PROFIRÄDER WERKZEUG KUNDE

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Transkript:

14 WERKZEUG 14 KUNDE TOUR 7/2005

Welches deutsche Profiteam hat das bessere Arbeitsgerät T-Mobile mit dem Giant TCR Advanced oder Gerolsteiner mit dem S-Works Tarmac von Specialized? Exklusiv für TOUR und rechtzeitig vor dem Start der Tour de France traten beide Profiräder zum Duell an TOUR 7/2005 15

TEXT: MATTHIAS BORCHERS; FOTOS: MICHAEL REUSSE Und? Welches Rad ist denn nun besser?, fragt Markus Zberg aufgeregt am Telefon. Das können wir noch nicht sagen, der Test ist noch nicht beendet, lautet die Antwort der TOUR-Tester. Als wir den Gerolsteiner- Profi um eine Meinung zu seinem Arbeitsgerät bitten, liegt es noch zerlegt in alle Einzelteile im Testlabor. Dass es seines ist, weiß Zberg übrigens gar nicht. Teamchef Hans- Michael Holczer hatte es auf dem Weg zum Giro d Italia persönlich vorbeigebracht. T-Mobile-Profi Andreas Klier schien auch etwas erstaunt darüber, dass sein Rad bei TOUR war und meinte nur: Aha!, als wir ihn anriefen. Dass beide Profis von der Aktion nichts wussten, deutet an, dass sie während des Tests nicht radlos waren. Rennfahrer einer Pro-Tour-Mannschaft verfügen in der Regel über vier Maschinen plus Zeitfahr-Räder. Insgesamt stellen die beiden Rad-Sponsoren Giant und Specialized ihren Teams je zwischen 150 und 170 Rahmen-Sets zur Verfügung, Zeitfahr-Maschinen extra. Bestückt werden die Rahmen dann von den Mechanikern der Teams mit den entsprechenden Komponenten weiterer Sponsoren. Das sind bei T-Mobile: Continental, Dedacciai, Sigma, Elite und Selle Italia, sowie bei Gerolsteiner: Schwalbe, Ritchey sowie ebenfalls Elite und Selle Italia. Beide Teams fahren die aktuelle Dura-Ace-Gruppe von Shimano. Giant und Specialized sind bekannte Größen im Rennradmarkt wie im Profipeloton. Der taiwanische Hersteller Giant, weltgrößter Produzent von Fahrrädern, rüstete bereits das spanische Team ONCE mit den charakteristisch schwarz-gelb lackierten Rädern aus und löste im vergangenen Jahr Pinarello als Sponsor des Team T-Mobile ab. Specialized setzte schon Festina und später Mario Cipollinis italienische Mannschaften Acqua&Sapone und Domina Vacanze auf die Räder. Die aktuellen Teamräder markieren dabei den Stand der Technik ebenso wie den Spitzenplatz in der Produktpalette der Hersteller: Das Giant TCR Advanced wurde 2004 als Weiterentwicklung des TCR Composite vorgestellt. Wie Andreas Klier heute zugibt, wohl nicht ohne Druck der Profis. Für unser Team war das TCR nicht gut genug. Probleme gab es hinsichtlich der begrenzten Zahl an Rahmengrößen und der Steifigkeit im Lenkkopf, erinnert sich der Klassikerspezialist. Erik Zabel beispielsweise habe das TCR deshalb kaum gefahren und Siege wie bei Rund um Köln 2004 auf einem Alu-Renner errungen. Giant reagierte und schob rechtzeitig zum Tour-Start 2004 die technisch wesentlich verbesserte Advanced -Version nach, die heute von allen Profis der Magenta-Truppe gefahren wird. Übrigens kündigt der T-Mobile-Ausrüster auch zur diesjährigen Tour de France ein verbessertes Modell an. Quasi das Advanced vom Advanced. US-Hersteller Specialized hatte laut Teamchef Hans- Michael Holczer eine sehr spezielle Prüfung zu bestehen: Bremsbart: Bereits wenige harte Bremsmanöver produzieren reichlich Abrieb Leistungsdefizit: Maximal 23 Zähne am hinteren Ritzelpaket zwangen die TOUR-Tester trotz guter Form oft in den Wiegetritt Den so genannten Rich-Test. Michael Rich, 83 Kilo schwer und 1,87 Meter groß, ist der physisch stärkste Motor im Team Gerolsteiner. Er hat schon diverse Rahmen mit schierer Körperkraft zerstört und genießt bei Holczer größtes Vertrauen, wenn s darum geht, Räder zu beurteilen. So war es auch bei Specialized: Den Kontakt knüpfte Holczer auf der Eurobike 2004, kurz darauf reisten Techniker der Firmenzentrale im kalifornischen Morgan Hill ins schwäbische Herrenberg bei Stuttgart. Im Gepäck: mehrere Carbonrahmen vom Typ S-Works Tarmac. Die Rahmen wurden begutachtet, mit Komponenten komplettiert, Sattel und Lenker angepasst für die Testfahrt. Das Rad durfte sich im Rich-Test keine Schwächen erlauben, sonst hätten die Amerikaner gleich wieder den Heimflug antreten können. Aber die Räder aus Kalifonien haben die Prüfung im hügeligen Umland von Herrenberg bestanden. DUELL IM MORGENLICHT Bei den TOUR-Testern war diesmal eine gewisse Ehrfurcht im Spiel schließlich handelt es sich um Originale, versehen mit den Namenszügen ihrer Piloten Andreas Klier und Markus Zberg. Aber was macht diese Räder so besonders? Sind sie besonders leicht? Oder tragen die Profiräder Teile, die sonst keiner hat? Immerhin: An der Maschine von Klier pappen auf den hochprofilierten Carbon-Laufrädern von Shimano kleine Aufkleber mit der Aufschrift Prototype. Das Aero-Laufrad, das es so vorerst nicht zu kaufen gibt, basiert auf Nabe und Speichen des Dura-Ace- Laufradsatzes. Im Rad von Zberg drehen sich ebenfalls Lauf räder von Shimano, auch diese mit einer Felge aus Carbon, jedoch mit flacherem Profil. Nach Auskunft von Shimano sollen diese Laufräder unter der Bezeichnung WH-7801 Carbon ab Juli in den Fachhandel gelangen. Ein weiteres Indiz für einen Profirenner sind die Ausfallenden an der Gabel: Die Mechaniker feilen die Sicherungsnasen weg, damit der Radwechsel im Pannenfall schneller 16 TOUR 7/2005

Carbon, zeitgemäß: nahtlose, sanfte Rohrübergänge, integrierte Steuersätze und kamerafreundliche, große Logos geht. Warum Profis Profis sind, erkennt man gleich an den Übersetzungen, die sie fahren. Zwar tragen beide Räder vorne Kettenblätter mit 52 und 39 Zähnen, eine ganz normale Abstufung also. Hinten sieht das schon anders aus: Das Spektrum am Zahnkranz reicht von 11 bis 23 Zähnen. Eine Getriebe, mit dem Profis über alle Berge fahren, jedoch weitgehend ungeeignet für Hobby fahrer, die gelegentlich das Doppelte wiegen, aber nur die halbe Leistung aufs Pedal bringen. Startnummernhalter besitzen beide Räder nicht. Dafür fehlt gerade bei kleinen Sloping-Rahmen der Platz im vorderen Rahmendreieck zwischen Ober- und Unterrohr. Rennfahrer lösen dieses Problem meist mit einem kleinen Halter, der an der hinteren Bremsaufnahme befestigt wird. FAHREN WIE DIE PROFIS Wir gehen ohne Startnummer auf den Testparcours, der mit kleineren Anstiegen und kurvenreichen, schnellen Abfahrten gespickt ist und merken schon am ersten Berg, dass unsere Motorleistung nicht der von Profis entspricht. Zwar sind beide Räder inklusive Pedale und Flaschen-halter mit einem Gewicht von 7,2 Kilo schon nahe am UCI-Limit von 6,8 Kilo, uns limitiert jedoch die montierte Übersetzung. Die Tretlager beider Rahmen wirken im Wiegetritt steif genug, sie verwinden sich auch bei kräftigen Antritten nicht und wir können in dieser Kategorie noch keinen Sieger nennen. Ähnlich die Eindrücke von den bislang unbekannten Laufrädern. Auch diese zeigen kaum Reaktionen; sie schleifen auch im Wiegetritt nicht an den Bremsklötzen, wobei die Laufräder im Giant geringfügig steifer zu sein scheinen. Beim Schaltkomfort fahren beide Renner das gleiche Ergebnis ein. Mit Highspeed geht es in die Abfahrt, hier scheint das Specialized in seinem Element. Spurtreu steuert man jede Kurve an, das Fahrverhalten ist betont wendig. Das Giant TCR Advanced markiert zum Vorgänger eine deutlich spürbare Verbesserung. Der magenta-schwarze Renner fährt sich in schnellen Abfahrten etwas träger aber nun ebenso spurtreu wie das Specialized. Gleichstand also, oder sogar ein kleiner Vorteil für Giant? Ein richtig schlechtes Gefühl lösen harte Bremsmanöver aus. Hier wird der Gewichtsvorteil durch die leichten Carbonfelgen mit deutlich schlechterer Bremsleistung erkauft. Trotz der speziellen Carbon-Bremsbeläge lassen sich die Bremsen kaum dosieren: Entweder es bremst fast gar nicht, oder die Bremsen blockieren. Dafür steigen bei harten Bremsungen kleine Rauchwolken von den Belägen auf, und es stinkt verbrannt. Zberg behauptet zwar, dass man sich an dieses zweifelhafte Bremsverhalten gewöhnen kann, gibt aber zu, dass er und seine Kollegen bei Regen lieber Laufräder mit Alufelgen wählen solange es technisch keine bessere Lösung gibt, sicher eine weise Entscheidung. AND THE WINNER IS? Auf dem Testparcours lässt sich aus unserer Sicht kein klarer Sieger ermitteln, die Fahreindrücke des Giant TCR Advanced und Specialized S-Works Tarmac konkurrieren auf gleichem, hohem Niveau. Kein Rad erlaubt sich bis auf die kritische Bremsleistung größere Schwächen in extremen Situationen. Allein die Ergebnisse aus dem Testlabor bescheinigen dem Giant einen kleinen Punktvorteil, weil der Rahmen etwas leichter und die Gabel seitensteifer ist. Markus Zberg trägt das Ergebnis wie ein Profi mit Fassung. Der kleine Unterschied entscheidet schließlich nicht über Sieg und Niederlage im Rennalltag. Übrigens haben Zberg wie Klier betont, dass Sie ihr aktuelles Teamrad auch privat gerne fahren würden. Und Sie? TOUR 7/2005 17

GIANT TCR ADVANCED Telefon 02 11/99 89 40 www. giant-bicycles.com Rahmenset/kompl. 2.999/4.999 Euro Rahmenhöhen s, m, m/l, l, xl 73,0 56,0 72,5 55,5 4,4 7,3 40,5 59,2 Leistungsfeld 98,0 Kraftübertragung (98 Nm/ ) 13 5,93 VON PROFIS VERBESSERT Beim aktuellen Modell des Giant TCR Advanced handelt es sich bereits um die zweite Evolutionsstufe: Die wesentlichen Verbesserungen gegenüber den Rennmaschinen, die Giant an die Magenta- Truppe anlässlich der Tour de France 2004 ausgeliefert hatte, beziehen sich auf Tretlager und Lenkkopf. Diese sind nun um sechs, beziehungsweise zwölf Newtonmeter pro Grad steifer (TOUR 7/2004). Laut Giant liegt das an einigen zusätzlichen Lagen Carbon. Die Fahreigenschaften sind bis auf einen leicht verlängerten Nachlauf weitgehend unverändert. Charakteristisch für das Advanced ist das Sitzrohr mit tropfenförmigem Querschnitt, das gleichzeitig als Sattelstütze dient. Sie muss je nach Beinlänge des Fahrers mit Spezialwerkzeug exakt gekürzt werden. Darauf passt ausschließlich die mitgelieferte Sattelklemme, die gut zwei Zentimeter Höhenverstellung zulässt. Die Schalt- und Bremsfunktion übernimmt Shimanos aktuelle Top-Gruppe Dura-Ace. Die funktioniert tadellos, wären da nicht die Aero-Laufräder aus Carbon mit problematischem Bremsverhalten. Die Prototypen, die es bis auf Weiteres nicht zu kaufen gibt, sind mit 83 und 55 Newton pro Millimeter an Vorder- und Hinterrad extrem seitensteif und mit 690 und 840 Gramm relativ leicht. Zum Vergleich: Lightweight-Carbonlaufräder wiegen 511 (vorne) und 799 Gramm, bei 62 und 57 Newton pro Millimeter. 7 Komfort 13 Gewicht Rahmen/Gabel (1.079 g/356 g) Punkte Rahmenset: 52 9 Fahrstabilität (73 Nm/ ) 10 Seitensteifigkeit Gabel (42 N/mm) Sitzposition komfortabel sportlich rennmäßig Fahrcharakteristik wendig ausgewogen träge empfohlenes Fahrkönnen Anfänger Routinier Profi Fazit: Giant hat seinen Profirenner erfolgreich verbessert. Die technischen Werte liegen auf deutlich höherem Niveau. Routinierte, nicht zu schwere Fahrer kommen mit dem Advanced gut zurecht. 3. Der Name dient den Mechanikern als Orientierungshilfe 4. Profi-Getriebe sind abgestimmt auf deren Leistung. Mehr als 23 Zähne hinten fährt kaum einer 5. Die Sicherungsnasen der Ausfallenden wurden entfernt dem schnellen Radwechsel zuliebe 1. Vorerst nur für Profis sind Shimanos Aero- Laufräder mit 50 Millimeter hohen Carbonfelgen 2. Das Kürzen des integrierten Sitzdoms verlangt Präzision: Die Klemmung erlaubt nur noch zwei Zentimeter Höhenanpassung 18 TOUR 7/2005

SPECIALIZED S-WORKS TARMAC Telefon 00 31/3 14/67 66 00 www. specialized.com Rahmenset/kompl. 1.900/5.000 Rahmenhöhen 49, 52, 54, 56, 58, 61 73,2 57,0 74,4 7,3 39,8 56,2 98,4 58,7 4,3 4,87 Leistungsfeld Kraftübertragung (109 Nm/ ) 14 MIT DEM ANDEREN SCHWUNG Das Arbeitsgerät der Gerolsteiner-Profis basiert auf dem Rahmenmodell S-Works Tarmac und stellt sich zum ersten Mal dem TOUR-Test. Auffallend seine Linien und Formen. Die Amerikaner interpretieren das Thema Sloping sehr individuell, indem sie das Oberrohr nicht einfach nach hinten abfallen lassen, sondern es ausgehend vom Steuerrohr in einem sanften Bogen über das Sitzrohr führen, wo es sich in die Sitzstreben teilt, die schließlich in den Ausfallenden aus Alu münden. Unterbrochen sind die Sitzstreben jeweils durch Langlöcher, in denen Gummikissen Mikrostöße absorbieren und den Komfort verbessern sollen. Markus Zberg konnte diesen Komfortgewinn bislang nicht fühlen. Aufgrund des verhältnismäßig langen Oberrohrs sitzt man eher gestreckt auf dem Rad; der Nachlauf ist kurz, das Fahrverhalten entsprechend agil. Fans, die sich für ein Komplett-Rad entscheiden, müssen Kompromisse eingehen bezüglich der Ausstattung. Während die Profis exklusiv Komponenten von Ritchey, Shimano- Laufräder und Schwalbe-Reifen fahren, stattet Specialized das Serien-Tarmac mit hauseigenen Teilen und Reifen sowie Mavics Ksyrium-SL-Laufrädern aus. Leise Kritik erntet die Segment-Klemmung am Sitzrohr in Verbindung mit einer Carbonsattelstütze. Das kann bei unsachgemäßer Bedienung zu Schäden an dem empfindlichen Carbon faser-schaft führen. 7 Komfort 11 Gewicht Rahmen/Gabel (1.191 g/393 g) Punkte Rahmenset: 49 11 Fahrstabilität (82 Nm/ ) 6 Seitensteifigkeit Gabel (35 N/mm) Sitzposition komfortabel sportlich rennmäßig Fahrcharakteristik wendig ausgewogen träge empfohlenes Fahrkönnen Anfänger Routinier Profi Fazit: Specialized bietet den Profis mit dem S-Works Tarmac einen agilen und fahrstabilen Rahmen, der mit einer seitensteiferen Gabel das Duell gewonnen hätte. Interessant ist der Preis. 3. Gerolsteiner-Profis fahren auf speziell designtem SLR von Selle Italia 4. Der hintere Bremszug verläuft unterhalb des kissenförmigen Oberrohrs 5. Im profilierten Sitzrohr hält eine Segment-Klemmung die Carbonsattelstütze 1. Für Profis gibt es Shimanos Dura- Ace-Pedal mit Titan- statt Stahl-Achse. Das spart ein paar Gramm Gewicht 2. Das Flight Deck am Rad von Zberg zeigt es an: Übersetzung 53 11 20 TOUR 7/2005