Mathematik Primarstufe und Sekundarstufe I + II Didaktik der Arithmetik für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung Bearbeitet von Friedhelm Padberg, Christiane Benz 4. Aufl. 2011. Taschenbuch. x, 374 S. Paperback ISBN 978 3 8274 1996 5 Format (B x L): 15,5 x 23,5 cm Weitere Fachgebiete > Pädagogik, Schulbuch, Sozialarbeit > Schulpädagogik > Lehrerausbildung Zu Inhaltsverzeichnis schnell und portofrei erhältlich bei Die Online-Fachbuchhandlung beck-shop.de ist spezialisiert auf Fachbücher, insbesondere Recht, Steuern und Wirtschaft. Im Sortiment finden Sie alle Medien (Bücher, Zeitschriften, CDs, ebooks, etc.) aller Verlage. Ergänzt wird das Programm durch Services wie Neuerscheinungsdienst oder Zusammenstellungen von Büchern zu Sonderpreisen. Der Shop führt mehr als 8 Millionen Produkte.
Didaktik der Arithmetik
Mathematik Primarstufe und Sekundarstufe I + II Herausgegeben von Prof. Dr. Friedhelm Padberg Universität Bielefeld Bisher erschienene Bände (Auswahl): Didaktik der Mathematik P. Bardy: Mathematisch begabte Grundschulkinder Diagnostik und Förderung (P) M. Franke: Didaktik der Geometrie (P) M. Franke/S. Ruwisch: Didaktik des Sachrechnens in der Grundschule (P) K. Hasemann: Anfangsunterricht Mathematik (P) K. Heckmann/F. Padberg: Unterrichtsentwürfe Mathematik Primarstufe (P) G. Krauthausen/P. Scherer: Einführung in die Mathematikdidaktik (P) G. Krummheuer/M. Fetzer: Der Alltag im Mathematikunterricht (P) F. Padberg: Didaktik der Arithmetik (P) P. Scherer/E. Moser Opitz: Fördern im Mathematikunterricht der Primarstufe (P) G. Hinrichs: Modellierung im Mathematikunterricht (P/S) R. Danckwerts/D. Vogel: Analysis verständlich unterrichten (S) G. Greefrath: Didaktik des Sachrechnens in der Sekundarstufe (S) F. Padberg: Didaktik der Bruchrechnung (S) H.-J. Vollrath/H.-G. Weigand: Algebra in der Sekundarstufe (S) H.-J. Vollrath: Grundlagen des Mathematikunterrichts in der Sekundarstufe (S) H.-G. Weigand/T. Weth: Computer im Mathematikunterricht (S) H.-G. Weigand et al.: Didaktik der Geometrie für die Sekundarstufe I (S) Mathematik F. Padberg: Einführung in die Mathematik I Arithmetik (P) F. Padberg: Zahlentheorie und Arithmetik (P) K. Appell/J. Appell: Mengen Zahlen Zahlbereiche (P/S) A. Filler: Elementare Lineare Algebra (P/S) S. Krauter: Erlebnis Elementargeometrie (P/S) H. Kütting/M. Sauer: Elementare Stochastik (P/S) T. Leuders: Erlebnis Arithmetik (P/S) F. Padberg: Elementare Zahlentheorie (P/S) F. Padberg/R. Danckwerts/M. Stein: Zahlbereiche (P/S) A. Büchter/H.-W. Henn: Elementare Analysis (S) G. Wittmann: Elementare Funktionen und ihre Anwendungen (S) P: Schwerpunkt Primarstufe S: Schwerpunkt Sekundarstufe Weitere Bände in Vorbereitung
Friedhelm Padberg Christiane Benz Didaktik der Arithmetik für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung 4. erweiterte, stark überarbeitete Auflage
Autoren Prof. Dr. Friedhelm Padberg Fakultät für Mathematik Universität Bielefeld Prof. Dr. Christiane Benz Institut für Mathematik und Informatik Pädagogische Hochschule Karlsruhe Wichtiger Hinweis für den Benutzer Der Verlag, der Herausgeber und die Autoren haben alle Sorgfalt walten lassen, um vollständige und akkurate Informationen in diesem Buch zu publizieren. Der Verlag übernimmt weder Garantie noch die juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung für die Nutzung dieser Informationen, für deren Wirtschaftlichkeit oder fehlerfreie Funktion für einen bestimmten Zweck. Der Verlag übernimmt keine Gewähr dafür, dass die beschriebenen Verfahren, Programme usw. frei von Schutzrechten Dritter sind. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Buch berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz- Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Der Verlag hat sich bemüht, sämtliche Rechteinhaber von Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber dennoch der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar gezahlt. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Springer ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media springer.de 4. Auflage 2011 Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2011 Spektrum Akademischer Verlag ist ein Imprint von Springer 11 12 13 14 15 5 4 3 2 1 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Planung und Lektorat: Dr. Andreas Rüdinger, Bianca Alton Satz: Autorensatz mit technischer Unterstützung durch le-tex publishing services GmbH, Leipzig Umschlaggestaltung: SpieszDesign, Neu-Ulm ISBN 978-3-8274-1996-5
Inhaltsverzeichnis Einleitung... 1 I DieerstenZahlen... 5 1 Entwicklung des Zahlbegriffs zwei sehr unterschiedliche Ansätze. 5 2 Entwicklung der Zählkompetenz... 7 2.1 ErwerbderZahlwortreihe... 8 2.2 ZählprinzipienundKonventionen... 9 2.3 NiveausbeimEinsatzderZahlwortreihe... 10 2.4 PhasenderprozeduralenSicherheit... 12 3 Aspektreichtum der natürlichen Zahlen... 13 3.1 VielfältigeZahlaspekte... 13 3.2 Mathematische Fundierungen... 16 3.3 Probleme einseitiger Fundierung.... 16 4 Kenntnisse am Ende der Kindergartenzeit/am Schulanfang... 17 4.1 SimultanerfassungkleinerMengen... 17 4.2 Zählen... 17 4.3 Ziffernkenntnis... 19 4.4 Kardinalzahlaspekt... 21 4.5 Ordinalzahlaspekt... 22 4.6 Maßzahlaspekt... 22 4.7 Vorgänger/Nachfolger/Größenvergleich... 23 4.8 Teil-Ganzes-Beziehung... 24 4.9 VielseitigerEinsatzvon ZahleninderUmwelt... 25 4.10 Schlussfolgerungen... 26 5 Der Zwanzigerraum... 27 5.1 Erschließung heute ein Überblick... 28 5.2 Festigung und Vertiefung des Zählens... 32 5.3 Zahlendarstellenunderfassen... 35 5.4 Zahlenzerlegen... 41 5.5 Zahlenvergleichenundordnen... 44 5.5.1 Zahlen Mengenvergleich... 44 5.5.2 Reihenfolgen Ordnungszahlen... 46 5.6 DieZahlNull... 48 5.6.1 NullalsKardinalzahl... 48 5.6.2 Rückwärtszählen... 49 5.6.3 Zerlegungen/NullalsRechenzahl... 50 5.7 Zahlenschreiben... 51 5.8 DezimalesStellenwertsystem erstevorarbeiten... 52 5.9 Vertiefung des aspektreichen Vorwissens über die natürlichenzahlen... 54
vi Inhaltsverzeichnis II Zahlenräume verständnisbasiert erarbeiten und mathematisch vertiefen... 57 1 Der Zahlenraum bis 100... 58 2 Der Zahlenraum bis 1 000... 66 3 Der Zahlenraum bis zu einer Million und mehr... 71 4 Unsere Zahlschrift mathematische Grundlagen und Ausblicke... 80 4.1 Die römischezahlschrift einkontrastbeispiel... 80 4.2 DasdezimaleStellenwertsystem... 82 4.3 Nichtdezimale Stellenwertsysteme eine Verallgemeinerung. 84 III Kopfrechnen... 87 1 Addition... 88 1.1 Vorkenntnisse von Schulanfängern... 88 1.2 Informelle Lösungsstrategien von Schulanfängern Zählstrategien... 88 1.3 Zählstrategien keineswegs nur bei Schulanfängern... 90 1.4 Zählstrategien effizientundproblemlos?... 91 1.5 Kleines Einsundeins... 92 1.5.1 Grundlegung des Additionsverständnisses...... 92 1.5.2 RechenstrategienimZwanzigerraum... 96 1.5.3 Beziehungsreiches und automatisierendes Üben deskleineneinspluseins... 101 1.6 DasGleichheitszeichen einigeanmerkungen... 103 1.7 Rechenstrategien im Hunderterraum... 105 1.8 Fehlerstrategien... 108 2 Subtraktion... 109 2.1 Vorkenntnisse von Schulanfängern... 109 2.2 Zählstrategien... 111 2.3 KleinesEinsminuseins... 114 2.3.1 Grundlegung des Subtraktionsverständnisses... 114 2.3.2 RechenstrategienimZwanzigerraum... 116 2.3.3 Beziehungsreiches und automatisierendes Üben deskleineneinsminuseins... 117 2.4 Rechenstrategien im Hunderterraum... 119 2.5 Fehlerstrategien... 122 3 Multiplikation... 124 3.1 Vorkenntnisse und informelle Lösungsstrategien... 124 3.2 Grundlegung des Multiplikationsverständnisses... 128 3.2.1 Zeitlich-sukzessiveHandlungen... 128 3.2.2 Räumlich-simultaneAnordnungen... 129 3.2.3 KombinatorischerKontext... 130 3.2.4 WeiteremultiplikativeKontexte... 132 3.2.5 Resümee... 134
Inhaltsverzeichnis vii 3.3 Rechengesetze... 134 3.3.1 Kommutativgesetz... 135 3.3.2 Assoziativgesetz... 136 3.3.3 Distributivgesetz... 137 3.4 KleinesEinmaleins... 137 3.4.1 SichereundschnelleBeherrschungnotwendig?... 137 3.4.2 Ganzheitliche oder getrennte Erarbeitung deskleineneinmaleins?... 138 3.4.3 Rechenstrategien... 139 3.4.4 Vielseitige Erarbeitung und Automatisierung dereinmaleinsreihen... 142 3.5 MultiplikationimTausenderraum... 145 3.6 Fehlerstrategien... 147 4 Division... 149 4.1 Vorkenntnisse und informelle Lösungsstrategien... 149 4.2 Grundlegung des Divisionsverständnisses... 152 4.2.1 Aufteilen... 153 4.2.2 Verteilen... 154 4.2.3 Umkehroperation... 156 4.2.4 Wiederholte Subtraktion.... 156 4.2.5 MultiplikativerVergleich... 157 4.2.6 Resümee... 157 4.3 Rechenstrategien im Hunderterraum...... 159 4.4 Vielseitige Erarbeitung und Festigung von Divisionsaufgaben im Hunderterraum... 161 4.5 SonderfallNull... 163 4.6 DivisionmitRest... 164 4.7 DivisionimTausenderraum... 165 4.8 Fehlerstrategien... 167 IV Halbschriftliches Rechnen... 169 1 Zum Begriff des halbschriftlichen Rechnens... 170 2 Zur Bedeutung des halbschriftlichen Rechnens... 170 3 Hauptstrategien des halbschriftlichen Rechnens... 174 3.1 StandardstrategieoderVielfaltanStrategien?... 174 3.2 Beispiellösungen oder eigene Lösungswege?... 174 3.3 NotationenbeimhalbschriftlichenRechnen... 175 3.4 Addition... 177 3.5 Subtraktion... 180 3.6 Multiplikation... 184 3.7 Division... 188 3.8 Zusammenfassender Überblick... 189
viii Inhaltsverzeichnis 4 Forschungsergebnisse zum halbschriftlichen Rechnen... 190 4.1 HalbschriftlichesRechnen flexiblesrechnen?... 193 4.2 Variationen im Rahmen der wenigen Hauptstrategien?..... 196 4.3 Unterschiede im Erfolg bei den halbschriftlichen Strategien? 198 4.4 CharakteristischeFehlerstrategien... 199 4.5 HalbschriftlichesRechnen Lieblingsmethode?... 203 4.6 UnterschiedeimErfolgjenachRechenmethode?... 205 4.7 Zur Dominanz der schriftlichen Verfahren nach ihrer Einführung... 207 5 Stärken und Problembereiche des halbschriftlichen Rechnens... 208 5.1 Stärken... 208 5.2 Problembereiche... 210 6 Konsequenzen für den Unterricht... 212 V Schriftliches Rechnen... 217 1 Brauchen wir heute noch schriftliche Rechenverfahren?... 218 1.1 Schriftliches Rechnen möglichevorteile... 219 1.2 Schriftliches Rechnen möglichenachteile... 221 1.3 Konsequenzen... 222 2 Addition... 224 2.1 VerschiedeneZugangswege... 224 2.1.1 Rechengeld... 224 2.1.2 StellenweisesRechnen... 225 2.1.3 Zehnerblöcke... 226 2.2 Endform und mathematische Begründung..... 227 2.3 Schwierigkeitsfaktoren... 228 2.4 Fehlerstrategien, Ursachen, Förderarbeit... 229 2.5 Überschlagendes und kontrollierendes Rechnen... 232 2.6 FlexiblesRechnen... 234 2.7 Vertiefung... 235 3 Subtraktion... 237 3.1 Abziehen oder Ergänzen?... 237 3.2 VerschiedeneZugangswege... 239 3.2.1 Abziehen mit Entbündeln... 240 3.2.2 ErgänzenmitErweitern... 245 3.2.3 Auffüllen... 248 3.3 Verschiedene Zugangswege abschließende Bewertung...... 251 3.4 Fehlerstrategien, Ursachen, Förderarbeit... 252 3.4.1 SchwierigkeitsfaktorenunddiagnostischerTest... 253 3.4.2 SystematischeundtypischeFehlerstrategien... 256 3.4.3 Ursachen und Förderarbeit... 258 3.5 ÜberschlagendesRechnen... 261 3.6 Kontrollierendes Rechnen.... 262
Inhaltsverzeichnis ix 3.7 FlexiblesRechnen... 263 3.8 Vertiefung... 264 4 Multiplikation... 267 4.1 VerschiedeneZugangswege... 268 4.1.1 WiederholteAddition... 268 4.1.2 SchrittweisesRechnen... 271 4.1.3 Gittermethode... 272 4.2 DerweitereWeg... 273 4.2.1 MultiplikationmitVielfachenvon10... 273 4.2.2 Multiplikation mit mehrstelligen Multiplikatoren...... 274 4.3 Fehlerstrategien, Ursachen, Förderarbeit... 278 4.3.1 SchwierigkeitsfaktorenunddiagnostischerTest... 278 4.3.2 SystematischeFehlerstrategien... 280 4.3.3 TypischeFehlerstrategienundihreUrsachen... 281 4.3.4 Förderarbeit... 283 4.4 ÜberschlagendesRechnen... 284 4.5 Kontrollierendes Rechnen.... 285 4.6 FlexiblesRechnen... 286 4.7 Vertiefung... 286 5 Division... 288 5.1 VerschiedeneZugangswege... 289 5.1.1 Wiederholte Subtraktion.... 289 5.1.2 VerteilenvonGeld... 291 5.1.3 SchrittweisesRechnen... 293 5.2 Endform bei einstelligem Divisor Änderung überfällig... 294 5.3 DerweitereWeg... 296 5.3.1 AufgabenmitNullen... 296 5.3.2 DivisiondurchZehnerzahlen... 297 5.3.3 Division durch mehrstellige Divisoren..... 298 5.4 Fehlerstrategien, Ursachen, Förderarbeit... 301 5.4.1 SchwierigkeitsfaktorenunddiagnostischerTest... 301 5.4.2 SystematischeFehlerstrategienundihreUrsachen... 302 5.4.3 TypischeFehlerstrategienundihreUrsachen... 303 5.4.4 Förderarbeit... 305 5.5 ÜberschlagendesRechnen... 306 5.6 Kontrollierendes Rechnen.... 309 5.7 FlexiblesRechnen... 309 5.8 Vertiefung... 310 VI Taschenrechner und Computer im Arithmetikunterricht... 311 1 Taschenrechner... 312 1.1 Zum Einsatz des Taschenrechners in der Grundschule... 312 1.2 EinführungdesTaschenrechners... 313
x Inhaltsverzeichnis 1.3 KopfrechnergegenTaschenrechner... 315 1.4 Förderung des überschlagendenrechnens... 316 1.5 Entdeckungen mit defekten Taschenrechnern... 318 1.6 Entdecken und Begründen von Gesetzmäßigkeiten... 319 1.7 Mathematische Sätze entdecken und begründen... 321 1.8 Sachaufgaben... 323 1.9 Der Taschenrechner als Kontrollinstrument.... 323 1.10 Resümee... 324 2 Computer... 325 2.1 Umfang und Art des gegenwärtigen Einsatzes... 325 2.2 Notwendige Voraussetzungen für einen sachgerechten Einsatz... 327 2.3 Prinzipielle Stärken und Grenzen des Computereinsatzes in der Grundschule... 329 2.4 Vielfalt und Qualität gegenwärtiger Software eine kritische Analyse... 329 2.5 Konsequenzen... 332 Literatur... 335 Index... 371
Einleitung Im Umfeld der nationalen Bildungsstandards im Fach Mathematik für den Primarbereich [39] hat es von 2004 an in Deutschland starke Veränderungen bei den Bildungs- und Lehrplänen der einzelnen Bundesländer gegeben. Diese Veränderungen haben parallel dazu zu stark überarbeiteten Neuauflagen der Schulbuchreihen für Mathematik in der Grundschule bzw. auch zu Neuerscheinungen geführt. Im Kontext dieser Veränderungen ist die 2007 durchgeführte und Ende 2008 publizierte TIMSS-Grundschul-Untersuchung über mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen und Einstellungen von Grundschulkindern der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich von besonderem Interesse (vgl. Bos u. a. [45]). Die Schulleistungsstudie TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) führt die International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) schon seit 1995 in den Jahrgangsstufen 4 und 8 durch. Deutschland beteiligte sich 2007 erstmalig an der entsprechenden Grundschuluntersuchung. Diese TIMSS-Grundschul-Untersuchung liefert insgesamt ein sehr erfreuliches Bild des Mathematikunterrichts an Deutschlands Grundschulen (vgl. Bos u. a. [45]): Im internationalen Vergleich aller 36 Teilnehmerstaaten liegt Deutschland im oberen Drittel der Rangreihe (a. a. O., S. 60). Bei einer Fokussierung auf die 14 teilnehmenden EU- bzw. 15 teilnehmenden OECD-Staaten gilt sogar: Nur drei Staaten jeweils, nämlich England, Lettland, Niederlande bzw. England, Japan, Niederlande, liegen statistisch signifikant vor Deutschland (vgl. a. a. O., S. 60f). Ein sehr großer Teil der Grundschulkinder in Deutschland (70 %) hat eine hohe positive Einstellung, weitere 16 % haben eine mittlere positive Einstellung zur Mathematik (a. a. O., S. 70). Erfreulich ist auch folgende Einschätzung: Nahezu unabhängig von der erreichten Kompetenzstufe gelingt es der deutschen Grundschule offenbar, eine besonders positive Einstellung gegenüber der Mathematik zu vermitteln (a. a. O., S. 11). Auch das mathematische Selbstkonzept der deutschen Grundschulkinder erweist sich als ausgesprochen positiv. So haben 70 % der Kinder ein hohes, 21 % ein mittleres und nur 10 % ein niedriges mathematisches Selbstkonzept. Die deutschen Grundschulkinder liegen hiermit sehr deutlich über dem internationalen Durchschnitt (a. a. O., S. 80). Dies ist erfreulich, da ein positiver Zusammenhang zwischen dem mathematischen Fähigkeitsselbstkonzept und den Leistungen der Schülerinnen und Schüler besteht (a. a. O., S. 12). Nach diesen positiven Befunden könnten wir uns jetzt eigentlich erleichtert zurücklehnen mit dem angenehmen Gefühlt, dass weitere Veränderungen
2 Einleitung des Mathematikunterrichts der Grundschule nicht mehr notwendig sind. Dies trifft allerdings keineswegs zu, wie die beiden folgenden weiteren Ergebnisse der TIMSS-Untersuchung belegen: Besorgniserregend ist, dass 4 % unserer Grundschulkinder auf der untersten Kompetenzstufe völlig mangelhafte mathematische Leistungen erbringen und dass sich gut ein Fünftel auf den beiden untersten Kompetenzstufen (a. a. O., S. 72) befinden und damit massive Probleme in den weiterführenden Schulen bekommen könnten ( Risikokinder ). Dass man diese Risikogruppe deutlich kleiner halten kann, belegt der internationale Vergleich: Wir liegen hier in der Rangreihe nur auf Platz 10 von 24 untersuchten Staaten und in Japan ist diese Risikogruppe beispielsweise nur halb oder in Singapur gar nur rund ein Drittel so groß wie in Deutschland (a. a. O., S. 73). Auf der höchsten Kompetenzstufe befinden sich dagegen in Deutschland gerade einmal 6 % der Schüler. Im internationalen Vergleich ergibt sich, dass unsere Leistungsspitze damit (deutlich) zu klein ist. Wir stehen hier in der Rangreihe sogar erst auf Platz 15 von auch hier 24 untersuchten Staaten. So liegt der Anteil der Leistungsspitze in Singapur fast 7-mal oder in Japan fast 4-mal so hoch wie in Deutschland (a. a. O., S. 73). Die durch die aktuelle TIMSS-Grundschul-Untersuchung belegte sehr positive Einstellung zum Mathematikunterricht sowie das hohe mathematische Selbstkonzept sind gute Voraussetzungen, um die dringend notwendige weitere Förderung im unteren Leistungsbereich sowie die genau so dringend notwendige Verbreiterung der Leistungsspitze durch Förderung und Forderung umzusetzen. Die vorliegende, gründlich überarbeitete Didaktik der Arithmetik gibt hierzu, aber insbesondere auch zur Förderung und Forderung des breiten, mittleren Leistungsbereichs vielfältige Anregungen und hilft auf diese Art, den Arithmetikunterricht so zu gestalten, dass er den eingangs erwähnten, substanziellen Veränderungen Rechnung trägt. Dieser Band wendet sich an Studierende für das Lehramt der Primarstufe mit Mathematik als Haupt- oder Nebenfach, an Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter mit dem Fach Mathematik sowie an alle Lehrkräfte, die nach neuen Ideen für ihren täglichen Unterricht suchen. Der vorliegende Band weist folgende Charakteristika auf: Dieser Band ist stark praxisorientiert. Dies zeigt u. a. die direkte Bezugnahme auf eine große Zahl neuester Unterrichtswerke für die Grundschule beispielsweise in Form von rund 130 farbigen Abbildungen aus Grundschulwerken;
Einleitung 3 geht gründlich auf relevante Arbeiten zu den Vorkenntnissen und informellen Lösungsstrategien ein; gibt vielseitige Anregungen zur Grundlegung tragfähiger Zahl- und Operationsvorstellungen; erschließt die Einsicht in vielseitige Rechenstrategien insbesondere beim mündlichen und halbschriftlichen Rechnen und stärkt so flexibles Rechnen; analysiert gründlich und differenziert Stärken, aber auch Problembereiche des halbschriftlichen Rechnens und zieht hieraus Konsequenzen für den Unterricht; erschließt vielfältige Zugangswege zum schriftlichen Rechnen und untersucht gründlich seinen Stellenwert im Computerzeitalter. Aus dieser Analyse werden Konsequenzen für erforderliche Veränderungen gezogen beispielsweise bei der schriftlichen Subtraktion und der Division; analysiert gründlich Lernschwierigkeiten und Fehlerstrategien beim mündlichen, halbschriftlichen und schriftlichen Rechnen. Er stellt erprobte diagnostische Tests bereit und gibt vielfältige Hinweise zum konstruktiven Umgang mit Fehlern und Schwierigkeiten sowie zur Förderarbeit; thematisiert den aktuellen Stellenwert von Taschenrechnern und Computern im Mathematikunterricht der Grundschule; gibt vielfältige Anregungen zum flexiblen Rechnen. Sokönnen die Kinder begründete Entscheidungen treffen, ob bei gegebenen Aufgaben eine Strategie des mündlichen Rechnens (welche?, warum?), des halbschriftlichen Rechnens (welche?, warum?), das schriftliche Rechnen (warum?) oder der Taschenrechner (warum?) sinnvollerweise eingesetzt werden; gibt viele konkrete Hinweise zum entdeckenden Lernen, beziehungsreichen Üben und zum Problemlösen; gibt vielfältige Anregungen zum überschlagenden und kontrollierenden Rechnen; berücksichtigt in vielen Bereichen gründlich schulnahe, meist empirische Forschungsarbeiten aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum. So wird eine fundierte Grundlage für begründete Entscheidungen im Arithmetikunterricht zur Verfügung gestellt; ermöglicht eine weitergehende Erarbeitung und selbstständige Vertiefung vieler hier angesprochener Themen. Dies geschieht durch vielfältige, gezielte Hinweise auf deutsch- und englischsprachige Literatur an den entsprechenden Textstellen sowie durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das von älteren, aber bewährten Arbeiten bis zu den neuesten Publikationen reicht. Trotz des Umfanges dieses Bandes können längst nicht alle für den Arithmetikunterricht interessanten oder relevanten Fragestellungen thematisiert werden. Dies gilt beispielsweise für arithmetische Kompetenzen in außermathematischen Kontexten (vgl. jedoch in dieser Reihe Franke/Ruwisch [85]) oder die Geschichte der Arithmetik. Auch wäre beispielsweise eine breitere Thema-
4 Einleitung tisierung des Übens oder von Differenzierungs- und Fördermaßnahmen gerade für lernschwache Kinder oder unter dem Blickwinkel jahrgangsübergreifender Klassen wünschenswert. Diese völlig überarbeitete Neuauflage wurde erstmalig von zwei Autoren verfasst. Hierbei wurde der Abschnitt Der Zwanzigerraum von Christiane Benz, der übrige Band von Friedhelm Padberg erarbeitet. Für die gründliche Durchsicht des Manuskriptes und vielfältige konstruktive Hinweise bedanken wir uns herzlich bei unseren Kolleginnen Kirsten Heckmann (Braunschweig), Elisabeth Rathgeb-Schnierer (Weingarten) und Silke Ruwisch (Lüneburg), für sorgfältiges Korrekturlesen bei unserem Kollegen Herbert Kütting (Münster) sowie für die professionelle Erstellung des Manuskriptes bei Frau Anita Kollwitz. Unser Dank gilt ebenfalls den Herausgeberinnen und Herausgebern sowie den Verlagen der im Anhang genannten Schulbuchreihen für die unkomplizierte Erteilung der Druckerlaubnis für die ausgewählten Schulbuchbeispiele. Karlsruhe/Bielefeld, Januar 2011 Christiane Benz Friedhelm Padberg
I Die ersten Zahlen Was verstehen Kinder unter Zahlen? Wie entwickelt sich dieser Zahlbegriff bis zum Beginn der Schulzeit? Spielt das Zählen hierbei eine zentrale Rolle, oder ist es in diesem Zusammenhang nur von völlig untergeordneter Bedeutung? Wie entwickeln sich verschiedene Kompetenzniveaus beim Zählen von ihren ersten Anfängen an? Welche Kenntnisse über Zahlen besitzen Kinder eigentlich am Ende des Kindergartens bzw. zu Beginn der Grundschule? Wie stark sind hier die Unterschiede zwischen verschiedenen Kindern zu Beginn des ersten Schuljahres? Wie lässt sich das aspektreiche, aber durchaus sehr unterschiedliche Vorwissen der Schulanfänger im Verlauf des ersten Schuljahres sichern und vertiefen? Wie können die Kinder ein Wissensnetz über die ersten Zahlen aufbauen, in dem die verschiedenen Aspekte der Zahlen gut miteinander vernetzt sind? Auf diese und viele weitere Fragen zum Arithmetikunterricht des ersten Schuljahres geben wir in diesem Kapitel umfassende Antworten. 1 Entwicklung des Zahlbegriffs zwei sehr unterschiedliche Ansätze Zwei sehr unterschiedliche Ansätze zur Entwicklung des Zahlbegriffs haben in den letzten Jahrzehnten in der Mathematikdidaktik eine entscheidende Rolle gespielt. Der eine Ansatz geht auf Piaget und seine Schule zurück. Aufgrund seiner umfangreichen entwicklungspsychologischen Untersuchungen ist Piaget davon überzeugt, dass die natürliche kognitive Entwicklung von Kindern in Stufen verläuft, wobei spätere Stufen die früheren Stufen ersetzen. Daher müssen Kinder erst eine bestimmte kognitive Stufe erreichen, bevor bestimmte Lernprozesse stattfinden können. Für die Entwicklung des Zahlbegriffs bedeutet dies konkret: Nach Piaget ist die vorhergehende Einsicht in die Invarianz von Mengen (d. h. die Einsicht, dass die Anzahl der Elemente einer Menge gleichbleibt, wenn sich ihre räumliche Anordnung verändert, wenn die Elemente also beispielsweise auseinandergezogen oder zusammengeschoben werden), die Fähigkeit zum Umgang mit Eins-zu-Eins-Zuordnungen, diefähigkeit zur Klassifikation (d. h. die Fähigkeit, verschiedene Objekte aufgrund gegebener Merkmale zusammenzufassen) sowie die Fähigkeit zur Seriation (d. h. die
6 I Die ersten Zahlen Fähigkeit zur Bildung von Reihenfolgen von Objekten aufgrund bestimmter Merkmale) unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung des Zahlbegriffs beim Kind. Dagegen haben nach Piaget Zählübungen keinen Einfluss auf die Zahlbegriffsentwicklung. Für genauere Details zur Invarianz, Eins-zu-Eins- Zuordnung, Klassifikation und Seriation verweisen wir hier auf Hasemann ([141], S. 11 ff). Piagets Arbeiten sowie eine dazu passende, mathematische Hintergrundtheorie (vgl. I.3.3) haben den Anfangsunterricht im westlichen Teil Deutschlands gerade auch bezüglich der Entwicklung des Zahlbegriffs in den 1970er Jahren sehr stark beeinflusst. Piagets Untersuchungen hatten in erster Linie das Ziel, Stadien der natürlichen Entwicklung bei Kindern zu beschreiben. An der hierbei benutzten Untersuchungskonzeption lässt sich zwar durchaus Kritik üben (für eine knappe Zusammenfassung einiger Kritikpunkte vgl. Gasteiger [97], S. 31 ff, Padberg [264], S. 33 36). Allerdings kann man Piaget nicht verantwortlich machen für die hieraus für den mathematischen Anfangsunterricht gezogenen Schlussfolgerungen, beispielsweise hier Invarianz, Klassifikation, Seriation oder Eins-zu-Eins-Zuordnung mit den Versuchsaufgaben nachempfundenen Aufgabenformaten isoliert einzuüben. Bei Piaget nämlich lassen sich kaum Aussagen finden, ob kardinale oder auch ordinale Vorübungen, eventuell sogar losgelöst von der Zahl an sich, die Zahlbegriffsentwicklung unterstützen. [...] Dennoch rankte sich darum über lange Zeit die Diskussion und genau diese Gedanken fanden Einzug in den mathematischen Anfangsunterricht (Gasteiger [97], S. 34). Allerdings räumt Piaget dem Zählen auf den ersten Blick keine Bedeutung ein, da er darin lediglich einen verbalen Akt sieht, der erst dann eine wirkliche numerische Bedeutung erlangt, wenn die Operationen im praktischen Bereich logisch konstituiert worden sind (Piaget/Szeminska [278], S. 100). Seine Konsequenz, sich infolgedessen zunächst nicht mit dem verbalen Zählen zu befassen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu halten, denn über die Bedeutung des Zählens für die Entwicklung des Zahlbegriffs und grundlegender mathematischer Fähigkeiten herrscht weitgehend Einigkeit (Gasteiger [97], S. 37). Daher verwundert es nicht, dass schon seit einiger Zeit statt des vorstehend geschilderten Ansatzes ein ganz anderer Ansatz zur Entwicklung des Zahlbegriffs im Anfangsunterricht nicht nur bei uns in Deutschland im Mittelpunkt des Interesses steht. Bei diesem Ansatz geht man davon aus, dass junge Kinder bereits (unterschiedlich weit entwickelte) Einsichten und Fertigkeiten in Bezug auf Zahlen entwickeln und dass die Integration von vielen Begriffen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Ausbildung des Zahlbegriffs führt (Clarke/Clarke/Grüßing/Peter- Koop [62], S. 262). Entsprechend bezeichnet man diesen Ansatz auch als Skills Integration Modell. Bei diesem Ansatz spielen völlig anders als bei Piaget
2 Entwicklung der Zählkompetenz 7 Zählen und simultane Zahlerfassung eine zentrale Rolle. Wir gehen auf diesen Ansatz in den folgenden Abschnitten dieses Kapitels detailliert ein. 2 Entwicklung der Zählkompetenz Zählen lernen Kinder auf vielfältige Art und Weise. Einer von vielen Wegen sind Zählreime beim alltäglichen Spielen (vgl. auch Duden Mathematik 1, S. 15): Durch Zählen können Kinder die Anzahl von Objekten in Mengen bestimmen. Hat eine gegebene Menge nur wenige Objekte, so kann die Anzahl auch durch simultane Zahlerfassung (also einfach durch Hinschauen ) bestimmt werden. Hierbei sind Zählen und simultane Zahlerfassung zwei verschiedene Verfahren, wie eine größere Anzahl von Untersuchungen deutlich macht. Die simultane Zahlerfassung (in der angloamerikanischen Literatur auch Subitizing genannt) beruht nämlich keineswegs auf einem blitzartigen Zählen (vgl. Hasemann [141], S. 3). Zur simultanen Zahlerfassung sind daher kleine Kinder schon überraschend
8 I Die ersten Zahlen früh in der Lage und setzen sie bis zum Alter von etwa 3 Jahren oft bei konkreten Mengen mit bis zu vier Objekten spontan ein (vgl. Hasemann [141], S. 1). Für die Ermittlung von Anzahlen generell spielt jedoch das Zählen zweifelsohne die deutlich größere Rolle, da die simultane Zahlerfassung auf kleine Mengen beschränkt ist. Daher konzentrieren wir uns in diesem Abschnitt auf das Zählen (vgl. jedoch I.4.1). 2.1 Erwerb der Zahlwortreihe Schon um das zweite Lebensjahr herum beginnt nach Fuson/Richards/Briards [87] und auch anderen der Erwerb der Zahlwortreihe. Bei den meisten Kindern kommt er in der ersten Klasse zu einem gewissen Abschluss. Beim Erwerb der Zahlwortreihe gibt es sehr große individuelle Unterschiede: So beherrschen schon manche Dreijährige längere Abschnitte als manche Fünfjährige. VondreiJahrenanaufwärts können die Kinder zunehmend Zahlwortfolgen bis zehn aufsagen (z. B. auch in Form von Abzählreimen wie in dem vorstehenden Schulbuchbeispiel) und sind im Begriff, die Zahlwortfolge bis zwanzig zu erwerben. Zwischen viereinhalb und sechseinhalb Jahren erkennen die Kinder allmählich die analogen Bildungsgesetze der Zahlwortfolge innerhalb der einzelnen Dekaden zwischen 20 und 100. Während des mehrere Jahre dauernden Erwerbs der Zahlwortreihe kann man nach Fuson u. a. bei den meisten Kindern im jeweils beherrschten Bereich drei Teilabschnitte unterscheiden: eine stabile, korrekte Zahlwortfolge am Anfang (Beispiel: 1, 2, 3, 4), anschließend eine ebenfalls stabile, jedoch nicht korrekte weitere Folge von Zahlwörtern (meist durch die Auslassung einiger Zahlwörter gekennzeichnet; Beispiel: 6, 8, 9) und danach schließlich eine weitere nicht stabile Folge, die beim jeweiligen Aufsagen der Zahlwortreihe i. Allg. unterschiedlich ist. Beim Gebrauch der Zahlwortreihe durch die Kinder fällt auf, dass sie schon sehr früh Zahlwörter gegen Nichtzahlwörter scharf abgrenzen können. So werden beim Aufsagen der Zahlwortreihe nach den Befunden von Fuson u. a. selbst im dritten, noch nicht stabilen Abschnitt der Zahlwortreihe praktisch ausschließlich Zahlwörter (und höchstens ganz vereinzelt mal Buchstaben, die ja auf eine sehr ähnliche Art und Weise wie die Zahlwortreihe von den Kindern gelernt werden) genannt.
2 Entwicklung der Zählkompetenz 9 2.2 Zählprinzipien und Konventionen Ansätze, den Erwerb der Zahlwortreihe mittels Zählprinzipien zu beschreiben, stammen u. a. schon von Kruckenberg [206] und von Gelman/Gallistel [100]. Folgende Prinzipien lassen sich in diesem Zusammenhang ausgliedern: 1. Das Eindeutigkeitsprinzip Jedem der zu zählenden Gegenstände wird genau ein Zahlwort zugeordnet. 2. Das Prinzip der stabilen Ordnung Die Reihe der Zahlwörter hat eine feste Ordnung. 3. Das Kardinalzahlprinzip Das zuletzt genannte Zahlwort beim Zählprozess gibt die Anzahl der Elemente der abgezählten Menge an. 4. Das Abstraktionsprinzip Die Zählprinzipien 1 bis 3 können auf jede beliebige Menge angewandt werden, d. h. es kommt nicht darauf an, von welcher Art die Objekte sind, die gezählt werden. 5. Das Prinzip der Irrelevanz der Anordnung Die jeweilige Anordnung der zu zählenden Objekte ist für das Zählergebnis irrelevant. Bereits im Alter von zweieinhalb bis drei Jahren beachten Kinder implizit die ersten drei Zählprinzipien. Im Alter von vier bis sechs Jahren werden sie sich allmählich der beschriebenen Zählprinzipien bewusst. Eine Verfestigung und zugleich auch Verbesserung der Zählfähigkeit jeweils innerhalb des erworbenen Zahlenraumes erfolgt durch eine Zunahme der Zählgeschwindigkeit sowie durch die Überwindung von Koordinationsfehlern zwischen der Zahlwortreihe und den zu zählenden Objekten (Nichtberücksichtigung von Objekten, mehrmaliges Benennen eines Objektes u. a.). Untersuchungen von Briards/Siegler ([50], S. 614) belegen genauer, dasskinder mit zunehmendem Alter mehr und mehr erkennen, dass für ein korrektes Zählen die Anwendung des Eindeutigkeitsprinzips erforderlich ist: Während nur 30 % der Dreijährigen konsistent Zählversuche, die gegen das Eindeutigkeitsprinzip verstoßen, als falsch zurückweisen, weisen 90 % der untersuchten Vierjährigen und alle untersuchten Fünfjährigen derartige Zählversuche konsistent als fehlerhaft zurück. Wie das Kardinalzahlprinzip schrittweise erworben wird, beschreiben Bermejo/Lago ([36], S. 248) auf der Grundlage eigener empirischer Untersuchungen bei Vier- bis Sechsjährigen in Form von sechs Stufen. Gelman und Gallistel [100] sind der Überzeugung, dass die vorstehend genannten 5 Zählprinzipien nicht gelernt werden, sondern im Wesentlichen angeboren sind. Heute ist man jedoch überwiegend der Überzeugung, dass diese 5 Zählprinzipien im
10 I Die ersten Zahlen Verlauf eines längeren Lernprozesses von den Kindern erworben werden (für genauere Details vgl. Hasemann ([141], S. 7)). Beim Zählen benutzen wir oft nicht nur die genannten Zählprinzipien. Daneben verwenden wir häufig auch Konventionen (wie z. B. das Zählen konkreter Objekte von links nach rechts, den Beginn des Zählens am äußersten Ende und nicht etwa in der Mitte, das Zählen in der Abfolge, wie die Objekte nebeneinander liegen), die für die richtige Ergebnisfindung u. U. hilfreich, aber keineswegs notwendig sind. Nach Untersuchungen von Briards/Siegler ([50], S. 616) wächst bei Kindern schon während der Vorschulzeit die Einsicht, dass die obigen Konventionen im Unterschied zu den Zählprinzipien, insbesondere zu dem Eindeutigkeitsprinzip für die richtige Ergebnisfindung nicht ausschlaggebend sind. So akzeptieren Fünfjährige im Gegensatz zu Dreijährigen jede richtige, jedoch von den obigen Konventionen abweichende Zählweise signifikant häufiger als richtig als Zählversuche, die gegen das Eindeutigkeitsprinzip verstoßen. 2.3 Niveaus beim Einsatz der Zahlwortreihe Wenn die Kinder über einen im Laufe der Jahre ständig wachsenden Abschnitt der Zahlwortreihe korrekt verfügen, wird der Einsatz dieser Reihe im Laufe der Zeit zunehmend differenzierter. Nach Fuson u. a. [87] lassen sich hierbei idealtypisch 5Niveausunterscheiden. Niveau 1 (string level) Die Zahlwortreihe kann nur als Ganzes unstrukturiert eingesetzt werden. Die Reihe hat für das Kind also faktisch die Form einszweidreivierfünfsechs...einzelne Zahlwörter können nur durch das Aufsagen der ganzen bekannten Reihe angegeben werden. Die Zahlwortreihe kann nur mit großen Einschränkungen erfolgreich zum Zählen eingesetzt werden, da das Eindeutigkeitsprinzip bei diesem Kenntnisstand noch nicht sicher beherrscht wird. Niveau 2 (unbreakable chain level) Die einzelnen Zahlwörter können klar unterschieden werden. Statt der Form einszweidreivierfünfsechs... hat die Zahlwortreihe für das Kind jetzt die übliche Form eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,.... Jedoch muss die Reihe immer noch von eins an aufgesagt werden, ein Weiterzählen etwa von fünf aus ist noch nicht möglich. Wegen der mittlerweile erfolgten, deutlichen Unterscheidung der einzelnen Zahlwörter kann die Zahlwortreihe jetzt auch wirksam beim Zählen eingesetzt werden. Daher können allmählich auch Anzahlen ausgezählt (Kardinalzahlaspekt), Antworten auf Fragen wie An welcher Stelle? (Ordinalzahlaspekt) oder Wie viele Einheiten? (Maßzahlaspekt) gegeben und auch erste einfache Additions- (und vielleicht auch Subtraktionsaufgaben) gelöst werden. Durch das Aufsagen der Zahlwortreihe können auch Aussagen über die Kleiner-
2 Entwicklung der Zählkompetenz 11 bzw. Größerrelation zwischen zwei Zahlen gewonnen werden (z. B. in der Form, dass5vor7kommt). Niveau 3 (breakable chain level) Die Zahlwortreihe kann jetzt auch schon von größeren Zahlen aus und nicht mehr nur ausschließlich von eins als Startpunkt aus eingesetzt werden. Dadurch gewinnen die Kinder Aussagen über die Größer- bzw. Kleinerbeziehung zweier Zahlen sehr viel rascher als im Niveau 2. Ferner kann jetzt neben dem Weiter- und insbesondere auch Rückwärtszählen von einer natürlichen Zahl n aus auch von einer Zahl n bis zu einer größeren oder kleineren Zahl m vorwärts bzw. insbesondere auch rückwärts gezählt werden. Außerdem können die Kinder jetzt auch Aussagen über einige oder alle Zahlen zwischen zwei gegebenen Zahlen machen und auch einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben effektiver zählend lösen. Niveau 4 (numerable chain level) Auf diesem Niveau zählen die Kinder erstmalig auch die Zahlwörter. DieZahlwortreihe wird also nicht mehr nur eingesetzt, um Objekte zu zählen, sondern auch zur Bestimmung der Anzahl von Zahlwörtern. So können die Kinder von einer gegebenen Zahl a aus um eine vorgegebene Anzahl n von Zahlen weiterzählen, und sie können auch bestimmen, um wie viel man von einer gegebenen Zahl a bis zu einer größeren Zahl b weiterzählen muss. Etwas später etwa um das siebte Lebensjahr erwerben die Kinder zusätzlich die entsprechenden Fertigkeiten im Rückwärtszählen: Siekönnen also zum einen von einer gegebenen Zahl b aus um n Zahlen zurückzählen, und zum anderen bestimmen, um wie viel man von einer gegebenen Zahl b bis zu einer kleineren Zahl a zurückzählen muss. Diese neuen Kompetenzen verbessern weiter die Fähigkeit zum Lösen einfacher Additions- und Subtraktionsaufgaben. Niveau 5 (bidirectional chain level) Dieses höchste Niveau ist dadurch gekennzeichnet, dass die Kinder schnell vorwärts und rückwärts zählen können, und zwar von jeder bekannten Zahl aus. Ferner können sie leicht und flexibel die Zählrichtungen verändern, ohne dass wienochhäufiger im Niveau 4 Fehler oder Verwechslungen mit der vorher benutzten Zählrichtung vorkommen. Bezüglich der fünf idealtypisch herauspräparierten Niveaus gibt es noch viele offene Fragen, so beispielsweise: Ist es möglich, dass ein und dasselbe Kind bei den ersten (etwa zehn) Zahlen der Zahlwortreihe schon das höchste Niveau erreicht hat, während es sich zugleich weiter hinten in der ihm schon bekannten Zahlwortreihe noch auf einem niedrigeren Niveau befindet? Oder: Muss vor der Entwicklung des nächsten Niveaus das vorhergehende immer vollständig erreicht sein?
12 I Die ersten Zahlen 2.4 Phasen der prozeduralen Sicherheit Während Fuson u. a. untersuchen, wie und wozu das Zählen auf verschiedenen (individuellen) Altersstufen eingesetzt wird, beschäftigt sich Hasemann ([141], S. 8 f) mehr mit der Frage, wie das Zählen im Laufe der Zeit bis zum Schulbeginn zunehmend sicherer beherrscht wird. Er unterscheidet hierbei fünf Phasen: Phase 1 (verbales Zählen): Die Zahlenwortreihe ist noch nicht strukturiert, sie wird wie ein Gedicht aufgesagt und kann noch nicht zum Zählen eingesetzt werden. Die einzelnen Zahlwörter werden teilweise noch nicht unterschieden und haben keine kardinale Bedeutung. [Diese Phase 1 entspricht weithin dem Niveau 1 von Fuson u. a.; Einfügung: F. P.] Phase 2 (asynchrones Zählen): Im Alter von etwa dreieinhalb bis vier Jahren benutzen die Kinder die Zahlwörter zum Zählen in der richtigen Reihenfolge, jedoch wird oft noch ein Objekt übersehen oder das gleiche Objekt zweimal gezählt. Wenn die Kinder zählen und gleichzeitig auf (genau) ein Objekt zeigen können, spricht man vom synchronen Zählen. [Überschneidungen mit dem Niveau 2 von Fuson u. a. sind vorhanden; F. P.] Phase3(OrdnenderObjektewährend des Zählens): Wenn ungeordnete Objekte gezählt werden sollen, fangen die Kinder mit etwa viereinhalb Jahren an, die Objekte während des Zählens zu ordnen, zum Beispiel, indem sie die gezählten zur Seite schieben. Phase 4 (resultatives Zählen): Im Alter von etwa fünf Jahren wissen die Kinder, dass sie beim Zählen mit der Eins anfangen müssen, dass jedes Objekt nur einmal gezählt wird und dass die letztgenannte Zahl die Anzahl der Objekte angibt. Wichtig ist in dieser Phase, dass den Kindern die eindeutige Entsprechung zwischen den zu zählenden Objekten und den Zahlwörtern klar wird. Phase 5 (abkürzendes Zählen): Die Kinder im Alter von fünfeinhalb bis sechs Jahren erkennen oder bilden in mehr oder weniger geordneten Mengen von Objekten Strukturen, z. B. das Zahlbild der Fünf auf einem Würfel. Sie können von einer Zahl an aufwärts zählen, sie können in Zweierschritten und auch rückwärts zählen. In dieser Phase können die meisten Kinder bereits einfache Rechnungen ausführen. Unregelmäßigkeiten in der Struktur der Zahlwortbildung im Deutschen bereiten den Kindern Schwierigkeiten. So sind in einer gewissen Phase des
3 Aspektreichtum der natürlichen Zahlen 13 Zahlworterwerbs charakteristische Wortschöpfungen von Kindern wie zweizehn für 12 oder zweizig für 20 durchaus üblich. Diese Sprachschöpfungen sind ausgesprochen logisch. Sie besitzen nur den einen Nachteil, dass sie von der üblichen Konvention abweichen. Die insgesamt vorgestellten Forschungsarbeiten zur Entwicklung der Zählkompetenz belegen deutlich, dass der Zählvorgang äußerst komplex ist und wesentlich mehr beinhaltet als ein rein mechanisches Aufsagen der Zahlwortreihe. 3 Aspektreichtum der natürlichen Zahlen Der Erwerb der natürlichen Zahlen im Verlauf der Vorschul- und Grundschulzeit basiert keineswegs nur auf der Entwicklung der Zählkompetenz wenngleich diese natürlich bedeutsam ist. Die natürlichen Zahlen werden im täglichen Leben vielmehr in äußerst verschiedenartigen Situationen benutzt und für vielfältige Zwecke eingesetzt. Daher ist die Gewinnung von tragfähigen und vielfältigen Vorstellungen von Zahlen eine zentrale Zielsetzung des Arithmetikunterrichts der Grundschule. 3.1 Vielfältige Zahlaspekte Die natürlichen Zahlen sind sehr vielseitig einsetzbar und besitzen viele unterschiedliche Aspekte, wie die folgenden Beispiele verdeutlichen: 1. Maximilian hat 2 Brüder. Dort liegen 4 Bauklötze. 2. Marie belegt beim Wettlauf den dritten Platz. Heute ist der 10. Juni. 3. Paul hat beim Hundertmeterlauf die Startnummer 36. Ich lese gerade in dem Buch auf Seite 9. 4. Der Schulweg ist 2 km lang. Die Bonbons kosten 40 Cent. 5. Alexander hat in dieser Woche zweimal gefehlt. Klatsche dreimal in die Hände. 6. 8+5=5+8; (8+7)+13=8+(7+13) 7. 579 + 688 1267 834 359 475 8. Halle hat die Postleitzahl 33790. Ich habe die Telefonnummer 5679. Den Beispielen 1. bis 8. kann man jeweils verschiedene Zahlaspekte entnehmen:
14 I Die ersten Zahlen In den Beispielen 1. dienen die Zahlen zur Beschreibung von Anzahlen. Man fragt: Wie viele? und benennt das Ergebnis mit eins, zwei, drei,... (Kardinalzahlaspekt). In den Beispielen 2. kennzeichnen die Zahlen die Reihenfolge innerhalb einer (total geordneten) Reihe. Man fragt jeweils: An welcher Stelle? oder Der wievielte? und benennt das Ergebnis mit erster, zweiter, dritter usw. Die natürlichen Zahlen werden hier als Ordnungszahlen benutzt (Ordinalzahlaspekt). In den Beispielen 3. bezeichnen die Zahlen ebenfalls eine Reihenfolge. Man benutzt hier im Unterschied zu 2. die natürlichen Zahlen in der Reihenfolge, wie sie im Zählprozess durchlaufen werden ( Zählzahlen ). Man benennt die Ergebnisse mit eins, zwei, drei usw. Da durch die Zählzahlen genau wie bei 2. eine Reihenfolge beschrieben wird, spricht man auch in diesem Zusammenhang vom Ordinalzahlaspekt der natürlichen Zahlen. In den Beispielen 4. fragen wir Wie lang? oder Wie teuer?. Die natürlichen Zahlen dienen hier zur Bezeichnung von Größen, man benutzt sie als Maßzahlen bezüglich einer gewählten Einheit (Maßzahlaspekt). Maßzahlen spielen auch eine Rolle bei der Herstellung von Skalen (z. B. für Temperaturoder Zeitangaben), so dass hier gelegentlich auch vom Skalenaspekt der natürlichen Zahlen gesprochen wird. In den Beispielen 5. beschreiben die natürlichen Zahlen die Vielfachheit einer Handlung oder eines Vorgangs. Man fragt hier Wie oft?, benennt das Ergebnis mit einmal, zweimal usw. und bezeichnet diesen Zahlaspekt als Operatoraspekt. Die in den Beispielen 6. formulierten Gleichheitsaussagen beruhen auf dem Kommutativ- bzw. Assoziativgesetz der Addition (vgl. III.1.5.2), also auf der Gültigkeit von algebraischen Gesetzen. Dienatürlichen Zahlen werden hier zum Rechnen, also als Rechenzahlen, benutzt(rechenzahlaspekt). Bei den Beispielen 7. werden die natürlichen Zahlen ebenfalls als Rechenzahlen benutzt. Während bei den Beispielen 6. jedoch bestimmte algebraische Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Zahlen angesprochen werden man spricht daher auch von dem algebraischen Aspekt der Rechenzahlen, verdeutlichen die Beispiele 7., dass man mit den natürlichen Zahlen ziffernweise nach eindeutig bestimmten Folgen von Handlungsanweisungen (sog. Algorithmen) rechnen kann (daher spricht man hier vom algorithmischen Aspekt der Rechenzahlen). Die Ziffernfolgen in den Beispielen 8. dienen dazu, Dinge zu kennzeichnen und zu unterscheiden. Man kann mit ihnen weder sinnvoll rechnen so ist z. B. eine Addition von zwei Telefonnummern sinnlos noch kann man sie sinnvoll der Größe nach ordnen. Die Ziffernfolgen dienen zur Codierung (Codierungsaspekt).
3 Aspektreichtum der natürlichen Zahlen 15 In den vorangegangenen Beispielen sind insgesamt folgende Zahlaspekte angesprochen worden: Kardinalzahlaspekt Ordinalzahlaspekt Ordnungszahl Zählzahl Maßzahlaspekt Operatoraspekt Rechenzahlaspekt algorithmischer Aspekt algebraischer Aspekt Codierungsaspekt Wir erwähnen den Codierungsaspekt an dieser Stelle, da er üblicherweise als ein Zahlaspekt aufgeführt und von Kindern naiv auch so aufgefasst wird. Bei den zur Codierung benutzten Ziffernfolgen handelt es sich allerdings offenkundig nicht um Zahlen erst recht nicht um natürliche Zahlen, da ihnen wesentliche Zahleigenschaften (Rechnen, Ordnen) nicht zukommen. Daher ist auch diese übliche Zuordnung des Codierungsaspektes zu den Zahlaspekten fragwürdig. Vorstehende Zahlaspekte darf man nicht isoliert sehen, wie obige idealtypische Auflistung vielleicht vermuten lassen könnte. Sie hängen eng miteinander zusammen. Das Zählen stellt eine Verbindung zwischen den verschiedenen Aspekten her. So kann man die Anzahl der Elemente einer gegebenen Menge durch Auszählen gewinnen: Die zuletzt genannte Zahl beim Zählen gibt die Anzahl (Kardinalzahlaspekt) an. Die Reihenfolge bzw. den Rangplatz innerhalb einer Reihe (Ordinalzahlaspekt) erhält man durch das Abzählen. Ebenso kann man vielfach die Maßzahl einer Größe durch das Auszählen der Anzahl der erforderlichen Größeneinheiten gewinnen. Die Vielfachheit einer Handlung oder eines Vorgangs (Operatoraspekt) bestimmt man ebenfalls durch das Auszählen. Das Zählen hilft auch, die Ergebnisse beim Rechnen mit natürlichen Zahlen zu gewinnen, nämlich beispielsweise das Weiterzählen bei der Addition und das Weiter- oder Rückwärtszählen bei der Subtraktion. Das Zählen stellt also eine Verbindung zwischen den verschiedenen Zahlaspekten her. Allerdings werden durch das Zählen nur einige Nuancen der jeweiligen Zahlaspekte erfasst. Die verschiedenen Zahlaspekte erfahren die Kinder konkret in speziellen Situationen. Auf diese Art lernen sie allmählich die verschiedenen Zahlbedeutungen zunächst getrennt kennen. Erst im Verlauf der Grundschulzeit erkennen die Kinder die Beziehungen zwischen den verschiedenen Zahlaspekten zunehmend gründlicher. So gelangen sie allmählich zu einem umfassenden Zahlbegriff,
16 I Die ersten Zahlen der die verschiedenen Aspekte integriert. Wie sich im Einzelnen allerdings die Konstruktion und die Verzahnung der verschiedenen Zahlaspekte bei der Zahlbegriffsentwicklung bei Kindern vollzieht, dazu gibt es immer noch wesentlich mehr offene Fragen als konkrete Ergebnisse (vgl. auch Schmidt [344]). 3.2 Mathematische Fundierungen Für die mathematische Fundierung der natürlichen Zahlen wählt man von ihren vielfältigen Aspekten jeweils gezielt nur einen Aspekt aus. Legt man den Ordinalzahlaspekt genauer: die Funktion der natürlichen Zahlen als Zählzahlen zugrunde, so kann man die natürlichen Zahlen durch die nach dem italienischen Mathematiker Peano benannten Peano-Axiome charakterisieren (für genauere Details vgl. Padberg ([265], S. 231 237) oder Padberg/Danckwerts/ Stein ([263], S. 24 44)), legt man den Kardinalzahlaspekt zugrunde, so führt dies zu einer Fundierung der natürlichen Zahlen, die man durch die Stichworte: Begriff der Menge, Gleichmächtigkeit von Mengen, Kardinalzahlen als Klassen gleichmächtiger Mengen sowie Einführung der Rechenoperationen mittels Mengenoperationen skizzenhaft charakterisieren kann (für genauere Details vgl. Padberg ([265], S. 173 224)). 3.3 Probleme einseitiger Fundierung Die mathematische Fundierung der natürlichen Zahlen auf der Basis des Kardinalzahlaspekts hat die Mathematikkurse der Grundschule zu Zeiten der sogenannten Neuen Mathematik (Stichwort: Mengenlehre ) in den 1970er und z. T. auch noch 1980er Jahren sehr stark und einseitig beeinflusst (für eine Skizze dieses Weges im Unterricht der Grundschule vgl. Padberg ([264], S. 22 29)). Ein großes Problem bei diesen Kursen war allerdings, dass man in ihnen in enger Anlehnung an die mathematische Hintergrundtheorie faktisch zunächst den Zahlbegriff und erst danach den Umgang mit den Zahlen in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt hat statt umgekehrt zunächst Erfahrungen im Umgang mit Zahlen sammeln zu lassen und sich erst wesentlich später Gedanken über eine so schwierige Frage wie: Was ist eigentlich eine natürliche Zahl? zu machen, so wie es im weiteren Verlauf der Schulzeit etwa bei der Behandlung der Bruchzahlen selbstverständlich üblich ist. So geriet der arithmetische Anfangsunterricht zu einem Kurs über Zahlen statt zu einem Unterricht, in dem mit Zahlen operiert wird (Schipper [329], S. 205). Neben der mathematischen Begründung dieses Ansatzes wurden auch entwicklungspsychologische Forschungsarbeiten der Genfer Schule um Piaget zur Begründung herangezogen, wie schon in I.1 skizziert.