Individualismus als Sozialprinzip

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Transkript:

Individualismus als Sozialprinzip 29 Individualismus als Sozialprinzip»Freies Geistesleben«nach 90 Jahren 1 Die Idee des freien Geisteslebens hat ihr revolutionäres Potential noch nicht entfaltet. Aber sie steht möglicherweise kurz davor. In der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte wächst allmählich die Gewissheit, dass Gemeinschaftsfähigkeit und gemeinsame Leistung auf einer Steigerung des Individuellen beruhen, nicht auf dessen Reduktion. Sozialfähigkeit ist so etwas wie eine Kernkompetenz des Individuums. Das steht zwar allen Denkgewohnheiten vom»selbstbezogenen«individuum entgegen, wird aber im Zuge des Freien Geisteslebens evident. Mit diesem (wie mit der gesamten Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus) ist eine grundlegende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse und menschlichen Lebensweisen angesprochen.»was wir heute brauchen, sind andere Köpfe auf unseren Schultern! Köpfe, in denen neue Ideen sind!«2 Von der umfassenden Idee des»freien Geisteslebens«ist heute fast nur noch die Forderung nach Befreiung kultureller Institutionen von einer direkten Einwirkung des Staates und der Wirtschaft übrig geblieben. Das ist zweifellos eine wichtige rechtliche Rahmenbedingung des»geisteslebens«. Von dessen inneren Belangen selbst ist aber selten die Rede. Wo in kulturellen Institutionen Fragen nach Führung, nach festgelegten Kommunikationswegen, wo Entscheidungsstrukturen und Satzungen in den Vordergrund treten, lenken sie vom Geistesleben als solchem ab. Dessen grundlegende Eigenschaften werden häufig übersehen: dass es frei von Vorgaben agiert, sich seine Ziele selbst setzt und seine Verhältnisse selbst gestaltet, ähnlich wie ein Fluss, der sich sein Bett im Fließen selbst gräbt und verändert. Dabei verantwortet es sein Handeln selbst. So ist z. B. jede einzelne»freie«schule selbst verantwortlich für ihre Zielsetzungen, Lehrpläne und Unterrichtsmethoden sowie für die Qualität ihrer Pädagogen und ihrer Verwaltung. Ein zweites, häufig übersehenes Charakteristikum des freien Geisteslebens hängt damit eng zusammen: Geistesleben beruht in erster Linie auf der geistigen Produktivität der einzelnen Mitwirkenden. Die Zusammenarbeit ist so einzurichten, dass die produktiven Kräfte des Individuums entdeckt, Die freie Individualität 1 Unter dem Titel»Spiritueller Individualismus«wurde in den Heften 11 und 12/2008 dieser Zeitschrift auf Zeiterscheinungen hingewiesen, die im Zeichen von»individualisierung«die Eigenständigkeit des gegenwärtigen Menschen herausfordern. Auf den folgenden Seiten wird gezeigt, in welchem Zusammenhang Individualismus als Sozialprinzip vor 90 Jahren von Rudolf Steiner unter der Bezeichnung»Freies Geistesleben«erstmals ausführlich beschrieben worden ist. 2 Rudolf Steiner: 22.4.1919, GA 330 (1983), S. 50.

30 3 Eine ausführliche Darstellung des Prinzips von Produktivität und Empfänglichkeit mit seinen Voraussetzungen und Konsequenzen findet sich in: : Produktivität und Empfänglichkeit. Das unbeachtete Arbeitsprinzip des Geisteslebens, Heidelberg 2008. 4 Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, 1894, GA 4 (1987), Kap. IX 5 Rudolf Steiner: Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen Sozialismus, 7.3.1920, GA 334 (1983), S. 105. 6 Entwicklungsstufen dieser Freiheit wurden in dem eingangs erwähnten Aufsatz näher beschrieben: die Drei 11/2008, S. 17-22. Ausführlicher in: : Jeder Mensch ein Unternehmer. Grundzüge einer dialogischen Kultur, Karlsruhe 2008, S. 20-31. 7 Rudolf Steiner: Geistespflege und Wirtschaftsleben, Oktober 1919, GA 24 (1982), S. 71. Produktive Kraft freigesetzt und verstärkt werden. Geistesleben unterscheidet sich somit grundlegend von den Gegebenheiten des Rechtslebens (Rechte und Pflichten). 3 In den Bereich des Geisteslebens gehört alles so könnte man sagen, was nicht verordnet oder vereinbart werden kann (wie im Rechtsleben) und dem keine Zwecke vorgegeben sind (wie dem Wirtschaftsleben). Die entsprechende Existenzform des Individuums hat Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit (1894) als den»freien Geist«beschrieben. Er ist Wesen und zugleich Entwicklungsziel des Menschen. 4 Die Kernpunkte der sozialen Frage (1919) galten Steiner ausdrücklich als»die Ergänzung zu meiner Philosophie der Freiheit«. 5 Freies Geistesleben dient dem lebenspraktischen Zusammenwirken derer, die den freien Geist in sich lebendig halten wollen. 6 Die Eigenständigkeit des Individuums ist notwendig, damit es seine Potentiale entfalten kann. Durch vorgegebene Rahmenbedingungen würden diese Potentiale gelähmt oder ganz aus dem Verkehr gezogen. Solches kann immer wieder beobachtet werden. Wenn z. B. heute in vielen Einrichtungen des Geisteslebens mit Vorliebe über Strukturen diskutiert wird, so können sich die produktiven Potentiale der Einzelnen kaum entfalten. So manche Einrichtung lehnt zwar dirigierende Einflüsse des Staates entrüstet ab, konstruiert sich aber gleichartige Verhältnisse im Inneren selbst. Wenn dann in Gremien kultureller Organisationen (Vorständen, Konferenzen usw.) immer wieder über kollektive Beeinträchtigungen geklagt wird, kommt hier freies Geistesleben offensichtlich nicht zur Wirkung. Wo man sich gegenseitig behindert, auf Kompromisse setzt oder resigniert, erlebt man nicht eine hinzunehmende Kehrseite des freien Geisteslebens, sondern dessen Abwesenheit.»Die anderen Köpfe auf unseren Schultern«, die wir heute brauchen (s. o.), sind solche, die das Eigene des Geisteslebens denken können. Worin besteht dieses? Freies Geistesleben ist seiner Idee nach»ein Zusammenwirken von Menschen..., das ganz auf den freien Verkehr und die freie Vergesellschaftung von Individualität zu Individualität begründet ist. In keine vorbestimmte Einrichtung werden da die Individualitäten hineingezwängt. Wie sie einander stützen und fördern, das soll lediglich daraus sich ergeben, was der eine dem anderen durch seine Fähigkeiten und Leistungen sein kann.«7 Das bedeutet,»dass Menschenwesen auf Menschenwesen in völliger Freiheit wirkt«. So wird das Geistesleben zu einer fort-

Individualismus als Sozialprinzip 31 währenden Quelle»für soziale Antriebe«. 8 Dieses Geistesleben»ist ein Erzeugnis des menschlichen Inneren. Dieses menschliche Innere muss in völliger Freiheit gepflegt werden«. 9 Die Merkmale des freien Geisteslebens gelten also keineswegs nur für kulturelle Einrichtungen des kulturellen Lebens im engeren Sinne (Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Museen usw.), sondern für alles gesellschaftliche Leben, in dem es auf Fähigkeiten und Leistungen ankommt.»geistesleben«ist nicht strukturell, sondern funktional zu verstehen. Alle Menschen bewegen sich gesellschaftlich im Geistesleben ebenso wie im Rechts- und Wirtschaftsleben. Auch die Tätigkeit in Wirtschaftsunternehmen, überhaupt alle»arbeit«ist auf geistige Leistungen angewiesen (man kann von einem halbfreien Geistesleben sprechen, wenn Ziele und Rahmenbedingungen vorgegeben sind 10 ). Die Freiheit im Geistesleben ist zugleich die Grundlage für Gleichheit des Rechtslebens und Brüderlichkeit des Wirtschaftslebens. 11»Geistesleben«ist das geistig produktive Element im gesamtgesellschaftlichen Zusammenwirken. Es pflegt die schöpferischen Kräfte im Menschen. 12 Wo hingegen Formalisierung oder subjektive Befindlichkeit vorherrschen, zeigt dies eher den Verlust geistiger Spannkraft. Produktivität ist die Quelle für alle originelle Leistung des Menschen, einzeln und in der Zusammenarbeit.»Alles, was im geistigen Leben der Menschheit wirklich gedeihen kann, muss aus der menschlichen innersten produktiven Kraft hervorgehen. Und man wird am günstigsten finden müssen für das gesamte soziale Leben, was sich in diesem Geistesleben unbehindert aus dem entwickeln kann, was auf dem Grund der menschlichen Seele ist.«13 So ist es das erste große Anliegen im Geistesleben, die kreativen Potentiale der Einzelnen zur Wirksamkeit zu bringen, nach Möglichkeit sogar zu steigern, und sie zum Wohl der Gesamtgesellschaft zusammenfließen zu lassen. Das erfordert eine Umwendung des Denkens. Wie lernen wir, mit Ideen umzugehen? Es geht ja nicht nur darum, sie zu erzeugen statt sie (z. B. durch unangemessenes Diskursverhalten) in die Flucht zu schlagen. Es geht auch darum, sich im Ideenbereich gemeinsam bewegen zu können, um die gegebenen Anstöße zu vertiefen.»es kommt überhaupt gar nicht darauf an, dass die einzelnen Urteile und Begriffe, aus denen sich unser Wissen zusammensetzt, übereinstimmen, sondern nur darauf, dass sie uns zuletzt dahin führen, dass wir in dem Fahrwasser der Idee schwimmen. Und in diesem Fahrwasser müssen sich zuletzt alle Menschen tref- 8 Ders.: a. a. O., S. 72. 9 Ders.: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung, 14.10.1919, GA 329 (1985), S. 207. 10 Ders.: Nationalökonomischer Kurs, 29.7.1922, GA 340 (1979), S. 93. 11 Rudolf Steiner: Neugestaltung des sozialen Organismus, 18.6.1919, GA 330 (1983), S. 287. 12 Ders.: Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus? 14.2.1921, GA 338 (1986), S. 88 u.a. 13 Ders.: Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit, 11.6.1922, GA 83 (1981), S. 287.

32 fen, wenn sie energisches Denken über ihren Sonderstandpunkt hinausführt.«14 Um schließlich eine ausgearbeitete Idee vor ihrer Realisierung kritisch zu prüfen, muss man beispielsweise in Entwicklungen denken können, nicht nur analytisch, und nicht nur das vor Augen Liegende wahrnehmen, sondern auch»dinge kommen sehen«; und andererseits die künftigen Folgen dessen, was heute geschieht, vorausschauen. Selbst dann, wenn man dabei auf Anregungen anderer Menschen zurückgreift, bedarf es in jedem Moment eines originären (produktiven) Zugriffs, um die Dinge für sich selbst und die Gemeinschaft fruchtbar zu machen. Beide Formen des Denkens in Entwicklungen sind auch sonst heute hoch geschätzt, wenn jemand verantwortungsvoll und eigenständig handeln will. Die gegenseitige Förderung des»produktiven Potentials«der Einzelnen ist daher ein Kernanliegen im freien Geistesleben. Hinzu kommt noch ein anderes: Freie Empfänglichkeit 14 Rudolf Steiner: Wissen und Handeln im Lichte der Goetheschen Denkweise, 1887, GA 1 (1987), S. 174. 15 Rudolf Steiner: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung, 11.3.1919, GA 329 (1985), S. 32f. 16 Ders.: Die Kernpunkte der sozialen Frage, (1919) GA 23 (1976), S. 81. 17 Ders.: a. a. O., S. 84. 18 Ders.: Die soziale Frage, 10.2.1919, GA 328 (1977), S. 64. Um die produktive Kraft der Einzelnen gesellschaftlich wirksam werden zu lassen, bedarf es einer Empfänglichkeit für die produktiven Leistungen anderer.»das Geistige muss darauf beruhen, dass auf der einen Seite die freie Initiative des Menschen steht, so dass der Mensch in der Lage ist, im freien Geistesleben seine Kräfte individuell der Menschheit anzubieten. Auf der anderen Seite muss das freie Verständnis und das freie Entgegennehmen dieser Geisteskräfte liegen.«15 Freie Initiative und freies Verständnis sind die wirkenden Kräfte im Geistesleben.»Für das Geistesleben, mit dem auch die Entwickelung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde Entwickelungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.«16 Wie viel Produktivität in einem freien Geistesleben entsteht, hängt damit zusammen, wie viel Empfänglichkeit in ihm lebt:»nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses Geisteslebens durch die Menschheit muss auf dem freien Seelenbedürfnis beruhen.«17 Denn»das, was berechtigt ist im geistigen Leben, ist allein das, was die anderen Menschen miterleben wollen mit der einzelnen menschlichen Individualität«. 18 Beide Pole des Geisteslebens, Produktivität ebenso wie Empfänglichkeit, sind also Freiheitsakte. Das ist keine moralische Frage, sondern eine»technische«: Es geht nicht anders. Niemand

Individualismus als Sozialprinzip 33 kann verpflichtet werden, geistig produktiv zu sein. Aber auch Empfänglichkeit kann man nicht anordnen. Die gute Idee, die der eine äußert, muss der andere nicht aufgreifen. Wäre das der Fall, lebten wir in hierarchischen Verhältnissen. Dann stünde von vornherein fest, wer die»guten Ideen«hat und wer sie ausführen muss. An dieser geistigen Sterilität leiden heute viele Wirtschaftsunternehmen. Im demokratischen Ambiente wird zwar die Gefahr persönlicher Willkür vermieden, jedoch um den Preis von Unberechenbarkeit und fehlender Verantwortlichkeit der einzelnen. Da wird nicht individuell festgelegt, sondern durch Gruppen (Mehrheitsbildung). Alle müssen dann das Beschlossene ausführen, ob sie davon überzeugt sind oder nicht. Manchmal sind ja sogar diejenigen nicht überzeugt, die»dafür«gestimmt haben. Auch da herrscht keine Freiheit im Geistesleben, auch da wird die produktive Kraft der Einzelnen eingeschränkt. Mehrheitsentscheidungen im Plenum für den Kern von»selbstverwaltung«zu halten, führt deshalb nicht ins Geistesleben, sondern in eine Demokratisierungsfalle. Im Unterschied zu»hierarchie«und»demokratie«sind die inneren Bedingungen des Geisteslebens nicht strukturell zu beschreiben. Zur Produktivität kann man sich gegenseitig anregen, aber der Einzelne muss sie selbst wollen und verwirklichen. Dem, was Einzelne»produzieren«, kann Interesse, Neugier und Offenheit entgegengebracht werden. Dadurch kommt Empfänglichkeit zum Zuge. Sie folgt dann der Produktivität. Sie kann ihr aber auch vorausgehen: meine geistige Produktivität wächst unter Umständen exponentiell, wenn ich weiß, dass andere sie erwarten oder zumindest das von mir»produzierte«interessiert aufnehmen werden. In einer Runde jedoch, in der man immer schon weiß,»was der andere sagen wird«und sich von vornherein zum Widerspruch aufrüstet, liegt das Geistesleben darnieder. Wo hingegen ein Milieu der Empfänglichkeit lebt, wächst natürlicherweise auch die Produktivität und bringt das geistige Leben zur Entfaltung. Produktivität und Empfänglichkeit als grundlegende Arbeitsprinzipien im Geistesleben rufen weitere menschliche Qualitäten hervor. Davon seien hier stellvertretend zwei genannt. An die Stelle rechtlich strukturierter Verhältnisse tritt eine Begegnung von Mensch zu Mensch, die sich auf Zutrauen stützt. Abstrakte Regelungen können sich ja immer nur auf Kollektive beziehen: Sie klären, was»der Vorstand«darf oder muss, oder»das Kollegium«,»die Elternschaft«usw. Solche Regelungen schieben sich Zutrauen und Verantwortung

34 19 Ein Spektrum der Begegnungsqualitäten findet sich in: : Dialogische Schulführung an Waldorfschulen. Spiritueller Individualismus als Sozialprinzip, Heidelberg 2006, S. 76ff. 20 Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, 18.11.1911, GA 130 (1995), S. 140. 21 Rudolf Steiner: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung, 11.3.1919, GA 329 (1985), S. 32f. Kultur, nicht System zwischen die Individualitäten und halten sie auf Distanz. Das aber steht quer zu den inneren Bedingungen des Geisteslebens. So wäre beispielsweise zu fragen, ob diejenigen, die etwas dürfen oder sollen, es überhaupt können und wollen. Wenn jemand etwas tut, was er nicht kann oder nicht will, fällt das Ergebnis bekanntlich entsprechend aus. An diese Stelle tritt das Zutrauen in die Absichten und Fähigkeiten des anderen. Es entwickelt sich aus einer kontinuierlichen Begegnung, die sich aus dem Interesse am anderen Menschen speist, und aus dem Willen, ihn in seiner Eigenart zu verstehen. 19 So entsteht ein soziales Leben,»das auf der menschlichen Gegenseitigkeit beruht, die gegründet ist auf das Vertrauen, welche die eine Persönlichkeit in die andere setzt«. 20 Gegenseitige Beratung und individuelle Einsicht treten an die Stelle von Befehl und Gehorsam. Was aber so wird hier oft gefragt geschieht, wenn dieses Zutrauen fehlt? Es ist doch meistens nicht besonders stark ausgeprägt! Hier muss man wohl dagegen fragen: ist denn ernsthaft versucht worden, eine Kultur des Zutrauens mit geeigneten Mitteln aufzubauen? Sonst geht die Frage ins Leere; denn von allein entsteht eine solche Kultur nicht. Wenn, wie eben angedeutet, im freien Geistesleben nur geschehen soll, was gekonnt und gewollt wird, so wäre über das Wollen noch ein Wort zu verlieren. Oben wurde ein grundlegender Satz zitiert:»das Geistige muss darauf beruhen, dass auf der einen Seite die freie Initiative des Menschen steht...«21 Das bedeutet, dass das Handeln dem eigenen Willen entspricht. Wer muss, was er nicht will, kann nicht produktiv sein! Und er kann für das, was er tut, keine Verantwortung übernehmen. Das in der Arbeitswelt immer noch übliche System von Beauftragung und Gefolgschaft passt nicht in das Geistesleben. Nur wenn die Einzelnen so weit nur irgend möglich aus sich selbst heraus (initiativ) zum Handeln kommen, können sie auch Verantwortung für das Ganze übernehmen. Das setzt dann weitere Qualitäten voraus wie Transparenz, Aufmerksamkeit, Interesse und Urteilsfähigkeit. (Wie solches konkret realisiert werden kann, wurde an anderen, bereits genannten Stellen ausführlich beschrieben). Alles in allem kommt es darauf an, eine fruchtbare Spannung zwischen Produktivität/Empfänglichkeit, Zutrauen/Begegnung und Initiative/Verantwortung aufzubauen. Aber diese Spannung kann nicht konstruiert werden. Sie lebt aus dem Willen der Einzelnen. Wer sie nicht mittragen will, kann eben nicht

Individualismus als Sozialprinzip 35 im Sinne des freien Geisteslebens tätig sein. Wenn sie jedoch über viele Jahre hin gemeinsam versucht wird, wird sie immer tragfähiger. Aus ihr entsteht dann eine Kultur des geistigen Lebens, nicht ein irgendwie definiertes System. Eine»Kultur«kann nicht losgelöst von den in ihr tätigen Menschen und deren Selbst-Kultur gedacht werden, sondern entsteht und verdichtet sich im konkreten Vollzug. Deshalb gibt es hier auch keine linearen Kausalitätsverhältnisse: Vertrauen und Verantwortlichkeit beispielsweise sind vorauszusetzen, werden aber zugleich auch verstärkt. Bei dieser Kulturbildung ergibt sich erfahrungsgemäß noch vieles andere, was hier nicht aufgeführt werden kann. In dem Maße, in dem eine solche Kultur gelingt, verschwindet jedenfalls der traditionelle Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft. Das Individuum muss sich stärken (nicht sich zurücknehmen), um Gemeinschaft zu bilden. Und das so entstehende Gemeinschaftliche wirkt anregend, ja unter Umständen befeuernd auf den Einzelnen, und nicht einschränkend. Und umgekehrt: was sonst durch äußere Vorgaben gesichert werden muss, geht mehr und mehr vom einzelnen Menschen aus. Durch eine Kultur der Produktivität und Empfänglichkeit, des Zutrauens und der Begegnung, der Initiative und der Verantwortung entstehen nicht nur neue Verhältnisse in den einzelnen Einrichtungen des Geisteslebens, sondern zugleich wird auch ein Beitrag in der Gesamtgesellschaft geleistet. Die eingangs erwähnte»individualisierung«tritt, wie beschrieben, oftmals als Verunsicherung der Einzelnen auf und kann bis zur Überforderung, Entfremdung oder Konfliktanfälligkeit führen. 22 Um eine allfällige Neuorientierung zu gewinnen, bedarf es eines Handelns,»das das Ich zum Zentrum hat«. 23 Die Kultur des freien Geisteslebens bietet zweifellos eine solche Chance. Sie ist die Grundlage für eine Neuorientierung des Einzelnen über traditionelle Rahmenbedingungen hinaus. Auch in dieser Hinsicht hat das freie Geistesleben seine Zukunft noch vor sich, indem es Freiheit, Produktivität und Willenskraft im Zusammenleben der Menschen zur Wirkung bringt. Autorennotiz: Dr. phil. Karl- Martin Dietz, Friedrich von Hardenberg Institut für Kulturwissenschaften Hauptstraße 59, 69117 Heidelberg (Tel. 06221-25134, Fax 06221-21640) Arbeiten zur Führung und Selbstführung im Wirtschafts- und Geistesleben. 22 : Spiritueller Individualismus. Sozialität und Freiheit im Zeitalter der Individualisierung, in: die Drei, 11/2008, Frankfurt/M., S. 14-17. 23 Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/ M., 1986, S. 213.