Hilbert-Kalkül (Einführung)
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- Sophie Winter
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1 Hilbert-Kalkül (Einführung) Es gibt viele verschiedene Kalküle, mit denen sich durch syntaktische Umformungen zeigen läßt, ob eine Formel gültig bzw. unerfüllbar ist. Zwei Gruppen von Kalkülen: Kalküle als Grundlage von automatischen Verfahren Resolutionskalkül Kalküle, die mathematisches Schließen nachbilden Hilbert-Kalkül 1
2 Vergleich: Resolutionskalkül - Hilbert-Kalkül Resolutionskalkül Hilbert-Kalkül zeigt Unerfüllbarkeit zeigt Folgerung (F 1,...,F n = G) Formeln in KNF Formeln mit und Herleitung der leeren Herleitung von F Klausel aus F aus Axiomen und Hypothesen Anwendung: automatisches Anwendung: Modellierung Beweisen mathematischen Schließens Vollständigkeitsbeweis Vollständigkeitsbeweis relativ einfach relativ komplex 2
3 Folgerung Eine Formel G heißt eine Folgerung der Formeln F 1,...,F k falls für jede Belegung, die sowohl zu F 1,...,F k als auch zu G passend ist, gilt: Wenn A Modell von {F 1,...,F k } ist, dann ist A auch Modell von G. Wir schreiben F 1,...,F k = G, falls G eine Folgerung von F 1,...,F k ist. 3
4 Vorbemerkungen Im folgenden: Formeln enthalten ausschließlich die Operatoren und. Denn F G F G und F G (F G). Wir definieren den syntaktischen Ableitungsbegriff (F 1,...,F n G). Ziel: Es soll gezeigt werden, dass F 1,...,F n G gdw. F 1,...,F n = G (syntaktischer Ableitungsbegriff entspricht semantischem Folgerungsbegriff). 4
5 Axiomenschemata Wir betrachten die folgenden fünf Axiomenschemata oder Axiome. (1) F (G F) (2) (F (G H)) ((F G) (F H)) (3) ( F G) (G F) (4) F ( F G) (5) ( F F) F Eine Formel, die nach diesem Muster gebildet wird, heißt Instanz eines Axioms. Jede Instanz eines Axioms ist eine gültige Formel. Beispiel: Instanz von Axiom (4) mit F = A B, G = C ( A B) ( ( A B) C) 5
6 Ableitung im Hilbert-Kalkül Sei M eine Menge von Formeln - auch Menge von Hypothesen genannt - und F eine Formel. Wir schreiben M F und sagen F ist im Hilbert-Kalkül aus M herleitbar, genau dann, wenn eine der folgenden Bedingungen erfüllt ist: Axiom: F ist Instanz eines Axioms oder Hypothese: F M oder Modus Ponens: es gilt M G F und M G 6
7 Modus Ponens Schlußregel des Kalküls: M M M G F G F 7
8 Korrektheit und Vollständigkeit Korrektheit: Folgt aus der Ableitbarkeit im Kalkül auch die semantische Folgerung? Anders ausgedrückt: Folgt aus M F stets M = F? Vollständigkeit: Folgt aus der semantischen Folgerung immer auch die Ableitbarkeit im Kalkül? Anders ausgedrückt: Folgt aus M = F stets M F? 8
9 Korrektheit des Hilbert-Kalküls Korrektheit: Sei F eine beliebige aussagenlogische Formel, M eine Menge von Formeln und es gelte M F. Dann folgt daraus auch M = F. 9
10 Vorüberlegungen zum Vollständigkeitsbeweis Wir wollen zeigen: Aus M = F folgt M F. Wie soll das funktionieren? Induktion über die Ableitung? es gibt gar keine Ableitung! Induktion über den Formelaufbau? Wir müßten beispielsweise beim Induktionsanfang für eine atomare Formel A zeigen: M = A, daraus folgt M A. Wie kann man eine Ableitung von A aus M konstruieren? 10
11 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. 11
12 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. (2) Definition (Inkonsistente Formelmenge): M heißt inkonsistent, wenn es eine Formel F gibt mit M F und M F. 11
13 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. (2) Definition (Inkonsistente Formelmenge): M heißt inkonsistent, wenn es eine Formel F gibt mit M F und M F. (3) Es gilt M F, genau dann, wenn M { F } inkonsistent ist. (Noch zu beweisen!) 11
14 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. (2) Definition (Inkonsistente Formelmenge): M heißt inkonsistent, wenn es eine Formel F gibt mit M F und M F. (3) Es gilt M F, genau dann, wenn M { F } inkonsistent ist. (Noch zu beweisen!) (4) Jede unerfüllbare Formelmenge ist inkonsistent. Äquivalent dazu: Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. (Noch zu beweisen!) 11
15 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. (2) Definition (Inkonsistente Formelmenge): M heißt inkonsistent, wenn es eine Formel F gibt mit M F und M F. (3) Es gilt M F, genau dann, wenn M { F } inkonsistent ist. (Noch zu beweisen!) (4) Jede unerfüllbare Formelmenge ist inkonsistent. Äquivalent dazu: Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. (Noch zu beweisen!) Dann gilt: Aus M = F folgt M { F } unerfüllbar. Daraus folgt M { F } inkonsistent. Und daraus folgt M F. 11
16 Vollständigkeit - Beweisskizze (I) (1) Es gilt M = F, genau dann, wenn M { F } unerfüllbar ist. (2) Definition (Inkonsistente Formelmenge): M heißt inkonsistent, wenn es eine Formel F gibt mit M F und M F. (3) Es gilt M F, genau dann, wenn M { F } inkonsistent ist. (Noch zu beweisen!) (4) Jede unerfüllbare Formelmenge ist inkonsistent. Äquivalent dazu: Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. (Noch zu beweisen!) Dann gilt: Aus M = F folgt M { F } unerfüllbar. Daraus folgt M { F } inkonsistent. Und daraus folgt M F. Im folgenden zeigen wir (3) und (4). 11
17 Konsistenz Definition: Eine Menge M von Formeln heißt konsistent, falls es keine Formel F gibt, für die sowohl M F als auch M F gilt. Die Menge M heißt inkonsistent, falls sie nicht konsistent ist. 12
18 Beispiel: Inkonsistente Mengen M 1 = {A, A} M 2 = { (A (B A))} M 3 = { B, B B} M 4 = {C, ( C D)} 13
19 Vorbereitung: das Deduktionstheorem Satz: Es gilt M {F } G genau dann, wenn M F G. Beweis: Wenn M F G dann M {F } F G. Mit M {F } F und Modus Ponens erhalten wir M {F } G. Es gelte nun M {F } G. Induktion über die Ableitung: Axiom/Hypothese: G Instanz eines Axioms oder G M {F }. Es gilt M G und M G (F G) (Axiom (1)). Modus Ponens ergibt M F G. Modus Ponens: M {F } H G, M {F } H, und M {F } G wurde mit Modus Ponens hergeleitet. Aus der IV folgt M F (H G) und M F H. Mit Axiom (2) erhält man M (F (H G)) ((F H) (F G)). Modus Ponens ergibt M F G. 14
20 Konsequenzen des Deduktionstheorems Lemma: Seien F,G beliebige Formeln. Folgende Aussagen gelten im Hilbert-Kalkül: (1) F, F G (2) M { F } F genau dann, wenn M F Beweis: (1) Mit Axiom (4) erhalten wir F ( F G). Zweimalige Anwendung des Deduktionstheorems ergibt dann F, F G (2) Wir nehmen zunächst an, dass M { F } F gilt. Mit dem Deduktionstheorem folgt dann M F F. Außerdem folgt mit Axiom (5), dass M ( F F) F gilt. Dann folgt M F mit Hilfe des Modus Ponens. Die umgekehrte Richtung ist trivial. 15
21 Vollständigkeit - Beweis von (3) Lemma: Es gilt M F, genau dann, wenn M { F } inkonsistent ist. Beweis: Wir verwenden die Konsequenzen des Deduktionstheorems. Wenn M F dann auch M { F } F. Wegen M { F } F ist M { F } inkonsistent. Wenn M { F } inkonsistent, dann gibt es eine Formel G mit M { F } G und M { F } G. Mit G, G F gilt M { F } F und somit M F. 16
22 Vollständigkeit - Beweis von (4) Wie zeigt man folgende Aussage? Wenn M konsistent ist, dann ist M erfüllbar. 17
23 Vollständigkeit - Beweis von (4) Wie zeigt man folgende Aussage? Wenn M konsistent ist, dann ist M erfüllbar. Antwort: Konstruktion einer erfüllenden Belegung A. Wenn A M gilt, dann setzen wir A(A) = 1. Wenn A M gilt, dann setzen wir A(A) = 0. 17
24 Vollständigkeit - Beweis von (4) Wie zeigt man folgende Aussage? Wenn M konsistent ist, dann ist M erfüllbar. Antwort: Konstruktion einer erfüllenden Belegung A. Wenn A M gilt, dann setzen wir A(A) = 1. Wenn A M gilt, dann setzen wir A(A) = 0. Problem: Was macht man, wenn weder A M, noch A M gilt? 17
25 Vielleicht kann man das Problem umgehen? Definition: Eine Menge M von Formeln heißt maximal konsistent, falls sie konsistent ist und für jede Formel F gilt: F M oder F M. 18
26 Vielleicht kann man das Problem umgehen? Definition: Eine Menge M von Formeln heißt maximal konsistent, falls sie konsistent ist und für jede Formel F gilt: F M oder F M. Wir erweitern M daher zunächst zu einer maximal konsistenten Menge M M. 18
27 Vollständigkeit - Beweisskizze für (4) (4) Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. 19
28 Vollständigkeit - Beweisskizze für (4) (4) Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. (4.1) Jede konsistente Menge kann zu einer maximal konsistenten Menge erweitert werden. 19
29 Vollständigkeit - Beweisskizze für (4) (4) Jede konsistente Formelmenge ist erfüllbar. (4.1) Jede konsistente Menge kann zu einer maximal konsistenten Menge erweitert werden. (4.2) Sei M eine maximal konsistente Menge und sei A die Belegung mit A(A) = 1 wenn A M und A(A) = 0 wenn A / M. Die Belegung A erfüllt M. 19
30 Beweis von (4.1) - Vorbereitung Lemma: Sei M eine konsistente Menge und sei F eine beliebige Formel. Dann gilt: M {F } konsistent oder M { F } konsistent. Beweis: Wir nehmen an, dass M konsistent ist und dass sowohl M {F } als auch M { F } inkonsistent sind. Dann gilt M { F } F und M {F } F. Damit gilt M F und M F. Damit ist M bereits inkonsistent, Widerspruch. 20
31 Beweis von (4.1) Satz: Jede konsistente Menge M kann zu einer maximal konsistenten Menge erweitert werden. Beweis: Sei F 0,F 1,F 2... eine Aufzählung aller Formeln. Nehme M 0 = M und M i+1 = { Mi {F i } falls M i {F i } consistent M i { F i } sonst Jede M i is konsistent. Damit ist M = i=1 M i auch konsistent und maximal konsistent. 21
32 Beweis von (4.2) - Vorbereitung Lemma: Für eine maximal konsistente Menge M gilt: (1) Für alle Formeln F gilt F M genau dann, wenn M F. (2) Für alle Formeln F gilt F M genau dann, wenn F M. (3) Für zwei Formeln F,G gilt F G M genau dann, wenn F M oder G M. Beweis: Wir zeigen nur exemplarisch: wenn F M dann F G M. Mit F M erhalten wir folgende Ableitung: 1. M F wegen F M 2. M F ( G F) Axiom (1) 3. M G F Modus Ponens aus 1. & M ( G F) (F G) Axiom (3) 5. M F G Modus Ponens aus 3. & 4. 22
33 Beweis von (4.2) Satz: Jede konsistente Menge M ist erfüllbar. Beweis: Sei M M maximal konsistent. Definiere A wie folgt: A(A) = 1 genau dann, wenn A M. Wir zeigen für alle Formeln F: A(F) = 1 gdw. F M. Durch Induktion: Atomare Formel: F = A eine atomare Formel. Einfach. Negation: F = G. Es gilt A(F) = 1 gdw. A( G) = 1 gdw. A(G) = 0 gdw. G M gdw. G M gdw. F M. Implikation: F = F 1 F 2. Es gilt A(F) = 1 gdw. A(F 1 F 2 ) = 1 gdw. A(F 1 ) = 0 oder A(F 2 ) = 1 gdw. F 1 M oder F 2 M gdw. F 1 F 2 M gdw. F M. 23
34 Nachbemerkungen Die Axiome (4) und (5) sind nicht unbedingt notwendig, sie können aus den anderen drei Axiomen hergeleitet werden. Es gibt auch einen Hilbert-Kalkül für die Prädikatenlogik! (Prädikatenlogik: siehe nächstes Kapitel). 24
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