Die subjektive Sicht von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte auf ihr Lebensumfeld

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1 Die subjektive Sicht von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte auf ihr Lebensumfeld Vortrag auf Grundlage der Expertise zum 9. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung Nordrhein-Westfalen von Markus Ottersbach, Solveigh Skaloud und Andreas Deimann Tagung der AG IkSA, FH Köln

2 Gliederung 1. Zur Relevanz der subjektiven Sicht 2. Forschungsarbeit und Thema des Vortrages 3. Zur subjektiven Sicht von Jugendlichen auf Sprachförderung und Bildungschancen 4. Fazit Tagung der AG IkSA, FH Köln

3 1. Zur Relevanz der subjektiven Sicht Eingewanderte Kinder und Jugendliche werden in Fremdbeschreibungen zu einer defizitären Problemgruppe: bildungsfern mangelnde Sprachkenntnisse vormoderne Geschlechterrollen fundamentalistisch orientiert gewaltbereit und/oder kriminell Integrationsverweigerer Parallelgesellschaften Tagung der AG IkSA, FH Köln

4 1. Zur Relevanz der subjektiven Sicht Eingewanderte Jugendliche werden in Selbstbeschreibungen zu ganz normalen Jugendlichen: Kinder ihrer Eltern Geschwister Enkel und weitere Verwandtschaft Freunde, Freundinnen Nachbarn Schüler/-innen Auszubildende, Arbeitnehmer etc. Bürger/-innen 4

5 2. Von der Arbeit zum Vortrag Die zu Grunde liegende Expertise beschreibt 1. Die Entwicklung der Subjektperspektive in der modernen Gesellschaft, geprägt vom ambivalenten Möglichkeitsraum der Individualisierung Globalisierung Pluralisierung funktionalen Differenzierung Tagung der AG IkSA, FH Köln

6 2. Von der Arbeit zum Vortrag... die zu Grunde liegende Expertise beschreibt Das Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte in NRW aus objektiver Sicht mangelnde systemische Integration, mit harten Zahlen belegt Bildung und Schulverlierer Ausbildung und Maßnahmekarrieren Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit Einkommen und Armut Wohnen und Sozialräume 6

7 2. Von der Arbeit zum Vortrag... die zu Grunde liegende Expertise beschreibt Den Forschungsstand zur subjektiven Sicht von Kindern und Jugendlichen ohne und mit Zuwanderungsgeschichte Qualitative Studien zur sozialen Integration Werte und Traditionen Einstellungen zu Religion und Politik Rollen und Netzwerke Tagung der AG IkSA, FH Köln

8 2. Von der Arbeit zum Vortrag... die zu Grunde liegende Expertise beschreibt Die Ergebnisse einer Querschnittstudie mit Zufallsstichprobe ohne Anspruch auf Repräsentativität leitfadengestützten Interviews zu den Themen Familie Erziehung und Bildung Übergang Schule-Beruf Soziale Netzwerke Vergleich zwischen Jugendlichen mit und ohne MH Tagung der AG IkSA, FH Köln

9 2. Von der Arbeit zum Vortrag Nachkommen der Arbeitsmigration Spätaussiedler/-innen Flüchtlinge/ Asylsuchende Deutsche ohne MH Jungen Karim, 17 Jahre, 2. Generation, Marokko, Deutscher Egon, 16 Jahre, mit 11 Jahren zugewan., Kasachstan, Deutscher Amir, 16 Jahre, mit 5 Jahren zugewan., Kurde aus Irak, Iraker Tim, 20 Jahre, mit 19 Jahren von Berlin nach Köln Mädchen Elizabetha, 18 Jahre, 3. Generation, eh. Jugos., Deutsche Marta, 17 Jahre, mit 12 Jahren zugewan., Kasachstan, Deutsche Aicha, 17 Jahre, mit 6 Jahren zugewand., Kurdin Irak, Deutsche Claudia, 25 Jahre, Deutsche 9

10 2. Von der Arbeit zum Vortrag Der Vortrag beschränkt sich auf ein Thema, dass für die Soziale Arbeit von Bedeutung ist: die subjektive Sicht der eingewanderten Jugendlichen auf Sprachförderung und Bildungschancen auf Aussagen der befragten Jugendlichen über sich selbst und ihre Umwelt ohne Aggregate wie Typen, Rollen, Milieus Tagung der AG IkSA, FH Köln

11 Karim ist 17 Jahre alt, in Köln geboren und besucht die 10. Klasse einer Hauptschule, Typ B, also mit dem Ziel Fachoberschulreife. Sein Vater ist als Gastarbeiter aus Marokko zugewandert. Karim gehört also zur zweiten Generation im Einwanderungsland, seine Großeltern leben in Marokko. Tagung der AG IkSA, FH Köln

12 Karim: Es ist ein bisschen schwieriger, weil diese Sprache. Wenn man aus einer deutschen Familie kommt, spricht man zu Hause Deutsch. Man beherrscht die deutsche Sprache zwar besser. Aber man kann das auch mit Familien machen, die mit Migrationshintergrund, also die aus dem Ausland eingewandert sind. Man ist ja jeden Tag in der Schule, tagtäglich, man ist draußen, man guckt fernsehen. Also ich denke, wenn einer will, dann schafft der es. Auf jeden Fall. Tagung der AG IkSA, FH Köln

13 Marta ist 17 Jahre alt und besucht zurzeit die 10. Klasse einer Hauptschule (Typ B) mit dem Ziel Fachoberschulreife. Marta lebt mit ihren Eltern, einer älteren Schwester und einem Zwillingsbruder zusammen in Köln. Sie ist 2002 im Alter von zwölf Jahren als Spätaussiedlerin aus Kasachstan eingewandert. Tagung der AG IkSA, FH Köln

14 Marta: Aber das Problem war, wir mussten schon Deutsch lernen. Meine Mutter hatte so Hefte bestellt. Nach der Schule mussten wir die Hausaufgaben machen plus eine Seite von diesem Buch auswendig lernen und dann Mutter erzählen, danach durften wir erst raus. Ich dachte mir immer so, ja, nein, ich will nicht. Wir haben trotzdem gelernt, aber immer wieder vergessen. Weil wir mussten noch kasachische Sprache lernen, Russisch, Deutsch und so. Zu viel für mich war das. Tagung der AG IkSA, FH Köln

15 Marta: Wenn ich mich mit deutschen Leuten unterhalte, die verstehen mich nicht immer richtig, was ich meine. Ich kann ja auch nicht perfekt Deutsch und so. Manchmal bereue ich richtig, warum bin ich nicht in Deutschland geboren, dann könnte ich auch viel mehr Deutsch, dann hätte ich das richtig erklären können. Tagung der AG IkSA, FH Köln

16 Egon, 16 Jahre, ist als Spätaussiedler im elften Lebensjahr aus Kasachstan eingewandert. Er lebt mit seinen Großeltern in Köln. Seine Eltern sind geschieden, der Vater lebt in einem anderen Kölner Viertel, die Mutter in Kasachstan. Egon besucht eine Hauptschule und zweifelt aktuell an seinen Chancen, dort die Fachoberschulreife zu erwerben. Tagung der AG IkSA, FH Köln

17 Egon: Und jetzt sieht das glaube ich bei mir nicht gut aus wegen Sprachproblemen. Sprachlicher Ausdruck und so weiter. Jetzt kriegen wir doppelt so viele Hausaufgaben auf sind doppelt so lang angestrengt. Ist schwieriger geworden. Der Druck. Man muss ständig zu Hause sitzen und lernen und so weiter. Aber ich mache das nicht immer. Tagung der AG IkSA, FH Köln

18 Egon: In der Vorbereitungsklasse waren viele Russen, habe ich nur noch ständig Russisch geredet, aber kein Deutsch. Hätte ich lieber eine Klasse runter gesetzt. Hätte ich nicht in die fünfte gegangen, sondern in die vierte, wäre das besser, hätte ich mehr Deutsch gelernt. Ich musste eigentlich mehr Deutsch sprechen. Aber ich unterhalte mich jeden Tag auch auf Russisch. In der Schule auch mit russischen Freunden, draußen auch. Als ich Praktikum gemacht habe, habe ich nur Deutsch geredet. Danach bin ich nach Hause gekommen und hatte ein bisschen Schwierigkeiten, Russisch zu reden. Ich rede lieber Russisch als Deutsch, weil die mich verstehen. So kann ich mich besser ausdrücken. 18

19 Die 17jährigen Aicha ist 1998 im Alter von sechs Jahren mit ihrer kurdischen Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Sie besucht zurzeit die 10. Klasse einer Hauptschule (Typ B) mit dem Ziel Fachoberschulreife. Aicha lebt mit einer älteren und einer jüngeren Schwester, einem kleinen Bruder und ihren Eltern zusammen in Köln. Tagung der AG IkSA, FH Köln

20 Aicha: Ich bin direkt in die erste Klasse gekommen. Ja, dann musste ich da wiederholen, weil ich konnte die Sprache nicht. In der ersten Klasse komm ich einfach rein und dann fangen die an zu lernen und ich hab ja nichts verstanden. Muss ich wiederholen. Ohne extra Deutschunterricht. Und dann komm ich in die Realschule. Ich kam mit Englisch und Mathe nicht klar. Ich konnte nicht. Ich weiß nicht. Ich wollte einfach nicht. Dann war auf der Hauptschule besser. Jetzt bin ich in die 10b gekommen und kann einen Realschulabschluss machen. Tagung der AG IkSA, FH Köln

21 Amir ist als Kind einer kurdischen Familie aus dem Irak geflohen und im fünften Lebensjahr nach Nordrhein-Westfalen gekommen. Amir lebt mit einer älteren Schwester, zwei jüngeren Brüdern und seinen Eltern in Köln und besucht die 10. Klasse einer Hauptschule. Tagung der AG IkSA, FH Köln

22 Amir: Zuerst war ich erste zweite Klasse in Mechenich auf einer Grundschule. Dann sind wir umgezogen. Dritte, vierte hier eine Grundschule. Dann war ich fünfte, sechste Klasse auf einer Realschule. Und dann haben sich meine Noten verschlechtert. Dann war ich siebte, achte auf der Haupt. Eigentlich so hin und her. Auf der Hauptschule die meiste Zeit. Tagung der AG IkSA, FH Köln

23 Amir: Die Hauptschule ist sehr, also nicht sehr einfach, aber ist sehr einfacher als die Realschule. Auf der Realschule war schon zu spät. Dann war ich noch drei vier Wochen krank und da habe ich einige Arbeiten verpasst und dann ging s nicht mehr. Tagung der AG IkSA, FH Köln

24 Amir: Erziehung und Familie ist eigentlich nur anders. Sonst, wir gehen alle gleich zur Schule. Draußen hängen wir alle zusammen ab. Ich habe auch deutsche Freunde. Und die Sprache, in meiner Familie wird Kurdisch gesprochen. Tagung der AG IkSA, FH Köln

25 Elizabeta ist 18 Jahre alt und besucht zurzeit die 12. Jahrgangsstufe eines Kölner Gymnasiums. Sie ist in Köln geboren und deutsche Staatsangehörige. Ihre Großeltern sind als Gastarbeiter aus dem früheren Jugoslawien angeworben worden, ihre Eltern im Kindesalter zugewandert. Die Familie gehört zur Gruppe der Roma. Tagung der AG IkSA, FH Köln

26 Elizabeta: Ich war in der 1. und 2. in der Feldstraße. Dann bin ich auf die Montessori-Schule gewechselt, weil meine Lehrerin ins Ausland gegangen ist (...) Und da bin ich eigentlich gut klar gekommen, weil die Lernart auch anders war. Man macht halt viel so selbständiges Arbeiten. Ich würde auch sagen, was ich da mitgenommen habe, dass ich das auch heute noch gebrauchen kann. Das war mir in den Jahren gar nicht bewusst, aber dadurch, dass man sich das alles selber bei gebracht hat, immer Hilfen vom Lehrer, aber man hat da dieses selbständige Arbeiten, dass man da gelernt hat, wie man lernen kann. Ich weiß von Mitschülern, dass das schwierig sein kann in Bereichen, wo ich super klar kam. 26

27 Elizabeta: Da hab ich auch Blockflötenunterricht genommen und bin dadurch in diese musikalische Schiene gekommen. Dann bin ich auf s Gymnasium gekommen, hab die Aufnahmeprüfung für Musik auch gemacht, mit Blockflöte dann und bin auch genommen worden. Seitdem bin ich halt auf der Schule. Also im fünften Schuljahr hatte ich schon ein bisschen Probleme, weil das ja eine ganz andere Schulform war. Ich war es nicht so gewöhnt, Noten und so zu bekommen und auch Klausuren zu schreiben und der ganze Druck, der dann auf einem lastet. Da hatte ich schon anfangs ziemliche Schwierigkeiten. Aber das hat sich natürlich mittlerweile geändert und ist auch gar nicht mehr so. Tagung der AG IkSA, FH Köln

28 Fazit Vier mit Einzelfällen begründete Annahmen zur subjektiven Sicht von Jugendlichen auf Sprachförderung und Bildungschancen: I. Keine signifikanten Unterschiede zwischen den Formen der Zuwanderung (Arbeitsmigration, Spätaussiedler/-innen, Asylmigration), vielmehr Unterschiede durch die Dauer des Aufenthaltes. Tagung der AG IkSA, FH Köln

29 Fazit II. III. Im Lebensumfeld Schule erleben Jugendliche dreifachen Anpassungsdruck Anwesenheitspflicht Gruppendruck Leistungsdruck Familie gilt Jugendlichen als wichtigstes Lebensumfeld, doch der Beitrag der Familie zu Sprachförderung und Bildung wird von ihnen nicht hoch eingeschätzt. Tagung der AG IkSA, FH Köln

30 Fazit IV. Wenn Jugendliche Deutsch als Zweitsprache lernen müssen, wird das zum individualisierten Problem, für dessen Lösung die schulischen und familiären Ressourcen nicht ausreichen ein Fall für die Soziale Arbeit?! Tagung der AG IkSA, FH Köln

31 Vielen Dank! Die subjektive Sicht von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte auf ihr Lebensumfeld Vortrag auf Grundlage der Expertise Andreas Deimann Tagung der AG IkSA, FH Köln

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