Endlich kühles Bier! Kühlschränke und Blechdosen machen Lebensmittel haltbar 1871 in München Das ist jetzt schon der dritte Brief eines unserer Münchner Brauer! Und alle haben sie meinen Artikel über die neue Kältemaschine gelesen. Das ist ja höchst erstaunlich. Doch wenn ich es recht bedenke, haben die Herren genau verstanden, worum es bei meinem Verfahren geht. Vielleicht sogar besser als meine verehrten Kollegen aus der Wissenschaft. Ja, ich werde die Anfragen der Brauer beantworten. Ich werde ihre Betriebe mit Kühlmaschinen ausstatten. Wenn sie zufrieden sind, kann ich vielleicht sogar einen eigenen Betrieb gründen, der Kältemaschinen herstellt. Bestimmt wollen nicht nur die hiesigen Brauer ihr Bier kühlen. Das verspricht in der Tat, ein gutes Geschäft zu werden! Schnell, Papier und Feder zur Hand, ich will gleich eine Antwort an meine zukünftigen Kunden aufsetzen. Carl von Linde erkennt die Zukunft seiner neu entwickelten Kältemaschine.
Endlich kühles Bier! Kühlschränke und Blechdosen machen Lebensmittel haltbar 81 Eigentlich ist der Ingenieur Carl von Linde (1842 1934) nach München gezogen, um in der Lokomotivenfabrik Krauss als Konstrukteur zu arbeiten. Doch gerade hat er sich an die ersten Entwürfe gemacht, da meldet sich die Polytechnische Schule München und macht ihm ein Angebot. Der Leiter der Schule hat schon einiges von dem begabten Ingenieur gehört und bittet ihn, als Professor zu unterrichten. Eine große Ehre für den 26-jährigen von Linde, der die neue Stelle begeistert annimmt. Umgehend macht er sich an die Arbeit und sorgt dafür, dass die Schule eine Experimentierwerkstatt erhält, in der Maschinen aller Art gebaut und erprobt werden können. Denn von Linde ist der Überzeugung, dass nur die Erforschung einer Technik sinnvoll ist, die der Mensch auch tatsächlich einsetzen kann. Ein Ersatz für das Eis aus den Alpen In seiner Werkstatt entwickelt von Linde 1871 eine neuartige Kältemaschine, für die sich auch gleich die Münchner Brauer interessieren. Um ihr Bier im Sommer zu kühlen, müssen sie nämlich für viel Geld Eis aus den Alpen nach München bringen lassen. Als ihnen Carl von Linde seine Maschine erklärt, wird ihnen sofort klar, wie außerordentlich wertvoll diese für sie ist. Sie wird in den Brauereien so erfolgreich getestet, dass von Linde zusammen mit einigen Brauern eine eigene Firma gründet, die Gesellschaft für Lindes Eismaschinen AG. Bald steht in fast jeder Brauerei Europas eine Linde-Kältemaschine. Auch Molkereien und andere Lebensmittelbetriebe bestellen nun Diese Urkunde besiegelt Carl von Lindes berühmtes Kälte-Patent. Vor Lindes Kältetechnik musste man Eis in sogenannten Eisspeichern einlagern.
82 Ein Werbeplakat aus den 1930er-Jahren Wissen spezial Wie funktioniert eine Kältemaschine? Ein Gas wird mithilfe einer Pumpe stark verdichtet. Dabei erwärmt es sich. Nun wird es durch ein Ventil geleitet und kann sich anschließend schlagartig ausdehnen. Dadurch kühlt das Gas stark ab und sorgt für die benötigte Kälte. Kältemaschinen. Zwar entwickelt von Linde 1876 den ersten Kühlschrank, doch dauert es noch rund 50 Jahre, bevor die Menschen ihre Küchen damit ausstatten. Denn die ersten Geräte sind zu groß, zu teuer und sehr störanfällig. Mit Kühlschränken im Haushalt können Lebensmittel nun aber kalt gelagert werden und halten so viel länger. Es ist kein Problem mehr, auch frische Waren wie Fleisch und Fisch auf Vorrat einzukaufen. In einem Gefrierschrank oder einer Kühltruhe lassen sich Fisch und Fleisch tiefgefroren sogar ein ganzes Jahr lang haltbar machen. Konserven eine Wohltat für die Menschheit Lebensmittel haltbar zu machen das geht allerdings auch ohne Kühlung. Man braucht die empfindlichen Frischwaren nur in einem Glas einzukochen. Auf diese Idee kommt François Nicolas Appert (1749 1841), ein französischer Koch und Zuckerbäcker. Zu Hilfe kommt ihm dabei Kaiser Napoleon I., der eine große Armee aufgestellt hat, die nur schwer mit Lebensmitteln zu versorgen ist. Napoleon veranstaltet daher einen großen Wettbewerb: Wem es gelingt, Lebensmittel aller Art haltbar zu machen, der erhält ein Preisgeld von 12.000 Goldfranken. Viele Erfinder gehen sofort an die Arbeit. Das enorme Preisgeld und der Ehrentitel Wohltäter der Menschheit werden 1810 feierlich an Appert
Endlich kühles Bier! Kühlschränke und Blechdosen machen Lebensmittel haltbar 83 überreicht. Er hatte Fleisch und Gemüse zunächst in großen Glasflaschen und dann in besonderen Gläsern eingekocht und fest verschlossen. Die Marine Napoleons hatte diese Flaschen auf einigen Fahrten getestet. Die Matrosen und Offiziere waren begeistert. Wann auch immer sie eine der Flaschen öffneten, war der Inhalt nicht verdorben und schmeckte lecker. Appert nutzt das Preisgeld, um eine eigene Manufaktur zu eröffnen, in der Lebensmittel eingekocht werden. Statt Glas nimmt er nun Blechdosen, die nicht zerbrechen und das Eingekochte vor Sonnenlicht schützen. Außerdem lassen sich die Dosen viel besser stapeln als Gläser. Die ersten Konservendosen kamen bereits 1813 auf den Markt. Brot in Dosen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs Thema Lebensmittel haltbar machen Tricks aus vergangenen Zeiten Zu den ältesten Verfahren, Lebensmittel haltbar zu machen, gehören das Trocknen und die kühle Aufbewahrung. Dörrfleisch diente schon den Jägern und Sammlern als Nahrungsreserve. Auch Pilze, Früchte und manche Fischsorten wurden getrocknet. Fisch oder Fleisch lässt sich auch durch Räuchern oder Salzen (Pökeln) haltbar machen. Die Tiefkühlung von Fleisch und Fisch ist den Eskimos freilich seit Urzeiten vertraut. Im alten Ägypten waren gegorene Getränke beliebt. Der so entstandene Alkohol sorgte dafür, dass die Fruchtsäfte als Most oder Wein lange haltbar blieben.
84 Das Schaufenster voller Konserven: Delikatessenladen in Berlin um 1910 Wissen spezial Konservendosen öffnen damals Als die ersten Konservendosen erfunden waren, gab es noch keine Dosenöffner. Die Dosen aus dickem Blech wurden mit Hammer und Meißel, einem Beil oder einem großen Messer geöffnet. Der erste Dosenöffner für dünnere Bleche wurde erst 1855 erfunden. Als Konservendosen werden sie bald weltweit unverzichtbar, denn in ihnen halten sich Lebensmittel gleich mehrere Jahre. Keimabtötung durch Hitze das Pasteurisieren Der Grund für diese erstaunliche Haltbarkeit von eingekochten Lebensmitteln wird erst später entdeckt. Einer der Forscher, der dem Geheimnis auf die Spur kommt, ist der Franzose Louis Pasteur (1822 1895). Natürlich kennt er die Konservendosen von Appert. Doch er will wissen, warum frische Lebensmittel so schnell verderben, und macht verschiedene Experimente. Da er Mikrobiologe ist, sich also mit Kleinstlebewesen wie Bakterien und anderen Krankheitserregern und Keimen befasst, hat er bald einige der Schuldigen gefunden. Es sind vor allem Hefepilze, Milchsäurebakterien und Salmonellen, die die Lebensmittel schnell verderben lassen.
Endlich kühles Bier! Kühlschränke und Blechdosen machen Lebensmittel haltbar 85 Doch um diese Mikroorganismen abzutöten, müssen die Lebensmittel nicht unbedingt lange Zeit gekocht werden. Denn dadurch können nämlich auch viele wertvolle Nährund Aromastoffe zerstört werden. Pasteur stellt nach mehreren Versuchen fest, dass es ausreicht, die Lebensmittel nur für einige Sekunden auf rund 80 Grad Celsius zu erhitzen, um die Keime abzutöten. Vor allem Milch bekommt diese Wärmebehandlung sehr gut. Sie kann haltbar gemacht werden, ohne sie spürbar zu verändern. Da das Verfahren ein großer Erfolg wird, nennt man es nach seinem Erfinder: Pasteurisieren. Wissen spezial Mikroorganismen: klein mit großer Wirkung Mikroorganismen wie Bakterien oder Pilze sind überall, aber mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Sie bauen Nährstoffe ab, vermehren sich und hinterlassen oft giftige Ausscheidungen, die Lebensmittel verderben. Louis Pasteur bei der Arbeit in seinem Labor