Fähig, stabil, beherrscht Ist das eigentlich noch normal?
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- Bärbel Lehmann
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1 Fähig, stabil, beherrscht Ist das eigentlich noch normal? Autor: Dr. Wolfgang Schultz Bei der Diskussion über die Prozessfähigkeit werden wir mit den 3 im Titel genannten Begriffen konfrontiert. Ist das nicht eigentlich alles dasselbe oder gibt es da etwa doch Unterschiede? In unserem Fachbeitrag "Prozessfähigkeit Eine kurze Erläuterung" vom 16. März 2016 haben wir das Grundprinzip der Prozessfähigkeitsanalyse erläutert. Mit diesem Beitrag möchten wir daran anknüpfen und die Bedeutung der drei genannten Begriffe näher beleuchten. Wir hatten in dem vorherigen Fachbeitrag die Normalverteilung und die Berechnung einer auf ihr beruhenden Fähigkeitskennzahl vorgestellt. Kurz angerissen hatten wir, dass in der Realität eine Reihe von Prozessen über einen kurzen Betrachtungszeitraum recht gut durch eine Normalverteilung angenähert werden kann. Dies ist als empirische Erkenntnis für viele typische Produktionsprozesse - Drehen, Fräsen, Bohren, Ablängen, Schleifen und einige andere - zutreffend. Wir hatten aber auch schon den Ausblick gegeben, dass es über einen längeren Zeitraum beobachtet in den meisten Fällen zu mehr oder weniger großen Abweichungen von der Normalverteilung kommt. Nahezu alle realen Prozesse sind einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt, die die im vorherigen Beitrag diskutierten rein zufälligen Streuungen überlagern. Man denke an Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht oder Sommer und Winter, unterschiedliche Materialchargen, Werkzeugverschleiß oder auch einfach den Bedienereinfluss. Dabei können sich die Parameter der Verteilung über die Zeit betrachtet zufällig und/oder systematisch ändern. In jedem Falle wird die Gesamtstreuung aller Werte größer werden. Die Verteilung aller Einzelwerte zusammen kann unterschiedlichste Formen annehmen, z. B. abgeflacht, steil, schief, mehrgipflig, aber auch normalverteilt. In der nachfolgenden Grafik ist beispielhaft eine der zahlreichen möglichen Varianten dargestellt. Bild 1 Werteverlauf und Histogramm eines Prozesses mit z. B. chargenabhängigen Mittelwertsprüngen (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 1
2 Der Prozess ist eindeutig nicht stabil, aber wenn sich die Mittelwertsprünge weiterhin in dem bestehenden Rahmen halten offensichtlich fähig. Quasi als Antwort darauf gibt es in der deutschen Norm DIN bereits seit den 80er Jahren eine Definition für ein "beherrschtes Prozessmerkmal". Die Definition lässt erkennen, dass die Verfasser der Norm sich im Klaren waren, gewisse Instabilitäten eines Prozesses in Kauf nehmen zu müssen und zu wollen, wenn sie denn die in der Definition genannten Bedingungen erfüllen. Nichts anderes ist übrigens der Grund, warum in der Six Sigma-Methode eine maximale "Shift" von +/- 1,5 σ berücksichtigt wird. Dies trägt eben aus empirischer Erkenntnis heraus der Tatsache Rechnung, dass reale Prozesse zusätzlichen Schwankungen unterliegen. Aus technischen Gründen und auf Basis von empirischen Erkenntnissen sind aber bestimmten Merkmalsarten auch andere typische Verteilungen zuzuordnen - unter der Voraussetzung, dass deren Parameter konstant sind, also i. A. bei Kurzzeitbetrachtung. Eine solche Zuordnung ist beispielsweise im Daimler Leitfaden LF 1236 dokumentiert. Eine technische Begründung wird in unserem Seminar 013-STM "Prozessfähigkeitsuntersuchung" gegeben. Bild 2 Tabelle A-1 aus Daimler Leitfaden LF 1236 (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 2
3 Eine Betragsverteilung 1. und 2. Art sehen z.b. so aus: Bild 3 Beispiele für Betragsverteilung 1. und 2. Art Auch hier ist aber zu erwarten, dass aufgrund der zahlreichen Einflüsse auf den Prozess die Parameter dieser mathematisch abbildbaren Verteilungen sich über die Zeit hinweg verändern und zu mehr oder minder großen Abweichungen von der zugeordneten Verteilungsform führen. Ungeachtet dieser Realitäten legen die angloamerikanischen Regelwerke (SPC-Manuals von AIAG, IATF 16949) jeweils einen stabilen (stable, in a state of statistical control) Prozess zugrunde. Die Definition von stabil lautete dort nahezu identisch wie sie aktuell in der DIN ISO gegeben ist: Für Prozesse, die nach dieser Definition nicht stabil sind, dürfen laut den entsprechenden Regelwerken (Normen und Firmen-/Verbandsrichtlinien) keine Fähigkeitskennwerte C p und C pk angegeben werden, sondern nur Leistungskennwerte P p, P pk. Das große P steht für performance (Leistung). Dass diese Beschränkung auf die hypothetische Stabilität für die Praxis untauglich ist, wurde im Jahre 1997 in der unter Qualitätsfachleuten als "Nowack-Studie" bekannten Untersuchung der Firma Daimler bestätigt. In dieser Studie waren nur ungefähr 2 % von 1000 untersuchten Prozessen stabil gemäß der genannten Definition. Eine Veröffentlichung über die Studie in der QZ Jahrg. 44 (1999) 6 titelte dann auch "Nur scheinbar instabil" und mündete in dem Vorschlag, die Definition des Begriffes "stabil" im Prinzip auf die Definition von "beherrscht" zu erweitern. Auf dieser Grundlage wurde ein deutsches Normungsprojekt aufgelegt, aus dem heraus im März 2002 die DIN veröffentlicht wurde. In dieser Norm wurden zwei weitere Begriffe definiert, die dieser Erkenntnis Rechnung tragen. (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 3
4 Ausgehend von den beiden grundlegenden Modellen - Normalverteilung und unimodale Nicht-Normalverteilung - werden in der Norm die möglichen Kombinationen von Veränderungen der Parameter Lage und Streuung betrachtet. Die Klassifikation ist in der folgenden Matrix dargestellt. Diese ist der aktuell gültigen Version der Norm DIN ISO entnommen. Bild 4 Tabelle 1 aus DIN ISO Klassifizierung der zeitanhängigen Verteilungsmodelle Für die resultierenden Verteilungszeitmodelle werden in der Norm verschiedene Berechnungsmöglichkeiten für die QualitätsFÄHIGKEITSindizes "beherrschter Prozesse" dargestellt. Parallel mit diesem nationalen Normungsprojekt wurde ein internationales Normungsprojekt mit den gleichen Inhalten angestoßen. Auf internationaler Ebene setzten sich darin die Verfechter der "stabilen" Prozesse durch und es wurde die Unterscheidung "Prozessfähigkeit (capability)" für stabile und "Prozessleistung (performance)" für nicht stabile Prozesse eingeführt. Als Ergebnis erschien die ISO Die Benennung "beherrscht" wurde synonym mit "stabil" verwendet, die Definition von "beherrscht" entfiel. ISO wurde dann rückübersetzt ins Deutsche, im Jahr 2007 als DIN ISO veröffentlicht und die DIN zurückgezogen. Das bedeutete, nur wenn der Prozess stabil gemäß der o. g. Definition ist, dürfen Fähigkeitsindizes (C p, C pk ) angegeben werden. Das betrifft also (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 4
5 nur die beiden Prozessmodelle A1 und A2 in Bild 4. In allen anderen Fällen dürfen nur Leistungsindizes (P p, P pk ) angegeben werden, d. h. auch in den Fällen, in denen ein Prozess zwar nicht stabil gemäß , aber beherrscht gemäß ist. C p und C pk müssten damit zu Sammlerobjekten mit Seltenheitswert mutieren. Damit war nun ein Dilemma entstanden. Zumindest in Deutschland war es schon lange üblich, die zusätzlichen Streuungen der realen Prozesse zu berücksichtigen und "beherrschte" Prozesse durch die Anwendung von Qualitätsregelkarten mit erweiterten Eingriffsgrenzen oder Annahmeregelkarten zu überwachen (deren Zielsetzungen und Prinzip werden wir in einem weiteren Artikel erläutern). Solange die darauf basierenden Eingriffsgrenzen nicht verletzt werden, gelten die Prozesse als fähig. Das allerdings widerspricht der Stabilitätsforderung der DIN ISO Als eine Art zivilen Ungehorsam haben einige deutsche Hersteller die genannte Vorgehensweise beibehalten, z. B. Daimler, VW, Bosch. Zwar wird in den Firmenrichtlinien normkonform zwischen C und P unterschieden, aber in den Auswertestrategien in qs-stat werden auch für Regelkarten mit erweiterten Eingriffsgrenzen C-Werte ausgewiesen. Die gute Nachricht: Auf die Ermittlung der Zahlenwerte für C und P hat das keinerlei Einfluss. Bei der Überarbeitung der ISO und Herausgabe als ISO haben die deutschen Vertreter im zuständigen ISO Gremium TC 69 darauf bestanden, den Begriff "beherrscht" wieder von stabil zu unterscheiden und die alte Definition wieder aufzunehmen. Diese wird allerdings in der Norm nur abgedruckt, im Weiteren aber überhaupt nicht verwendet. Wir haben wenigstens in einer nationalen Fußnote auf diese Entwicklung hingewiesen. Und hiermit kommen wir nochmal zurück zur Titelfrage: "Ist das eigentlich noch normal?" oder doch Haarspalterei? Unser Fazit: Kurzfristig sind viele Prozesse näherungsweise normalverteilt. Die zusätzlichen Schwankungen insbesondere der Mittelwertlagen führen zu mehr oder weniger starken Abweichungen von der Normalverteilung. Die Beschränkung der Fähigkeitsbeurteilung in DIN ISO auf stabile Prozesse ist theoretischer Natur und für die Praxis untauglich. Reale Prozesse bilden sich am häufigsten im Prozessmodell C (C1 bis C4) der Norm ab. Auf viele davon trifft die Definition des "beherrschten Prozesses" nach DIN ISO , zu. Die Akzeptanz dieser zusätzlichen Streuungen ist aus wirtschaftlichen Gründen so gut wie immer sinnvoll. Für die "Beherrschung" des Prozesses sind Qualitätsregelkarten mit erweiterten Eingriffsgrenzen oder Annahmeregelkarten zweckmäßige Werkzeuge. Die Diskussion um den Namen Prozessfähigkeit oder Prozessleistung ist eher nebensächlich, da sie wie vorher bereits gesagt, keinen Einfluss auf die Aussagekraft des Zahlenwertes hat. Einige repräsentative Konstellationen zu stabil, beherrscht und fähig zeigen wir in der nachfolgenden Grafik. Sofern in Ihrem Unternehmen individueller Klärungsbedarf zu diesem Thema besteht, sprechen Sie uns gern an. (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 5
6 Bild 5 Repräsentative Beispiele zum Thema beherrscht stabil fähig (C pk > 1,33) (TEQ GmbH, 2015) copyright reserved Schutzvermerk ISO beachten Seite 6
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