Gruppenberatung im Fairen Handel. Rahmenkonzept für die inhaltliche Arbeit

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1 Gruppenberatung im Fairen Handel Rahmenkonzept für die inhaltliche Arbeit Fassung: November 2002

2 Rahmenkonzept für die regionale Gruppenberatung im Fairen Handel (Stand: November 2002) Vorbemerkung: Seit 1992 gilt das Rahmenkonzept der Gruppenberatung, und seit über zehn Jahren arbeiten Gruppenberaterinnen und -berater in vielen Regionen Deutschlands zum Fairen Handel. Dabei wurden nicht nur immer mehr Stellen eingerichtet, sondern die Arbeit wurde auch immer erfolgreicher. Dies wird zum Beispiel sichtbar an der steigenden Beteiligung der Weltläden und Aktionsgruppen an Kampagnen, der zunehmenden Professionalität und der hohen Zustimmung zur Gruppenberatung durch die Weltläden und Aktionsgruppen des Fairen Handels (KommEnt 2002). Professionalisierung von Weltläden und Gruppen im Fairen Handel ist mittlerweile ohne die Unterstützung unabhängiger Gruppenberatung kaum mehr denkbar. Je höher der Beratungsbedarf von Weltläden und Aktionsgruppen in den letzten Jahren allerdings wurde, um so mehr wurde die fehlende Fokussierung des ursprünglichen, relativ weit gefassten Konzeptes sichtbar. Konzeptioneller Anspruch und Beratungspraxis standen oft im Widerspruch. Diesen Spagat, den GruppenberaterInnen in den letzten Jahren immer öfter machen mussten, will das vorliegende Konzept auflösen und ein klar umrissenes Bild der Beratungspraxis im Fairen Handel zeichnen. Neben der Gruppenberatung gibt es weitere wichtige Beratungsleistungen im Fairen Handel, die aber nach anderen Konzepten arbeiten. Diese Fokussierung und Profilierung der Gruppenberatung entspricht auch den Ergebnissen einer externen Evaluation in den Jahren 2001/2002 (KommEnt 2002). Das vorliegende Rahmenkonzept wurde auf der Sitzung des Gemeinsamen Ausschusses Gruppenberatung und der Konferenz der Gruppenberatung im Oktober 2002 in Münster verabschiedet.

3 I. Einführung Die Arbeit der Weltläden und Aktionsgruppen im Fairen Handel hat sich seit den Anfängen in den 1970er-Jahren ständig verändert. Mit der immer stärker sichtbaren Globalisierung kommen vor allem für Gruppen, die sich mit Welthandelsfragen beschäftigen, neue Herausforderungen zu. Dies gilt nicht nur für inhaltliche, sondern auch für methodische Fragen und insbesondere für die Bildungsarbeit im Inland. Angesichts der meist ehrenamtlichen Arbeitsweise der Weltläden und Aktionsgruppen im Fairen Handel lassen sich die Herausforderungen für diese Gruppen nur mit entsprechenden Beratungsangeboten bewältigen. Gruppenberatung ist zentrale Dienstleistung für Weltläden und Aktionsgruppen im Fairen Handel. Sie bietet ein umfangreiches Beratungspaket regional an. Aufgabe der Gruppenberatung ist es, Weltläden und Aktionsgruppen des Fairen Handels in ihrer Arbeit zu befähigen und zu qualifizieren. Das Rahmenkonzept gibt Auskunft über strukturelle Voraussetzungen, Ziele und Aufgaben der Gruppenberatung und ist deshalb Voraussetzung für die Qualitätssicherung der Beratungsleistungen. Das in diesem Konzept beschriebene Leistungspaket der Gruppenberatung ist umfangreich und anspruchsvoll. Dies setzt voraus, dass die Stelle mit einem Stundenumfang ausgestattet ist, der eine professionelle Beratungsleistung zeitlich ermöglicht. Der Fokus dieser Beratung liegt aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen des Fairen Handels allgemein und in Übereinstimmung mit der Studie Entwicklungspolitische Wirkungen des Fairen Handels (2000) sowie der Evaluierung der Gruppenberatung (KommEnt 2002) zum Einen in der inhaltlichen Beratung der Weltladengruppen, zum Anderen in einer dem Fairen Handel angemessenen Unternehmensberatung (Professionalisierungsberatung). II. Zielgruppe Zielgruppen für die Gruppenberatung sind Weltläden und Aktionsgruppen im Fairen Handel (im Folgenden Aktionsgruppen genannt). Zielgruppen sind demnach nicht die EndverbraucherInnen, sondern meist ehrenamtlich Engagierte im Fairen Handel als MultiplikatorInnen.

4 III. Ziele Die Gruppenberatung möchte mit ihrer Arbeit erreichen, dass Weltläden und Aktionsgruppen qualifizierte Lernorte sind. Dies bedeutet im Einzelnen: o Die Gruppen haben Fachkompetenz in Fairem Handel, Weltwirtschaftsfragen, Wissensvermittlung, Selbstorganisation. o Die Mitarbeitenden begreifen sich selbst als Lernende.... Weltläden und Aktionsgruppen einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Dies bedeutet im Einzelnen: o Weltläden und Aktionsgruppen begreifen sich als eine Bewegung und kommunizieren dies nach außen (einheitliche inhaltliche Grundlage, gemeinsames Erscheinungsbild nach außen, vernetzte Zusammenarbeit regional/bundesweit/europäisch). o Weltläden und Aktionsgruppen arbeiten professionell in den Bereichen Informations- und Bildungsarbeit, Kampagnen- und Lobbyarbeit, kaufmännisches Arbeiten, KundInnenorientierung, Gruppen- und Arbeitsorganisation. o In jedem Ort mit mehr als EinwohnerInnen gibt es einen Weltladen.... Weltläden und Aktionsgruppen selbstbewusste Akteure sind. Dies bedeutet im Einzelnen: o Die Gruppen verfügen über eine differenzierte Selbstwahrnehmung und kennen die Stärken und die Grenzen des Fairen Handels und ihres eigenen Engagement. o Weltläden und Aktionsgruppen begreifen den Norden als Projekt und sehen Ihr Engagement als einen Beitrag zu einem sozialverträglichen, zukunftsfähigen Lebensstil. o Weltläden und Aktionsgruppen bringen Fair-Handels-Fragen vor Ort ein (z.b. in Agenda-Prozesse).

5 IV. Aufgaben der Gruppenberatung Aus den genannten Zielen ergeben sich folgende Aufgaben: Fachberatung: Information über Handelsstrukturen, Weltwirtschaftsfragen, Verkaufsförderung, Ladengestaltung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Produkte und Projekte. Pädagogische Beratung: Unterstützung und Begleitung in der Vermittlungspraxis wie beim gruppeninternen Lernprozess, Methodisch/didaktische Aufbereitung von Medien und Materialien zu aktuellen Themen, Kampagnen und Produkten. Begleitung von Gruppenprozessen: Beratung bei Ziel- und Entscheidungsfindungsprozessen sowie bei der Reflexion der Arbeit; Konfliktberatung. Vernetzung: Organisation von Austauschtreffen in Zusammenarbeit mit regionalen Netzwerken, RegionalsprecherInnen oder GebietsvertreterInnen, Herausgabe gemeinsamer Publikationen (z.b. Rundbriefe), Weitergabe von Informationen (z.b. ReferentInnen, Medien), Anregung zum Engagement vor Ort, zur Durchführung gemeinsamer regionaler Veranstaltungen sowie zur Beteiligung an überregionalen Aktionen und Kampagnen; Anregung zum politischen Meinungsbildungsprozess der Gruppen Aufbauhilfe: Beratung und Begleitung bei Gründung und Aufbau von Aktionsgruppen oder Weltläden (Vereinsrecht, betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, Finanzierung, Projektmanagement, Grundkurs Fairer Handel, Steuerrecht etc.), Hilfe bei der Beantragung von Zuschüssen, Hilfe bei Motivation und Zielfindung, Hilfe bei der Organisation, Beratung bei der Gewinnung neuer MitarbeiterInnen und Kontaktvermittlung. Mitarbeiterlnnenschulung: Befähigung von vornehmlich Ehrenamtlichen, die Aufgaben Verkauf, Bildungs- und Kampagnenarbeit kompetent durchführen zu können. Diese Aufgaben können in Zusammenarbeit mit anderen Fachpersonen (nicht nur des Fairen Handels) bearbeitet werden. Je nach Situation der beratenen Gruppe ist auch eine Weitervermittlung an diese Fachpersonen möglich.

6 Die einzelnen Aufgabenbereiche und die jeweiligen Schwerpunkte im Rahmen dieses Konzeptes werden mit dem Anstellungsträger festgelegt. Die Schwerpunktsetzung für die Arbeit und die Konkretisierung einzelner Aufgaben sollte mit den Erfordernissen und Anfragen aus der jeweiligen Region bzw. des Einsatzortes und den Zielvorgaben des Anstellungsträgers abgestimmt werden. Auch die vorrangigen Zielgruppen und die sich daraus ergebenden Aufgaben sollen sich an den Notwendigkeiten der jeweiligen Region orientieren. Prioritäten müssen gesetzt werden. Die konkreten, nach den regionalen Gegebenheiten spezifizierten Aufgabenbereiche sollen in einer Arbeitsplatzbeschreibung für die jeweilige Gruppenberaterlnnen-Stelle fixiert werden. Die Gruppenberatung ist in den Arbeitskreis Bildung des Forums Fairer Handel eingebunden und bemüht sich um die regionale Umsetzung der im Forum Fairer Handel beschlossenen Aktivitäten. V. Größe der Region und Anzahl der zu begleitenden Gruppen Die Anzahl der zu beratenden Gruppen sowie der regionale Aktionsradius der GruppenberaterIn orientiert sich an den örtlichen Gegebenheiten (z.b. urban/rural, Ost/ West, Anzahl und Verhältnis neuer und bestehender Gruppen). Durch eine Gruppenberatungsstelle können pro Jahr nicht mehr als 30 Gruppen beraten werden. Der Aktionsradius sollte nicht größer sein als 70 km. VI. Anstellungsträger Die Anstellung von Gruppenberatung sollte von größeren Netzwerken oder Zusammenschlüssen mit Schwerpunkt Fairer Handel, jeweils in Kooperation mit regionalen Organisationen, getragen werden. Um Interessenskonflikte zu vermeiden und Beratungsoffenheit zu garantieren, kann die Anstellung nicht durch eine Fair-Handels- Importorganisation erfolgen. Die Aufgaben für den Bereich der Gruppenberatung müssen klar vertraglich abgegrenzt sein und eine geschäftsführende Tätigkeit sowie eine Verkaufstätigkeit deutlich ausschließen. Der Anstellungsträger ist verantwortlich für ausreichend Büroraum und entsprechende Arbeitsbedingungen (Technik etc.).

7 VII. Fach- und Dienstaufsicht, Fachbeirat Fach- und Dienstaufsicht liegen beim Anstellungsträger. Der Anstellungsträger ist verpflichtet, fachliche Begleitung durch mindestens eine qualifizierte Person sicherzustellen. Fach- und Dienstaufsicht kann in Personalunion wahrgenommen werden. Wünschenswert ist die regionale Anbindung der Fach- und Dienstaufsicht. In Zusammenarbeit mit der Fachaufsicht werden Schwerpunkte gesetzt und konkrete Tätigkeiten festgelegt. Der Fachbeirat setzt sich zusammen aus VertreterInnen regionaler Zuschussgeber, Fair-Handels-Importorganisationen, die in der Region tätig sind, und weiteren regionalen Fair-Handels-Akteuren (jeweils optional). Der Fachbeirat trifft sich mindestens einmal im Jahr und nimmt die Arbeitsberichte entgegen. Mit ihm stimmt der/die Gruppenberater/in die regionalen Fair-Handels-Aktivitäten ab. VIII. Konferenz der Gruppenberatung Für den gegenseitigen Austausch und zur Abstimmung gemeinsamer Arbeitsvorhaben finden regelmäßig Konferenzen der GruppenberaterInnen statt. Die Teilnahme an der Konferenz der Gruppenberatung ist ein integraler Bestandteil der Tätigkeit der GruppenberaterInnen. Die Konferenz der Gruppenberatung dient der Fortbildung und Qualitätssicherung von Gruppenberatung. Die Konferenz der Gruppenberatung garantiert Reflexion und den regelmäßigen Austausch in der Gruppenberatung.... fördert die inhaltliche Qualifizierung der GruppenberaterInnen.... sichert den Fortbestand der Gruppenberatung mit und übernimmt ihre Interessenvertretung.... arbeitet an der Fortschreibung des Rahmenkonzeptes mit und ist an der Entwicklung von Beratungs- und Bildungsstrategien im Fairen Handel beteiligt.

8 Die Konferenz der Gruppenberatung wird durch eine Koordinationsstelle mit ausreichendem Stellenumfang unterstützt. Sie hat folgende koordinierende Aufgaben: organisatorisch-technische Vor- und Nachbereitung der Konferenz der Gruppenberatung verantwortliche Durchführung der Konferenz der Gruppenberatung Informationsaustausch und Kommunikation unter den GruppenberaterInnen Außenvertretung in zentralen Gremien der Beratungsarbeit im Fairen Handel IX. Qualifikation Gruppenberatung ist für die Weltläden und Aktionsgruppen die erste Anlauf- und Servicestelle für alle Fragen der Weltladenarbeit vor Ort. Diese Funktion setzt eine kontinuierliche Tätigkeit voraus. Von den Stelleninhaberlnnen werden pädagogische Fähigkeiten im Bereich der Erwachsenenbildung und/oder Jugendarbeit sowie fundierte Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich des Fairen Handels erwartet. So sollten sich die StelleninhaberInnen in den wichtigsten Themengebieten des Fairen Handels der Weltläden (z.b. Welthandelsstrukturen, Kampagnenthemen, Struktur des Fairen Handels bzw. Ladengründung, rechtliche Rahmenbedingungen, Ladengestaltung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit) auskennen und in der Lage sein, vorhandene Materialien (z.b. Weltladen-Handbuch) fachgerecht einzusetzen. Die Arbeit erfordert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und (Selbst-)Organisationsfähigkeit. Laufende Fortbildung sichert die Qualität der Beratungstätigkeit. Es muss sichergestellt sein, dass sowohl genügend Zeit und Finanzmittel für die persönliche Weiterbildung und die kreative Entwicklung, als auch für Vorbereitung und Aufbereitung der aufsuchenden Beratung vorgesehen sind. Neben der kollegialen Supervision im Rahmen der Konferenz der Gruppenberatung sollte Supervision möglich sein. X. Vergütung/Stellenumfang Die Vergütung soll angelehnt sein an den BAT, Einstufung mindestens nach BAT IV. Der Arbeitszeitumfang der nach dem vorliegenden Konzept ausgeübten Tätigkeiten soll wöchentlich mindestens 19,25 Stunden betragen, sofern von einer Gruppenberatungsstelle die Rede sein soll.

9 XI. Langfristigkeit der Gruppenberatung Gruppenberatung wird als eine dauerhafte Dienstleistung für Weltläden und Aktionsgruppen in der Region eingerichtet, soweit der Beratungsbedarf festgestellt wird. Ein langfristiges Beschäftigungsverhältnis ist Grundlage für die Erreichung der hier formulierten Ziele der Gruppenberatung. XII. Forum Fairer Handel Die Konferenz der Gruppenberatung ist Mitglied im Forum Fairer Handel und arbeitet im Arbeitskreis Bildung aktiv mit. Innerhalb dieses Arbeitskreises werden die inhaltliche Weiterentwicklung des Rahmenkonzepts sowie Finanzierungskonzepte für die Gruppenberatung erarbeitet und diskutiert. XIII. Finanzierung Die Geldgeber werden gebeten, einen Jahreshaushalt für die Gruppenberatung aufzustellen. Zuschüsse für die Gruppenberatung nur nach dem vorliegenden Rahmenkonzept zu gewähren. Der AK Bildung des Forums Fairer Handel kann Empfehlungen für die Vergabepraxis der Zuschussgeber formulieren. Von anderen Organisationen im Bereich des Fairen Handels wird die Unterstützung der Gruppenberatung durch Sachleistungen erwartet (Fortbildung, Infrastruktur, Info- und Arbeitsmaterialien, Büro etc.). November 2002 GAG Konferenz der Gruppenberatung

I. II. I. II. III. IV. I. II. III. I. II. III. IV. I. II. III. IV. V. I. II. III. IV. V. VI. I. II. I. II. III. I. II. I. II. I. II. I. II. III. I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII.

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