie die Beine hoch und recken und strecken Sie sich ausgiebig. pbelasten Sie beim Stehen beide Beine gleichmäßig, sodass sich die Wirbelsäule aufrichtet. Bei der Küchenarbeit abwechselnd ein Bein hochstellen, z. B. in einen offenen Unterschrank.
Was raten Sie bei Rückenschmerzen? Da es sich bei den meisten um Muskelverspannungen handelt, sollte man sich viel bewegen, seine Muskeln mit speziellen Übungen stärken und vor allem Fehlbelastungen vermeiden. Ich rate meinen Patienten, so oft wie möglich zwischen Sitzen, Stehen und Gehen zu wechseln. Man sollte oft aufstehen und Streckübungen machen, ohne dabei in den Rundrücken zu gehen. Und so oft wie möglich aufs Bücken und auf schwere Belastungen verzichten. Dazu viel Wärme und entzündungshemmende Schmerzmittel, z. B. mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Diclofenac. Wann sollte ich zum Arzt gehen? Wenn alle diese Maßnahmen nach einigen Tagen nicht helfen und zum Rückenschmerz ein bis in den seitlichen Fuß ziehender Beinschmerz hinzukommt. Und auch bei länger anhaltenden Rückenschmerzen mit Fieber. Das deutet auf eine entzündete Bandscheibe hin. Mit welchen Beschwerden würden Sie Patienten sofort in eine Klinik schicken? Alarmstufe Rot besteht bei einer Schädi- operiert gung der Rückenmarksnerven durch einen akuten Bandscheibenvorfall. Neben einem Beinschmerz mit Sensibilitätsstörungen leidet der Patient dann z. B. an einer Lähmung der von der betroffenen Nerven wurzel versorgten Muskelgruppe, an un kontrolliertem Urinund Stuhl abgang und einem Gefühlsverlust an den Oberschenkelinnenseiten. Muss dann operiert werden? Nicht unbedingt. Eine Operation ist immer die letzte Option, nachdem 100000 Deutsche werden jährlich an der Bandscheibe alle konservativen Behandlungs - maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen. Die Therapie muss einem Stufenkonzept folgen. Primär sollte, mit Ausnahme der gerade geschilderten Akutsituation mit Lähmungen, immer eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln, intensiver Physiotherapie, Rückenschule und gegebenenfalls einer psychotherapeutischen Behandlung eingeleitet werden. Zeigen diese Maßnahmen innerhalb von sechs bis acht Wochen keinen Erfolg, können minimalinvasive Verfahren versucht werden. Oft wird viel zu früh operiert Wird zu viel operiert? Vielleicht nicht zu viel, aber zu früh und ohne alle konservativen Therapien auszuschöpfen. Aber auch die haben ihre Grenzen, wenn sie über Monate keinen Erfolg zeigen. Vielleicht wird oft auch der falsche Patient operiert. Es ist richtig, dass ein Bandscheiben vorfall, der nur eine Gefühlsstörung und milde Muskelschwäche verursacht, konservativ mit Schmerz-mittel, muskelentspannenden Arzneien und Physiotherapie be-handelt werden kann. Das verlangt dem Patienten aber Geduld und Schmerztoleranz ab. Ich kenne viele, die auch ohne Operation ein nahezu schmerzfreies Leben führen. p INFOS pwirbelsäulenzentrum an der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Campus Benjamin Franklin, Hindenburgdamm 30, 12203 Berlin, Tel. 0 30/84 45-0, www.ertel-wirbelsaeule@charite.de paktion Gesunder Rücken, Postfach 103, 27443 Selsingen, Tel. 0 42 84/9 26 99 90, www.agr-ev.de. 72 VITAL 12/ 2011
gesundheit Die vier häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen 1 Zugegeben, der Rücken hat es mit uns nicht leicht. Denken Sie nur mal an die physikalischen Kräfte, die Tag für Tag auf ihn einwirken. Zwei Beispiele: Beim Sitzen am PC drücken 150 kg auf die Bandscheiben, beim Husten immerhin noch heftige 110 kg. Kein Wunder, dass seine 24 freien Wirbel und 23 Bandscheiben mit den Jahren zur Baustelle werden können. Typische Diagnosen: pbandscheibenvorfall Die Bandscheiben verformen sich durch Verschleiß, ändern ihre Lage und drücken auf die vom Rückenmark abzweigenden Nerven. Das führt zu Schmerzen in Rücken, Hals oder Schulter. phexenschuss Eine ruckartige Bewegung und zack! schießt ein heftiger Schmerz in den Rücken. Der lässt sich meist auf funktionelle Rückenprobleme, einen Verschleiß der Bandscheiben oder einen gereizten Ischiasnerv zurückführen. pwirbelgleiten Zwei Wirbel verschieben sich gegeneinander, meist gleitet der obere nach vorn Richtung Bauch. Passiert meist in der Lenden wirbel - säule. Hauptgrund: Verschleiß. pverengung des Wirbelkanals Das ist die Folge einer Arthrose der Zwischenwirbelgelenke. Typisch: Die Betroffenen können nur noch kurze Strecken ohne Schmerzen gehen. 2 1 Alles gut: Bei einer gesunden Wirbelsäule sind die Bandscheiben prall aufgepolstert, die Kanten der Wirbelkörper aalglatt und ebenmäßig. 2 Auch die Wirbelsäule altert: Die Bandscheiben sacken zusammen, die Abstände zwischen den Wirbeln schwinden. Ihre Kanten bilden knöcherne Zacken.