Mythos und Rationalität 9. Vorlesung Mythos und Ideenlehre (Sophistik, Plato, Aristoteles) 14.6.2011 Christoph Hubig
Mythos in der Sophistik Problem: Über jede Angelegenheit gibt es zwei einander entgegengesetzte Logoi (Protagoras FVS B 6) Logos ist ein großer Bewirker (Gorgias B 82) Aller Dinge Maß ist der Mensch (Protagoras B 1) - Relativismus der Wahrheit Es geht um den überzeugenderen Logos Überzeugung wird hervorgebracht Einsatz der Performanz des Mythos ( anmutiger, Protagoras 320c) Der propositionale Gehalt per se (Existenzbehauptung, Prädikation der Götter) bleibt in seinem Wahrheitsanspruch offen (Protagoras B 4) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 2
Paradigmatisches Beispiel: Lehrbarkeit der Tugend (Protagoras) (1) Problem: Ist Tugend lehrbar oder nicht? Protagoras Sokrates Lösung: Suche nach dem Mittelbegriff hier: Technik Technik Tugend ist ist lehrbar Technik Also ist Tugend lehrbar Sokrates kontra: Technik ist Sache der Spezialisten, Tugend Sache aller Protagoras pro: Mythos der Verteilung der Techniken und Tugenden 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 3
Protagoras (2) Mythos von der Verteilung von Fähigkeiten/Fertigkeiten Epimetheus: Prometheus: Zeus: verteilt Fähigkeiten/Fertigkeiten an Tiere, vergißt den Menschen (Mängelwesen) verteilt Techniken des Hephaistos und der Athene kompensatorisch an den Menschen (lehrbare Spezialdisziplinen) verteilt bürgerliche Tugenden (Rechtsempfinden, Achtung) an alle Menschen (ebenfalls lehrbar über Erziehung und Züchtigung, damit ein Unrecht Verderben/Untergang des Hauses und des Staates nicht wieder eintritt (324 a-c) Prinzip der Technik als Sicherung (Sokrates Widerlegung der Annahme bürgerlicher Tugenden als Obertechniken der anderen, z. B. Musikerziehung zur Erlernung von Harmonie/Milde, Sittsamkeit, Maß...: Bürgerliche Tugend hat keine Teile, ist eine in sich identische Haltung der Teilhabe am Guten.) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 4
Protagoras (3) Protagoras hingegen: Anführung weiterer Wirkung, um die Wirkung des Mythos zu stärken: Da nun aber der Mensch göttlicher Vorzüge teilhaftig geworden, hat er auch zuerst, wegen seiner Verwandtschaft mit Gott, allein unter allen Tieren an Götter geglaubt, auch Altäre und Bildnisse der Götter aufzurichten versucht, dann bald darauf Töne und Worte mit Kunst zusammengeordnet, dann Wohnungen und Kleider... und die Nahrungsmittel aus der Erde erfunden (322a) Funktionalität des mythischen Geschehens Funktionalität des Glaubens an das mythische Geschehen Funktionalität des Vortrags dieses Glaubens für die Entscheidung zwischen den beiden Logoi ( Xenophon, Memorabilien; Cicero, De divinatione; Prodikos Cicero, De natura deorum: Anthropomorphismus, Vergöttlichung der nützlichen Gaben der Natur) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 5
Plato: Orte des Mythos (1) schöne und hörenswerte Erzählung (Phaidon 110, 114) sehr schöner Logos (Georgias 523a, 526-527) darf aber nicht kopflos sein (Georgias 505c-d): verknüpft mit dialektischer Erörterung, steht oft an deren Anfang und Ende (anagogische Wirkung) Symposion: Timaios: Politeia: Mythos von der verlorenen Einheit wird kritisiert (Aristophanes), Mythos vom Eros als Überwindung des Mangels propagiert (Diotima) Ausdruck des Wahrscheinlichen ( Bastard-Schluß ) Reich des Kronos als göttliches Vorbild, Rolle für die Erziehung der Wächter (2. Buch) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 6
Phaidon (114d) Politeia (Schlußmythos): Plato: Orte des Mythos (2) Hoffnung Rettung durch Glauben (621b-c) Unsterblichkeit der Seele, Seelenwahl ( -wanderung) des Lebens, sofern auf das Gute ausgerichtet Phaidros: Geist als Wagenlenker der Seele (247c) mit den ungleichen Rössern Sinnlichkeit und Weisheit Allegorie Politeia: Höhlengleichnis Auffüllung einer argumentativen Leerstelle zur Vermeidung des unendlichen Regresses der Erkenntnisbegründung Mythos: implizite Vorführung der Anamnesis Appell an die Wirksamkeit von Ideen Anagogik, Psychagogik didaktische Funktion: Mythos als Abbild unanschaulicher Erkenntnis (Neuplatonismus: Plotin, Porphyrios, Proklos) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 7
Aristoteles: Philosophie als Enthüllung des Mythos Übernahme des Prinzips der Diachronie/ursprungsmythische Geisteshaltung: Zusammenfallen von Form- und Bewegungs- und Zielursache (Phys. 198a) Erster Beweger, Ebenbildlichkeit des Gezeugten, Ziel: Weitertragung der Zeugung (de generatione animalium) innerhalb der Grenzen der Natur (Maulesel und technische Produkte sind nicht zeugungsfähig, haben keine ousia) Metaphysik 1. Buch: Systematisierung der älteren Philosophie und der Mythen im Rahmen der Ursachen-Lehre der Physikvorlesung; 12. Buch: Göttliches umfasst die ganze Natur, göttlicher Anspruch der Natur, Überlieferung: Trümmer, die sich erhalten haben (1074b) Rehabilitierung der Dichtung: Rede vom Allgemeinen (vs. Historie) (Poetik 1451b 5-9) Mythos zeigt die Grenzen der Natur, auch und gerade derjenigen des Menschen (Pol. 7. Buch, Kap. 10: Ägypter) 14.6.2011 Prof. Dr. Ch. Hubig Institut f. Philosophie FG Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur 8