Beatrix Borchard. Ich glaube, ich hab das. Der Klavierzyklus Das Jahr - die Geschichte einer Entdeckung

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1 Beatrix Borchard Ich glaube, ich hab das Der Klavierzyklus Das Jahr - die Geschichte einer Entdeckung Vorwort zu der Notenausgabe von Fanny Hensel, Das Jahr. Zwölf Charakterstücke für das Pianoforte. Faksimile-Ausgabe, Kassel Baden-Baden, Nikolaus 1992 Zum ersten Mal bin ich Studiogast des Brahms-Hauses. Die Brahms-Gesellschaft lädt zum Umtrunk ein. Graumelierte Herren, zumeist aus der Geschäftswelt der weiteren und näheren Umgebung lassen sich von der neuen Verwalterin des Brahms-Hauses bewirten. Ich setze mich zu einem der älteren Herren an den Tisch. Eine Boxerhündin wacht neben ihm. Stiefel, Joppe, Schnauzbart, verwittertes Gesicht. Er betont gleich, dass er nichts mit Musik zu tun habe, er sei nur als Vertreter des Oberbürgermeisters hier. Dennoch beginne ich zu erzählen: von Pauline Viardot Garcia, von Clara Schumann, schließlich von Fanny Hensel. Frauen als Komponistinnen? Er ist skeptisch. Ich verweise auf die Schwierigkeiten, sich ein Bild zu machen, von dem was Frauen geleistet haben, zu viele Kompositionen schlummerten nach wie vor in Koffern und Schubladen. So sei erst 1984 ein Teil der Werke von Fanny Hensel an die Berliner Staatsbibliothek gegeben worden. Vorher habe man geglaubt, sie habe nur ab und zu ein Lied geschrieben. In ihrem Nachlass jedoch fanden sich zahllose Stücke in fast allen Gattungen. Offenkundig jedoch habe sie sich ihr ganzes Leben mit kompositorischen Fragen auseinandergesetzt. Mir sei es unverständlich, aus welchen Gründen die Familie so lange gezögert habe, ihre Sachen, wenn schon nicht zu veröffentlichen, so doch wenigstens an ein Archiv zu geben, um sie allgemein zugänglich zu machen. Nach wie vor halte die Familie Sachen zurück: so die Reinschrift eines hochinteressanten Klavierzyklus, Charakterstücke, den einzelnen Monaten des Jahres zugeordnet. In Berlin liege eine mit Korrekturen übersäte Entwurfsfassung. Da die Familie die Einsicht in die Reinschrift verweigerte, konnte 1987 der Zyklus nur auf der Grundlage der Korrekturhandschrift zur Uraufführung gebracht und gedruckt werden. Zurzeit wisse niemand, wo das Autograph hingeraten sei. Seine Augen verengen sich. Wie heißt die Frau? Und wie heißt das Stück? Ich nenne den vollständigen Titel Fanny Hensel geb. Mendelssohn Bartholdy, Das Jahr, Zwölf Charakterstücke für Forte- Piano. Er sieht mich unverwandt an und sagt nach einer langen Pause, jedes Wort abwägend: Ich glaube, ich hab das. Baden-Baden Februar 1993 Ayako Suga, Pianistin der Uraufführung und wesentlich an der Rekonstruktion des Zyklus beteiligt, und ich steigen bei klirrender Kälte die Baden-Badener Agnetenstraße hinauf. Wir suchen die Nr. 55. [Adresse geändert] Der Berg ist steil, die Straße lang. Wo könnte das Haus sein? Ich suche nach einer alten Villa, aber die Hausnummer verweist auf ein schlichtes 50er Jahre

2 Einfamilienhaus. Das einzige Auffällige ist der Vorgarten. Hier blühen keine Blumen. In schnurgeraden Reihen wachsen Kartoffeln, Bohnen und Salat. Wir sind froh, dass wir da sind. An der Eingangstür ein fremder Name. Habe ich mir die falsche Nummer notiert? Wir gehen um das Haus herum. Ein zweiter Eingang. Kein Türschild. Ich klingle. Gebell. Gemächlichen Schritts kommt jemand die Treppe herunter. Er ist s. Ich stelle Ayako Suga vor. Er bittet uns hinein. Hinein, aber wohin? Kein Raum weit und breit. Nur ein Treppenhaus. Auf dem oberen Treppenabsatz die Hündin, am Fuße der Treppe ein gedecktes Tischchen. Er entschuldigt sich. Er sei nicht auf Gäste eingerichtet, habe sich von seiner Frau getrennt und sein Haus vermietet. Nur das Treppenhaus und zwei kleine Zimmer oben im ersten Stock habe er behalten. Wir setzen uns. Er hat Schnittchen vorbereitet. Ich betrachte den Tisch genauer. Ein Kacheltisch, extra für seinen Vater angefertigt. Seine Familiengeschichte ist hier verewigt. Der Vater war Schriftsteller. Eines der wenigen Gedichte, die ich noch auswendig kann, stammt von ihm. Ich beginne zu rezitieren. Das Eis ist gebrochen. Er erzählt. Ich frage nach der Mutter. Sein Redestrom versiegt. Sie sei erst vor wenigen Jahren gestorben. Ihr Flügel sei immer von Notenhandschriften bedeckt gewesen, aus denen sie, eine geborene Mendelssohn, auch gespielt habe. Als Kind habe er nicht weiter darauf geachtet. Nach dem Tode seiner Mutter habe er sich mit seinen Schwestern nicht über die Manuskripte einigen können, es seien eine ganze Reihe gewesen, vor allem Stücke von Felix Mendelssohn Bartholdy. Schließlich hätten sie gelost, und er habe verloren, d.h. nichts von Felix geerbt, sondern nur von Fanny. Was sollte er damit anfangen? Er habe sein Erbe nur wütend in einen Safe gepackt und nicht weiter angeschaut. Wir brennen darauf, das Autograph in den Händen zu halten. Schließlich führt er uns die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer. Es dauert eine Weile, bis er mit einem in Zeitungspapier eingeschlagenen Päckchen zurückkehrt. Er entschuldigt sich für den profanen Einband, aber er habe das Autograph aus einem Banksafe mit dem Fahrrad nach Hause transportiert. Langsam wickelt er das Papier aus. Ich kann kaum noch sitzen. Endlich liegt es vor uns. Keine Prachthandschrift in Gold und Silber, sondern ein bescheiden eingebundenes Album. Ich fasse mir ein Herz und schlage die Titelseite auf: Zwölf Charakterstücke für das Forte-Piano: Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember. Jedes Stück beginnt mit einer Zeichnung von Wilhelm Hensel, ihrem Mann. Sein Stil ist unverkennbar. Dann auf den jeweiligen Monat bezogene Gedichtzeilen - wohl auch von ihm, vielleicht aber auch teilweise von ihr selbst. Schließlich in zierlicher Handschrift ihre Noten. Erst auf den zweiten Blick entdecken wir, dass jeder Monat auf einem andersfarbigen Papier geschrieben ist, so zart ist die Kolorierung teilweise. Musik, Farbe, Zeichnung und das Gedicht bilden eine Einheit - ein Gesamtkunstwerk en miniature! Wir sind sprachlos. Ayako Suga schaut gezielt nach den Stellen, die in der Berliner Fassung so stark korrigiert waren, dass wir nicht wussten, für welche Version Fanny Hensel sich entschieden hatte. Das Juni-Stück ist sogar neu komponiert. Ob wir fotografieren dürfen? Nein! Abschreiben? Nein! Er habe vor unserer Begegnung gedacht, das Ding sei nicht viel wert. Vielleicht kann ich ja doch damit Geld verdienen. Was meinen Sie, wie viel ist das Autograph wert? Ich habe keine Ahnung, lasse mich aber auf ein Gespräch darüber ein, damit Ayako Suga die Zeit nutzen kann, um sich alle fraglichen Stellen anzuschauen und zu notieren. Ich

3 verspreche, mich nach Interessenten umzuschauen, lenke das Gespräch noch auf dieses und jenes. Schließlich entzieht er uns doch die Handschrift. Er möchte nicht, dass wir ihn als Besitzer der Reinschrift nennen. Wir müssen gehen. Was tun? Das Jahr existiert in zweifacher Gestalt. Das wussten wir zwar vorher auch schon, aber jetzt hat es eine andere Realität. In Aufführungen können wir die handschriftlichen Notizen benutzen und auf die Abweichungen gegenüber den gedruckten Noten hinweisen, aber die inzwischen eingespielten Aufnahmen und auch der Druck geben nicht das Stück wieder, wie es Fanny Hensel autorisiert hat. Wollte sie überhaupt, dass der Zyklus gedruckt wird? Vielleicht war die Handschrift wirklich nur als privates Geschenk innerhalb der Familie gedacht? Ein Jahr später Wieder steige ich die Agnetenstraße hinauf - diesmal mit einer Interessentin. Er hat sein bestes Meißner-Porzellan hervorgeholt, es gibt Spargel, von ihm selbst in seinem Vorgarten gezogen. Er schmeckt wunderbar frisch und zart. Dennoch komme ich zu keinem rechten Genuss. Verkäufer und Käuferin belauern sich. Keiner von beiden will einen Preis nennen. Bei Erdbeeren und Schlagsahne fragt ihn meine Begleiterin plötzlich, woher er eigentlich wisse, dass sein Autograph tatsächlich von Fanny Hensel geschrieben sei und nicht z.b. von Wilhelm Hensel. Er erbleicht. Ich begreife erst nach und nach die Bedeutung der Frage. Wenn es nur eine Abschrift von dritter Hand ist, wäre das Album bedeutend weniger wert. Das Gespräch versandet. Wir verabschieden uns. Monate später hören wir, dass er das Autograph zu einem astronomischen Preis zur Versteigerung angeboten hat. Berlin Sommer 1997 Die FAZ meldet den Ankauf der Handschrift für das Mendelssohn-Archiv der Berliner Staatsbibliothek. Der Preis ist moderat. Es ist das Jahr des 150. Todestags von Fanny Hensel. Zum ersten Mal wird das Werk Fanny Hensels so vollständig wie möglich aufgeführt und wissenschaftlich diskutiert. Der furore-verlag in Kassel bereitet auf Grund der Reinschrift einen revidierten Druck des Jahrs vor. Kassel, Herbst 2000 Die Reinschrift wird als Faksimile veröffentlicht. Der Fall Das Jahr ist außerordentlich und charakteristisch zugleich, außerordentlich innerhalb des Werkes von Fanny Hensel, charakteristisch für die

4 Rolle des Zufalls in der Frage des Vergessens und Bewahrens der Arbeit von Frauen. Charakteristisch ist auch die bisherige Rezeption des Zyklus. Nachdem der Klavierzyklus 146 Jahre nach seiner Entstehung zum ersten Mal 1987 öffentlich aufgeführt, dann auch gedruckt wurde, galt er als eine Art musikalisches Tagebuch der Reise, die Fanny Hensel gemeinsam mit Mann, Kind und Köchin 1839/1840 über Mailand, Venedig und Florenz nach Rom, schließlich nach Neapel unternommen hatte. Eine These, die zwar nicht unwidersprochen blieb, dennoch nicht nur in biographischen Darstellungen, sondern auch in analytischen Aufsätzen und Examensarbeiten immer wieder aufgegriffen wurde. Wie wichtig diese Reise für Fanny Hensels Entwicklung als Komponistin gewesen war, ließ sich anhand vieler Tagebuchaufzeichnungen und Briefe belegen. Auch daß sie in ihrem italienischen Jahr ein musikalisches Tagebuch geführt hatte. Allerdings komponierte Fanny Hensel ihren Klavierzyklus vom August bis zum Dezember 1841, also ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Berlin im September Das geht eindeutig aus dem Autograph hervor. Auch die Versuche einer direkten Zuordnung von Stücken zu Reiseeintragungen war nur vereinzelt möglich, so für den Februar, der sich leicht auf ihre Beschreibungen des römischen Karneval beziehen ließ, oder für den Am Flusse überschriebenen September, der sich als musikalisches Abbild des Tiroler Inns bei der Überquerung des Finstermünzpaßes deuten ließ etc. Gerade dieses Stück jedoch hatte die Komponistin selbst separat und ohne Überschrift veröffentlicht. Das Programm gehörte für sie also nicht zur Substanz ihrer Komposition. Wie Fanny Hensel die einzelnen Stücke tatsächlich verstanden wissen wollte, lässt sich nun dank der mit dem Faksimile öffentlich zugänglichen Reinschrift, eindeutig klären, ohne daß man noch länger nach offenen oder versteckten Programmen suchen muss. Inzwischen ist sogar ein weiteres, ganz ähnlich gestaltetes Album aufgetaucht und im Januar 2000 von der Berliner Staatsbibliothek gekauft worden: Bei diesem Autograph handelt es sich nun tatsächlich um ihr musikalisches Italientagebuch mit Liedern und Klavierstücken. Aber ist mit diesen Entdeckungen nun wirklich alles geklärt? Können wir nun Das Jahr analysieren und aufführen wie jedes andere Stück? Ich meine: nein, denn eine Grundfrage stellt sich mit jedem Autographenfund immer wieder neu: Was ist das Werk von Fanny Hensel? Alles, was sie jemals komponiert hat? Nur die wenigen Werke, die sie selber noch veröffentlichen konnte, also op.1-7, oder auch die Stücke, die sie bzw. ihr Bruder nach ihrem Tode noch zum Druck vorbereitet hat, also einschließlich der Opusnummern 8-11? Der größte Teil dessen, was Fanny Hensel komponiert hat, ist uns nur in - mit vielen Korrekturen übersäten - Entwurfsfassungen überliefert, und selbst zu umfangreichen Stücken wie ihren drei Kantaten, die sie nachweislich zur Aufführung gebracht hat, fehlen Reinfassungen. Einer Handvoll autorisierter Opera in den Gattungen klavierbegleitetes Sololied, Klavierlied, Chorlied, Klaviertrio stehen also ca. 450 weitere Stücke auch anderer Gattungen gegenüber, von denen wir nicht wissen, ob Fanny Hensel mit ihrer Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre, und wenn ja, in welcher Werkgestalt. Selbst die Reinschrift vom Jahr ist nicht autorisiert. Vielleicht repräsentiert sie nur eine Fassung unter verschiedenen, möglichen oder auch existierenden, die wir nur noch nicht kennen. Das neu komponierte Juni-Stück könnte ein Hinweis darauf sein, ebenso das September-Stück.

5 Die Frage nach Fanny Hensels Werk löst eine Fülle von Überlegungen aus, die den Rahmen üblicher Editionsproblematik sprengen und die für die Wissenschaft interessante Herausforderungen in sich bergen. Denn jede posthume Veröffentlichung ist mit der Konstruktion einer Werkgestalt verbunden, die durch die Komponistin selber nicht autorisiert ist. Das ist ein Problem. Gleichzeitig erlaubt das Unfertige ihrer Stücke die Einsicht in die lebenslange Auseinandersetzung mit kompositorischen Fragen, eine Seltenheit bei Komponisten. Das Werk als Prozess, nicht als unantastbarer Text. Das ist eine Chance. Wir sind gezwungen, über unseren Werkbegriff, über Autorschaft, über die Bedeutung von Entstehungs- und Aufführungsbedingungen für die Werke Fanny Hensels, der Adressierung ihrer Musik etc. neu nachzudenken. Schließlich, und dies nicht zuletzt, ruft die hier nun vorliegende nicht nur revidierte, sondern durch die Verbindung mit Zeichnungen und Texten gänzlich andere Werkgestalt nicht nur nach neuen Deutungen, sondern vor allem nach neuen Aufführungsformen.

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