Jan Gertken Prinzipien in der Ethik mentis MÜNSTER
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Vorwort Dies ist eine Arbeit über moralische Prinzipien. Genauer: eine Arbeit darüber, ob solche Prinzipien eine Rolle für unser Urteilen und Entscheiden spielen sollten, und wenn ja, auf welche Weise und mit welcher Reichweite. Das Begriffspaar Moral und Prinzipien mag wie eine notwendige Verbindung erscheinen, doch wie so vieles wird in der philosophischen Diskussion auch diese Überzeugung mit guten Gründen bestritten. Sog. Partikularisten verneinen, dass wir uns im moralischen Denken an Prinzipien orientieren müssen, und zumindest manche von ihnen argumentieren sogar, dass es sich bei der Verbindung von Moral und Prinzipien um eine Mesalliance handelt. Deshalb möchte ich zu klären versuchen, ob wir moralische Prinzipien brauchen, ob wir sie zufriedenstellend formulieren können, und, falls ja, wie weit der Bereich ist, der sich durch Prinzipien erfassen lässt. Besonders in Gesprächen und mündlichen Diskussionen bin ich während der Beschäftigung mit dem Thema häufig einer bestimmten Reaktion begegnet: Äußert man Sympathien für partikularistische Positionen, erntet man Kopfschütteln; zugleich wird jedoch ebenfalls mit dem Kopf geschüttelt, wenn man es unternimmt, die Anforderungen an die Formulierung von Prinzipien einmal klar zu formulieren. Mein Eindruck ist: Viele wollen zwar an der Idee festhalten, dass Prinzipien für Moral von fundamentaler Bedeutung sind, dabei aber zugleich mit einem maximal entspannten Verständnis dessen arbeiten, was der, der Moralprinzipien anzugeben bestrebt ist, leisten muss ein Verständnis, das einen zu keinen allzu großen Anstrengungen zwingt. Ich hoffe, dass es mir im Weiteren gelingt, den Leser davon zu überzeugen, dass die soeben beschriebene Herangehensweise es sich zu einfach macht. Wer davon überzeugt ist, dass Prinzipien eine wichtige Rolle für das moralische Urteilen spielen, muss sich aus der philosophischen Deckung wagen, die Herausforderung durch den Partikularismus annehmen und zu kontrovers diskutierten philosophischen und moralischen Fragen auf subtilere Weise Stellung beziehen, als dies oft geschieht. Die Partikularismusdebatte ist maßgeblich von den Texten Jonathan Dancys geprägt. Diese spielen daher auch für die vorliegende Arbeit eine wichtige Rolle, und an vielen Stellen werden Fragen, Anregungen und Argumente Dancys aufgenommen und diskutiert. Sie stehen jedoch insofern nicht im Mittelpunkt meiner Ausführungen, als ich mich insgesamt nicht an bestimmten Philosophen orientiere, sondern an einer systematischen Klärung philosophischer Probleme interessiert bin. Gleichwohl werden an zahlreichen Stellen über Dancy hinaus weitere exemplarische Vertreter verschiedener
12 Vorwort Ansätze aufgeführt, deren Positionen sich auf besonders erhellende Weise diskutieren lassen. An manchen Stellen entferne ich mich aber auch von der aktuellen Debattenentwicklung, wenn ich glaube, dass dort unwichtige Fragen zu ausführlich behandelt, wichtige jedoch vernachlässigt werden. In Teil I wird zunächst die elementare Frage geklärt, was Moralprinzipien eigentlich sind und warum wir uns für sie interessieren sollten. Im Anschluss werden die zentralen Begriffe und Thesen erläutert, die für den weiteren Verlauf der Arbeit von Bedeutung sind. Teil II fragt danach, wie wir allgemein über moralische Fragen nachdenken sollten und ob wir hierfür Prinzipien brauchen. Die Antwort auf die zweite Frage fällt negativ aus: Für das moralische Urteilen brauchen wir keine Prinzipien was jedoch nicht impliziert, dass wir ganz auf sie verzichten sollten. In Teil III werden verschiedene Versuche diskutiert, Aussagen über die Existenz und Reichweite moralischer Prinzipien zu treffen, ohne auf konkrete Kandidaten für Prinzipien zu sprechen zu kommen. Diese Versuche werden skeptisch beurteilt: Wer über die Existenz und Reichweite moralischer Prinzipien nachdenken will, muss über konkrete moralische Prinzipien nachdenken er muss sich auf das einlassen, was man»normative Ethik«nennt, und auf diesem Feld der partikularistischen Herausforderung begegnen, haltbare Prinzipien zu formulieren, die einer kritischen Überprüfung standhalten. Bevor diese Herausforderung angenommen wird, werde ich in Teil IV die Rahmenbedingungen für eine Diskussion konkreter Vorschläge für moralische Prinzipien erörtern: Geklärt wird, welche begrifflichen Ressourcen für die Formulierung konkreter Prinzipien zur Verfügung stehen und welche Verpflichtungen derjenige eingeht, der nachzuweisen bestrebt ist, dass es überzeugende Prinzipien gibt. Insbesondere wird hierbei geklärt, welche Rolle moralische Urteilskraft für die Anwendung moralischer Prinzipien spielen kann und ob Prinzipien ausnahmslos gültig sein müssen. In Teil V werden schließlich Vorschläge für einige konkrete moralische Prinzipien präsentiert, die gute Aussichten darauf haben, gegen partikularistische Einwände verteidigt werden zu können. Des Weiteren argumentiere ich, dass die Frage nach der Reichweite moralischer Prinzipien in gewisser Hinsicht aufgrund von moralischer Unbestimmtheit nicht entschieden werden kann. Abschließend noch einige Hinweise zu formalen Aspekten der Arbeit: Ich zitiere im laufenden Text nach dem Schema: Autorname Jahr: Seitenzahl (ggf. auch Paragraph oder Kapitel). Finden sich zwei durch Schrägstrich getrennte Jahreszahlen angegeben, so bezieht sich die erste auf die Erstveröffentlichung, die zweite auf die Version, nach der in diesem Fall zitiert wird (bzw. auf den Band, in welchem der Text wiederabgedruckt wurde).
Vorwort 13 Texte philosophischer Klassiker (Aristoteles, Kant, Mill, Wittgenstein) werden nach dem Schema Autorname, Akronym: Seitenzahl (bzw. Paragraph oder Kapitel) zitiert. Die jeweiligen Akronyme der Titel finden sich im Literaturverzeichnis zur leichteren Orientierung direkt nach dem Autornamen. Ich habe mich bemüht, die distanzierende Verwendung von Anführungsstrichen möglichst zu vermeiden. Dort, wo ich sie verwende, gebrauche ich einfache Anführungszeichen. Um Häufungen von Anführungsstrichen zu vermeiden, verwende ich teils auch Kursivsetzung, um deutlich zu machen, dass sprachliche Ausdrücke angeführt und nicht gebraucht werden. Fremdsprachliche Ausdrücke, die ich als Fachbegriffe im Text ohne Übersetzung verwende, sind ebenfalls kursiv gesetzt. Ausnahmen sind solche lateinischen Ausdrücke wie bspw.»per definitionem«oder»ad hoc«, die mit der gleichen Bedeutung auch außerhalb philosophischer Diskussionen im Sprachgebrauch etabliert sind. Dort, wo weitergehende Ausführungen als Fußnoten zu viel Platz eingenommen hätten, habe ich sie als eingeschobene Exkurse in den Haupttext integriert. Ein längerer Exkurs in Kapitel 1 zur logischen Form moralischer Urteile wurde als Anhang ausgelagert. Ein alphabetisches Verzeichnis aller im Text für Thesen, Prinzipien und Regeln verwendeten Abkürzungen findet sich im Anschluss an das Literaturverzeichnis. An vielen Stellen der Arbeit gebrauche ich schematische Buchstaben. Anstelle von Handlungsverben verwende ich dann»f«und»y«. Satzbuchstaben»p, q und r«(ggf. mit Indizes) stehen anstelle von Sätzen. Als schematische Buchstaben für Personennamen nutze ich»s«,»a«und»b«. Als Platzhalter für Begriffe stehen meist»f«und»g«, im Fall moralischer Begriffe verwende ich»m«. Beschreibungen für Kontexte und Situationen werden durch»c«ersetzt.