1. Chronischer Stress

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1 Traumatischer Stress in Organisationen Diagnose und Behandlung Jan Gysi Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Bern 1. Chronischer Stress 1

2 2. «Man kann eine volle Tasse nicht füllen» Zen Sprichwort Sekundäre Traumatisierung Mitgefühlserschöpfung Co-Traumatisierung Helfer-Burnout Stellvertretende Traumatisierung 3. Traumatischer Stress in Organisationen Grundannahmen: a) Organisationen funktionieren in mancher Hinsicht wie Organismen. b) Organisationen können wie Menschen traumatischen Stress erleiden (mit Hyperarousal, Kampf, Flucht, Unterwerfung). c) Die Behandlung von traumatischem Stress in Organisationen beinhaltet ähnliche Elemente wie diejenige bei traumatisierten Menschen. 2

3 Hypervigilanz Angst davor, Fehler zu machen (auch Angst vor juristischen Folgen) Misstrauen, Angst vor Patienten, erhöhte Wachsamkeit Rückzug vor Patienten Misstrauen, Angst vor Angehörigen, Behörden, Zuweisern, etc. Distanz Hypervigilanz Angst vor dem eigenen Versagen und der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit Ein Supervisor sagt dazu: Therapeuten müssen auch hinnehmen, dass sie scheitern, dass sie nichts ausrichten können, ( ). Viele Helfer können die Tragik, die in dem Schicksal des Patienten liegt, nicht akzeptieren, sie haben keinen Sinn für die Tragik der menschlichen Existenz überhaupt und können damit nicht umgehen. Sie sind so naiv liebenswürdig, ( ). Sie leben in der Illusion, man könne eine heile Welt schaffen für die Patienten Christian Pross: «Verletzte Helfer» 3

4 Hypervigilanz Chronischer Stress beim Personal Psychosomatische Krankheiten (Rückenschmerzen, Schulterschmerzen, Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen, etc.), Bluthochdruck, etc. Mehr Arbeitsausfälle Mehr Stress für verbleibendes Personal Flucht Flucht in administrative Arbeiten Vermeiden von Kontakt mit PatientInnen Türen zum Stationsbüro schliessen, Gespräche reduzieren. Zunahme von Suchtthemen beim Personal (Alkohol, Nikotin, Medikamente, etc.) Bei PatientInnen Aktivierung von Vernachlässigungsthemen weitere negative Folgen Beim Personal: Innere Kündigung, reale Kündigung manche psychiatrische Abteilungen haben viele Wechsel der n 4

5 Kampf Gegenüber Patientinnen und Patienten: Vorwürfe, Anschuldigungen, Zynismus gegenüber Patienten Rückzug vor Patienten (z.b. geschlossene Türen) Patienten erfahren z.t. Wiederholungen von Zurückweisung und Vernachlässigung. Polypharmazie, damit Patienten ruhig sind Probleme mit Compliance ( Adherence ), Nebenwirkungen Kampf Gegenüber Patientinnen und Patienten: Angebot von Therapien, die Überfordern (z.b. zu frühe/inadäquate psychotherapeutische Konfrontationen, überfordernde alternative Behandlungsformen) Unterfordern (fehlendes Programm, Langeweile, etc.) Provozieren von verbaler oder physischer Aggression von Patienten ev. um Zwangsmassnahmen zu provozieren um sich später sicherer zu fühlen vor Patienten. Besessen- und Fasziniertsein vom Schrecklichen zu frühe Traumakonfrontationen Destabilisierung. 5

6 Kampf Gegenüber sich selbst und KollegInnen: Überhöhte Ansprüche an sich selbst Insuffizienz-, Schuld- und Schamgefühle, wenn diese Ansprüche nicht erfüllt werden. Überhöhte Ansprüche an KollegInnen (ausgesprochen oder non-verbal) Vorwürfe an Kollegen, wenn diese Ansprüche nicht erfüllt werden Mehr Hypervigilanz Kämpfe darum, wer Recht hat. Zynismus Kampf Gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Gesellschaft: Überhöhte und/oder unrealistische Ansprüche an Vorgesetzten, Institution, Behörden Vorwürfe, Spaltungen, etc. 6

7 Kampf Gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Gesellschaft: «Opfernarzissmus» (Zitat eines Beraters): «In der Helferszene ist so eine realitätsferne Jammer- und Dramatisierungskultur» Christian Pross: «Verletzte Helfer» Kampf Gegenüber Vorgesetzten, Behörden, Gesellschaft: «Helfernarzissmus» ( ) er nennt es den Helferkampf : Es ist dieses mit allem Engagement sich reinzuschmeissen, aber nicht die Realitäten zu sehen und dann innerhalb dieser Realitäten zu kämpfen Christian Pross: «Verletzte Helfer» 7

8 Unterwerfung Verstummen Depersonalisation, Derealisation Analyse von traumatischem Stress in Organisationen 8

9 Die Trinität von Trauma ANP Ignoranz EP Fragilität EP Kontrolle Die Trinität von Trauma in Organisationen Führung Ignoranz Fragilität Kontrolle Teamkonflikte 9

10 Teamkonflikte Viel Verantwortung an Patienten übergeben Verträge individuell handhaben Fokus auf Vergangenheit & Ursachen Fokus auf Psychotherapie Klare Grenzen setzen und umsetzen Verträge sehr genau umsetzen Fokus auf Gegenwart und Symptombehandlung Fokus auf Pharmakotherapie Die Trinität von Trauma in Organisationen Führung Ignoranz Vermeidende Führung: Hauptfokus: Wirkung nach Aussen Etablierung einer «anscheinenden Normalität» Vermeidung eines vertieften Dialoges mit Fragilität n Kontrolle Keine inhaltlichen Zielvorgaben und Visionen (ausser finanzielle Teamkonflikte Vorgaben) 10

11 Behandlung Erhöhung der integrativen Kapazität Behandlung Innere Kommunikation Personifikation Präsentifikation 11

12 Behandlung Empathische Führung Transparente & realistische Strategie und Visionen (Ziele für Team, Institution, Unternehmung) Transparente & realistische Anweisungen (operative Ebene) Fragilität Kontrolle Analytisches Zuhören Geduld, Mittragen, Verstehen Anbieten von Behandlung tragfähigen therapeutischen Beziehungen in Krisen, können Pat. durch Krisen tragen. Hohe Kreativität bezüglich Führung Optimierungen in der Behandlung Individuelles Anpassen von Behandlungen Vision, Kreativität, Prozess Kontrolle 12

13 Behandlung Frühes Erkennen von Frühwarnzeichen bei drohender Gewalt Hohe Sensibilität für Umsetzen von Verträgen, Führung Regeln, etc. Setzen von Grenzen zur Aktivierung und Autonomisierung von Pat. Vision, Kreativität, Prozess Schutz Klarheit Transparenz Bern 18. Januar h «Sexuelle Gewalt: Optimales interdisziplinäres Vorgehen» Symposium für Strafverfolgung, Medizin, Beratung, Sozialarbeit, Pflege und Psychotherapie zum fachgerechten Vorgehen nach sexueller Gewalt Therese Burri, Opferberatungsstelle Lantana Bern Christine Bartsch, Rechtsmedizin, Zürich Angela Ohno, Stadtpolizei Zürich Myriam Ernst, Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl Regula Schwager, Casagna Zürich Jan Gysi, Bern 13

14 Bern November 2017 «Child Abuse and Neglect: Challenges for Therapy, Prevention and Justice» Kongress für Strafverfolgung, Medizin, Beratung, Sozialarbeit, Pflege und Psychotherapie Pre-Conference Workshops: Ellert Nijenhuis Karlheinz Brisch Dolores Mosquera Traumatischer Stress in Organisationen Diagnose und Behandlung Jan Gysi Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Bern 14

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