Rückkehr als Risiko. Rückkehr und codéveloppement in Mali

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1 DRAFT: do not cite without permission of the author Rückkehr als Risiko. Rückkehr und codéveloppement in Mali Stephan Dünnwald Die Rückkehr wird häufig unterschätzt. Rückkehr, das klingt, als ob jemand nur den Weg zurück nimmt, der ihn oder sie Jahre zuvor in die Fremde geführt hat. Während die Migration als Aufbruch in eine ungewisse Zukunft und so durchaus als riskantes Unterfangen gesehen wird, ist Rückkehr mit Wiedersehen, mit Heimat, mit dem Eintauchen in Altbekanntes, mit der Wiederaufnahme in den Kreis der Familie verbunden. Dass die Rückkehr aber vielfach aufgeschoben wird, bis die Rede von der Rückkehr ihren realen Bezug verliert, deutet schon darauf hin, dass auch die Rückkehr, und vielleicht gerade, weil sie nur Rückkehr ist, mit zahlreichen Risiken und Ängsten behaftet ist. Erst in der Rückkehr erweist sich, ob die Migration ein Erfolg war. Rückkehr ist nicht einfach ein Zurück zum Ursprung, ein Zurück auf Start, sie ist auch die Vollendung eines Migrationszyklus. Seit gut einem Jahrzehnt wird der Rückkehr verstärkte politische Aufmerksamkeit zuteil. Sie ist Teil geworden von Migrationspolitiken, die insbesondere darauf abzielen, Migrant_innen mit mehr oder weniger Zwang zur Rückkehr zu bewegen; sie ist Teil einer Diskussion um Migration und Entwicklung, in der die nützliche Seite der Rückkehr für die Entwicklung des Herkunftslandes herausgestellt wird. In beiden Strängen werden die Risiken der Rückkehr verschleiert. Am Beispiel der Rückkehr von Migrant_innen in Mali soll in diesem Beitrag versucht werden, eine Sicht auf Rückkehr zu entwickeln, die auch die inhärenten Risiken benennt. Der Beitrag stellt zunächst die Rückkehrthematik als einen Bereich des Feldes von Migration und Entwicklung dar, und skizziert dann Grundzüge und Bedingungen der Migration in Mali, bevor er wieder auf die Rückkehr und insbesondere Rückkehrförderungen einschwenkt. Schließlich werden die Auswirkungen der geförderten Rückkehr und die Rückkehrbedingungen in Mali zusammengeführt. Dieses Kapitel beruht auf einer Reihe von Forschungsaufenthalten in Mali zwischen 2007 und Nicht besonders gekennzeichnete Angaben sind Ergebnisse oder Auszüge aus den Forschungsdaten. 1

2 Migration und Entwicklung ein Hype mit zwei Seiten Migration aus Entwicklungs und Schwellenländern hat im letzten Jahrzehnt eine starke Aufwertung erfahren. Wurde lange Zeit die Auswanderung als Abwanderung der besten Köpfe, als brain drain bezeichnet, so wurden zunächst die großen internationalen Institutionen auf Effekte der Migration aufmerksam, die diese Sicht in Frage stellten, und in der Migration einen gehörigen Beitrag zur Entwicklung sahen. Gewöhnlich wird der Anfang dieser Wende auf 2003 gelegt, und mit dem Erscheinen eines Weltbank Berichts zu Rücküberweisungen verbunden (World.Bank, 2006). Rücküberweisungen, remittances, hatten eine Höhe erreicht, die in einigen Fällen oberhalb der offiziellen Entwicklungshilfe lag. Mithin waren sie ein Faktor, der sich vielleicht entscheidend auf das Vorankommen gerade ärmerer Länder auswirken konnte. Diese Umdeutung setzte eine breite Diskussion um Migration und Entwicklung in Gang. Zum Thema der rein finanziellen Gewinne, die in Richtung Entwicklungsländer fließen, gesellte sich die Wahrnehmung auch der social remittances hinzu, der Gewinne aus den Transfers von Erfahrungen und Kenntnissen der Migrant_innen. Die Rede von der triple win Situation kam auf: nicht nur die Aufnahmeländer profitierten von der Migration, sondern auch die Herkunftsländer und schließlich auch die Migrant_innen und ihre Familien. Migrant_innen als Unternehmer und als Förderer von Entwicklungsprojekten wurden Leitbilder für Entwicklungsorganisationen. Wissenschaftlich wurden schnell Zweifel laut an dieser vielleicht allzu positiven Neubewertung von Migration. Stephen Castles (2007: 80) merkte an, dass die Einwanderungsländer vielleicht doch andere Interessen an Formen der Migration haben als die Herkunftsländer der Migration. Parvati Raghuram fragt, ob man hier die Kosten und moralische Verantwortung für Entwicklung den Migrant_innen aufbürden wolle (Raghuram, 2009), und de Haas rät zu einer vorsichtigen, abgewogenen Belastung des neuen Paradigmas Migration und Entwicklung (De Haas, 2007). Dieses Bild bleibt jedoch unvollständig ohne die gleichzeitig zum Hype um Migration und Entwicklung stark forcierte Absicherung der Außengrenzen von Wohlstandsregionen. Es erscheint paradox, dass just zu dem Zeitpunkt, an dem Migration als ultima ratio der Entwicklung armer Länder gefeiert wird, eben diese Migration mit massiven Kosten blockiert wird. Besonders Spanien, Italien und Frankreich, unterstützt durch die Europäische Union, schließen Verträge mit Küstenstaaten des Maghreb und Westafrikas, die es erlauben, Migrant_innen umgehend zurückzuweisen oder auf den afrikanischen Kontinent abzuschieben: Marokko, Libyen und Mauretanien machen Jagd auf irreguläre 2

3 Migrant_innen und schieben sie ab in die Wüste (vgl. Apdha/AME, 2009). Abschiebezahlen steigen, Internierung und Inhaftierung von Migrant_innen ohne Aufenthaltsstatus setzen sich durch. Zwischen diesen beiden Feldern, der Preisung von Migration und ihrer Abwehr, gibt es eine bislang noch nicht besonders gut untersuchte Grauzone. Gelder der Entwicklungshilfe werden eingesetzt um potentielle Migrant_innen von ihrem Vorhaben abzubringen, um in Herkunftsländern Kontrollen und restriktive Migrationspolitiken einzuführen, und um solche Anstrengungen auch zu belohnen. Entwicklungshilfen werden geknüpft an politisches Wohlverhalten in einem System des globalen Migrationsmanagements (Dünnwald, 2011; Geiger/Pécoud, 2012). Programme für die sogenannte freiwillige Rückkehr werden aufgelegt, mittels derer erfolglose Migrant_innen zur Ausreise bewegt werden sollen. Dieser Trend des Nexus von Migration und Entwicklung betont Kontrolle, Steuerung und Abwehr von Migration, und steht in seinen Intentionen teilweise der anderen, positiven Wertung von Migration entgegen. Während viele Entwicklungsländer Migration als Ventil zur Entlastung des Arbeitsmarktes und als Devisenquelle sehen, werden sie nun von wohlhabenden Staaten darauf verpflichtet, diese jungen Menschen an der Ausreise zu hindern oder sie auch zurückzunehmen. Durch diesen doppelten Gehalt gewinnt der Komplex Migration und Entwicklung eine Semantik, die Unterschiede zwischen wohlhabenden und armen Ländern qua Entwicklung verringern will, durch Nachzeichnen der Grenzen und eine Reterritorialisierung von Arm und Reich diese Unterschiede jedoch erneut bekräftigt. Die Thematik der Rückkehr ist vielleicht das Feld, in dem sich die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit des Diskurses um Migration und Entwicklung am deutlichsten hervorheben lassen. Rückkehr wird im Zuge der Diskussion um brain gain positiv besetzt: Migrant_innen stellen sich mit den im Ausland erworbenen Geldern, Kenntnissen und Fähigkeiten in den Dienst der Entwicklung ihres Herkunftslandes; Rückkehr wird jedoch auch gefördert und oft genug erzwungen, um unwillkommene Einwanderer zur Ausreise aus den Zielländern zu bewegen (Dünnwald, 2010). Schon frühzeitig wiesen Studien darauf hin, dass die Rückkehr, gerade wenn sie nicht gänzlich freiwillig erfolgt, hohe Risiken birgt (Osiander/Zerger, 1988). Es gibt zahlreiche Gründe, aus denen eine Rückkehr scheitern kann. In vielen Fällen genügt allein schon, dass der Prozess der Rückkehr, vorgestellt als eine Rückkehr in bekannte, heimische Verhältnisse, unterschätzt wird. Neben zahlreichen Faktoren, die eine nachhaltige Reintegration im Herkunftsland gefährden können (Black/Gent, 2004), ist die Vorbereitung von entscheidender Bedeutung. Cassarino (2008) spricht hier 3

4 von den aufeinander bezogenen Faktoren der preparedness und readiness, also des Vorbereitetseins und der Bereitschaft zur Rückkehr. Dies ist ausschlaggebend in Bezug auf die Formen der Rückkehr, die das Ziel einer Migrationssteuerung haben: abgelehnte Asylsuchende oder Personen ohne sicheren Aufenthaltsstatus im Aufnahmeland werden häufig vor die Alternative gestellt, abgeschoben zu werden oder freiwillig auszureisen. Diese freiwillige Ausreise wird häufig unterstützt durch Rückkehrförderung, doch ist zweifelhaft, inwieweit solche Rückkehrunterstützung auch zu einer nachhaltigen Reintegration der Migrant_innen im Herkunftsland beitragen kann (Black/King, 2004; Dünnwald, 2010). Mali als Migrationsland Mali ist kein Auswanderungsland. Ganz im Gegensatz zu z.b. den Kapverden, wo angenommen wird, dass mehr Menschen kapverdischer Herkunft im Ausland leben als auf den Inseln (Carling, 2008), ist Migration in Mali vor allem zirkulär. Trotz einer langen Tradition der Migration nach Frankreich gibt es dort geschätzt weniger als Malier_innen, diejenigen ohne Aufenthaltsstatus schon eingerechnet. Mehr als 90 Prozent der internationalen Migration Malis findet innerhalb Westafrikas statt, Europa (neben Frankreich in den letzten Jahren vor allem Spanien und Italien) ist neben Amerika und Asien nur eine der Destinationen. Migration dient in Mali nicht der Flucht aus einem Land, das als stagnierend und unmodern empfunden wird, sondern dem Vorankommen. Es ist so nicht so sehr der Versuch der Armut zu entkommen, wie dies in vielen programmatischen Texten dargestellt wird, die Entwicklung als Mittel gegen Migration vorsehen: Es ist oft eine relative Armut und vor allem die Chancenlosigkeit, der Migranten (insbesondere die international Migrierenden sind in der Hauptsache männlich) zu entkommen suchen. Über die Erzählungen von erfolgreichen Migranten und die Medien wird den Maliern vor Augen geführt, wie abgeschlagen ihr eigenes Land ist. Mißwirtschaft, Klientelismus, Korruption und eine Arbeitsmarktpolitik, die mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten kann, machen die Hoffnungen auch ausgebildeter Menschen auf einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz zunichte. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen in der Migration eine Chance auf persönliches Fortkommen und Unterstützung der Familie sehen. Migration hat in Mali jedoch auch Tradition. Insbesondere die jungen Männer der Familie nutzen Migration um Erfahrungen zu sammeln, ein wenig eigenes Kapital zu akkumulieren, ihre Rolle in der oft polygamen Familie zu stärken. Migration wird in verschiedenen Regionen Malis als aventure im Sinne einer riskanten, aber oft lohnenden Unternehmung betrachtet (vgl. Dougnon, 2012). Migration 4

5 in Mali ist aber vor allem auch eins: sie ist zirkulär. In der Regel kommen die Männer nach ein paar Jahren in der Fremde zurück, lassen sich nieder, und bleiben. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich verschiedene Migrationskulturen (Klute/Hahn, 2007) herausgebildet, die eine je eigene Prägung haben. Am prominentesten und am meisten erforscht ist die Migration aus der Region Kayes im Westen Malis, da sich insbesondere aus dieser Region eine Migration nach Frankreich etablierte(cissé/daum, 2009). Kayes ist eine relativ ärmliche, weil dürreanfällige Region Malis, in der neben Viehzucht vor allem Hirseanbau verbreitet ist. Dem Historiker Manchuelle ist aber der Hinweis zu verdanken, dass gerade hier keineswegs die Armen, sondern eher die Söhne der einflußreichsten Familien der Soninké Migrationspioniere wurden (Manchuelle, 1997). Das aus der Migration heimgebrachte Kapital diente den Jüngeren in der Familie zur Festigung ihrer sozialen Position und zum Ausbau der Macht der eigenen Familie, des eigenen Dorfes. So konnten sie sich nach der Rückkehr anschicken, die Führung einer Familie oder des Dorfes zu übernehmen. Erst nach und nach folgten andere Migranten und Angehörige anderer Ethnien dem Beispiel dieser Migranten. In der Ankunftsregion, seien dies die Küstenstädte Senegals oder der Großraum Paris, dienten foyers der Unterbringung der Neuankömmlinge und der Organisation der community. In den Wohnheimen in der Banlieu von Paris lebten Migranten oft nach Familien, Dörfern und Gegenden organisiert in einem Block; wenn ein Migrant zurückging, so übernahm nicht selten der Sohn, Neffe oder Cousin sein Bett, seine Arbeitsstelle und seine Sozialversicherungskarte. Die Migranten in Frankreich sind gut organisiert, sie haben Vereine gegründet, in aller Regel zur Unterstützung ihres Herkunftsdorfes. Regelmäßige Beiträge werden für in Not geratene Migranten, für die Rückführung von Verstorbenen, vor allem aber für Entwicklungsprojekte im Herkunftsort verwendet (Daum, 2005). Allerdings fließt nur ein sehr kleiner Teil der Rücküberweisungen über die Vereinskassen. Regelmäßige Geldsendungen gehen direkt an die eigene Familie, für die mit der Zeit das Geld aus der Migration einen stabilen Beitrag zum Leben und zur Ernährung wird, aber auch eine Finanzquelle für die Deckung besonderer Ausgaben für Taufen, Hochzeiten, oder Krankheit. Laut der Afrikanischen Entwicklungsbank BAD flossen Millionen Euro an Rücküberweisungen von Migrant_innen von Frankreich nach Mali (BAD, 2007). Auch heute noch ist es weitgehend Konsens in der Region, dass die Jungen nach Europa migrieren. Das setzt die Jugendlichen und jungen Männer einem hohen Erwartungsdruck aus, dem sie heute kaum noch entsprechen können (Jonsson, 2008). Auch sonst hat die Migrationsgeschichte ihre Spuren in der Region hinterlassen. Kleine Dörfer verfügen oft über große Moscheen mit beeindruckenden Minaretten, Krankenstationen, Getreidespeicher und Schulen, deren Lehrer auch bezahlt werden. Unter Tamarinden sitzen alte Männer, die mehrheitlich Renten aus Frankreich 5

6 beziehen, und sich über ihre Erlebnisse in Paris austauschen. Vielfach finden sich einflussreiche Marabout Familien, die Angehörige längst nicht mehr nur in Frankreich, sondern ebenso an der USamerikanischen Westküste oder in den aufstrebenden Städten Chinas haben. Wird in Mali über Migration gesprochen, so ist zumeist diese Migration aus dem Kayes Gebiet nach Frankreich gemeint. Die dominante Behandlung der Soninké Migration auch in der Wissenschaft führte dazu, dass andere Traditionen der Migration weitgehend unbeachtet blieben. Nicht nur Soninké aus Kayes erklären gern, dass ihre Migration die einzige echte Migration in Mali sei. Tatsächlich gibt es zahlreiche, regional oder ethnisch differenzierte Migrationskulturen in Mali. So ist die Migration aus der Region Sikasso im Süden Malis ins Nachbarland Elfenbeinküste zahlenmäßig wesentlich erheblicher als die Migration nach Europa. Annähernd zwei Millionen Malier sollen in der Elfenbeinküste leben, teils in den Städten, insbesondere der Küstenstadt Abidjan, teils aber auch im Norden oder im Zentrum des Landes, wo sie entweder Plantagen selbst bewirtschaften oder aber saisonal auf Plantagen arbeiten. In der Stadt Yanfolila im Süden Malis hat ein Teil der Familien Felder sowohl in Yanfolila als auch in der Elfenbeinküste, und Familienmitglieder leben beiderseits der Grenze. Unter den Dogon im Osten Malis haben sich verschiedene Traditionen der Migration herausgebildet: hier sind insbesondere die Golfstaaten und auch Ghana Zielorte für Migration (Petit, 1998). Allerdings konnte seit Ende der 90er Jahre besonders im Süden Malis eine steigende Tendenz der Migration nach Europa festgestellt werden. Migrant_innen aus der Region Sikasso machten sich auf nach Norden (Cissé/Daum, 2009). Für diese jüngere Migration war weniger häufig Frankreich das Ziel als vielmehr Spanien und in geringerem Maße Italien. Migranten fanden insbesondere im Baugewerbe und in der Landwirtschaft Arbeit, aber auch in der Industrie Katalaniens oder Norditaliens. Dieser Trend einer verallgemeinerten Migration nach Europa fiel jedoch zusammen mit einer intensivierten Kontrolle und Zurückweisung von Migrant_innen innerhalb Europas, an den Außengrenzen und in den Mahgrebstaaten. Dies hatte zur Folge, dass sich die Zyklen der zirkulären Migration zunächst verlängerten oder ganz zusammenbrachen. Die irreguläre Situation vieler Migrant_innen erschwerte den Alltag und drückte auf die Einkommensmöglichkeiten. Weil die Akkumulation eines kleinen Startkapitals immer schwieriger wurde, und weil klar war, dass eine erneute Einreise nach Europa wohl nicht gelingen würde, zögerten dennoch viele ihre Rückkehr hinaus. Außerdem hofften viele Migrant_innen auf Legalisierung und verharrten deshalb im Aufnahmeland. Neue Migration nach Europa scheiterte in vielen Fällen schon bei der Einreise; zahlreiche Migrant_innen wurden umgehend abgeschoben, sei es von Spanien oder Frankreich aus, 6

7 sei es schon an den europäischen Außengrenzen oder in den Maghrebstaaten. Insbesondere Spanien, Italien und Frankreich, aber auch in zunehmendem Maße die europäische Grenzschutzagentur Frontex banden die südlichen Mittelmeeranrainer und die westafrikanischen Küstenstaaten in ihre Migrationspolitik ein, und versuchten so, Migrant_innen schon an der Abfahrt zu hindern. Mehrere Tausend Migrant_innen wurden über die algerischen und mauretanischen Grenzen nach Mali abgeschoben, und Malis Hauptstadt Bamako wurde zum Sammelbecken gescheiterter Migrant_innen. Allein bei diesen Rückführungen starben Hunderte, besonders durch die Abschiebungen von Libyen und Marokko über Algerien (Soukouna, 2011). Zurück In Mali treffen wir zahlreiche Rückkehrer, die zunächst wenig gemeinsam haben. Es gibt Coulibaly, den älteren Funktionär, der mehrere Jahre als Wanderarbeiter durch west und zentralafrikanische Länder gereist ist, ohne großen materiellen Gewinn gemacht zu haben, bevor er wieder in den malischen Staatsdienst eintrat. Nun ist er pensioniert und freut sich, wenn er Geschichten über seine Migration erzählen kann. Es gibt Oumar, der in Angola einen florierenden Goldhandel betrieb, bevor er 1996 in Luanda enteignet wurde wie zahlreiche andere Ausländer, und ohne einen Cent nach Mali abgeschoben wurde. Bibi, Tochter einer Diplomatin, hat in Essen, an der Sorbonne und in New York Ökonomie und Betriebswirtschaft studiert und spricht fließend Deutsch, Englisch und Französisch. Nach ihrer Rückkehr und Heirat hat sie sich vergeblich um eine Stelle bei einer der größeren Banken in Bamako beworben. Nun erwägt sie ein Praktikum. Abderrahman hat sich fast zwanzig Jahre in Paris durchgeschlagen, und sein Geld nach der Rückkehr in den Bau eines Mietshauses in Bamako investiert. Mit den Einnahmen baute er weitere Häuser. Inzwischen hat er eine Agentur gegründet für das Immobiliengeschäft und auf dem Markt in Bamako einen Gold und Silberhandel eröffnet. Fassery hat vier Mal vergeblich versucht, von Marokko aus die spanische Küste oder eine der Exklaven zu erreichen. Er wurde abgeschoben, schlug sich nach Hause durch und betreibt nun einen kleinen Laden in einer Provinzstadt im Süden. Sein Vater hat einen großen Teil seines Vermögens verloren für Karims Versuche, nach Spanien überzusetzen. Mahamadou hat in Paris in zahlreichen Restaurants gearbeitet, bevor er nach 14 Jahren als Illegaler abgeschoben wurde. Nun ist er Generalsekretär einer Vereinigung Abgeschobener und bezieht ein regelmäßiges Gehalt. Abdul hat nach 16 Jahren in Frankreich drei gebrauchte Traktoren importiert. Schon nach kurzer Zeit aber machten die Maschinen Probleme, die Beschaffung von Ersatzteilen war schwierig und fraß die 7

8 Gewinne auf. Nun stehen die Wracks bei ihm auf dem Hof und Abdul geht wieder der traditionellen Landwirtschaft nach. Mohamed hat Spanien nach einigen Jahren trotz Aufenthaltstitel verlassen, weil wegen der Wirtschaftskrise kein anständig bezahlter Job mehr zu bekommen war, und er seine Ersparnisse aufzehrte. Nach seiner Rückkehr musste er feststellen, dass sein Vater das geschickte Geld, das er in Grundstücke hätte anlegen sollen, für den Konsum der Familie ausgegeben hatte. Mohamed hat sich mit seinem Vater überworfen, lebt nun von seiner Familie getrennt und hat einen kleinen Stand auf dem Markt, wo er T Shirts verkauft. Drissa lebt nach seiner Abschiebung aus Paris bei einem Freund in Bamako, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs und halblegalen Geschäften durch. Er hatte nach der Rückkehr zu seiner Familie Angst, ihr von seiner Abschiebung zu erzählen. Um zu vertuschen, dass er ohne Geld zurückgekommen war, flüchtete er aus seiner Familie. Seine Frau in Paris hat sich inzwischen von ihm scheiden lassen. Seine heute sechsjährige Tochter dort hat er nie gesehen. Diese Aufzählung könnte fast beliebig ergänzt werden. In einem Land, von dessen 14 Millionen Einwohnern etwa ein Fünftel ins Ausland migriert ist, finden sich viele Geschichten und Schicksale. Ein Muster zu finden bei all dieser Verschiedenheit von Migrationsverläufen ist schwieriger. Ebenfalls schwierig ist die Einordnung dieser Verläufe in die gängigen Schemata von Migration und Entwicklung. Wann ist eine Rückkehr erfolgreich, und wann ist sie ein Beitrag zur Entwicklung des Landes? Bloß nicht scheitern Bei aller Unterschiedlichkeit der Motivlagen, die in die Migration geführt haben: ein gemeinsames und zentrales Kriterium der Migration in Mali ist der Erfolg. Erfolg ist nicht nur, vielleicht nicht in erster Linie pekuniär zu verstehen. Die erfolgreiche Partizipation innerhalb der Gesellschaft in Mali basiert auf dem Ruf, bzw. dem Namen, togo, einer Person. Zu den Kriterien, die zur Erhaltung oder Stärkung dieses Rufes beitragen, zählt neben dem ökonomischen Erfolg auch gute Lebensführung, Weisheit, Lebenserfahrung oder Rechtgläubigkeit. In diesem Kontext ist Migration mit der Erwartung verbunden, neben ökonomischem Kapital auch ein Plus an Lebenserfahrung, an Kenntnissen und sozialer Kompetenz mit heimzubringen. Gerade eine Migration nach Europa ist allerdings auch mit der Erwartung verknüpft, dort genügend Kapital zu sammeln, um nach der Rückkehr einen gewissen Wohlstand zu besitzen. Die verschiedenen Kulturen der Migration können zusätzliche Erwartungen schüren und jungen Männern wenig Alternativen zur Migration lassen. Zur Verankerung des Bildes vom erfolgreichen Migranten haben die Migranten selbst beigetragen. Wenn nachts der Airbus der Air France in Bamako landet, entsteigen ihm festlich gekleidete Malier, die Taschen voller Geschenke 8

9 und Mitbringsel für die Verwandten, eine Demonstration von Wohlstand, der nicht selten in bizarrem Gegensatz steht zu den Lebensverhältnissen sowohl auf dem Dorf als auch zu denen der Migrant_innen in Frankreich. Dabei wird Migration, insbesondere die Migration nach Europa, immer schwieriger. Nur ein Teil der Migrant_innen erreicht Europa, nur wenige genießen dort einen legalen Aufenthalt, und es ist schwierig ein hinreichendes Kapital anzusparen, wenn gleichzeitig die eigene Lebenshaltung gewährleistet sein muss und auch wenigstens bisweilen Geld an die Familie zu Hause geschickt werden sollte. Die wirtschaftliche Krise in Europa hat viele Migrant_innen in schwierige Lebensverhältnisse gestürzt, doch, wie mir in Bamako berichtet wurde, trauen sich viele Migrant_innen in Spanien nicht zurück nach Mali, weil sie ohne Erfolg ihrer Familie nicht unter die Augen treten wollen. Die Rückkehr mit leeren Händen bedeutet Schmach für die Migranten, aber auch Ansehensverlust für ihre Familien. Tausende gescheiterter Migranten mussten in den vergangenen Jahren zurückkehren oder wurden abgeschoben. Mangels Alternativen wurden sie zur Rückkehr gezwungen, doch viele unter ihnen sind nicht wirklich zur Familie zurückgekehrt, sondern befinden sich über Jahre in einem Schwebezustand, suchen Geld und Unterstützung vor allem in Bamako, um entweder nicht ganz mittellos zur Familie zurückkehren zu können oder aber sich erneut auf den Weg zu machen. Insbesondere an die Migranten, die in Aufnahme oder Transitländern ausharren, richten sich verschiedene Angebote der unterstützten Rückkehr. Die geförderte Rückkehr Bezüglich Mali gibt es, sieht man von wenigen vereinzelten Fällen der geförderten Rückkehr aus EU Staaten ab, hauptsächlich vier Akteure der Rückkehrförderung. Das ist zum einen der französische Staat, der durch zwei Programme, PDLM und FSP co développement Rückkehrförderung betreibt (beide werden im Folgenden unter co développement zusammengefasst), das im Herbst 2008 in Bamako installierte, EU finanzierte Zentrum für Information und Steuerung der Migration, CIGEM, die Internationale Organisation für Migration, IOM, und das 2000 gegründete malische Ministerium für Malier im Ausland und afrikanische Integration MMEIA, und die ihm zugeordnete Abteilung DGME, die Generaldirektion für Malier im Ausland. Co développement In Frankreich wurde bereits in den 90er Jahren eine Zusammenarbeit der staatlichen Entwicklungsförderung mit Migrantenverbänden entwickelt. Die zahlreichen Migrantenvereine hatten schon seit den 70er Jahren eine Vielzahl von kleinen lokalen Entwicklungsprojekten auf den 9

10 Weg gebracht; seit 1991 sollte staatliche Förderung diese Projekte unterstützen und ihnen zu mehr Effizienz verhelfen. Ab Ende 2002 wurde das Programm unter der Rubrik FSP co développement verbreitert fortgeführt. Der Prozess der Institutionalisierung wurde jedoch gebremst durch die Beteiligung verschiedener Ministerien, und durch die politische Zusammenführung der beiden Ziele Entwicklung und Migrationssteuerung. So schreibt der Sozialwissenschaftler Samir Nair, Beauftragter der Mission interministérielle migrations et codéveloppement zur Zielsetzung des co développement: Frankreich kann in der aktuellen Situation nicht länger massive neue Migrationsströme aufnehmen. [Es sei daher notwendig] mit der Vielzahl micro ökonomischer Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit auf die Ursachen der Migration Einfluss zu nehmen [und] die neuen Bewegungen so zu organisieren, dass das Ziel nicht die endgültige Niederlassung begünstigt, sondern die Rückkehr ins Herkunftsland (zit. nach Soukouna, 2011: 9). Die Entwicklung des co développements fällt zusammen mit einer zunehmend restriktiven Einwanderungspolitik Frankreichs. Nach der Ölkrise 1974 wurde bereits eine Visumpflicht für malische, mauretanische und senegalesische Staatsangehörige erlassen; eine restriktive Visavergabe führte dazu, dass Einwanderung stark selektiert wurde und längere Aufenthaltsgenehmigungen beinah ausschließlich über Familienzusammenführung erteilt wurden. Intensivierte Kontrollen und Abschiebungen von Migrant_innen ohne regulären Aufenthalt erhöhten weiter den Druck auf Migrant_innen und bildeten den Kontext für eine Unterstützung der freiwilligen Rückkehr (Linares, 2009: 14ff). Förderung im Rahmen des ab 2002 co développement genannten Programms zielt allerdings nicht ausschließlich auf die Rückkehr von Migrant_innen. Der Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung wird vor allem hergestellt über die Argumentation, nach der Entwicklungsförderung die Ursachen von Migration beseitigen helfe. Entwicklung in der Ausreiseregion würde so zu weniger Interesse an der Migration führen. So unterstützte das co développement sowohl Investitionen von Maliern in Frankreich, Investitionen durch Einzelpersonen und Vereine im Herkunftsland, und auch die Geschäftsgründungen von Rückkehrern. Rückkehr war eines der Ziele des co développements, zwar politisch erwünscht, aber gemessen an Rückkehrzahlen immer marginal wurden 137 Rückkehrer im Rahmen des co développements unterstützt. Laut der Association Malienne des Éxpulsés AME gab es im gleichen Jahr 478 Abgeschobene aus Frankreich. Zahlen zu freiwilligen Rückkehrern 10

11 Die Förderung von Rückkehrern Im Kontext des französischen Programmes des co développements, in Mali Ende 2002 eingerichtet, wurde die Rückkehr von Migrant_innen gefördert durch Unterstützung bei Geschäftsgründungen. Den Rückkehrern wurde ein Berater zur Seite gestellt, der sie bei der Entwicklung eines Geschäftsplans unterstützte, und im Falle einer positiven Bewertung wurde eine finanzielle Hilfe (von Euro) in Sachleistungen bereitgestellt. Die Kriterien für eine Unterstützung sind das Bildungsniveau des Antragstellers, berufliche Erfahrung, Motivation, eigener Beitrag zum Projekt, Qualität des Projektes und der wirtschaftliche oder soziale Nutzen des Projektes (Linares, 2009: 79). Die Förderung konzentriert sich dabei auf die Region Kayes sowie auf die Hauptstadt Bamako. In einem Bericht der Abgeordneten Godfrain und Cazenave wird eine positive Gesamtbilanz der durch co développment geförderten Projekte gezeichnet. Allerdings wird hier auch festgestellt, dass die Zahl der geförderten Projekte gering ist. Nur wenige Rückkehrer sind in den Genuß einer Förderung gekommen, und der Umfang der Förderung ist mager, gemessen an den Rückflüssen und Investitionen der Migrant_innen selbst. Auf eine Rückkehrpolitik habe das co développement, das vielleicht einige Hundert Rückkehrer pro Jahr fördere, daher nicht direkt einen signifikativen Einfluss. Die Rolle des co développements auf die Migrationssteuerung liege vielmehr darin, dass durch Verbesserung der Lebensbedingungen in den Auswanderungszonen einer Ausreise vorgebeugt werde und verbesserte Bedingungen für die Rückkehr geboten würden (Godfrain/Cazenave, 2007: 11). Dabei scheint die Zahl von jährlich mehreren Hundert geförderten Rückkehrern etwas hoch gegriffen. Laut einer Pressemitteilung des OFII Büros in Bamako (Office francais de l immigration et de l integration) von 2011 wurden in den 10 vorausliegenden Jahren 1071 Projekte bezuschusst mit 2 Milliarden Franc CFA (= 3,1 Mio Euro), das macht im Durchschnitt einen Zuschuss von knapp Euro pro Projekt und etwa 100 geförderte Projekte pro Jahr (OFII, 2011). Migrationsmanagement und co développement Schon unter der Regierung Jospin, aber besonders unter der Präsidentschaft Sarkozys wurde die Förderung migrantischer Entwicklungsprojekte enger an Migrationssteuerung gebunden. Tatsächlich aber blieb auch in dieser Periode die Förderung von Rückkehrprojekten marginal und ohne praktisch lassen sich nicht finden, aber die Zahl der jährlichen Auswanderungen aus Frankreich lag in den letzten Jahren zwischen und (Eurostat, 2013). Dem stehen jährlich ca Abschiebungen gegenüber (Le.Monde.fr, 2010). 11

12 nachweisbaren Einfluss auf Migrationsmanagement (Musekamp, 2008). Allerdings wurde die diskursive Verbindung von Entwicklung und Begrenzung von Migration insbesondere seitens der Migrantenverbände in Frankreich negativ aufgenommen, und führte zu einer kritischen Distanz (Musekamp, 2008). Dies kulminierte im Jahr 2009, als Frankreich nach mehreren Anläufen endlich ein Rückübernahmeabkommen mit Mali schließen wollte. Der angereiste französische Integrationsminister Brice Hortefeux musste seinen Vertrag wieder mit nach Hause nehmen, ohne die Unterschrift des malischen Präsidenten Amadou Toumani Touré. Proteste sowohl in Bamako als auch von malischen Migrant_innen in Paris hatten Touré veranlasst, das Abkommen nicht zu unterzeichnen (Soukouna, 2011). Im Gegenzug fror Frankreich befristet die Mittel für codéveloppement Projekte ein. CIGEM Im Herbst 2008 wurde in Bamako das CIGEM, Centre d Information et de Gestion des Migrations, gegründet. Der Vorstellung des EU Kommisars für Entwicklung, Luis Michel, dass das Zentrum auch Vermittlung in europäische Arbeitsmärkte umfassen soll, wurde seitens der EU Innenminister schnell eine Abfuhr erteilt. So hat das Zentrum zwar regen Zulauf sowohl von Rückkehrern als auch von an Migration interessierten, kann ihnen jedoch nicht viel bieten. Es gibt keine legalen Auswanderungsmöglichkeiten in EU Länder. Von etwa 5000 Interessenten, die das CIGEM bis 2010 registriert hatte, konnten nur 40 Personen in eine Ausbildung in Bamako vermittelt werden. Das CIGEM hat keine eigenen Mittel zur Finanzierung von Ausbildungen oder Geschäftsgründungen von Migrant_innen. Es verweist Interessenten daher an die malischen Institutionen, vor allem die ANPE (Agence nationale pour la promotion de l emploi). Vermittlung in Beschäftigungen in Mali ist allerdings aussichtslos. Wie Funakawa schreibt, waren während ihres Praktikums die Computer der Arbeitsagentur nicht funktionsfähig, und nur wenige und veraltete Jobangebote hingen aus. Die Zusammenarbeit des CIGEM mit den Arbeitsagenturen war überdies gekennzeichnet durch langwierige bürokratische Wege und Prozeduren (Funakawa, 2009: 54ff).Während der Andrang ausreisewilliger Malier konstant hoch ist, kann das CIGEM die Kandidaten nur vertrösten. Eine 2010 anläßlich des Besuchs eines Regierungsvertreters Saudi Arabiens verbreitete Meldung, dass Saudi Arabien über die Anwerbung von Arbeitskräften aus Mali nachdenke, löste einen Ansturm von täglich Hunderten potentiellen Migrant_innen aus, so dass das CIGEM sich zu einer Gegendarstellung veranlasst sah. Auch für die Reintegration von Rückkehrern hat das CIGEM keine eigenen Mittel, sondern bietet lediglich Beratung an, und verweist in einigen Fällen Rückkehrer an die Programme 12

13 des co développement. Insgesamt, so resümiert Funakawa ihre Recherche zum CIGEM, schreibt sich das Projekt ein in die Steuerung von Migrationsströmen. Trotz der Bereitstellung von 10 Millionen Euro durch die Europäische Union wurden wenige konkrete Aktivitäten zur Begleitung und Unterstützung von Migrant_innen verwirklicht. Dies [das CIGEM] scheint eher ein Werkzeug zur Begrenzung der Migration (Funakawa, 2009: 79). IOM Die Internationale Orgamisation für Migration, IOM, war zu Beginn des co développements in die Abwicklung vor Ort eingebunden. Die IOM führte jedoch auch eigene Projekte zur Rückkehr und Reintegration von Migrant_innen durch, so das TRIM Projekt, finanziert von der EU und Italien, zur Rückkehr von Migrant_innen aus Libyen, und das Folgeprojekt LIMO, Regional Assisted Voluntary and Reintegration Programme for stranded migrants in Libya and Morocco, das für Rückkehrer aus Marokko und Libyen für 2009 und 2010 aufgelegt worden war. Das Programm zielte auf Migrant_innen, die in den Maghreb Staaten blockiert waren, weil sie nicht nach Europa kommen konnten und keine Mittel für die Rückkehr hatten. Laut IOM Büro Bamako wurden 2009 mehr als 500 Rückkehrer bei der Heimkehr nach Mali unterstützt (Funakawa, 2009: 44); ein IOM Evaluierungsbericht spricht allerdings nur von 352 Personen (IOM, 2010). Die IOM sorgte für den Rücktransport nach Mali, und die Migrant_innen bekamen nach der Rückkehr Sachleistungen in einer Höhe von maximal 485 Euro. Übliche Leistungen war zum Beispiel die Übergabe einer Nähmaschine oder eines Werkzeugkastens. Ein Evaluierungsbericht zum LIMO Programm liest sich wohlwollend, doch entnimmt man dennoch Hinweise auf gravierende Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Programms. Nach der Rückkehr ist vor allem die Größe Malis ein Problem. Die IOM bedient sich mehrerer lokaler Vereine, um die Unterstützung der Rückkehrer und die Ausgabe von Materialien abzuwickeln, hat aber kaum Kontrolle über deren Tätigkeit. Mehrere Organisationen beklagten, dass die knapp 50 Euro ( Franc CFA), welche für die Betreuung eines Rückkehrers von IOM bezahlt werden, viel zu gering sei. Tatsächlich ist unwahrscheinlich, dass die beauftragten Vereine alle betreuten Rückkehrer besucht haben, weil dies bei der gegebenen Infrastruktur manchmal Reisen von mehreren Tagen erfordert. Auch Fragen der Qualifikation der Vereine zur Betreuung und Schulung der Rückkehrer werden aufgeworfen. Bei einem für die IOM tätigen Verein deuten meine Erfahrungen darauf hin, dass weder Kompetenz noch ein Interesse an einer guten Umsetzung vorhanden sind. Ein zweiter Verein scheint zumindest insofern geeignet, als es sich bei diesem selbst um Rückkehrer handelt. Für die Rückkehrer stellte sich das Problem, dass mit dem bereitgestellten Material noch keine Geschäftsgründung 13

14 finanziert ist. Eine Nähmaschine sei nicht nützlich, wenn man kein Geld für Stoffe oder die Miete eines Ateliers habe. Das heißt, für eine tatsächliche Beschäftigung sind weitere Investitionen seitens der Rückkehrer notwendig. Sind diese nicht möglich, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die überlassenenen Materialien oder Werkzeuge nicht genutzt, sondenr wieder verkauft werden. Es ist bemerkenswert, dass bei 352 Rückkehrern nach Mali nur bei 81 Personen ein Monitoring nach der Maßnahme stattgefunden hat. Nur sechs dieser Personen wurden wiederum dem Evaluierungsteam der IOM vorgestellt (IOM, 2010). Unterstützung von Rückkehrern durch die malische Regierung Eher der Vollständigkeit halber sei hier die Unterstützung von Rückkehrern durch die malischen Institutionen MMEIA (Ministerium für Malier im Ausland und afrikanische Integration) und DGME (Generaldirektion der Malier im Ausland) erwähnt. Die Unterstützung beschränkte sich bislang auf ein Programm zur Unterstützung von Rückkehrern, die sich zu Vereinen zusammengeschlossen haben. Laut Linares kam es dabei 2006 und 2008 zur Verteilung von Materialien (2008 in Höhe von knapp Euro), die begünstigten Vereine mussten eine Reihe von Kriterien erfüllen, die den Kreis der potentiellen Nutznießer stark einschränkten. In zahlreichen Fällen wurde das Material nicht entsprechend den Kompetenzen oder Möglichkeiten der Vereine verteilt (Linares, 2009: 103f). In meinen Recherchen konnte ich nur eine Gruppe Rückkehrer treffen, die von diesem Programm profitierte. Eine Organisation von Abgeschobenen in Süd Mali, angeschlossen an eine Dachorganisation in Bamako, bekam 2009 statt eines beantragten Traktors, den der Verein gemeinsam nutzen wollte, eine Getreidemühle von der Délegation Générale pour les Maliens en Éxterieur DGME. Für den Geschäftsplan des Vereins, nämlich die gemeinsame Bewirtschaftung eines Feldes, war die Mühle nutzlos. Als die Mühle in der Kreisstadt angeliefert wurde, stellte sich zudem heraus, dass sie keineswegs neu war wie zugesagt, sondern alt und nicht funktionstüchtig. Die Organisation reparierte auf eigene Kosten den Dieselmotor der Mühle und transportierte sie in ein Dorf, wo sie zum Einsatz kommen sollte. Die Frauen, die dort nun ihr Getreide mahlen ließen, bezahlten einen geringen Beitrag, mit dem Unkosten gedeckt und Überschüsse an den Verein fließen sollten. Schon bald jedoch streikte der Motor erneut, wurde repariert, bevor er dann endgültig kaputt ging. Dem Verein fehlt das Geld für einen neuen Motor, und so steht das Wrack nutzlos in einer Hütte des abgelegenen Dorfes. Der Verein hat weit mehr investiert als die Mühle einbringen konnte. Ein Funktionär der DGME besuchte das Projekt und nahm die kaputte Mühle in Augenschein, er versprach sich um Ersatz zu kümmern, ließ dann jedoch nie mehr von sich hören. Die 14

15 Dachorganisation in Bamako war auch als durchführender Partner für das LIMO Projekt der IOM tätig. Unterstützung ohne Erfolg Betrachtet man die Programme zur geförderten Rückkehr, so sticht zunächst ihre geringe Dimension ins Auge. Nur etwa 1000 Entwicklungsprojekte von Rückkehrern aus Frankreich wurden in zehn Jahren co développement überhaupt gefördert. Die Vorauswahl der Förderung bedingt zudem eine Selektion: nur die erfolgversprechdsten Projekte haben Chancen auf eine Förderung. Migrant_innen, deren Ideen als nicht umsetzbar gelten oder die nach Ansicht der Evaluatoren nicht genügend Fähigkeiten und eigene Ressourcen zur Umsetzung des Projektes mitbringen, werden ausgeschlossen. Das LIMO Programm der IOM umfasst nur wenige Hundert Begünstigte, und die Höhe der Reintegrationshilfe ist nicht geeignet, einen substantiellen Beitrag zu einer wirtschaftlichen Reintegration der Rückkehrer zu leisten. Die Erfolgsbilanz von Rückkehrförderung wird weiter geschwächt durch Schwierigkeiten bei der Umsetzung, insbesondere durch die ausschließliche Bereitstellung von Sachleistungen. Hier vernahm ich zahlreiche Berichte über mangelhafter Ware, Korruption und Schwierigkeiten der Begünstigten, die Neben und Folgekosten des Projektes aus eigener Tasche zu bezahlen. Linares (2009: 79) weist auf eine Reihe ähnlicher Schwierigkeiten hin. Angesichts der hier angedeuteten Schwächen der Programme zur geförderten Rückkehr und Reintegration ist es nicht überraschend, dass Ndione und Lombard in einer Analyse zu individuellen Rückkehrprojekten ebenfalls feststellen, dass die Erfolge geförderter Rückkehr begrenzt sind. In der Befragung von je 50 Rückkehrern in der Region Kayes und in Bamako kommen sie zu dem Schluss, dass unter den Rückkehrern, die ihr Projekt als Erfolg betrachten, nur 30 % externe Unterstützung erhielten, gegenüber 55 %, die ihr Projekt aus eigener Kraft umsetzten. Dagegen sind unter denjenigen, die ihr Projekt als gescheitert betrachten, nur 18 % selbständige Rückkehrer, und 45 % geförderte Rückkehrer (Ndione/Lombard, 2004: 9). Viele Investitionen scheinen direkt zu scheitern, andere verpuffen eher im Laufe der Zeit. Als Ursachen für gescheiterte Rückkehrerprojekte stellen Ndione und Lombard hauptsächlich vier Aspekte heraus: das Fehlen beruflicher Aktivität vor der Rückkehr; ein Mangel an Information, ein Mangel an Vorbereitung der Rückkehr, und Investitionen, die zu viele Familienmitglieder umfassen. Bezieht man die ersten drei Kriterien auf die soziale und aufenthaltsrechtliche Situation im Aufnahmeland, so wird schnell deutlich, dass wenig integrierte Migrant_innen, eine mangelhafte 15

16 Integration der Migrant_innen in herkunftsbezogene Netzwerke, auch eine lange Abwesenheit vom Herkunftsland und ein unsicherer Aufenthaltsstatus, der den Ausreisedruck erhöht, sich negativ auf die berufliche Reintegration nach der Rückkehr auswirken. Bedenkt man, dass vom Angebot der Rückkehrförderung im Rahmen des co développement %, und % Migrant_innen ohne Aufenthaltstitel Gebrauch machten, so ist das häufige Scheitern der geförderten Rückkehr nicht verwunderlich (Linares, 2009: 78). Linares stellt fest, dass laut ihren Gesprächspartnern in Mali etwa 80 % der geförderten Rückkehrprojekte nach zwei Jahren nicht mehr existieren (Linares, 2009: 80). Die Rückkehrförderung hat in einigen Fällen Migranten dazu verholfen, nicht gänzlich mit leeren Händen zurückzukehren, doch zur Reintegration hat es meist nicht gereicht. Der vierte Faktor, der Einfluss der Familie auf Projekte, verweist auf die komplexe Beziehung zwischen Migrant und Familie am Herkunftsort. Ein Rückkehrer wird in der Regel als wohlhabend angesehen, entsprechend hoch sind die Erwartungen und Forderungen der Familie. Von den Familienmitgliedern wird erwartet, dass sie teilen. Dies gilt erst recht für einen Rückkehrer. Vom Rückkehrer wird erwartet, dass er zu den Haushaltskosten, dem Ausgaben für Gesundheit oder den Schulgebühren der Kinder beiträgt. Ein Rückkehrer ist so zwischen den Anforderungen seines Rückkehrprojektes und den Erwartungen der Familie und Freunde gefangen. Investiert er in sein Geschäft, so gilt er als egoistisch, unsozial, und zieht den Ärger der Familie auf sich. Seine soziale Reintegration kann scheitern, weil sich die Gemeinschaft von ihm abwendet. Gibt er den Erwartungen der Familie nach, so zerrinnt ihm das Geld zwischen den Fingern, und er setzt damit die wirtschaftliche Basis für eine erfolgreiche Rückkehr aufs Spiel. Auch die Integration von Familienmitgliedern ins Geschäft ist kein Ausweg. Dies stößt auf Schwierigkeiten, weil Verwandte oft nicht die nötigen Kompetenzen mitbringen und die familiären Beziehungen sich dominant auswirken auf Arbeits bzw. Leistungsverhältnisse. Gerade gegenüber Familienmitgliedern ist die Position eines Rückkehrers schwach. Der oben angedeutete Konflikt zwischen sozialen und ökonomischen Zwängen wird so nicht aufgehoben, sondern direkt in das Rückkehrprojekt hineinverlagert. Aus diesen Gründen sind zahlreiche der erfolgreichen Rückkehrer gerade nicht an ihrem Herkunftsort zu finden, sondern haben ihr Geschäft eher in der Provinzhauptstadt oder in Bamako angesiedelt. Gemeinsamer Erfolg, individuiertes Risiko Der Diskurs von Migration und Development ist, wo er sich auf das Potential von Migration auf Entwicklung bezieht, orientiert am Kapital der Migrant_innen, sei dies Geld oder nützliche Kenntnisse. Diese utilitaristische Ausrichtung bestimmt auch die breiteren praktischen Ansätze. Ist 16

17 dieses Kapital nicht vorhanden oder zu gering, so fällt der Rückkehrer aus den gängigen Programmen heraus. Nur in Ausnahmefällen kann er dann noch von spezifischen Programmen wie dem Programm LIMO der IOM profitieren. Diese sind bei weitem zu dürftig ausgestattet und durchgeführt, um Rückkehrern tatsächlich eine brauchbare Unterstützung für eine Existenzgründung zu leisten. Das französische Modell des co développement existiert länger und ist ambitionierter als entsprechende Experimente anderer europäischer Staaten, es ist jedoch kaum zur Nachahmung empfohlen (vgl. zu Deutschland z.b. Hilber/Baraulina 2012). Das co développement ist in den Dimensionen zu begrenzt, um im Bereich der Rückkehrförderung sichtbare Auswirkungen auf Entwicklung zu haben. Gegenüber der Vielzahl migrantischer Projekte und der Summe der Remittances nimmt sich das co développement sehr bescheiden aus. Eine bedeutsame Einschränkung des co développements ist die Fokussierung auf potentiell erfolgreiche Rückkehrkonzepte. Dies besagt in der Konsequenz, dass nur die Projekte, die gut konzipiert sind, vielfältige eigene Ressources aufweisen, und in denen die Rückkehrer Kompetenzen nachweisen können, auch eine Chance auf zusätzliche Förderung durch co développement haben. Dies ist im Rahmen einer betriebswirtschaftlich informierten Projektlogik verständlich. Betrachtet man aber die Auswirkungen einer solchen Förderpolitik auf die Gesamtheit der Rückkehrer, so verschärft die französische Politik noch die Unterschiede zwischen den Rückkehrern, die mit Ideen und eigenem Kapital heimkehren, und denen, deren Migrationsprojekt weniger erfolgreich verlief, die mit wenig oder sogar mit leeren Händen ihre Rückkehr meistern müssen. Dieselbe Projektlogik tendiert auch dazu, Rückkehrunterstützung und damit die Reintegration von Migrant_innen als Erfolg darzustellen. Angesichts des häufigen Scheiterns der Rückkehrprojekte ist die Betonung des Erfolgs des co développements durch die Politik das deutlichste Zeichen der Instrumentalisierung geförderter Rückkehr im Rahmen eines Migrationsmanagements. Die geschönte Darstellung verschleiert nicht nur die oft eklatanten Schwächen der Reintegrationsförderung, sie schließt den gescheiterten Migranten aus und bringt ihn zum Verschwinden. Das Risiko der Rückkehr bleibt beim Migranten. Wenn sein Rückkehrprojekt erfolgreich ist, so schreibt sich die Rückkehrförderung dies gern als Verdienst zu. Gelingt es nicht, so war es das individuelle Scheitern, und die Verantwortlichen des co développements ziehen sich auf die Aussage zurück, dass ihr Ziel deutlich die kurzfristige Reintegration und nicht der Erfolg des Projektes sei, und dass dieses nicht wirklich in ihr Ressort falle (Linares, 2009: 85). Dies fügt sich in eine Sicht der Herkunftsgesellschaft auf Migration und Rückkehr ein, die den erfolgreichen Rückkehrer preist und 17

18 dem gescheiterten Migranten nur mit einer geringen Akzeptanz begegnet und ihn im Extremfall aus der Gemeinschaft ausschließt. Einigen erfolgreichen Rückkehrern stehen so viele erfolglose Rückkehrer gegenüber. Der Rückkehr als Konzept im Rahmen einer positiv besetzten Verbindung von Migration und Entwicklung sollte mit Skepsis begegnet werden. Literatur Apdha/AME (2009): Otra fronteira sin derechos Mauretania Mali: apdha. BAD, Banque Africaine pour le Développement (2007): Rapport final sur les transferts des fonds des migrants. Tunis: African Development Bank. ert%20des%20fonds%20fr.pdf, Black, Richard /King, Russell (2004): Editorial introduction: migration, return and development in West Africa. Population, Space and Place, 10(2), Black, Richard/Gent, Saskia (2004): Defining, Measuring and Influencing Sustainable Return: The Case of the Balkans. Sussex. Carling, Jorgen (2008): Policy Challenges Facing Cape Verde in the Areas of Migration and Diaspora. Contributions to Development. Oslo: International Peace Research Institute PRIO. Cassarino, Jean Pierre (2008): Conditions of Modern Return Migrants: Editorial Introduction. International Journal on Multicultural Societies (IJMS) UNESCO, 10(2), Castles, Stephen. (2007). Development and Migration Migration and Development: What comes first? Unpublished Paper presented at Social Science Research Council Conference. Migration and Development: Future Directions for Research and Policy. International Migration Institute Oxford University. Cissé, Pierre/Daum, Christophe (2009): Migrations internationales maliennes. Recomposition des territoires migratoires et impacts sur les sociétés d'origine. In: IRD (Ed.), Migrations Internationales, Recompositions Territoriales et Développement (pp ). Paris: IRD. Daum, Christophe (2005): Les immigrés et le co développement. Ceras revue Projet, 288. De Haas, Hein (2007): Remittances, Migration and Social Development. A Conceptual Review of the Literature. Social Policy and Development Programme Paper, 34, 41. Dougnon, Isaie (2012): Migration as coping with Risk: African Migrants Conception of Being far from Home and States Policy of Barriers. In: Abdoulaye Kane & Todd H. Leedy (Eds.), African Migrations: Patterns and Perspectives: Indiana University Press. Dünnwald, Stephan (2010): Politiken der 'freiwilligen' Rückführung. In: Sabine Hess & Bernd Kasparek (Eds.), Grenzregime. Diskures Praktiken, Institutionen in Europa. Berlin Hamburg: Assoziation A. Dünnwald, Stephan (2011): On Migration and Security: Europe Managing Migration from Sub Saharan Africa. Cadernos de Estudos Africanos, 22, Eurostat (2013): Emigration. Total number of long term emigrants from the reporting country during the reference year &plugin=0 18

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