Keine Industrie 4.0 ohne Bildung 4.0 Qualifizierungsoffensive in Aus- und Weiterbildung essentiell

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1 Keine Industrie 4.0 ohne Bildung 4.0 Qualifizierungsoffensive in Aus- und Weiterbildung essentiell Dipl.-Wirtsch.-Ing. Ralph Appel, Direktor des VDI Verein Deutscher Ingenieure Statement zur Hannover Messe 25. April 2016 Convention Center (CC), Saal 18 Es gilt das gesprochene Wort. Meine sehr geehrten Damen und Herren, guten Morgen, ich freue mich über Ihr Kommen, denn wir haben heute ein wichtiges Thema zu erörtern. Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze! Diesen Satz haben wir alle so oder so ähnlich schon gelesen und gehört.

2 Doch lassen Sie mich hier gleich zur Sache kommen: Deutschland steht nicht vor dem Ende der Arbeit. Der Wegfall von Arbeitsplätzen ist nicht automatisch die Konsequenz der digitalen Transformation! Im Gegenteil. Die Erfahrungen aus dem Automatisierungsboom in den 80er Jahren zeigen doch: die Arbeit wird nicht weniger werden, sie wird sich aber verändern und das deutlich. Und wer wird die Arbeit verändern? Kein technischer Determinismus, sondern wir selbst. Der Mensch bleibt auch im digitalen Zeitalter der Entscheider darüber, wie und in welchem Umfang er Technologie einsetzt. 2

3 Meine Damen und Herren, vor kurzem haben wir über Fachleute gefragt, ob die Digitale Transformation bereits im Bildungswesen wahrgenommen wird. Das Ergebnis gibt uns sehr zu denken: Nur 6,6 Prozent der Befragten bejahten dies. Dabei bedingen sich die Digitale Transformation und die Bildung enorm. Zwei Fragen sind aus Sicht des VDI entscheidend: 1. Wie bereiten wir uns - durch Bildung - bestmöglich auf die Herausforderungen der Digitalen Transformation vor? 2. Und wie bilden wir uns über die Möglichkeiten der Digitalen Transformation fort? 3

4 Meine Ideal- oder Wunschvorstellung wäre es, wenn wir unseren Nachwuchs bereits in den Schulen intensiv mit IT- Unterricht und dem Computer und Tablet als natürliche Lernmittel so früh wie möglich vertraut machen. Gewissermaßen: Weg von der Schiefertafel hin zum digitalen Whiteboard. Wir brauchen Schule 4.0! Leider ist unser Bildungssystem zurzeit nicht in der Lage, Schülerinnen und Schüler auf das digitale Zeitalter vorzubereiten. Ein internationaler Vergleich zeigt: In keiner anderen Industrienation nutzen Lehrpersonen seltener neue Technologien im Unterricht als in Deutschland. 4

5 In unseren Klassenzimmern wird noch zu über achtzig Prozent mit Fotokopien und Overhead-Projektoren gearbeitet. Tablets werden punktuell gerade mal zu 13 Prozent eingesetzt. Was fehlt uns also? Alles! Von der Ausstattung über flächendeckenden IT-gestützten Unterricht bis hin zum qualifizierten Lehrpersonal. Die Ausgangslage sieht aus unserer Sicht sehr düster aus: 5

6 Die Anzahl der MINT- Lehramtsabsolventen im Fach Informatik stagniert seit Langem auf geringem Niveau, es gibt Lehrermangel in den MINT-Fächern und obendrein ist zum Beispiel Informatik kein verpflichtendes Unterrichtsfach und die Ausstattung miserabel. Hinzu kommt die fehlende Weiterbildung der Lehrer über alle Schulformen hinweg. Nur jeder fünfte Lehrer bildet sich überhaupt regelmäßig für den Bereich Bildung fort. 40 Prozent der Lehrer werden überhaupt nicht ausreichend fortgebildet. Wie auch? 6

7 Nordrhein-Westfalen hat 2015 als Fortbildungsbudget in der Regel gerade mal 45 Euro pro Lehrer investiert. Was für eine Fortbildung soll man dafür bekommen? Industrie 4.0, Big Data, Cloud Computing oder das Internet der Dinge diese Schlagwörter verkommen zu Floskeln, wenn junge Menschen nicht über entsprechende Kompetenzen und Ausstattungen verfügen. Dabei geht es uns nicht um das passive und oberflächliche Konsumieren von Facebook, WhatsApp und Co. es geht um Bildungseinrichtungen, die junge Menschen darin befähigen, als mündige Akteure die digitale Zukunft kreativ mitzugestalten. 7

8 Meine erste Forderung heute lautet deshalb: Die Vermittlung von Digitalkompetenz muss spätestens in der Schule beginnen! Die Voraussetzungen dafür müssen so schnell wie möglich geschaffen werden. Was wir brauchen ist eine digitale Bildungs- und Qualifizierungsoffensive. Lassen Sie uns zusammen doch einmal die folgende kleine Rechnung anstellen: Fangen wir an mit dem fehlenden Lehrpersonal für MINT bzw. Informatik. Allein um den Bedarf an neuem Personal bis 2025 abzudecken, brauchen wir laut Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm 8

9 rund neue Lehrerinnen und Lehrer pro Jahr. Das bedeutet Investitionen in Höhe von jährlich mindestens 55 Millionen Euro, wenn wir nur das Durchschnittsgehalt eines Lehrers nehmen. Bei der Qualifizierung bzw. Weiterbildung des vorhandenen Lehrpersonals sollten wir den eben erwähnten Betrag von 45 Euro pro Jahr in NRW auf realistischere 500 Euro anheben. Das entspricht dann insgesamt jährlich weiteren rund 375 Millionen Euro. Neben der Einstellung neuen Lehrpersonals und der Weiterbildung von Lehrern ist auch eine bessere und 9

10 flächendeckende Ausstattung der Schulen mit Geräten erforderlich. Hier sind vor allem Tablet-Computer für rund 80 bis 100 Euro zu nennen, die etwa 800 Millionen Euro kosten würden. Hinzu kommen noch einmal Kosten in gleicher Höhe für Software, Services und Versicherungen. Nicht zu vergessen die Ausstattung mit Smartboards und Notebooks. Schon bei dieser groben und konservativen Rechnung kommen wir also insgesamt auf einen zusätzlichen Investitionsbedarf im Schulbildungswesen von rund 2 Milliarden Euro. Jährlich versteht sich! 10

11 Meine Damen und Herren, die Politik muss die technische Bildung und den Informatik-Unterricht endlich fest in den Curricula verankern. In allen Schulen, über alle Jahrgangsstufen hinweg. Seit Jahren plädieren wir im VDI dafür, dass die Bundesländer endlich eine gemeinsame Bildungsstrategie brauchen. Resultate kann ich bisher nicht erkennen. Nach wie vor stehen wir vor einem Mangel an MINT-Lehrkräften. Dies wird sich bis 2025 noch verschärfen, wenn sich die Anzahl des bisherigen Personals durch das Ausscheiden aus dem Schuldienst halbiert. Im Fach Technik lässt sich der Bedarf bis dahin nur um 10 Prozent decken, in der Informatik um 25 Prozent. Und dies ist nur ein Beispiel. 11

12 So dass meine zweite Forderung lautet: Ein fast 70-Jahre altes föderales Bildungssystem ist anscheinend nicht mehr kompatibel mit den technischen Anforderungen von heute und morgen. Können wir so unseren Nachwuchs optimal vorbereiten? Der Bund muss viel mehr selbst die Verantwortung übernehmen. Er steht in der Pflicht, unsere Kinder und Jugendlichen digital zu bilden und das auf einem Niveau, das der enormen Bedeutung von Technik und der Wertschöpfung durch Technik gerecht wird. Hinzu kommt: Digitale Bildung kostet Geld. Geld, das nicht alle Bundesländer allein aufbringen können. 12

13 Darum muss der Bund unterstützend eingreifen und Investitionen in die digitale Bildung für alle sichern. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Ohne Bildung 4.0, keine Industrie 4.0!! Meine Damen und Herren, denken wir noch einen Schritt weiter. Für die digitale Wirtschaft der Zukunft benötigen auch unsere Arbeitnehmer Digitalkompetenz. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen müssen in der Lage sein, die Digitale Transformation mitzugestalten bzw. umzusetzen, sonst verlieren sie den Anschluss. Wir brauchen also auch hier eine digitale Qualifizierungsoffensive. 13

14 Das führt mich, sowie meine beiden Co- Referenten, Herrn Prof. Piller und Herrn Dr. Bettenhausen, zu zwei Fragen: Was müssen Arbeitnehmer in Unternehmen, insbesondere in Kleinen und Mittelständischen Unternehmen, künftig an Fähigkeiten mitbringen und wie müssen sie entsprechend weitergebildet werden, um die Digitale Transformation voranzubringen? Die Digitale Transformation bringt immer schnellere Entwicklungszyklen mit sich, die ein lebenslanges Lernen erfordert. Auch hierauf müssen sich die Mitarbeiter einstellen. 14

15 Unternehmen ihrerseits müssen die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und lebenslanges Lernen konsequent und systematisch fördern und fordern. Durch die Digitale Transformation ergeben sich gerade im Bereich des eigenständigen und lebensnahen Lernens neue Möglichkeiten, die noch besser auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet sind. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen: Wenn wir die Digitale Transformation erfolgreich umsetzen und von und mit ihr lernen wollen, muss 15

16 - die Vermittlung der Digitalkompetenz bereits in der Schule beginnen - sich der Bund in der Pflicht sehen, unseren Nachwuchs digital zu bilden - ein Investitionsvolumen von rund 2 Milliarden Euro jährlich in das Bildungswesen fließen und - die kontinuierliche Weiter- Qualifizierung der Mitarbeiter in Unternehmen höchste Priorität erhalten, damit sie den Herausforderungen der digitalen Zukunft gewachsen sind. Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 16

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