Spaziergangswissenschaft. in Praxis. Formate in Fortbewegung

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1 Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung Maren Brauner Andreas Denk Irene Grillo Kai-Olaf Hesse Klaus Hoppe Mark A. Hunter Christoph Laimer Marie-Anne Lerjen Clare Qualmann Elke Rauth Tina Saum Margit Schild Martin Schmitz Hannah Stippl Andrea Thiele Bertram Weisshaar (Hg.) Kaspar Wimberley Carl Zillich

2 Wieso kann man eine Landschaft beschreiben, obwohl sie gar nirgends so aussieht, wie man sie charakterisiert? (Lucius Burckhardt) Bertram Weisshaar, (ohne Titel). Zu: zwischengrün, Leipzig Fünfzig Meter schräg hinter dem Schild verläuft die Parthenaue ; zu sehen auf den Fotos auf den Seiten 8 / 9 und 16 / 17.

3 Inhalt 10 Mit Herumlaufen allein ist es nicht getan Bertram Weisshaar 18 Gehend verstehen Spaziergangswissenschaft Margit Schild 24 Warum ist Lucius Burckhardt heute aktuell? Martin Schmitz 32 Die Idee kommt beim Gehen. Bertram Weisshaar und die Ursprünge der Spaziergangswissenschaft Andreas Denk 46 Von der Sehnsucht nach Wüste in Deutschland. Spaziergänge und transitorische Gärten in Braunkohlelandschaften Bertram Weisshaar 63 und dennoch. Reise auf den Spuren der Fruchtbringenden Gesellschaft Andrea Thiele 68 Die Suche nach dem Taschentuchbaum. Eine vier wöchige Fußreise von Leipzig nach Köln durch die Kleingärten Bertram Weisshaar 76 Gärten auf Reisen Bertram Weisshaar 84 Der promenadologische Spaziergang Hannah Stippl 100 Der dialogische Spaziergang. BaukulTOUREN der Bundesstiftung Baukultur Bertram Weisshaar, Carl Zillich 115 Talk Walks. Spaziergangsforschung in Leipzig Bertram Weisshaar 130 Kunst des Spazierenführens. Arttours im Spannungsfeld von Kunstpraxis und Tourismusmarketing Bertram Weisshaar, Kaspar Wimberley 140 Gehen oder Flanieren. Gedanken & Gänge in Stuttgart Tina Saum, Bertram Weisshaar 150 Spazierengehen am Rand der Stadt. Im GrünGürtel von Frankfurt am Main Klaus Hoppe 160 Konzeptspaziergänge. Experimente zur Gehkultur in der Schweiz Marie-Anne Lerjen, Bertram Weisshaar 168 kunstpassanten. Spaziergangswissenschaft als Form des kritischen Kuratierens Maren Brauner, Irene Grillo, Bertram Weisshaar 180 Urbanisieren Sie sich! Forschungsreisen ins Gewebe der Stadt. Nicht nur in Wien Christoph Laimer, Elke Rauth 190 Spuren verfolgen: Walking and Talking East London Mark A. Hunter, Clare Qualmann; Übersetzung: Petra Frese 204 Sind Fotografen eigentlich Spaziergangsforscher? Kai-Olaf Hesse, Bertram Weisshaar 217 Busbahnhöfe. Eine Europa-Reise durch unscharfe Landschaften zu übersehenen Architekturen Bertram Weisshaar 250 Unvollendet: Die unendliche Geschichte der Atom- Landschaften Bertram Weisshaar 282 Autoren 285 Dank 286 Bildnachweis 287 Literaturhinweise 288 Impressum

4 Wie also müssen wir dem Bewohner der Metropole die Natur darstellen? Denn die Natur selbst sieht er nicht. (L. Burckhardt, a. folg. Zitate) Picknick an der Parthe, Leipzig Anlässlich Finissage Walks & Views 8 9

5 Mit Herumlaufen allein ist es nicht getan Bertram Weisshaar Wenn mich aber die Notwendigkeit zwingt, in der Stadt zu sein, habe ich gelernt, mir inmitten des Volkes Ein sam keit, in den Stürmen einen Hafen zu schaffen mit einem Kunstmittel, das nicht allen bekannt ist: ich beherrsche meine Sinne so, dass sie nicht wahrnehmen, was sie wahrnehmen. 1 Francesco Petrarca, 1356 Der wichtigste Grund, warum man von einem Platz zu einem anderen geht, ist der, weil man sehen will, was zwischendurch passiert. Daran hatten die Menschen viel Freude. Dann, irgendwann einmal, entdeckte einer, dass wenn man so schnell als möglich gehe und nichts anderes als seine Schuhe anschaue, man viel schneller zu seinem Ziel gelange. Keiner interessierte sich mehr dafür, wie alles aussah. Und je schneller sie sich bewegten, um so scheußlicher und schmutziger wurde alles. Und je schmutziger und scheußlicher alles wurde, desto schneller rannten die Leute. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges. Nachdem sich kein Mensch mehr darum kümmerte, begann die Stadt zu verschwinden. Täglich wurden die Gebäude schemenhafter, die Straßen verschwanden, bis schließlich die Stadt unsichtbar geworden war 2 Norton Juster, 1963 Gehen um zu verstehen Gehen ist nach wie vor die einfachste Art, sich eine Stadt oder Landschaft zu erschließen. Viele tun dies auf nicht alltägliche Weise: Arttours, Audio-Walks, BaukulTOURen, Dialogische Spaziergänge, Dérives, Konzeptspaziergänge, Promenadologische Spaziergänge, Silent Walks, Stadtsafaries, Talk Walks usw. die Liste der Formate, die sich in Fortbewegung durch den Raum mit der Gestalt und der Wahrnehmung des Raumes und der Entwicklung von Stadt und Landschaft auseinandersetzen, wird vielfältiger. Dieser Band legt einen Schwerpunkt auf diese Formate, die mittels des Gehens zu einer Analyse, einer Aussage oder beabsichtigten Wirkung gelangen. Er verschafft einen Überblick über die Vielfalt der Spaziergangskonzepte 3, ohne dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben oder mit der getroffenen Auswahl eine Bewertung vorzunehmen. Versammelt werden neben einigen Projekten des Herausgebers auch mehrere Positionen und Akteure aus dem deutschsprachigen Raum und Großbritannien, die unterschiedlichen Professionen und Anliegen entspringen und sich nicht notwendigerweise selbst auf die Spaziergangswissenschaft beziehen. Viel mehr ist das gemeinsame Merkmal der vorgestellten Formate, dass sie alle gehend in Fortbewegung zum Ausdruck kommen. Dabei jedoch und das ist wichtig geht es bei den hier versammelten Positionen nicht um das Gehen an sich, sondern darum, wo dieses Gehen hinführt, wobei wiederum nicht ein geografischer Ort gemeint ist, sondern ein anderer Blick, ein wacherer Zustand, ein geweitetes Denken im Idealfall: Eigenes Denken. Oder mit anderen Worten: Mit Herumlaufen allein ist es nicht getan. Hinter den Spaziergängen in der Stadt steht die Annahme, dass wir das Alltägliche nicht mehr wahrnehmen. 4 Es geht also darum, Wahrnehmung herzustellen und das bloße Sehen zum Erkennen zu führen: Wahrnehmung ist ein weiterer Begriff als Sinneswahrnehmung. Für ästhetisches Denken sind gerade Wahrnehmungen ausschlaggebend, die nicht bloße Sinneswahrnehmungen sind. Wahrnehmung ist hier vielmehr in dem zugleich fundamentaleren und weiterreichenden Sinn von Gewahrwerden zu verstehen [ ] hat den Charakter von Einsicht. 5 In diesem Verständnis geht es den in diesem Buch dokumentierten Projekten um unsichtbares Design, also um Zusammenhänge hinter den Dingen, auf welche wir jedoch durch sinnliche Erfahrungen aufmerksam werden. Baukultur Neben der Darstellung der Vielfalt der Formate untersucht der vorgelegte Band die Potenziale des Spaziergangs in Bezug auf die Analyse des Raumes und des Ortes sowie seine Qualitäten und Funktionen als Format der Vermittlung und Darstellung, als Kommunikationsmedium. Gerade in den Diskussionen und Verhandlungen zur Baukultur kann der hier aufgefächerte Spaziergang eine hilfreiche Rolle als Mediator übernehmen, in dem Sinne, wie dies etwa Matthias Sauerbruch eingefordert hat: Ganz abstrakt verspricht man sich natürlich vom Mittun aufgeklärter und solidarischer Bürger sehr viel; tatsächlich stellt diese Diskussion für viele Mitbürger aber eine inhaltliche Herausforderung dar. Für einen wirklich produktiven Austausch bedarf es eines Mediators, der erklärt, informiert, übersetzt und anregt. Die Erfindung der Rolle eines solchen professionellen Mediators könnte eine Reaktion auf die Transformation des Öffentlichen sein. 6 Gerade zum jetzigen Zeitpunkt, da tradierte Planungsinstrumente angesichts der Problemlagen beispielsweise in schrumpfenden Städten nur mehr bedingt wirksam werden und auch in Anbetracht einer neuen Wertschätzung des Fußverkehrs in den Städten, erwächst der Spaziergangswissenschaft eine erneuerte Bedeutung. Früh schon benannte Burckhardt als eines der Hauptprobleme die fehlende Beteiligung der Menschen an der Gestaltung ihrer Umwelt. Diese Beteiligung gilt es, von planerischer Seite zuzulassen und zu moderieren. Aber da sie ein ungewohntes Angebot darstellt, muss 10 11

6 Ein Spaziergang schafft Schönheit. Spaziergang entlang der Parthe. Zu: zwischengrün, Leipzig Führung durch Michael Berninger und Bertram Weisshaar 16 17

7 Gehend verstehen Spaziergangswissenschaft Margit Schild Dieser Text behandelt das Gehen, genauer das Spazierengehen nicht sitzen, nicht fahren, sondern einfach gehen. Rein physiologisch funktioniert das so: Schwung und Standbein wechseln sich ab und transportieren den Oberkörper wie einen Passagier durch den Raum, er pendelt im zyklischen Wiederholen der gleichen Abläufe. Das so erzeugte Bestreben, in Bewegung zu bleiben, garantiert ein Weiterkommen und ein Wechseln des Standortes 1, das Gehen ist damit eine wesentliche Voraussetzung, sich Gegenwartszuständen anzunähern. Strecke machen Etymologisch beinhaltet das Wort Spazieren einen Bezug zu den Begriffen Raum, Strecke und Weite und verweist damit auf den Gegenstand, von dem hier im Folgenden die Rede sein soll. 2 Strecke machen: Räume, Orte und Landschaften werden von der Gehenden in einer Abfolge durchschritten, sie reihen sich aneinander, wie Perlen an einer Schnur 3. Obwohl sie mehrere unterschiedliche Orte gesehen hat, gelingt es ihr, am Ende etwas zusammenfassend über ihren Spaziergang zu sagen. 4 Die Umgebung von Leipzig ist schön!, ist eine typische Aussage. Demnach addiert die Spaziergängerin die während des Ganges gewonnenen Einzelbilder der durchlaufenen Stationen im Kopf zu einem Gesamteindruck. Auch können einzelne, besonders prägnant erscheinende Eindrücke als Stellvertreter für das Gesamte haften bleiben. Mit anderen Worten: Während eines Spazierganges wird ein Landschaftsbild kognitiv geformt und individuell erarbeitet. Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Spaziergangswissenschaft lautet demnach: Ein Spaziergang schafft Schönheit. 5 Die daran anschließende Fragestellung lautet: Wieso kann man eine Landschaft beschreiben, obwohl sie gar nirgends so aussieht, wie man sie charakterisiert? 6 Spaziergänger können es deshalb, weil für sie Gebäudekonstellationen, Flächennutzungen und Landschaftsbestandteile mit speziellen Bedeutungen und individuellen Vorstellungen behaftet sind. Ihre persönlichen Bilder im Kopf unterscheiden sich von denen anderer Menschen. Während der eine im Naturgarten ökologische Ziele verwirklicht sieht, bewerten andere den vermeintlichen Wildwuchs als ernstes Anzeichen ordnungsgefährdender Tendenzen. Landschaft ist demnach immer ein Konstrukt der Wahrnehmung. 7 Anders formuliert: Die wahre Landschaft ist im Kopf 8 und somit als politisches, soziales und kulturelles Produkt ständigen Veränderungen unterworfen. Die Promenadologie, Spaziergangswissenschaft, widmet sich dem Erforschen und Verstehen von Räumen und dem Hinterfragen der auf sie projizierten Bilder, Anschauungen und Wahrnehmungskonstrukte. Der im Jahr 2003 verstorbene Soziologe Lucius Burckhardt entwickelte diese erfahrungswissenschaftliche Disziplin, um dem verborgenen Sinn der Sachen, dem steten Wandel von Welt- Anschauungen nachzuspüren. 9 Die Geschichte des Spazierengehens als zur Erholung im Freien zu Fuß gehen einerseits und als ästhetisches Wahrnehmen andererseits, ist mit der historischen Trennung von Stadt und Landschaft verbunden. Der Begriff von schöner Landschaft entstand gewissermaßen in den Städten. Der Städter, der aufs Land hinaustritt 10, kann die umgebende Landschaft ohne den Hintergrund ökonomischer Zwänge betrachten, da er nicht mehr direkt in der Natur werktätig ist. Vom Spaziergänger als schön und erholungsversprechend erachtete Räume werden aufgesucht, andere wiederum gemieden. Dieses wichtige Charakteristikum des Spaziergangs wird sich für den nachfolgend skizzierten Kontext als brauchbar erweisen. Die Spaziergangsforscher und -forscherinnen gehen davon aus, dass bestimmte Gegenden als Landschaft zu identifizieren sind und andere hingegen nicht. Seen, Wiesen und Wälder, wenn sie außerhalb von etwas Bebautem liegen, erweisen sich als eindeutig. Diese Konstruktion einer richtigen Landschaft, bestätigen jeden Morgen Etiketten auf Joghurtbechern, Milchtüten und Müslipackungen. Viele Bereiche hingegen kommen für eine Betrachtung mit einem landschaftlichen Blick nicht infrage, denn sie befinden sich außerhalb unserer Wahrnehmung 11 : Räume können sich unbekannt und versteckt halten, sind zwar präsent, aber bereits eindeutig mit einer Meinung, Anschauung oder Konvention besetzt oder gar wie in manchen Fällen privatrechtlich ausgegrenzt. Einzelne Räume sind zusätzlich in ihrer aktuellen Entwicklung diffus, d.h., wenn auch im Kern nicht näher begründet, negativ besetzt: Sie gelten als unzugänglich, zerstört, häßlich, unnütz, arm und/oder abgenutzt. Damit liegen genügend 18 19

8 Die Verschlechterung unserer Umwelt ist nichts anderes als die Summe dessen, was bei der Planung Stuttgart

9 als unwesentlich unter den Tisch fiel. Köln

10 L idee vient en passant im Rahmen der Architekturwoche plan08 konzipiert hat 2 : ein entfremdeter Lustgarten in der Höhe mit Panoramablick auf die steinerne Landschaft der Stadt, der sich in der rasch einsetzenden Fantasie der Besucher anstatt mit Bitumen versiegelt viel besser als paradiesisches Wiesenidyll, als Café oder als Freiluftlounge vorstellen ließe. Die Idee kommt beim Gehen Bertram Weisshaar und die Ursprünge der Spaziergangswissenschaft Andreas Denk Bertram Weisshaar ist Spaziergangsforscher und sein Weg durch Köln folgt einem besonderen Erkenntnisinteresse des Verhältnisses von Landschaft und Stadt, das sich die Spaziergangsforschung oder Promenadologie zum Ziel gesetzt hat. Entwickelt hat diese unakademische Methode der Umwelterkundung und Wahrnehmungsinterpretation der Basler Kulturtheoretiker Lucius Burckhardt ( ), dessen Lehre Weisshaar während seiner Studienzeit in Kassel kennengelernt hat. Die neue Methode des reflexiven Betrachtens der Umgebung im Schlendern, Gehen oder Wandern resultierte aus einer Kritik der tradierten Wahrnehmungsweisen von Landschaften und Regionen. Der Spaziergang und damit die Landschaftswahrnehmung sei eine Rezeptionsform, so der Soziologe Burckhardt, für die eine kulturelle Vorbildung nötig sei. Sie sei nichts anderes als eine Anleitung zur Selektion, zur Ausfiltrierung von Eindrücken. 3 Damit in der Vorstellung des Menschen Landschaftsbilder entstünden, müssten die Informationen, die nicht zu dem literarisch geprägten Bild gehören, unterdrückt oder verdrängt werden. Kehrt ein Kind von einem Spaziergang zurück, so erzählt es, dass es eine bunte Blechdose gefunden habe, die es dann schließlich donnernd in einen Schacht zurückwarf; kehrt ein Erwachsener nach Hause zurück, so beschreibt er Dinge, die er pflichtgemäß in dieser Gegend hätte sehen sollen, die aber zum Teil für ihn unsichtbar oder nicht analysierbar sind. 4 Entsprechend liege der Genuss eines Spaziergangs in einem mehr oder weniger stark vorgeprägten Zusammensehen bekannter, vorausgesetzter Elemente, das alles Störende ausblende. Die Spaziergangswissenschaft widmet sich also den Sequenzen, die der Mensch in der Bewegung wahrnimmt, betrachtet aber Die Stimme von Tom Waits erklingt auf dem obersten Deck des Parkhauses an der Cäcilienstraße in Köln. 1 Die Melancholie des grauen Tages im September wird durch die sehnsüchtelnd-rauhe Stimme des Hardcore-Barden ins Surreale verlagert. Waits Stimme kommt aus einem kleinen Ghetto-Blaster mit tragbarem Lautsprecher, den Bertram Weisshaar hier für einige Minuten aufgestellt hat. Zusammen mit dem Baden-Württemberger treiben sich an die 30 Leute auf dem Parkdeck herum, sondieren Ausblicke und reflektieren die unwirkliche Situation hoch über den Dächern der Domstadt. Weisshaar hat die Gruppe gezielt hierher geführt, das Parkhaus ist eine der Stationen auf seinem Weg durch die Stadt, den der Fotograf und Landschaftsarchitekt für die Reihe Spaziergang durch das Parkhaus Hochgarage anlässlich des Lübecker Architektursommers, Lübeck

11 Von der Sehnsucht nach Wüste in Deutschland Spaziergänge und transitorische Gärten in Braunkohlelandschaften Bertram Weisshaar Der Höhepunkt war die Sache mit dem Ballon. Schon reichlich zwei Stunden Weg lagen hinter uns. Wir waren durch schüttere Birkenhaine gewandert, hatten das alte, noch aktive Pumpwerk bestaunt, hatten im Tal des ewigen Feuers der Wüstenhitze getrotzt, im Aufstieg grellweiße Wanderdünen bezwungen, waren über die karstähnliche Hochebene zu einer terrassierten Teichlandschaft, den Hängenden Gärten, vorgedrungen, durften an einer in der Wildnis verlorenen Bretterbude bei Grillwurst und Mineralwasser kurze Rast machen, verirrten uns anschließend in einem Labyrinth aus spitzen Sandkegelbergen, um endlich diesen wunderschönen See zu erreichen. Die zerklüfteten und in zahlreiche Seitenarme ausgreifenden Ufer waren mit Schilfgürteln umsäumt, Schwäne segelten vorbei, auf einer nahen Insel lockte ein Liegestuhl unter einem violetten Sonnenschirm - eine Fata Morgana? Aber der hölzerne Steg war echt, und die Erschöpftesten der Gruppe wurden eingeladen, den Rest der Tour mit zwei bereitstehenden Ruderbooten abzukürzen. Zuvor jedoch löste unser Wegführer eine verborgene Schnur, und der große orangefarbene Ballon, der da wie zufällig auf der Wasserober- fläche umher trieb, stieg vor aller Augen senkrecht in die Höhe. Zwanzig Meter stieg er auf und blieb dann stehen: Dort oben hatte sich einst das Dorf Gremmin befunden, und bis zu dieser Höhenmarke wird irgendwann das Wasser steigen. Apokalypse? Nein, Rekultivierung! Die 700 Hektar große Abenteuerlandschaft soll ab 1998 in einem See versinken. Wir hatten die Sohle eines Braunkohle-Tagebaues durchquert. 1 So beispielsweise erlebte und schilderte Wolfgang Kil die öffentliche Spaziergangsveranstaltung durch die Grube Golpa-Nord (Sa.-Anh.). Ganz anders allerdings urteilte damals die allgemein vorherrschende Ansicht über die Bergbaubrachen: Die Stasi in den Tagebau. Nach der Wiedervereinigung gab es in Deutschland kein Bild, das stärker mit Zerstörung gleichgesetzt wurde als die ostdeutschen Mondlandschaften. Auch die Fachsprache der Bergleute nennt diese vermeintlichen Drecklöcher nur Rest- Löcher noch nicht einmal ein Loch, nein, nur der Rest von einem Loch. Und der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten illustrierte 1993 eine Anzeige mit einer Abbildung eines Braunkohletagebaus und verkündigte: Mitten in Deutschland wächst Wüste. Wir tun etwas dagegen. Auch wenn es zeitlich schon etwas zurückliegt, lohnt es, an dieser Stelle die unterschiedlichen Sichten und Zugriffe auf Braunkohlebrachen noch einmal zu erinnern führt dies doch auch einmal mehr zu der von Burckhardt aufgeworfenen Frage: Warum ist Landschaft schön? 2 Wenn die Kohle alle ist Bei unvoreingenommener Annäherung zeig - ten die für Unbefugte verbotenen Braunkohlebrachen eine faszinierende Formenvielfalt. Gesehen wurde dies anfangs jedoch nur von wenigen. Dabei bedurfte es nur 46 47

12 Auch um der Ohnmacht er kenne sie wohl ein leises Dennoch abzunötigen 1 und dennoch Reise auf den Spuren der Fruchtbringenden Gesellschaft Andrea Thiele Peter Isselburg, Versammlung der Fruchtbringenden Gesellschaft, um Der Schmackhafte - Birne mit Wespe - Erkannte Güte Ein Künstler konzipiert eine mehrtägige Wanderung durch Sachsen-Anhalt. Die Route, welche von einer größeren Gruppe gemeinsam zurückgelegt wird und nicht unbedingt Alltagswegen entspricht, wurde durch einen Kreis gelehrter Personen inspiriert, die sich vor langer Zeit im mitteldeutschen Raum zusammenschlossen: Es handelt sich um die Fruchtbringende Gesellschaft. Diese war die deutsche Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, gegründet auf Initiative von Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen im Jahre 1617, fast zeitgleich mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Ihre bis zum Tod des dritten und letzten Vorsitzenden im Jahre 1680 auf die Zahl von insgesamt 890 angewachsenen Mitgliedern hingen meist dem protestantischen Bekenntnis an. Dem Stand nach waren es vor allem Adelige, unter ihnen bedeutende Fürsten, aber auch kleinerer Landadel, dazu fast alle deutschen Dichter des Barock. In der Idee der Fruchtbringenden Gesellschaft kann man einen Traum verwirklicht sehen: Ein Mensch wird seines Titels, seines Alltagsgeschäfts, seiner Lebensumstände entledigt gleichzeitig erhält er einen Gesellschaftsnamen, welcher Wunsch, Ansporn und Inspiration zugleich ist. Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen trug zum Beispiel den Namen der Nährende, der letzte Vorsitzende, August von Sachsen-Weißenfels, den Namen der Wohlgeratene. Jedem in einer feierlichen Zeremonie aufgenommenen Mitglied wurde zudem eine charakteristische Pflanze als Wappenzeichen verliehen. Diese Pflanze wiederum nahm ihren Platz im die Gesellschaft symbolisierenden Garten der Palme ein, denn die Palme wurde als die Nützlichste aller Pflanzen angesehen. Der Einzelne wurde so zu einem Teil der Natur, zum Bestandteil eines allerdings nur virtuellen Gartens, der über einen entsprechenden Artenreichtum verfügte. Der Leitspruch der Gesellschaft, Alles zu Nutzen, bezog sich daher weniger auf Reformen, wie sie später im aufklärerischen Sinne verwirklicht wurden, sondern zielte auf das Streben nach sittlichen Werten und die Pflege und Belebung der deutschen Sprache

13 Die Suche nach dem Taschentuchbaum Eine vierwöchige Fußreise von Leipzig nach Köln durch die Kleingärten Bertram Weisshaar Meine am Deutschen Kleingartenmuseum beginnende Reise im Jahr 2004 zu Fuß von Leipzig nach Köln führt mich durch zahlreiche Kleingartenan lagen. Mein Interesse gilt der aktuellen Gestaltung der Gärten, dem vorhandenen Wissen zur Kultivierung der Pflanzen und insbesondere den Bedeutungen und Geschichten, die den Gärten eingeschrieben sind. Welche Bedeutungen tragen die Pflanzen in den Kleingärten? Besonders neugierig bin ich auf die ehemals exotischen Gewächse, die inzwischen lange schon in den Gärten zu Hause sind. Ich wähle den Taschentuchbaum (botanischer Name: Davidia involucrata) als Leitpflanze. Die Geschichte seiner Einführung zählt zu den abenteuerlichsten, die ich kenne. Der englische Pflanzenjäger Ernest Wilson war monatelang in chinesischen Wäldern unterwegs, um diesen in Europa begehrten Baum als Erster einzuführen. Von einem Standort des auch in Asien seltenen Baumes erfuhr er durch vertrauliche Hinweise. Als er jedoch dort ankam nachdem er Kilometer gereist war fand er einen Baumstumpf und ein neues Holzhaus. Zwar wurde er am Ende doch noch fündig, aber zu spät. Inzwischen war ihm ein französischer Pflanzensammler zuvorgekommen. Paul Guillaume Farges hatte bereits 1897 Samen des Taschentuchbaums nach Paris gebracht. Seither wächst der Taschentuchbaum nun auch in Europa. Auch ich will von meiner Reise Pflanzen mitbringen. Stellvertretend für die besuchten Gärten sollen sie als Herbarium die Reise dokumentieren. Mit Fotos und täglichen Berichten teile ich bereits während der Reise meine Begegnungen über das Internet mit. Freunde begleiten mich auf der ersten Etappe bis zum Leipziger Kleingartenverein Neu-Brasilien. Mit Taschentüchern winkend verabschieden sie mich. Gehen, gehen, gehen,... Täglich werde ich gefragt, warum ich meine Reise zu Fuß und nicht mit dem Auto unternehme. Ist aber nicht doch das Gehen die einfachste und ursprünglichste Art der Fortbewegung? In jedem Fall wird mir aber, da ich die Distanz von ca. 500 Kilometer zu Fuß zurücklege, stets eine ehrliche und ernsthafte Zuwendung zugesprochen, werden mir Gartentore bereitwillig geöffnet, erhalte ich Einblicke in versteckte Winkel, erfahre auch von ganz persönlichen Gartengeschichten. Durch einen Spaziergang kann man dem Alltag ein Stück weit entfliehen: Man ist vorübergehend nicht erreichbar und entsagt sich jeder Erledigung von Arbeit. Entrückt schaut man dem Alltag zu, gleichwohl man doch mittendrin ist. Das Spazieren eröffnet einen temporären freien Zeitraum. Was passiert, wenn man diesen Zeitraum auf vier Wochen ausdehnt? 28 Tage lang gehen. Eine Strecke machen. Noch weiter gehen, als man blicken kann. Ein Gefühl von Freiheit stellt sich ein. Erstaunlich, wie schnell man auf seinen Füßen vorankommt. Der Aussichtsturm, auf dem man vor vier Stunden noch stand, ist schon weit entfernt, am nächsten Tag kaum noch zu sehen, am dritten Tag verschwunden. Die Art der Fortbewegung bedingt die Wahrnehmung des Raumes. Ob ich gehe, fliege, Zug oder Auto fahre, immer werde ich zu einem anderen Bild kommen, denselben Raum in einer anderen Realität erleben. Das ist nicht schwer zu verstehen. Es bedarf nicht notwendig einer vierwöchigen Wanderung, um sich dies klar zu machen. Aber was kann ich auf dieser Reise alles erleben! Tatsächlich, das Land, in dem ich aufgewachsen bin, das ich zu kennen glaubte, zeigt sich mir völlig anders, überrascht mich gewaltig. Allabendlich werde ich in einer Kleingartenanlage erwartet. Auch dort begegne ich zahlreichen Überraschungen. Nachtrag Die Suche nach dem Taschentuchbaum war ein Beitrag zu der Ausstellung Privatgrün 2004, realisiert durch den Kunstraum Fuhrwerkswaage e. V., Köln. Die Konzeption der Ausstellung beabsichtigte Kunst temporär aus dem sonst üblichen Betriebssystem von Museum und Ausstellungsraum in den privaten Raum zu überführen (aus: Flyer zur Ausstellung, Kunstraum Fuhrwerkswaage). Dieses Reiseprojekt machte sich das Konzept der Ausstellung selbst zu eigen, involvierte zahlreiche Kleingartenvereine und Gartenfreunde. Das Herbarium Vagans Weisshaarii und das ebenfalls während der Fußreise entstandene Online-Tagebuch ist archiviert auf der Website atelier-latent.de

14 Gärten auf Reisen Bertram Weisshaar In jeder Stadt findet man sie: kleine Baustellen, gleichsam temporäre Besetzungen des öffentlichen Raumes, die scheinbar über Nacht entstehen und nach wenigen Tagen bereits wieder verschwinden, auf dem Weg zu einem anderen Ort. Die Gruppe alias Atelier für Spaziergangsforschung 1 fragte sich, ob so auch Gärten gebaut werden könnten. Sie dachte an Gärten, die reisen können und die wie Flaneure durch die Straßen vagabundierend den städtischen Raum auf seine mögliche Eignung als Gartenort untersuchen. Eine promenadologische Versuchsanordnung also. Wichtige Elemente dieser Forschungseinrichtung bildeten drei mobile Gärten und ein Bauwagen. Letzterer diente als Gartensalon, -bibliothek und -leihstation. Die Gartenmobile selbst bestanden aus umgerüsteten Einkaufswagen, verschiedenen Topfpflanzen und einer kuriosen Ansammlung mehr oder weniger sinnvoller Accessoires. Passanten konnten sich für den japanischen Garten, den Rosengarten oder den Kuriositätengarten entscheiden, diesen borgen und mit ihm auf der Suche nach einem temporären Gartenort die Stadt durchkämmen. 2 Die Gärten kamen also in Bewegung. Und hier und dort entstand für jeweils kurze Zeit ein Garten: auf vermeintlich belanglosen Grün flächen, an vergessenen, unbewussten Orten am Straßenrand, in kleinen abgelegenen Winkeln im Gehwegbereich oder auf Baulücken überraschende Gartenorte. Das kurzzeitige Auftauchen und wieder Verschwinden eines improvisierten Gartens an einem zuvor nicht für möglich gehaltenen Ort interpretiert das Gewohnte um. Das Alltägliche wird bedeutungsvoll und poetisch. Auch wenn an den ausgewählten Örtlichkeiten keinerlei Veränderungen erfolgten, so bleibt doch die Poesie, die geweckt wurde. Auch die sonst übliche Distanz zwischen Akteur und Rezipient, hier also zwischen Stadtgärtner und Stadtgartennutzer, wird bei einem solchen Experiment aufgelöst. Denkbar wurden Modelle, die die traditionellen Vorstellungen zu Stadtgärtnerei aufbrechen. Schon sahen wir öffentliche Grünflächen in der festen Hand experimenteller Gärtner. Wir stellten Fragen. Was autorisiert den Stadtgärtner? Könnte nicht auch jeder Städter auf öffentlichen Flächen gärtnern? Wer bestimmt, wie viel Garten ist genug für eine Stadt? Wir zogen los und suchten nach Antworten

15 Der promenadologische Spaziergang Zeichnung Lucius Burckhardt Hannah Stippl Warum ist Landschaft schön? Diese Frage nach Wahrnehmung und Ästhetik der Landschaft umreißt den Forschungsgegenstand der von Lucius und Annemarie Burckhardt entwickelten Spaziergangswissenschaft, auch Promenadologie oder englisch Strollology genannt. Die vordergründig einfache Frage gibt auch Einblick in das methodische Vorgehen Burckhardts, einem gewitzten Beobachter und exakten Forscher, der seine wissenschaftliche, planerische und künstlerische Tätigkeit statt auf heroischen Superlativen auf dem Spaziergang aufbaute. Die Bezeichnung Spaziergangswissenschaft wird oft als lediglich ironisch interpretiert ein grundlegendes Missverständnis. Sowohl planungs- als auch wissenschaftskritisch wendet sich Burckhardt gegen eine oberflächlich verwissenschaftlichte Rhetorik und betont die gesellschaftliche und politische Verantwortung der Planer. Er wirft den Gestaltern vor, nicht im Bewusstsein dessen zu handeln, was sie eigentlich gestalten: gesellschaftliche Zusammenhänge. Spazieren gehen will erlernt sein. Burckhardt geht Fragen der Landschaftswahrnehmung auf Exkursionen nach, Wissenschaftsspaziergängen mit interdisziplinärem Charakter, wie dem sogenannten Urspaziergang im nordhessischen Dorf Riede, wo 1976 Wissenschaftler, Künstler und Studierende gemeinsam die Beschreibung einer Landschaft erarbeiten. Ausgehend von diesem paradigmatischen Spaziergang formuliert Burckhardt grundlegende Überlegungen zu den Entstehungsbedingungen ästhetischer Betrachtung der Natur als Landschaft. Landschaft wird nicht auf einmal, sondern mit vielen Blicken sehend, zusehend, hineinsehend, umhersehend aufgefasst, denn: Die Landschaft ist ein Konstrukt. Er betont immer wieder, dass die Landschaft nicht in den Erscheinungen der Umwelt zu suchen ist, sondern in den Köpfen der Betrachter. In der Umwelt eine Landschaft zu erblicken, ist eine schöpferische Tat unseres Gehirns, hervorgebracht durch bestimmte Ausklammerungen und Filterungen, aber auch integrativer Tätigkeiten des Zusammensehens, die das Ergebnis einer vorausgegangenen Erziehung sind. 1 Landschaftswahrnehmung beruht auf der zeitstrukturierten Wahrnehmung in Bewegung, nicht auf dem Einzelbild oder einem einzigen Blick. Erst viele Blicke in der Zeit bilden Landschaft, Landschaftswahrnehmung zeigt von Beginn an deutliche Affinität zum bewegten Bild des Filmischen. Der Spaziergang, als Urform der Wahrnehmung in Bewegung, dient so als Instrument der Aneinanderreihung und Strukturierung der Bilder. Der Spaziergang bedeutet dabei deutlich mehr als nur die Fortbewegung zu Fuß, er ist ein avanciertes Medium zur Betrachtung der Umwelt, das sich erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts als eigenständige kulturelle Praxis herausbildet. Die Entstehung der Landschaft als ästhetische Betrachtungsform der Umwelt zeigt sich historisch aufs engste mit der bürgerlichen Tätigkeit des Spazierengehens verbunden. Kaum etwas erscheint als eine so gewöhnliche und unspektakuläre Alltagspraxis wie das Spazierengehen, doch hier trügt der Schein: Spazierengehen muss im 18. Jahrhundert erst erlernt werden. Das Gehen und die damit verbundene ästhetische Betrachtung der Natur zu genießen, entbehrt der Selbstverständlichkeit. Der Spaziergang als bürgerliche Kulturtechnik und Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung ist ein durch den Wandel des Naturgefühls im 18. Jahrhundert ausgelöstes Phänomen, an dem er gleichzeitig maßgeblich beteiligt ist. Wo die Herausforderungen der Natur gebannt und bewältigt erscheinen, wird die Schönheit der Natur und ihre Lesbarkeit als Landschaft entdeckt und bewundert. Dabei hat der Spaziergang nicht zum Ziel, die Distanz zur Natur aufzuheben, sondern er bezeichnet eben diese Distanz positiv, als Freiheit des Städters, des Bildungsbürgers, dessen Trennung von der Natur die notwendige Voraussetzung für das Schauen und Genießen der Natur als Landschaft ist. Die bürgerliche Aneignung der Natur verdankt ihren Sinn der Aufrechterhaltung der Trennung, die den ästhetischen Genuss des Spazierganges möglich und überhaupt erst nötig macht. Der Spaziergänger nämlich, der Nutzen und Vergnügen aus dem Erleben der Natur ziehen will, muss diese decodieren: Man muss die Natur zum Sprechen zu bringen wissen, damit sie wirklich spricht. 2 Diese Formulierung spricht für sich: Die Wahrnehmung der Natur trägt einen gewalttätigen Zug in sich. Das Naturschöne müsse im Blick erst erzeugt werden, formulierte Riehl. Die Aufgabe des Landschaftsmalers sei es, dem Publikum einzuimpfen, dass es die nämlichen Schönheiten aus der Landschaft heraussieht, welche das Auge des Künstlers hineingesehen hat. 3 Die ästhetische Wahrnehmung ergibt sich nicht für jedermann und nicht von selbst. Sowohl die unzulängliche Bildung als auch die Distanzlosigkeit des Landmannes zur Natur sind der Naturempfindung hinderlich. Nur für das gebildete Bürgertum hat die Natur an Bedrohlichkeit verloren und an Beherrschbarkeit gewonnen, nur für ihre distanzierte, ästhetische Aneignung der Natur ist diese 84 85

16 Bertram Weisshaar: Die Bundesstiftung Baukultur fördert das Gespräch über den gestalteten Raum als Bühne unseres alltäglichen Miteinanders. So lautet der erste Satz auf der Website der Stiftung. Und an anderer Stelle ist zu lesen: Ein Bewusstsein für den Einfluss, den die gestaltete Umwelt auf den Alltag und die Lebensqualität eines jeden hat, bildet sich nur dann heraus, wenn sie entweder Identifikation oder Betroffenheit auslöst. Das heißt, Baukultur muss vor allem sinnlich erfahrbar sein im Alltäglichen wie im Einzigartigen. Zielt die Arbeit der Stiftung also in erster Linie auf eine Sensibilisierung und eine Veränderung im Bewusstsein, aus dem heraus dann in der Konsequenz ein qualitätvolleres Sein folgen würde? Der dialogische Spaziergang BaukulTOUREN der Bundesstiftung Baukultur Bertram Weisshaar, Carl Zillich Carl Zillich referierte bei dem Talk Walks Kolloquium in Leipzig über das Format des dialogischen Spaziergangs. Das hier dokumentierte Gespräch reflektiert dessen Eignung als Kommunikationsmittel in Diskursen zur Baukultur. Carl Zillich: Tatsächlich muss sich die Bundesstiftung Baukultur auf die vielen weichen Faktoren beschränken, die unsere gebaute Umwelt prägen, da sie weder eine Förderstiftung ist noch wirkliche Richtlinienkompetenzen hat. Zunächst müssen wir dazu einen Diskurs über Qualitäten, Defizite und Potenziale zwischen allen denjenigen Disziplinen initiieren, die in Deutschland im Planen und Bauen beteiligt sind oder Einfluss haben. Daher wollen wir eine breitere Öffentlichkeit erreichen, denn in der Politik und bei Investoren sehen wir durchaus Fortbildungsbedarf in Sachen Baukultur. Es geht dabei aber nicht darum, über herausragende Architektur zu reden. Es geht uns vielmehr um den Alltag und welche Prozesse dort zu einer qualitätvolleren Gestaltung führen. Als eines unserer Ziele sehen wir den Dialog zwischen Nutzerund Fachkompetenz. Um hierbei wirklich auf Augenhöhe miteinander zu reden, brauchen wir unbedingt eine Streitkultur, die der Gesellschaft grundsätzlich schwer fällt. So interpretieren wir unseren Kommunikationsauftrag eben nicht als Verkündung von Wahrheiten, sonder als das Stellen von Fragen, auch dort wo es zum Beispiel unserem Zuwendungsgeber wehtut. Diese Auseinandersetzung mit der Realität und wie wir mit Ihr umgehen, geht am besten vor Ort. Um dort unseren integrativen Anspruch umzusetzen, finden wir das Format des dialogischen Spaziergangs sehr passend. BW: Wie kam es dazu, dass ihr den Spaziergang als Kommunikationsmittel entdeckt habt? Hast du diese Erfahrung vielleicht mitgebracht aus Deinem Studium an der GHK Universität Kassel? Du hast ja Lucius Burckhardt noch kennenlernen können und hast auch an einigen seiner Spaziergänge teilgenommen. CZ: Ja, es gibt da die Linie von Burckhardt über mich zur Stiftung. Ab 1993 habe ich schon als Student des Grundstudiums an seinen letzten Spaziergängen in Kassel und Umgebung teilgenommen. Als sich die Stiftung dann auf die Suche nach Diskursformaten machte, war es naheliegend, dass ich da meine Erfahrungen eingebracht habe und wir es einfach ausprobiert haben. So waren die

17 Talk Walks Spaziergangsforschung in Leipzig Bertram Weisshaar Talk Walks sind öffentliche Spaziergangsveranstaltungen eine Art Talk-Show in Fortbewegung. Sie verstehen sich als Beitrag zur Baukultur in dem Sinne, wie dies die Initiative Architektur und Baukultur formulierte: Baukultur umfasst gutes Planen und Bauen und das Reden darüber. Baukultur kann nur in einem gesellschaftlichen Umfeld gedeihen, in dem eine hohe Aufmerksamkeit auf die Qualität der gebauten Umwelt sowie deren Herstellung, Umgestaltung und Nutzung gerichtet ist. 1 In der Regel begleiten und kommentieren jeweils ein Talk- Gast von vor Ort und ein Gast von auswärts diese Spaziergänge entlang einer zuvor ausgearbeiteten Route. Die Talk Walks besitzen damit formal eine gewisse Ähnlichkeit zu den dialogischen Spaziergängen (vgl. Artikel mit Carl Zillich). Der spezifische Beitrag der Talk Walks besteht darin, dass diese das Reden über das Planen und Bauen und öffentliche Aufmerksamkeit an konkrete Orte bringen, beispielsweise an Projekt-Orte, die auf markante oder stellvertretende Weise eine Position und Haltung der geführten Diskussionen veranschaulichen bzw. überprüfen lassen. Dem Talk-Gast von vor Ort fällt dabei die Aufgabe zu, über die lokalen Hintergründe und Sachverhalte der aufgesuchten Orte und Projekte zu informieren, während der eher fremde Talk-Gast einen Blick von außen einbringen und eine Einordnung zu vergleichbaren Projekten in anderen Städten leisten soll. Durch den Einsatz eines mobilen Verstärkers oder einer Personenführungsanlage (Kopfhörer & Funkempfänger) sind die Gespräche entlang des Weges für die Teilnehmer-Gruppe gut hörbar. In einer eventuell abschließenden Talk-Runde können die Beobachtungen entlang der zurückgelegten Route jeweils gemeinsam reflektiert oder auch kritisch hinterfragt werden

18 [ Der nachfolgende Text entstand 2011 unmittelbar im Nachgang des Kolloquiums und wurde erstmals veröffentlicht auf dem Webblog spaziergangswissenschaft.de ] Bertram Weisshaar: Für euch scheint sowohl das Thema Tourismus als auch die kritische Auseinandersetzung mit der Stadt Stuttgart wichtig. Was reizt euch dabei? Warum spielt Tourismus für euch eine solche Rolle? Kaspar Wimberley: Nach mehreren Jahren, in denen wir als nomadische Künstler in der Rolle des Besuchers und außenstehenden Beobachters praktizierten, suchten wir die Herausforderung, in der Stadt zu arbeiten, in der wir leben. Uns interessierte, was Tourismus in Stuttgart bedeutet und wie wir eine Möglichkeit finden könnten, die bestehenden Hierarchien zu unterlaufen und einen Dialog über die (potenzielle) Rolle des Tourismus und des Touristen zu entwickeln. Mich interessiert vor allem, wie Tourismus soziale und kulturelle Zustände reflektiert sowohl die des Urlaubsziels als auch die des Herkunftsortes des Reisenden und wie Tourismus präsentiert, verpackt, vermittelt und konsumiert wird. Wie werden unsere Erwartungen und Eindrücke dadurch beeinflusst? Kunst des Spazierenführens Arttours im Spannungsfeld von Kunstpraxis und Tourismusmarketing Bertram Weisshaar, Kaspar Wimberley Bei dem TALK WALKs Kolloquium in Leipzig berichtete Kaspar Wimberley von den Projekten und Stadtspaziergängen, die er gemeinsam mit Susanne Kudielka unter dem Label Arttours in Stuttgart vermittelt und kuratiert. Sie selbst beschreiben die Arttours als alternative Stadtführungen durch Stuttgart, die von Künstlern aus den verschiedensten Sparten entwickelt werden. Die Touren geben den Besuchern die Möglichkeit, die Stadt neu zu entdecken, zu definieren und zu verstehen. Während einige Künstler die Tour auf Ihre eigene subjektive Wahrnehmung zurückführen, ermöglichen andere Führungen ihren Teilnehmern die Stadt selbst zu erkunden. Die traditionellen Erwartungen einer Stadtführung sollen so erweitert und teilweise umgekehrt werden. BW: Bleiben wir zunächst bei dem offiziellen Bild der Stadt Stuttgart, wie es beispielsweise durch die Stuttgart Marketing GmbH verbreitet wird. Durchaus erfolgreich übrigens Stuttgart gehört zu den zehn am meisten besuchten Städten Deutschlands. Man könnte also fragen: Was stört euch an dieser Bild-Vermittlung? KW: Zunächst ist Stuttgart die achtgrößte Stadt Deutschlands und die Mehrzahl der Besucher sind Geschäftsreisende. Doch uns stört, dass die Stadt zum Unternehmer wird und dass das Bild der Stadt und deren Erkundung zu einem Produkt erklärt wird. Das Unternehmen Stuttgart Marketing GmbH und der Verband Region Stuttgart präsentierten beispielsweise im Jahr 2008 das Video Stuttgart - Enjoy the city (www.youtube.com/watch?v=vrmkfcstoew) und vermittelten darin ein ganz bestimmtes Bild der Stadt. Bei denjenigen, die Stuttgart nicht kennen, entstehen konkrete Erwartungen, für Stuttgart-Kenner hingegen ist das Video eher fragwürdig. Anders als in dem Video suggeriert wird, besteht diese Stadt natürlich nicht nur aus Glanz und Glamour, Weinbergen, Hochkultur und Automobilindustrie. Vergleicht man das Video mit Werbefilmen anderer deutscher Städte, stellt es doch eine Ausnahme dar und erinnert eher an den Trailer von Dubai. Welche Auswirkung hat ein solcher Trailer und solches Werbematerial auf das Erlebnis, die Wahrnehmung und die Entscheidungen eines Besuchers? Wenn ein Erlebnis, in diesem Fall eine Stadt, vermarktet wird, wird das reale Erlebnis möglicherweise reduziert oder ersetzt durch

19 Bertram Weisshaar: In unserer Gesellschaft wird das Flanieren meist als eine zeitlich zu begrenzende (Ausnahme)Tätigkeit verstanden. Du hingegen bezeichnest dich selbst als Flaneur. Was interessiert dich an der Figur des Flaneurs und am Flanieren? Gehen oder Flanieren Gedanken & Gänge in Stuttgart Tina Saum, Bertram Weisshaar Was kann das Flanieren zutage fördern, das zuvor nicht oder wenig beachtet wurde? Wie funktioniert Flanieren und welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass Flanieren möglich ist? [ ] Was macht eine gehende Fortbewegung zum Flanieren? Ist Flanieren eine Fortbewegungsart oder ist es eine Haltung, die sich gehend fortbewegend äußert? Diese und ähnliche Reflexionen finden sich auf der Website von flanerie. labor für gedanken & gänge. Bertram Weisshaar sprach mit Tina Saum, die 2011 gemeinsam mit Daniela Metz die flanerie in Stuttgart gründete und seither mit verschiedenen Kultur-Projekten versucht, Lust aufs Flanieren zu machen. Tina Saum: Ich habe über die Literatur das Flanieren entdeckt. Vieles, was mir im Leben wichtig ist, konnte ich plötzlich benennen. Flaneur zu sein impliziert nicht nur eine bestimmte Sichtweise auf die Wirklichkeit, die Stadt und die Gesellschaft, sondern ist für mich auch eine Haltung, eine Entscheidung, wie ich mich in dieser Welt positionieren möchte. Wenn man als Flaneur in der Stadt unterwegs ist, dann weiß man davor nicht, wohin der Weg einen führen wird und man kann danach oft auch nicht den Weg rekonstruieren, den man gegangen ist. Von verschiedenen spontan auftretenden Impulsen gelenkt, entdeckt der Flaneur die Urbanität, d. h. die oft widersprüchliche Vielfalt einer Stadt. Hierdurch bleibt das Stadtbild ein Fragment, zusammengesetzt aus vielen kleinen, unterschiedlichen Bildern. Dieses Stadtbild beinhaltet nicht nur die Highlights, sondern auch das scheinbar langweilige und schon in- und auswendig bekannte Alltägliche, das beinahe schon Vergangene und das Verdrängte, oft zu finden in dreckigen Hinterhöfen, kleinen, dunklen Gassen und an den verlassen wirkenden Stadträndern. Das Urbane einer Stadt ist eine wichtige Inspirationsquelle für mein Arbeiten und auch für meine Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft. Ich versuche deshalb so oft wie möglich zu flanieren. Wenn ich dann weiß, jetzt geht s los, jetzt kann ich flanieren, dann ist das wie so eine nervöse Unruhe, die in mir aufkommt. Und am schönsten ist es, wenn ich in eine Art Selbstvergessenheit gerate. Ich kann dann nicht mehr zwischen mir und der Stadt unterscheiden. Ich werde dann zum Teil der Stadt, lasse mich durch ihre Straßen treiben, schaue, gehe, schaue, bleibe stehen, beobachte, gehe weiter und habe dabei keine Ahnung, wohin mich die Stadt, mein nächster Schritt, mein nächster Blick führen wird. Diese Unmittelbarkeit dieses Gefühl, jetzt völlig hier zu sein stellt sich auch nicht sogleich ein, sondern es braucht manchmal viel Zeit und hält dann vielleicht auch nur für Momente an. Die Zeit wird während des Flanierens ein dehnbarer Begriff, da es kein Ziel gibt, das zu einer bestimmten Uhrzeit erreicht werden muss. Erstaunlicherweise ist ja die Anmerkung des Flaneurs Franz Hessel, der Anfang des letzten Jahrhunderts in Berlin und Paris unterwegs war, bis heute aktuell: Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb. 1 Die Höhe des Entdeckungs- und Erlebnisfaktors beim Flanieren lässt sich vorab kaum einschätzen. Ich flanierte manchmal schon stundenlang in einer Stadt und fand keinen rechten Zugang zu ihr. Allmählich wurde mir jedoch bewusst, dass eben dies viel mit meiner Erwartungshaltung zu tun hat. Durch das Flanieren lerne

20 Es gibt keine beste Lösung; [ ] Oder mit anderen Worten, Worten von heue: Planung ist Leidensverteilung. Aus der Serie Stuttgart von hinten,

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