WENDEPUNKT Informationen zu Depression und Angststörungen I Ausgabe 9

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1 WENDEPUNKT Informationen zu Depression und Angststörungen I Ausgabe 9 SEITE 3 I PANIKSTÖRUNGEN SEITE 4 I PANIKSTÖRUNGEN SEITE 8 I VERHALTENSTHERAPIE Lernen, mit der Angst vor der Angst zu leben Eine Betroffene erzählt Panikattacken können Betroffene stark einschränken Interview mit Prof. Dr. med. Gregor Hasler Mit Verhaltenstherapien störende Denkmuster ändern Ein Gespräch mit Dr. med. Christine Poppe Lundbeck (Schweiz) AG Dokument letztmals geprüft:

2 EDITORIAL INHALT EDITORIAL 2 PANIKSTÖRUNGEN 3 «Ich habe gelernt, mit meiner 3 Krankheit umzugehen» Eine Betroffene erzählt von ihren Panikattacken Ihre Meinung ist uns wichtig 4 Machen Sie mit und gewinnen Sie! Wenn Angst und Panik 4 das Leben erdrücken Interview mit Prof. Dr. med. Gregor Hasler Buchtipp: 6 Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie Medikamentöse Behandlung: 7 Tabletten, Tropfen oder Infusion? VERHALTENSTHERAPIE 8 Verhaltenstherapie 8 Hilfe zur Selbsthilfe Interview mit Dr. med. Christine Poppe Schritt für Schritt mit dem 10 Leben wieder zurechtkommen KURZ UND BÜNDIG 12 Liebe Leserinnen, liebe Leser W er kennt diese Gefühle nicht: Nervosität vor einer Prüfung, Aufregung vor einer spannenden Reise, Angst vor dem Tod? Solche Gefühle sind normal. Was aber, wenn die Angst zur Panik wird und unseren Alltag plötzlich mit Panikattacken besetzt? Die 25-jährige Simone M.* weiss, was es heisst, ständig mit der «Angst vor der Angst» zu leben. Ihre erste Panikattacke hatte sie im Alter von 16 Jahren. Damals ahnte sie nicht, dass weitere Panikattacken folgen würden. Im Jahr 2006 beim Besuch der Fussball-WM in Deutschland erlitt sie eine derart heftige Attacke, dass sie notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Von dort aus wurde sie an einen Psychiater überwiesen. Wie sie die schlimme Zeit hinter sich gebracht und gelernt hat, mit der Krankheit zu leben, lesen Sie im Interview ab Seite 3. Wir wollten von Herrn Prof. Dr. med. Gregor Hasler, Professor für Psychiatrische Versorgungsforschung und Soziale Psychiatrie an der Universität Bern, erfahren, was hinter dem Wort Panikstörungen genau steht. Im Interview ab Seite 4 erfahren Sie, wo die Grenzen zwischen normaler und krankhafter Angst liegen, wie sich die Krankheit zeigt und was die Ursachen und Auslöser von Panikstörungen sein können. Prof. Dr. med. Gregor Hasler zeichnet verschiedene Behandlungsmöglichkeiten auf, die den Betroffenen helfen, wieder ein normales Leben zu führen. Die Verhaltenstherapie ist eine Möglichkeit, Angst- und Panikstörungen zu behandeln. Dr. med. Christine Poppe, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, befasst sich in ihrem Praxisalltag intensiv damit. Im Gespräch ab Seite 8 erfahren Sie unter anderem, wieso eine Verhaltenstherapie für den Patienten hilfreich sein kann, wieso sie eine Form von Selbstmanagement ist und welche verschiedenen Techniken man unterscheidet. Drei Fallbeispiele zeigen zudem, wie Betroffene mit einer Verhaltenstherapie Schritt für Schritt mit ihrem Leben wieder zurechtkommen. Mehr dazu auf den Seiten 10 und 11. Es ist uns ein grosses Anliegen, Ihnen auch in der aktuellen Ausgabe wertvolle und hilfreiche Informationen zu Depressionen und Angststörungen zu vermitteln. Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre. Anlaufstellen und Links 12 Impressum 12 PD Dr. Rico Nil Medical Director Lundbeck (Schweiz) AG * Name geändert 2

3 «Ich habegelernt, PANIKSTÖRUNGEN mit meiner Krankheit umzugehen» SIMONE M.* WEISS NOCH GENAU, WANN SIE IHRE ERSTE PANIKATTACKE HATTE: MIT 16 JAHREN, ALS SIE BEI FREUNDEN MARIHUANA RAUCHTE, SETZTE DAS HERZRASEN EIN UND ES DAUERTE FAST ZWEI STUNDEN, BIS ES VORÜBER WAR. EIN SCHRECKLICHES GEFÜHL. SIE GAB DER DROGE DIE SCHULD UND SCHWOR SICH, ES NIE MEHR SO WEIT KOMMEN ZU LASSEN. D ie heute 25-jährige Studentin wusste damals nicht, dass weitere Attacken folgen würden. Nicht ausgelöst durch Drogen oder andere äussere Ereignisse, sondern wie sie heute weiss «durch die Angst vor der Angst.» Die zweite Panikattacke überfiel Simone M. in den Ferien. Mit zwei Kolleginnen fuhr sie nach Spanien. Nach einer Party spürte sie wieder dieses Herzrasen. Sie konnte nicht mehr schlafen und litt an Appetitlosigkeit. Es musste der Alkohol gewesen sein, glaubte sie, und konsultierte nach ihrer Rückkehr einen Arzt. Ein EKG sollte Aufschluss darüber geben, ob ihr Herz in Ordnung sei oder nicht. Die Untersuchung ergab nichts, und auch der Ohrenarzt gab Entwarnung. Für die nächsten vier Jahre trank sie keinen Alkohol mehr. Simone M. zog aus ihrem Elternhaus aus und suchte sich eine Bleibe in der Nähe der Uni. Sie begann mit ihrem Studium. Nach einem Jahr, als die ersten Prüfungs- termine anstanden, merkte sie, dass sie zu spät mit dem Lernen angefangen hatte. Der Besuch der Fussball-WM in Deutschland mit ihren Eltern verschlimmerte ihre Angst vor den Prüfungen. Die nächste Panikattacke folgte, und ihre Eltern waren ratlos. Nach einem Aufenthalt in der Notfallstation erlebte sie «die schlimmste Zeit» ihres Lebens. «Ich hatte grosse Angstgefühle und heulte andauernd.» Sie litt an Atemnot und wollte nicht mehr leben. Simone M. liess ihre Prüfungen sausen. Die Ärztin auf der Notfallstation überwies sie an einen Psychiater. Erst jetzt bekamen ihre Anfälle einen Namen: Panikattacken, eine Form von Angsterkrankungen. Simone M. begann eine Verhaltenstherapie, kombiniert mit Medikamenten. Einmal pro Woche besuchte sie ihren Arzt. Zu Beginn der Therapie getraute sie sich nicht mehr unter die Leute. Sie mied grössere Ansammlungen. Nach zwei Wochen ging es ihr besser. Nach den Semesterferien nahm sie ihr Studium wieder auf. Ihr damaliger Freund und vor allem ihre Mutter halfen ihr auf dem Weg zurück in einen Alltag ohne Angst. Langsam wurde ihr bewusst, dass die Panikattacken immer dann auftraten, wenn besondere Ereignisse bevorstanden: Eine Reise «Ich wollte nicht mehr leben» nach New York, ein Sprachaufenthalt in Spanien. Jedes Mal vor dem Antritt einer Reise bekam sie Angst: «Was passiert, wenn mich Panik überfällt an einem unbekannten Ort, im Ausland, wo ich niemanden kenne, ohne die Hilfe der mir nahe stehenden Menschen?» 3

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5 gst PANIKSTÖRUNGEN das Leben rücken ANGST BEGLEITET UNS EIN LEBEN LANG:ANGST VOR PRÜFUNGEN, KRANKHEIT,ABHÄNGIGKEIT, VOR UMWELT- BEDROHUNGEN UND TOD. DAS IST NORMAL.WENN DIE ANGST ZUR PANIK WIRD UND UNSEREN ALLTAG MIT PANIKATTACKEN BESETZT, DANN WIRD SIE ZUR KRANKHEIT. PANIKATTACKEN TRETEN WIE AUS DEM NICHTS AUF, OHNE ERSICHTLICHEN GRUND. SIE SCHRÄNKEN DIE BETROFFENEN MASSIV EIN UND DROHEN, DAS LEBEN ZU ERDRÜCKEN. WIR SPRACHEN DARÜBER MIT PROFESSOR DR. MED. GREGOR HASLER. höre mein Herz stark schlagen, ich beginne zu zittern und habe kalten Schweiss, es wird mir schwindlig und manchmal übel. Die Umgebung scheint mir dann weit weg zu sein. Dies alles macht noch mehr Angst, ich denke, dass ich bald total die Kontrolle verliere, dass ich verrückt werden oder an einem Herzversagen sterben könnte. Nach ca. 10 Minuten wird es ganz extrem, wird dann aber, ohne dass ich etwas mache, besser. Wenn ich diese Attacken habe, denke ich oft, dass ich irgendwie fliehen muss.» Menschen mit einer Panikstörung leiden aber nicht nur an Panikattacken, sondern auch an der anhaltenden Angst, es könnte wieder eine Attacke auftreten. Gewisse Patienten empfinden diese «Angst vor der Angst» als schlimmer und einschränkender als die Attacken selber. Wo sind die Grenzen zwischen normaler und krankhafter Angst? Angst einschliesslich Panik sind normale menschliche Gefühle. Angst wird erst dann krankhaft, wenn sie zu einer grossen Belastung wird und/oder zu schweren Einschränkungen im Leben der Betroffenen führt. Wie viele Menschen sind davon betroffen? Mehr Frauen oder Männer? Bis zu einem Drittel der Bevölkerung hat ZUR PERSON schon eine Panikattacke erlebt. Etwa 4 Prozent der Bevölkerung litten mindestens einmal im Leben an einer Panikstörung mit wiederholten Attacken, die zu einem deutlichen Leidensdruck führten. Frauen leiden etwa doppelt so häufig an Panikstörungen wie Männer. Prof. Dr. med. Gregor Hasler ist seit dem 1. Januar 2010 als ausserordentlicher Professor für Psychiatrische Versorgungsforschung und Soziale Psychiatrie an der Universität Bern tätig. Gregor Hasler (41) ist in Luzern aufgewachsen und hat an der Universität Zürich Medizin studiert. Seine Fachausbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten FMH hat er an der Klinik Hohenegg in Meilen, an der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich und am National Institute of Mental Health in Bethesda, USA, gemacht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, so u. a. im Jahr 2008 mit dem Förderungspreis des Lundbeck Instituts für herausragende Forschungsarbeiten im Bereich der klinischen Psychiatrie. 5

6 PANIKSTÖRUNGEN BUCHTIPP! Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie Der Ratgeber liefert verständliche Informationen zur Panikstörung sowie zur Agoraphobie und zeigt Wege auf, wie Betroffene ihre Ängste bewältigen können. Herzrasen, Schwindel, Kurzatmigkeit und Engegefühl sind typische körperliche Empfindungen, die Menschen mit einer Panikstörung mitunter täglich erleben. Einen Fahrstuhl benutzen, sich an einem stark bevölkerten Ort aufhalten oder ins Theater gehen sind typische Situationen, die Menschen mit einer Agoraphobie zu vermeiden versuchen. Panikstörungen und Agoraphobie sind weitverbreitete Angststörungen. Der Ratgeber liefert verständliche Informationen zu diesen Angsterkrankungen und zeigt Wege auf, wie Betroffene ihre Ängste bewältigen können. Der Ratgeber befasst sich zunächst mit der Frage, was Angst eigentlich ist und worin sich Angst und Panik unterscheiden. Er informiert darüber, wie Panikattacken entstehen und warum sie nicht wieder von alleine weggehen. Mithilfe zahlreicher Arbeitsblätter und Übungen lernen Betroffene ihre eigenen Empfindungen zu verstehen, sich mit ihren beängstigenden Gedanken auseinanderzusetzen und ihr Verhalten zu ändern. Ausserdem erhalten Angehörige Hinweise, wie sie Betroffene bei der Bewältigung ihrer Ängste unterstützen können. Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie: Informationen für Betroffene und Angehörige, von Nina Heinrichs, Hogrefe-Verlag, broschiert, 108 Seiten, ISBN-10: , ISBN-13: Welchen Anteil haben genetische Faktoren? Wie häufig sind traumatische Ereignisse Ursache? Etwa 30 Prozent der Risikofaktoren für die Panikstörung sind genetisch bedingt. Etwa ein Drittel der Patienten gibt an, dass traumatische Ereignisse in der Entstehung der Panikstörung eine wesentliche Rolle spielten. Asthma, Rauchen, der Konsum von Koffein und psychischer Stress sind weitere wichtige Faktoren für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Panikstörungen. Sind Panikstörungen Folge oder Teil von anderen Erkrankungen wie Depressionen, Zwangsstörungen usw. oder treten sie isoliert auf? Etwa 70 Prozent der Menschen mit Panikstörungen leiden an einer zusätzlichen psychischen Störung, am häufigsten an einer Depression oder an einer anderen Zwangsstörung. Ob die Panikstörung Ursache oder Folge der anderen Erkrankung ist, weiss man nicht; vermutlich haben die verschiedenen Störungen gemeinsame Ursachen und treten deshalb zusammen auf. Bei Depressionen ist das Auftreten von Panikattacken meist ein Zeichen, dass Menschen eher schlecht auf die Standardbehandlung reagieren. Ein Facharzt für Psychiatrie sollte in diesem Fall unbedingt beigezogen werden. «Bis zu einem Drittel der Bevölkerung hat schon eine Panikattacke erlebt» Welche Symptome treten bei Panikstörungen auf? Sind es immer die gleichen oder variieren sie von Fall zu Fall? Die Symptome variieren von Fall zu Fall. Bei gewissen Patienten stehen körperliche Symptome wie Atemnot, Herzklopfen, Schwitzen etc. im Vordergrund, bei anderen Patienten eher psychische Symptome wie die Angst vor dem Verrücktwerden 6

7 PANIKSTÖRUNGEN oder Todesangst. Die Symptome können sich auch von Attacke zu Attacke verändern. Therapeutisch wichtig ist, ob die Betroffenen hyperventilieren, d. h. zu schnell und zu tief atmen. Dies ist den Betroffenen meistens nicht bewusst. Bei Hyperventilation haben sich Atemübungen als wirksame psychotherapeutische Massnahmen erwiesen. «Flucht ist eine uralte Reaktion auf Angst und Gefahr» Flucht ist eine Reaktion auf eine Panikattacke. Andere meiden Orte oder Situationen, wo diese Angststörungen auftreten könnten. Können sich Betroffene selber helfen? Wann brauchen sie ärztliche Hilfe? Flucht ist eine uralte Reaktion auf Angst und Gefahr. Bei Panikattacken macht diese Reaktion aber keinen Sinn, weil es ja keinen äusseren Auslöser gibt. Patienten meiden nicht eigentlich Orte, wo Panikattacken auftreten könnten die können ja überall auftreten sondern sie meiden Orte, wo sie nicht fliehen können oder wo sie sich schämen müssten, wenn sie eine Panikattacke hätten, also an öffentlichen Orten. Für gewisse Patienten ist es wichtig, in der Nähe von Notfall-Stationen oder Arztpraxen zu sein. Wie und wie lange wird therapiert? Die Therapien dauern unterschiedlich lang, d. h. ein paar Wochen oder auch Jahre. Die Therapien werden meist dann beendet, wenn die Patienten mit der Angst besser umgehen können und keine Einschränkungen oder kein Vermeidungsverhalten mehr haben. Die völlige Angstfreiheit ist kein sinnvolles Therapieziel. Wann ist eine medikamentöse Behandlung angesagt, wann eine Verhaltenstherapie oder die Kombination von beidem? Dies hängt massgebend vom Wunsch des Patienten oder der Patientin ab. Beide Methoden sind gut erprobt und zeigen eine vergleichbare Wirkung. Für die psychotherapeutische Behandlung muss der Patient motiviert sein und aktiv an seinem Problem arbeiten, dafür sind die Erfolge dann oft von Dauer. Wenn jemand auf die eine oder andere Methode nicht genügend anspricht, sollte die Psychotherapie mit einer medikamentösen Therapie kombiniert werden. Die medikamentöse Therapie wird mit Antidepressiva durchgeführt. Anxiolytika (Tranquilizer) eignen sich nur für die Akuttherapie und sollten in der Regel nicht länger als zwei Wochen eingenommen werden. Welchen Beitrag können Angehörige, Freunde, Begleitpersonen bei Menschen mit Panikstörungen leisten? Sie sollten die Patienten motivieren, eine Behandlung in Anspruch zu nehmen. Bei Vermeidungsverhalten können sie den Patienten helfen, sich verlorene Freiheiten wieder zu erkämpfen, zum Beispiel den «Für die psychotherapeutische Behandlung muss der Patient motiviert sein» Besuch eines Kinos, die Fahrt mit Tram und Zug oder der Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen. Da Stress, Rauchen und Koffeinkonsum Risikofaktoren sind, können Angehörige auch mithelfen, Stress abzubauen, das Rauchen zu stoppen und den Kaffeekonsum zu reduzieren. MEDIKAMENTÖSE BEHANDLUNG: Tabletten, Tropfen oder Infusion? Am häufigsten werden Antidepressiva in Form von Tabletten verschrieben. Daneben sind sie aber auch als Tropfen oder Infusionen erhältlich. Welches sind die Vorteile und wo liegen die Nachteile? Tabletten: Die herkömmlichste Art. Je kleiner sie sind, desto leichter sind sie zu schlucken. Tabletten und Kapseln werden üblicherweise mit Wasser geschluckt. Nachteile hat diese Form der Darreichung allerdings für Patienten mit Schluckproblemen. Abhilfe schaffen hier sogenannte Sublingualtabletten. Sie schmelzen auf der Zunge und können so mit dem Speichel geschluckt werden. Tropfen: In flüssiger Form sind Antidepressiva angenehm zu schlucken, sie sind individuell und fein dosierbar. Infusionen: Antidepressiva in Form von Infusionen sind nur vereinzelt erhältlich. Ihre Anwendung erfolgt selten und sehr spezifisch. 7

8 VERHALTENSTHERAPIE Verha therapi Hilfe zurse DER UMGANG MIT BELASTENDEN GEFÜHLEN, PROBLEMATISCHEN VERHALTENSMUSTERN UND NEGATIVEN DENKMUSTERN KANN GELERNT WERDEN. «VERHALTENSTHERAPIE IST EINE FORM DES SELBSTMANAGEMENTS», SAGT CHRISTINE POPPE, CHEFÄRZTIN DER TAGESKLINIK DES SANATORIUMS KILCHBERG. Was ist Verhaltenstherapie? Verhaltenstherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das auf der Grundlage von wissenschaftlichen und theoretischen Erkenntnissen der Psychologie und der Neurowissenschaften versucht, die Entstehung und Beibehaltung psychischer Störungen zu erklären und davon Behandlungsansätze abzuleiten. Das Vorgehen ist dabei auf die Bewältigung aktueller Probleme des Patienten ausgerichtet, unter Berücksichtigung seiner lebensgeschichtlichen Entwicklung und seiner Prägungen. Der Patient wird zur aktiven Mitarbeit aufgefordert, beispielsweise durch das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen oder mit Hausaufgaben. Verhaltenstherapie soll Hilfe zur Selbsthilfe sein. Gibt es unterschiedliche Formen der Verhaltenstherapie? Es gibt verschiedene verhaltenstherapeutische Techniken, die im Einzelfall sinnvoll miteinander kombiniert werden. Dazu gehören bei depressiven Patienten übende Verfahren wie zum Beispiel der gezielte Aufbau von angenehmen Aktivitäten im Tagesablauf oder bei Patienten mit Angst- und Zwangsstörungen das Expositionstraining, bei dem es darum geht, sich mit Angst auslösenden Situation zu konfrontieren und neue Bewältigungsfertigkeiten zu erlernen. Wichtig sind auch kognitive Techniken, die darauf abzielen, ungünstige Denkmuster und Lebensleitsätze, wie alles schwarz-weiss zu betrachten oder alles perfekt machen zu wollen, zu überprüfen und zu verändern. Dann gibt es komplexe Trainingsprogramme zur Verbesserung des Umgangs mit unangenehmen Gefühlen und Spannungszuständen sowie zur Stärkung von Selbstsicherheit und Kommunikationsfertigkeiten. Dabei werden unter anderem Rollenspiele angewandt. Wie lautet das Ziel einer Verhaltenstherapie? Zu Beginn einer Verhaltenstherapie geht es zunächst darum, zum Patienten eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, seine gesunden Seiten zu stärken und gemeinsam mit ihm Verständnis für seine Probleme zu schaf- fen. Basierend auf seinen Zielvorstellungen wird mit ihm eine individuelle Therapieplanung erstellt, die darauf abzielt, eine neue Lebensperspektive zu entwickeln unter Einbezug seiner Ressourcen und Stärken. Ziele können dabei sein: ein verbesserter Umgang mit seinen psychischen Problemen und schwierigen Lebensumständen, die entsprechende Bewältigung, die Klärung von ungelösten Konflikten und der Aufbau einer Rückfallprophylaxe. Bei welchen psychischen Störungen wird sie angewendet? Verhaltenstherapeutische Techniken können grundsätzlich bei einer Vielzahl von psychischen Störungen angewandt werden. Für Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen und Essstörungen liegen inzwischen gut überprüfte störungsspezifische Therapieprogramme vor. Im Einzelfall wird das Vorgehen den Bedürfnissen des Patienten angepasst und je nachdem um weitere Therapieelemente ergänzt. 8

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10 VERHALTENSTHERAPIE Schritt fürsc mit demleben wieder zurechtko LEISTUNGSDRUCK, ÜBERFORDERUNG, SCHICKSALSSCHLÄGE ES GIBT UNZÄHLIGE GRÜNDE, DIE PANIKSTÖRUNGEN UND ÄNGSTE AUSLÖSEN UND DEN ALLTAG MASSIV EINSCHRÄNKEN KÖNNEN. WIE EINE VERHALTENSTHERAPIE BETROFFENEN HELFEN KANN, MIT IHREM LEBEN WIEDER ZURECHTZUKOMMEN, ZEIGEN DIE FOLGENDEN DREI BEISPIELE. Wenn der Leistungsdruck Panik auslöst Andreas M.* ist 40-jährig, sportlich, körperlich gesund und erfolgreicher Manager. Seit Jahren kämpft er jedoch gegen Ängste und Panikattacken, die ihn überkommen, in Fahrstühlen, engen Tunnels und auf längeren Flugreisen. Bislang haben ihn seine Ängste zwar nur wenig eingeschränkt, da er die Auslöser stets zu vermeiden versuchte. So benutzte er beispielsweise die Treppe anstelle des Aufzugs. Ein Stellenwechsel zwingt ihn aber jetzt zu längeren Flugreisen. Während eines Flugs nach Asien überkommen ihn massive Ängste, einhergehend mit Nervosität, Atemnot, Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Verdauungsbeschwerden und dem Gefühl der Unwirklichkeit bis hin zu Todesängsten. Er greift zum ersten Mal zu Beruhigungstabletten. Seit diesem Erlebnis fühlt er sich in seinem Alltag deutlich eingeschränkt, was auch zu Auseinandersetzungen innerhalb der Partnerschaft führt. Weil er wieder normal funktionieren will, sucht er ein Ambulatorium für psychische Erkrankungen auf. Diagnose: Agoraphobie (Platzangst). Die Ärztin erklärt ihm, dass unter Stressbedingungen Angstanfälle mit Horrorvorstellungen ausgelöst werden können. Um seine Agoraphobie in den Griff zu bekommen, schlägt sie ihm eine Verhaltenstherapie vor. In diversen Gesprächen wird sein bisheriges Verhalten analysiert. Andreas M. erkennt dabei, dass er sich in seinem Leben immer mehr einem Leistungsdruck ausgesetzt hatte. Perfekt wollte er alles machen, anerkannt sein. Seine eigenen Bedürfnisse blieben auf der Strecke. Mithilfe von Entspannungsübungen lernt er, wieder mehr auf seinen Körper zu achten und sich mit einer kontrollierten Atmung zu beruhigen. Seine Ängste protokolliert er detailliert. Dies hilft der Therapeutin, ihm aufzuzeigen, wie er seine Ängste abbauen kann: Sie erklärt ihm beispielsweise den Unterschied zwischen den Anzeichen eines Herzinfarktes und dem Herzrasen nach intensiver körperlicher Betätigung. In einem nächsten Schritt bereiten sie sich gemeinsam auf Expositionsübungen vor. Dabei werden bislang gemiedene Plätze aufgesucht und der Umgang mit den Ängsten neu erlernt. Andreas M. merkt, dass er trotz unangenehmer Körperempfindungen die Situation aushalten kann und die Stressreaktionen von alleine nachlassen, ohne dass eine befürchtete Katastrophe eintritt. Zu Beginn ist die Angst noch gross. Mit der Zeit schafft er es, Fahrstühle angstfrei zu benützen und freut sich sogar auf den nächsten Urlaubsflug. In weiteren Therapiesitzungen versucht er zu verstehen, weshalb er sich in seinem Leben immer wieder grossem Leistungsdruck aussetzte und wie er mit sich in Zukunft schonender umgehen 10

11 hritt VERHALTENSTHERAPIE mmen kann. An seiner neuen Arbeitsstelle Wertschätzung zu erfahren, ohne dabei ans Limit zu gehen, macht ihn stolz. Schicksalsschläge als Auslöser Marlis B.*, 50-jährig, Angestellte, wird von ihrem Hausarzt wegen zunehmender Ängste und depressiver Stimmung zur Behandlung in eine psychiatrische Tagesklinik überwiesen. Das vergangene Jahr hatte ihr zugesetzt: Sie musste sich einer Operation unterziehen, übernahm die Pflege ihres kranken Vaters und verlor ihre Arbeitsstelle. Von ihrem Partner erhielt sie kaum Unterstützung. Seit einem halben Jahr leidet sie unter Panikattacken mit Hitzegefühlen, Schweissausbrüchen, Übelkeit, Atemnot, Zittern, einer inneren Verkrampfung und dem Gefühl, dem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein. Sie befürchtet, ohnmächtig zu werden oder an einem plötzlichen Herzinfarkt zu sterben. Aus ihrem Freundeskreis hat sie sich zurückgezogen. Sie getraut sich kaum noch aus dem Haus. Sie sorgt sich um die Zukunft, verspürt wenig Energie und Freude, schläft sehr unruhig und fühlt sich deshalb tagsüber oft müde. In der Tagesklinik werden bei Marlis B. eine Agoraphobie mit Panikstörung sowie eine leichte Depression festgestellt. Um die Stimmung möglichst rasch zu verbessern und sie im Umgang mit den Ängsten zu unterstützen, erhält sie ein Antidepressivum, das bereits nach drei Wochen zu einer Stimmungsaufhellung führt. In den Gesprächen mit dem Psychologen lernt sie, mit ihren Krankheitsängsten besser umzugehen. Sie beginnt, Herzrasen und Zittern als normale Stressreaktionen des Körpers einzuordnen, die von alleine nachlassen und mit denen sie sich trotzdem in der Gesellschaft bewegen kann. Wenn sie die Angst überkommt, konzentriert sie sich nun auf den Boden und kontrolliert ihren Atem. Dies hilft ihr, die Stresssituation auszuhalten. In den Therapiegesprächen wird deutlich, dass Marlis B. bislang sehr pflichtbewusst gelebt hat, sich anderen schnell unterordnete und sich dabei aber zurückgesetzt fühlte. Sie beginnt zu überlegen, wie sie mehr Eigenständigkeit entwickeln und sich gegenüber anderen besser behaupten kann. In einem Training zur Verbesserung der Selbstsicherheit lernt sie, eigene Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle zu äussern. Der Therapeut ermuntert sie, wieder ihre früheren Freizeitbeschäftigungen wie Pilze sammeln und Velo fahren aufzunehmen und Kontakte zu pflegen. In Paargesprächen gelingt es ihr, von ihrem Partner mehr Unterstützung einzufordern und mit ihm zu überlegen, wie beide die Zukunft gestalten möchten. Gemeinsam mit dem Therapeuten legt sie am Ende der Behandlung die Grundsteine für die Arbeitssuche. Nach drei Monaten kann Marlis B. die Tagesklinik verlassen. Um ihre Erfolge zu festigen und zur Begleitung der Arbeitssuche führt sie die Therapie bei einem niedergelassenen Psychologen für ein paar Monate weiter. Mit Alkohol gegen die Angst Heinz D.*, ein körperlich gesunder junger Mann, kam über seinen Hausarzt in die Klinik. Eine medikamentöse Behandlung hatte zwar geholfen, aber seine Ängste nicht vollständig aufgelöst. Der Student berichtete, dass er grosse Mühe habe, auf andere Menschen zuzugehen. Er befürchte, sie könnten ihn komisch und langweilig finden, ihn kritisieren oder gar ablehnen. Auch sei es ihm unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen, beispielsweise, wenn er zu spät komme oder alleine in ein Café gehe. Einerseits zwinge er sich, gegen seine Ängste anzugehen, andererseits vermeide er auslösende Situationen. Vor Anlässen trinke er Alkohol, um sich Mut zu machen. In den Gesprächen mit dem Psychologen sagte er, dass er schon als Kind unsicher gewesen sei. Inzwischen behinderten ihn die Ängste in seinem Studium. Sie würden ihn auch davon abhalten, eine Partnerschaft einzugehen. Die Diagnose ergab, dass Heinz D. an einer sozialen Phobie litt. Er entschied sich für eine ambulante Einzel- und eine Gruppentherapie. Wie war seine Krankheit zu erklären? Heinz D. ist in einer Familie mit hohen moralischen Prinzipien aufgewachsen. Als der Vater erkrankte und der Grossvater früh starb, fehlte ihm die notwendige emotionale Unterstützung. Im Studium stellte er hohe Ansprüche an sich. Als sich seine Freundin von ihm trennte, fühlte er sich verunsichert. In der Therapie wurde ihm bewusst, dass negative Sätze wie «Ich bin komisch» sein Verhalten ungünstig beeinflussten. Stattdessen lernte er, wie er sich mit einer positiven Einstellung («Ich probiere es mal») motivieren und Erfolge haben kann. In der Gruppe machte er die Erfahrung, dass andere ihn schätzten, was seinem Selbstwertgefühl gut tat. Zunehmend begann er, wieder Kontakte aufzunehmen. Seine Ängste liessen nach, wenn er sich auf das Gespräch und auf das Gegenüber konzentrierte, statt auf die körperlichen Anzeichen seiner Angst. Er trat ein Auslandsemester an. Einfach sei es für ihn nicht, aber er fühle sich wohl, meldete er. * Alle Namen geändert 11

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