Die Anfänge der Logik

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Transkript:

Die Anfänge der Logik Die Entwicklung des logischen Denkens vor Aristoteles Holger Arnold Universität Potsdam, Institut für Informatik arnold@cs.uni-potsdam.de

Grundfragen Was ist Logik? Logik untersucht die Prinzipien gültiger Schlussfolgerungen Begriffe: Gültigkeit, Wahrheit, Falschheit Welche Methoden des Schließens gibt es? Was ist ein Beweis? Beweis einer Aussage = gültiges Ableiten der Aussage aus wahren Prämissen Elemente eines Beweises: wahre Prämissen (Voraussetzungen die erfüllt sein müssen) gültige Argumente (Beweisschritte) Die Anfänge der Logik 2

Methoden des Schließens Demonstrative Argumentation Ausgangspunkt sind wahre Voraussetzungen gelangt durch Ausführen gültiger Ableitungsschritte zu notwendigerweise wahren Schlussfolgerungen Dialektische Argumentation Ausgangspunkt sind Fragen oder Annahmen, die nicht unbedingt wahr sein müssen wird durch Ausführen gültiger Ableitungsschritte ein Widerspruch erreicht, dann ist die Annahme widerlegt nur negative Ergebnisse möglich Die Anfänge der Logik 3

Geschichtliches Anwendung der Logik in der Antike Mathematik, besonders Geometrie Metaphysik juristische oder politische Auseinandersetzungen Woher stammt unser Wissen? Vorsicht! Die Anfänge der Logik 4

Geschichtliches Wichtige Personen Thales von Milet (624 v.chr. 547 v.chr.) Pythagoras von Samos (569 v.chr. 475 v.chr.) Zeno von Elea (490 v.chr. 425 v.chr.) Euklides von Megara (430 v.chr. 360 v.chr) Plato (427 v.chr. 347 v.chr.) Aristoteles (384 v.chr. 322 v.chr.) Euclid von Alexandria (325 v. Chr. 265 v.chr.) Die Anfänge der Logik 5

Demonstration in der Geometrie Entwicklung der Geometrie Ägypter entdeckten empirisch einige geometrische Zusammenhänge, z.b. über das Volumen von Körpern Griechen ersetzten die empirischen Studien durch eine demonstrative Wissenschaft systematisches Studium der Geometrie begann wahrscheinlich in der Schule von Pythagoras Die Anfänge der Logik 6

Demonstration in der Geometrie Anforderungen an elementare Geometrie als deduktive Wissenschaft 1. gewisse Annahmen werden ohne Beweis als wahr angesehen (Axiome) 2. alle anderen Aussagen werden auschließlich von diesen Annahmen abgeleitet 3. die Ableitungen erfolgen ohne Bezug auf anschauliche geometrische Eigenschaften außer den Annahmen Ableitung erfolgt formal (schematisiert, syntaktisch) Diese Zusammenhänge waren den Griechen in der Zeit von Pythagoras noch nicht klar. Vielmehr war es ausreichend, wenn die Richtigkeit eines Beweises offensichtlich war. Die Anfänge der Logik 7

Beispiel: Satz des Pythagoras a 2 + b 2 = c 2 Anschaulicher Beweis basiert auf der Umordnung geometrischer Elemente Beweis in Euklids Elementen formal, aber viel komplexer b c a a b a b Die Anfänge der Logik 8

Demonstration in der Geometrie Euklids Elemente Euklid versucht in den Elementen alle geometrischen Annahmen an den Anfang zu stellen und alle Sätze rein formal aus diesen Annahmen zu folgern älteste vollständig erhaltene Arbeit über Geometrie im antiken Griechenland frühe Beweise sind in den Arbeiten von Plato und Aristoteles zu finden, Ideal des deduktiven Systems war den Schulen von Pythagoras und Plato bekannt Das Prinzip der Demonstration war nicht von Anfang an akzeptiert! Die Anfänge der Logik 9

Demonstration in der Geometrie Welche Art von Logik wurde in den geometrischen Arbeiten betrachtet? 1. Aussagen über die Art von Dingen, keine Aussagen über Individuen eine Aussage wie die Strecken AB und CD sind parallel ist keine Aussage über zwei bestimmte Linien 2. universale Aussagen die notwendigerweise wahr sind Unterscheidung zwischen Aussagen die naturgemäß wahr sein müssen und solchen die nur zufällig wahr sind Die Anfänge der Logik 10

Demonstration in der Geometrie Welche Art von Logik wurde in den geometrischen Arbeiten betrachtet? 3. Definitionen als spezielle notwendigerweise wahre Aussagen für die Griechen war eine Definition die Formulierung von Wahrheiten über Dinge 4. Zusammenfassung bzw. Einordnung verschiedener Dinge mit allgemeinen Regeln Die Anfänge der Logik 11

Dialektik und metaphysische Argumentation Dialektik διαλ ɛγɛσθαι = diskutieren, erörtern Aristoteles bezeichnet Zeno von Elea als den Erfinder der Methode bereits in der Mathematik der Schule von Pythagoras verwendet (Beweis der Irrationalität von 2) systematisch praktiziert u.a. von Euklides von Megara und von Sokrates Die Anfänge der Logik 12

Dialektik und metaphysische Argumentation Bedeutung des Begriffs Dialektik in Platos Dialogen Untersuchung von Hypothesen durch Betrachtung ihrer Konsequenzen kann eine Konsequenz nicht akzeptiert werden, so wird die Hypothese verworfen Sokrates: Konsequenz muss nicht logisch widersprüchlich sein, um die Hypothese zu verwerfen; es genügt wenn sie offensichtlich falsch ist Beispiel: aus Theaetetus These Wissen ist Erkenntnis zieht Sokrates Schlussfolgerungen die Theaetetus dazu bringen, die These aufzugeben Die Anfänge der Logik 13

Dialektik und metaphysische Argumentation Bedeutungen des Begriffs Dialektik in Platos Republik und danach Argumentationsmethode, die auf Widerlegung basiert und letztendlich zu positiven Ergebnissen großer Allgemeinheit führen kann Interpretation unklar kooperative Methode philosophischer Untersuchung Aristoteles verallgemeinert den Begriff: Schließen von Prämissen mit unbekanntem Wahrheitswert Die Anfänge der Logik 14

Plato und die Philosophie der Logik Plato behandelte indirekt drei wichtige Fragen: 1. Was kann wahr oder falsch genannt werden? 2. Was ist eine gültige Ableitung? 3. Was ist eine Definition und was kann definiert werden? Die Anfänge der Logik 15

Plato und die Philosophie der Logik Was kann wahr oder falsch genannt werden? wird behandelt in Theaetetus bei dem Versuch, Wissen zu definieren Wissen = wahre Meinung Meinung wird gebildet durch einen Dialog, der nicht mit einer anderen Person, sondern mit sich selbst geführt wird ähnlich: Gedanke = interne Sprache (in Sophist ) welchen Dingen ordnet Plato die Attribute wahr und falsch zu? den Sätzen selbst den Gedanken, die in Personen auftreten, wenn ein Satz gebildet oder benutzt wird (Urteil) Die Anfänge der Logik 16

Plato und die Philosophie der Logik Was ist eine gültige Ableitung? hängt von Antwort auf erste Frage ab: Sätze: gültige Ableitungen sind notwendige Verbindungen zwischen Sätzen (syntaktisch?) Gedanken: gültige Ableitungen sind notwendige Verbindungen zwischen Gedanken gibt es das? Die Anfänge der Logik 17

Plato und die Philosophie der Logik Platos Theorie der Formen notwendige Verbindungen existieren nur zwischen Formen, korrektes Schließen ist Verfolgen von Verbindungen zwischen Formen Formen sind weder Dinge noch Ideen Form = Menge von Eigenschaften die einer Anzahl von Dingen gemeinsam ist aber: Formen existieren unabhängig von bestimmten Dingen Interpretation unklar Die Anfänge der Logik 18

Plato und die Philosophie der Logik Was ist eine Definition und was kann definiert werden? in vielen Dialogen Platos werden Definitionen gesucht Plato sah Definitionen nicht als willkürlichen Abkürzungen der Inhalt einer wahren Definition ist naturgegeben und wird nicht nur vom Sprachgebrauch bestimmt Plato war bewusst, dass der sprachliche Aspekt einer Definition willkürlich ist Definition bezieht sich auf das was ein Wort bezeichnet, nicht auf das Wort selbst Die Anfänge der Logik 19

Probleme der antiken Logik Sophismen Was Theodoros tut, ohne dafür eines Unrechtes geziehen zu werden, das kann auch Hipparchia tun, ohne dabei eines Unrechtes geziehen zu werden; Theodoros aber tut nicht unrecht, wenn er sich selbst schlägt, also tut auch Hipparchia nicht unrecht, wenn sie den Theodoros schlägt. (Diogenes Laërtios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, VI 96-98). Paradoxien Diese Aussage ist falsch. (Eubulides) Die Anfänge der Logik 20

Referenzen Weitere Informationen zur Entwicklung von Mathematik und Logik The MacTutor History of Mathematics archive www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/ Eric Weissteins s World of Mathematics mathworld.wolfram.com Stanford Encyclopedia of Philosophy plato.stanford.edu The Internet Encyclopedia of Philosophy www.utm.edu/research/iep/ Die Anfänge der Logik 21