Statistische Kompetenz: Fallstricke der Dateninterpretation

Ähnliche Dokumente
Statistische Kompetenz: Fallstricke der Dateninterpretation

Gerd Gigerenzer. Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin: Brustkrebs-Früherkennung. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Umgang mit Risiken: Wie verstehen und kommunizieren Ärzte Gesundheitsrisiken

Bessere Ärzte bessere Patienten: Gerd Gigerenzer

Wie kann Gesundheitskompetenz gefördert werden?

Verstehen Ärzte Gesundheitsstatistiken?

Sauberes Wissen. Gerd Gigerenzer. für eine bessere Gesundheitsversorgung. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Brustkrebs Screening mittels Mammographie : Contra oder «a case for reasonable doubts»

Subjektive Einschätzung und Umgang mit Risiken und Gefahren. Gerd Gigerenzer

Vom Preis der Prävention Nutzen und Nachteile aus psychologischer Perspektive

Alter. Der Sinn der Primärprävention: Compression of Morbidity Fries James, Stanford University. Wichtiger als länger leben ist länger gesund leben

Wie ist die Datenlage zur Früherkennung des Prostatakarzinoms

Evidenz in der Präventionsmedizin

Brustkrebs Screening mittels Mammographie : Contra oder «a case for reasonable doubts»

WIE SICHER IST DIE DIAGNOSE?

EXPERTEN-MEETING Mammographie-Screening

Deutsche Patienten besonders schlecht informiert

Qualität der Gesundheitsinformation für Bürger und Patienten. Gerd Gigerenzer. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

Schilddrüsen-Ca- Screening

Verzicht auf die Operation bei DCIS? Senologie-Update 2018

Screening-Untersuchungen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Statistiker. Fazit. XX. Februar 2015

Risiken und Unsicherheiten richtig verstehen lernen

Ursachen gefühlter Risiken

Die neue TGAM-Patienteninformation zum Mammographie-Screening

Einfache Online-Entscheidungshilfen für informierte Patientenentscheidungen Eine Kooperation zwischen der Bertelsmann Stiftung und dem Harding Zentrum

Klaus Kraywinkel. Überlebenszeitanalysen in Epidemiologischen Krebsregistern

Patientenorientierte Risikokommunikation in der personalisierten Medizin. Dr. Markus Feufel Harding Zentrum für Risikokompetenz 5.

Krebsfrüherkennung Nutzen und Schaden. Univ.-Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser Universität t Hamburg Gesundheitswissenschaften

VORLESUNG ALLGEMEINMEDIZIN. Auswahl Folien Früherkennung

Früherkennung und Diagnostik

Wird durch das Brustkrebsfrüherkennungsprogramm Leben gerettet?

Evidenz-basierte Therapie: Der Feind therapeutischer Intuition? Dr. O. Wegwarth Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Gesundheit in Deutschland, 2006

Mammographie-Screening in der Diskussion um Nutzen und Schaden: Was glauben wir und was wissen wir über den Nutzen?

deso: Mammographie Screening 2015 Mammographie Screening: PRO

Faktenbox Brustkrebs-Früherkennung durch Mammographie

Stellenwert von körperlicher Aktivität bei Krebserkrankungen

Was Ärzte wissen müssen

Prostatakarzinom lokal Dr. med. J. Heß

Patienteninformation DARMKREBS. Früherkennung. Fragen Sie Ihren Arzt

Study fact sheet für ID: Garcia-Retamero 2013

Früherkennung und Diagnostik

Internationale Evaluationen von Mammographie-Screening-Programmen. Strategien zur Kontrolle von Bias

Krebsfrüherkennung Prostatakarzinom: contra. S. Lebentrau

Active Surveillance & Watchful Waiting. Überwachungsstrategien beim lokal begrenzten Prostatakarzinom ohne aggressive Tumoranteile

Ist das Mammographie-Screening eine sinnvolle Art der Früherkennung?

Ein Leben mit Wahrscheinlichkeiten

Qualitätsgesicherte Einführung von Innovationen in die Onkologie durch klinische Krebsregistrierung - Tumorzentrum Berlin e.v.

Lungenkrebs Früherkennung

Neue Datenlage bestätigt PSA gestützte Vorsorge

Wofür BürgerInnen und PatientenInnen und Professionelle gute Gesundheitsinformationen benötigen

Zur Bedeutung von Shared Decision Making in einer Choosing Wisely Initiative Choosing Wisely - ein Modell auch für das deutsche Gesundheitswesen?

Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik WIE ENTSTEHT WISSEN? EVIDENZBASIERTE MEDIZIN

Täuschung und Manipulation mit Zahlen Teil 1

Prostatakarzinom Überversorgung oder Unterversorgung? Rüdiger Heicappell Urologische Klinik Asklepios Klinikum Uckermark Frankfurt /Oder,

Erschienen in: K. Hurrelmann & E. Baumann (Hrsg.), Handbuch Gesundheitskommunikation (pp ). Bern: Huber.

»Zu Risiken und Nebenwirkungen...«Wie informiert sind Ärzte und Patienten?

(Un-)Statistik: Gerd Gigerenzer. Irreführende Zahlenbotschaften. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Zur aktuellen Krebsstatistik in Deutschland

Screening Lungenkrebs. Lutz Freitag

Pressespiegel Sinn und Unsinn der Prostatakarzinomvorsorge. Inhalt. Axel Heidenreich. Zielsetzung des Screening/ der Früherkennung beim PCA

Berechnung von Konfidenzintervallen für Impact Numbers aus Fall-Kontroll und Kohorten-Studien

Doktor, bin ich gesund? Was Screening leistet und was nicht

Bevölkerungsbezogene Analysen neuer Therapieoptionen an einem regionalen Beispiel

Aktive Überwachung (Active Surveillance)

Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen

Faktenbox Darmkrebs-Früherkennung durch Stuhltest

Intensivierte Früherkennung bei BRCA 1 und 2 Mutationsträgerinnen

Diagnostische Tests Über den Umgang mit Risiken

Auswirkungen des organisierten Mammographie- Screening-Programms auf die Brustkrebsversorgung in der Region Aachen

PSA : Das Dilemma. Natürlicher Krankheitsverlauf Natürlicher Krankheitsverlauf. Epidemiologie

Effektgrößen. Evidenz-basierte Medizin und Biostatistik, Prof. Andrea Berghold

Transkript:

Statistische Kompetenz: Fallstricke der Dateninterpretation Dr. Odette Wegwarth MPI für Bildungsforschung, Harding Center für Risikokompetenz, Berlin

Gigerenzer et al. (2007). Helping doctors and patients make sense of health statistics. PSPI. Was wissen Frauen? % der Antworten Richtige Antwort: 1 Geschätzte Anzahl von Frauen pro 1.000, die weniger an Brustkrebs versterben

Grassierende Unwissenheit. 317 US Bürger im Screeningalter*: 91% hatten noch die von Überdiagnose und überbehandlung gehört Gesundheitsmonitor-Befragung: > 30% glauben, Mammographie verhindere Brustkrebs * Wegwarth et al. Overdiagnosis and Overtreatment: Evaluation of what physicians tell their patients about screening harms. JAMA Int Med, 2013.

Selbe Statistik. Unterschiedlich kommuniziert. Relatives Risiko

Selbe Statistik. Unterschiedlich kommuniziert. Relatives Risiko Regelmäßige Teilnahme an der Mammographie senkt das Risiko an Brustkrebs zu versterben um 25%.

Selbe Statistik. Unterschiedlich kommuniziert. Relatives Risiko Regelmäßige Teilnahme an der Mammographie senkt das Risiko an Brustkrebs zu versterben um 25%. Absolutes Risiko

Selbe Statistik. Unterschiedlich kommuniziert. Relatives Risiko Regelmäßige Teilnahme an der Mammographie senkt das Risiko an Brustkrebs zu versterben um 25%. Absolutes Risiko Regelmäßige Teilnahme an der Mammographie senkt das Risiko an Brustkrebs zu versterben von 4 auf 3 Frauen pro 1.000 (0,1%).

Relative Risiken sind intransparent.

Relative Risiken sind intransparent.

Relative Risiken sind intransparent.

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25%

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25% 400 auf 300 Frauen pro 1000. RR = 25%

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25% 400 auf 300 Frauen pro 1000. RR = 25% 0,0004 auf 0,0003 Frauen pro 1000. RR = 25%

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25% 400 auf 300 Frauen pro 1000. RR = 25% 0,0004 auf 0,0003 Frauen pro 1000. RR = 25% Relatives Risiko ignoriert Größe der Referenzgruppe:

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25% 400 auf 300 Frauen pro 1000. RR = 25% 0,0004 auf 0,0003 Frauen pro 1000. RR = 25% Relatives Risiko ignoriert Größe der Referenzgruppe: 4 auf 3 Frauen pro 10. RR = 25%

Relative Risiken sind intransparent. Relatives Risiko ignoriert tatsächliche Größe der Basisraten: 4 auf 3 Frauen pro 1000. RR = 25% 400 auf 300 Frauen pro 1000. RR = 25% 0,0004 auf 0,0003 Frauen pro 1000. RR = 25% Relatives Risiko ignoriert Größe der Referenzgruppe: 4 auf 3 Frauen pro 10. RR = 25% 4 auf 3 Frauen pro 1 000 000. RR = 25%

20% - 30%

0.1%

Überlebensraten

Überlebensraten

Überlebensraten

Wir diskutieren viel über die Brustkrebsmortalität. Dabei ist die 5-Jahres-Überlebensrate in den vergangenen Jahren stetig gestiegen auf inzwischen 87 Prozent...

Welch et al. Are increasing 5-year survival rates evidence of success against cancer? JAMA, 2000. Überlebensrate: Invalide Statistik im Kontext von Screening Für die 20 häufigsten soliden Tumore ist die Korrelation zwischen Anstieg in der Überlebensrate und der Reduktion in der Moralität r =.00

Lead-time bias Verlängerter Diagnosezeitraum

Lead-time bias Verlängerter Diagnosezeitraum Tod mit 70 OHNE Screening Diagnose mit 67

Lead-time bias Verlängerter Diagnosezeitraum Tod mit 70 OHNE Screening Diagnose mit 67 MIT Screening Tod mit 70 Diagnose mit 60

Überdiagnose-Bias Einschluss von nicht-progressiven und langsam wachsenden Tumoren in den Nenner der Kalkulation Aufblähen der Statistik ohne reale Entsprechung

Überdiagnose-Bias Ohne Screening 5 Jahre später... 680 1000 am Leben aggressive Tumore 320 gestorben 5-J Überlebensrate: 680/1.000 = 68% 1680 am Leben

Überdiagnose-Bias Ohne Screening 5 Jahre später... 680 1000 am Leben aggressive Tumore 320 gestorben 5-J Überlebensrate: 680/1.000 = 68% MIT Screening 1000 nicht/langsam progressive Tumore 1000 aggressive Tumore 5 Jahre später... 1680 am 1000 Leben am Leben 680 am Leben 320 gestorben 5-J Überlebensrate: 1.680/2.000 = 84%

Was wissen Ärzte? 65 deutsche Onkologen Lead-time bias: 2 Überdiagnose-Bias: 0 412 US Ärzte 47% glaubten, dass mehr entdeckte Tumore in Screening- Gruppe beweise, dass Screening Leben rette > 80% machten keinen Unterschied zwischen Überlebensrate und Mortalitätsrate Wegwarth et al. Deceiving numbers: survival rates and their impact on doctors risk communication. Medical Decision Making. 2011. Wegwarth et al. Do physicians understand cancer screening statistics? Annals of Internal Medicine. 2012.

Wegwarth et al. (2012):Do physicians understand cancer screening statistics? Annals of Internal Medicine. Würden Sie das Screening ihren Patienten empfehlen? % der Ärzte, die das Screening empfahlen

Wegwarth et al. (2012):Do physicians understand cancer screening statistics? Annals of Internal Medicine. Würden Sie das Screening ihren Patienten empfehlen? % der Ärzte, die das Screening empfahlen

Würden Sie das Screening ihren Patienten empfehlen? % der Ärzte, die das Screening empfahlen Wegwarth et al. (2012):Do physicians understand cancer screening statistics? Annals of Internal Medicine.

Brustkrebs-Früherkennung

Mehr Informationen unter: https://www.harding-center.mpg.de/de

Ohne/Mit Mammographie Jahr der Publikation Relative Risikoreduktion Absolute Risikoreduktion 1996 25% 4 3 pro 1000 (0.1%) 1999 20% 5 4 pro 1.000 (0.1%) 2001 19% 3.1 2.5 pro 1.000 (0.07%) Autor Nyström et al., 1996 Nyström et al., 1999 Gøtzsche et al., 2001 2005: Einführung Mammographie als flächendeckendes Screening 2006 10% 5.5 5 pro 1.000 (0.05%) 2011 15% 3.9 3.3 pro 1.000 (0.06%) 2013 15% 3.9 3.3 pro 1.000 (0.06%) Gøtzsche et al., 2006 Gøtzsche et al., 2011 Gøtzsche et al. 2013