Talcott Parsons Gesellschaft als Ordnung von Handlungssystemen

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1 Talcott Parsons Gesellschaft als Ordnung von Handlungssystemen Vorlesung zur Einführung in die soziologischen Theorien vom (Vertretung Yvonne Niekrenz) 1

2 Lernziele heute: AGIL-Schema erklären und anwenden können pattern variables auf Tönnies Konzept von Gemeinschaft und Gesellschaft anwenden können Parsons Differenzierungstheorie erläutern können 2

3 Strukturfunktionalismus Parsons Ausgangsfrage: Was hält moderne Systeme zusammen? Annahme: Gesellschaften werden durch eine kohärente normative Ordnung integriert Ein Handlungszusammenhang bleibt stabil, wenn vier verschiedene Funktionen (Aufgaben) erfüllt werden. Diese Funktionen sind im AGIL-Schema erfasst. 3

4 Strukturfunktionalismus - AGIL- Schema AGIL-Schema (auch: Vierfelderschema) fasst die vier Funktionen zusammen, die ein Handlungssystem erfüllen muss, wenn es bestehen will. A wie Adaption (Anpassung): Die Anpassung eines Systems an seine Umwelt muss hergestellt werden. 4

5 Strukturfunktionalismus AGIL-Schema G wie Goal attainment (Zielerreichung): Ziele müssen gesetzt und die Bedingungen zu ihrer Realisierung bereitgestellt werden. I wie Integration: Die verschiedenen Aufgaben und die zur Realisierung notwendigen Ressourcen müssen so verteilt werden, dass keine Aufgabe unerledigt bleibt. 5

6 Strukturfunktionalismus AGIL-Schema L wie Latent pattern maintenance (Normerhaltung): Die für die unterschiedlichen Aufgaben vorausgesetzten Strukturen müssen aufrechterhalten werden. Anwendung das AGIL-Schemas auf das Beispiel Unternehmen als Handlungssystem 6

7 Strukturfunktionalismus AGIL-Schema Mittel Ziele innen Strukturerhaltung Integration latent pattern integration maintenance außen Anpassung Zielerreichung adaption goal attainment L-I-G-A Kontrollhierarchie A-G-I-L Energiehierarchie 7

8 Bestandteile eines allgemeinen Handlungssystems (Subsysteme) Adaption Goal attainment Verhaltensorganismus Persönlichkeitssystem Kulturelles System Soziales System Latent pattern maintenance Integration 8

9 Bestandteile eines allgemeinen Handlungssystems (Subsysteme) Kulturelles System, Persönlichkeitssystem und Verhaltensorganismus gehören zur Umwelt des sozialen Systems. Systemumwelt: Soziales System (I) -Kulturelles System (L) -Persönlichkeitssystem (G) -Verhaltensorganismus (A) 9

10 Wie ist es möglich, dass eine soziale Ordnung besteht? Anknüpfung an Hobbes Idee aus dem Leviathan: statt Krieg aller gegen alle Abgabe der Gewaltmöglichkeiten an einen übermächtigen Leviathan gesellschaftliche Ordnung (utilitaristische Lösung) 10

11 Wie ist es möglich, dass eine soziale Ordnung besteht? Utilitaristische Lösung (Freiheit) des Ordnungsproblems hat Schwächen, ebenso wie die idealistische Lösung (Ordnung) Parsons Vorschlag: voluntaristische Handlungstheorie Stabile Ordnung ist möglich, weil die Individuen freiwillig bestehende normative Ordnungen als Grundlage ihrer Handlungsorientierungen verwenden. 11

12 Strukturfunktionalismus Parsons stellt grundlegende Orientierungsmöglichkeiten des Menschen kontrastierend gegenüber: pattern variables Mustervariablen: Paare streng dichotomisch Person muss sich innerhalb der 4 Dimensionen jeweils einem der beiden Pole zuordnen, sonst ist die Handlungssituation unzureichend definiert. 12

13 pattern variables Gesellschaft Gemeinschaft Universalismus Partikularismus Leistungsorientierung Zuschreibung Spezifizität Diffusität Affektive Neutralität Affektivität 13

14 Parsons Medientheorie Medientheorie: Wie kann die Verständigung zwischen ausdifferenzierten Handlungssystemen gesichert werden? Ausdifferenzierung von Handlungssystemen erhöht Kommunikationsbedarf zwischen Systemen Wie verständigen sich Systeme? 14

15 Parsons Medientheorie Systeme haben eigene Sprachen (= Medien) Merkmale von Medien müssen institutionalisiert, d.h. gesellschaftlich anerkannt und damit stabilisiert sein muss mit einer gemeinsam geteilten Bedeutung versehen und von allen Systemen als Medium (an)erkannt werden muss zirkulieren können, sonst könnte es nicht getauscht und zur Übermittlung von Infos genutzt werden Verfügbare Gesamtmenge des Mediums muss wachsen oder schrumpfen können 15

16 Parsons Medientheorie Kommunikation in Systemen ist gestört und Systemerhaltung ist gefährdet, wenn gesellschaftliche Anerkennung des Mediums sinkt ein Medium nicht von allen Systemen als Medium anerkannt wird (Brauchbarkeit für Tausch sinkt) ein Medium nicht mehr zirkuliert (erfüllt Aufgabe nicht mehr) es inflationären oder deflationären Tendenzen und damit schwankenden Wertschätzungen ausgesetzt ist. 16

17 Parsons Medientheorie Jedes Teilsystem hat ein Medium - systeminterne Kommunikation läuft über systemeigene Medien A (Wirtschaft): Geld G (Politik): Macht I (Gemeinschaftssystem): Einfluss L (Treuhandsystem): Wertbindung 17

18 Parsons Zeitdiagnose Wohin führt gesellschaftliche Entwicklung und entlang welcher Entwicklungspfade verläuft sie? Austausch von Leistungen zwischen den Teilsystemen: double interchange 18

19 Parsons Zeitdiagnose Prozess der Verbesserung der Umweltanpassung sozialer Systeme (adaptive upgrading) kann man an 3 großen Umbrüchen in der Gesellschaftsgeschichte verdeutlichen: Industrielle Revolution in England Demokratische Revolution im Anschluss an Französische Revolution Bildungsrevolution 19

20 Parsons Zeitdiagnose Parallel zum adaptive upgrading laufen noch drei andere Prozesse: (A: Adaptive Höherentwicklung) G: Inklusion I: Integration L: Wertgeneralisierung 20

21 Gesellschaftliche Modernisierung Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen als Abfolge von 4 aufeinander folgenden Stufen: Primitive Gesellschaften Frühe Hochkulturen Vormoderne Hochkulturen Moderne Gesellschaften 21

22 Kritik an Parsons Nordamerika der 1950er und 60er Jahre als idealtypische Verkörperung der Grundmerkmale seiner Theorie Auswahl der Klassiker (Marshall, Durkheim, Pareto, Weber) berücksichtigt Marx und Simmel nicht Idealistischer und normativistischer Einschlag: Integration als positiv unterstellt Spaltung in soziale Klassen unterschlagen System der Gesellschaft wird als Nationalstaat gedacht im Zeitalter der Globalisierung: Weltgesellschaft / Weltsystem 22

23 Kontrollfragen Erklären Sie mit Hilfe der pattern variables den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft! Beschreiben Sie die einzelnen Funktionen des AGIL-Schemas und wenden Sie sie auf das System Unternehmen an! Welche Funktionen erfüllen Medien zwischen ausdifferenzierten Systemen? 23

24 Download der Präsentation 24

25 Literatur Parsons, Talcott (1985): Das System moderner Gesellschaften. Mit einem Vorwort von Dieter Claessens. Weinheim/München: Juventa. Brock, Ditmar/Junge, Matthias/Krähnke, Uwe (2007): Soziologische Theorien von Auguste Comte bis Talcott Parsons. Einführung. 2., verbesserte Auflage. München/Wien: Oldenbourg, S

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