Palliative Wundversorgung
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- Agnes Baumann
- vor 8 Jahren
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1 Palliative Wundversorgung Exam. Krankenschwester Pflegetherapeutin Wunde ICW e.v. Zertifizierte Wundexpertin ICW e.v. Geprüfte Wundberaterin AWM Zertifizierte Pflegeexpertin Haut Pain Nurse & Pain Nurse Plus Fachbuchautorin Fachliche Leitung Wundmitte Akademie
2 Definition: palliativ pal li a tiv Wortart: Adjektiv Gebrauch: Medizin Bedeutung schmerzlindernd; die Beschwerden einer Krankheit lindernd, aber nicht [mehr] die Ursachen einer Krankheit bekämpfend Herkunft zu spätlateinisch palliare = mit einem Mantel bedecken Quelle: Duden 2
3 Definition nach WHO 2002 Palliativmedizin ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit den Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, gewissenhafte Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art. 3
4 Die 5 Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross Nichtwahrhabenwollen & Isolierung / Rückzug Zorn Verhandeln Depression Akzeptanz 4
5 Wundversorgung in Palliativsituationen Palliative Wundversorgung heißt, dass der Betroffene sich in einer Situation befindet, in der trotz aller Maßnahmen, die ergriffen werden, es aufgrund der Erkrankung bzw. des Zustandes des Menschen zu keiner Abheilung der Wunde mehr kommen kann. Dies betrifft in der Regel Menschen am Ende ihres Lebens, bei denen der Tod absehbar ist. (Danzer, 2013) 5
6 Palliativ oder kurativ? Ziel palliativ: Ziel kurativ: Erhalt bzw. Förderung der Lebensqualität Symptomkontrolle Blutung Geruch Abheilung der Wunde Hierfür werden alle notwendigen Wund- und Kausaltherapien ergriffen Exsudation Infektion Schmerz Wundrand und -umgebung 6
7 Tumorwunden 7
8 Entstehung von Tumorwunden Primärer Hauttumor Tumorwachstum Tumorzerfall Verletzung im Bereich des Tumors Entartung von Gewebe, z.b. bei Ulcus cruris Metastasen 8
9 Häufigste Tumorarten, die exulcerieren können: Plattenepithelcarcinome Weichteiltumore / Sarkome Hauttumore (z.b. Melanom, Basaliom, Spinaliom) T-Zell-Lymphome (z.b. Mycosis fungoides) Lymphmetastasen Urotheltumore Anal- / Rektalcarcinom 9
10 Patienten mit Tumorwunden können häufig nur palliativ behandelt werden! Wichtig ist es, den Patienten in seiner Gesamtheit zu sehen und dessen Lebensqualität zu fördern! 10
11 Häufigste Probleme bei Tumorwunden Exsudation Infektion Blutung Geruch Schmerz Wundrand und -umgebung 11
12 Wichtig zu beachten: Verschlechterung der Wundverhältnisse bei Gleichzeitiger Chemotherapie und/oder Bestrahlung Zunehmende Verschlechterung des Allgemeinzustandes, sowie des Ernährungszustandes Bei Infektionen aufgrund der schlechten Abwehrlage 12
13 Vorab: Allgemeines zur Versorgung von Tumorwunden Wundreinigung Off label use Atraumatischer Verbandswechsel 13
14 Wundreinigung So schonend wie möglich durchführen. Unnötige Manipulationen in der Wunde vermeiden kann zu (heftiger) Kontakt- bzw. Spontanblutung führen. Chirurgisches Débridement nur in Ausnahmefällen Blutgerinnung!! 14
15 Wundreinigung Mechanische Wundreinigung sehr vorsichtig ausführen. Spülungen ohne hohen Druck Verletzungsrisiko des Gewebes, Blutungsrisiko 15
16 Definition: Off-label use Unter off-label use (zulassungsüberschreitende Anwendung) versteht man eine außerhalb des in der Zulassung beantragten und von den nationalen oder europäischen / internationalen Zulassungsbehörden genehmigten Gebrauchs hinsichtlich der Anwendungsgebiete (Indikationen) eines Fertigarzneimittels. Beispiele: Salbeitee, Nasentropfen, Antacida, Adrenalin, Metronidazol, 16
17 Atraumatischer Verbandswechsel Verbandstoffe wählen, die nicht mit der Wunde verkleben. Silikonbeschichtete Wundverbände bzw. Silikonhaftrand» Mepilex, Mepilex Lite» ALLEVYN Gentle» Biatain Silikon» Cutimed Siltec» 17
18 Atraumatischer Verbandswechsel Wunddistanzgitter verwenden» Z.B. Mepitel, Mepitel One, sorbion plus, ADAPTIC TOUCH, Askina SilNet, Cuticell Contact» sorbion sana (Kombinationsverband = Wunddistanzgitter + superabsorbierende Kompresse)» 18
19 Exsudation Häufig starke Exsudation wichtig gutes Exsudatmanagement! Möglichkeiten: Superabsorbierende Kompressen» Z.B. Zetuvit Plus, sorbion sachet s, Vliwasorb, Cutisorb Ultra, Hydropolymerverbände / Polyurethanschaumverband» Z.B. ALLEVYN, Biatain, Suprasorb P, PolyMem, 19
20 Exsudation Alginat» Z.B. Sorbalgon, Biatain Alginate, ALGISITE M, Cutimed Alginate» Hydrofaser» AQUACEL (geht zum außer Handel), AQUACEL Extra, DURAFIBER 20
21 Infektion Erhöhtes Infektionsrisiko Immunstatus des Betroffenen Anwendung von Antiseptischen Lösungen / Gelen» Octenisept / Octenilin Lösung / Octenilin Wundgel» Prontosan Wundspüllösung, Prontosan Woundgel, Lavanid Lösung/Gel, Serasept Einwirkzeiten beachten (Octenidinhaltige Lösungen 2 3 Minuten) (Polihexanidhaltige Lösungen Minuten) 21
22 Infektion Einsatz von Bakterienbindende (hydrophobe) Faser» Cutimed Sorbact (Tamponade / Kompresse) Nicht in Verbindung mit Fetten verwenden! Einsatz von silberhaltigen Verbandstoffen» Hydropolymerverband» Gaze» Alginat» Hydrofaser» Silber-Aktivkohle-Auflage 22
23 Blutung Unterscheidung: Spontan- oder Kontaktblutungen Kontaktblutungen häufig bei Verbandwechseln durch brüchiges Gewebe (Tumorgewebe) bzw. Gefäße Spontanblutungen, z.b. durch Infiltration von Gefäßen Schlechter Gerinnungsstatus bei Tumorpatienten! 23
24 Blutung: schwach Eiswürfel aus NaCl 0,9%» Bei Kapillarblutungen» Gefäßverengende Wirkung Salbeitee getränkte Kompressen» Adstringierende Wirkung» Unter Kompression aufbringen» Zusätzlich antibakterielle und antimykotische Eigenschaften Calcium-Alginat» Hoher Calciumanteil, fördert Blutgerinnung» Lässt sich atraumatisch aus der Wunde entfernen 24
25 Blutung: schwach Xylometazolin / Naphazolinnitrat (Schnupfenmittel) Off-label use» Blutungsquelle bedecken» Gefäßverengende Wirkung Tranexamsäure Off-label use» Hemmung der Fibrinolyse 25
26 Blutung: stärker Adrenalingetränkte Kompressen» In Verdünnung (1:10; ggf. niedrigere Verdünnungen)» Unter Kompression aufbringen» CAVE: Wirkung lässt nach ca. 10 Minuten nach Hämastyptika» Z.B. Tabotamp» Verklebt mit der Wunde» Nicht gewaltsam entfernen! Wird vom Körper langsam resorbiert. 26
27 Blutung: Verbluten Dunkle Tücher bereithalten!» Psychologischer Effekt Sedierung soweit möglich. 27
28 Geruch Entsteht durch Gewebszerfall, Exsudat, Keimbesiedelung / Infektion» Häufig anaerobe Keime Aktivkohleverbände» Mit und ohne Silber» Geruchsbindende Eigenschaften» Z.B. CarboFlex, CARBONET, NOBACARBON, Vliwaktiv, Vliwaktiv Ag, ACTISORB SILVER 220 Patient riecht sich selbst! 28
29 Geruch Superabsorbierende Kompressen» Enthaltenes Polyacrylatgranulat bindend Exsudat und Eiweißstoffe» Z.B. sorbion sachet, Zetuvit Plus, Vliwasorb, Cutisorb Ultra Einsatz von Lokalantiseptika» Octenidinhaltige / polyhexanidhaltige Lösungen oder Gele 29
30 Geruch Metronidazol Lösung / Gel Off-label use» Für 5 bis 7 Tage, ggf. wiederholen» Wirkeintritt erst nach wenigen Tagen 2%ige Chlorophyll-Lösung» Herstellung in der Apotheke» Anwendung: Auf die Wundabgewandte Seite aufbringen (manche empfehlen angefeuchtete Kompressen in die Wunde legen Grünfärbung möglich) Chlorophyll Dragees» Einnahme von z.b. Stozon Dragees gegen Mund- und Körpergeruch 30
31 Geruch Nilodor» Synthetischer Geruchsbinder» Wenige Tropfen auf geschlossenen Verband Ggf. Schälchen mit Kaffeepulver/Essigwasser aufstellen» Geruchsbindende Eigenschaften 31
32 Geruch Duftöle / Aromalampen (elektrisch)» Frische / Herbe Düfte wählen, keine süßen / schweren Düfte» Nach Vorlieben des Betroffenen» Möglichst nur einen Duft verwenden Geruchsmix kann Übelkeit verstärken Raum regelmäßig lüften Ausduschen» Mit Sterilfiltern!» Mit wenig Druck, kein starker Duschstrahl 32
33 Geruch Ggf. systemische Antibiotika-Gabe» Reduktion der Keime von innen, z.b. Clindamycin (wirksam gegen anaerobe Keime) Abdeckung mit Folien» Nur im Ausnahmefall, um Geruchsausbreitung für gewissen Zeit zu verhindern 33
34 Schmerz Schmerztherapie nach WHO-Stufenschema! Nicht-medikamentöse Schmerztherapie nutzen Schmerzmittelgabe 30 Min. vor Verbandswechsel ( nichtretardiertes Schmerzmittel!) So viele Verbandswechsel wie nötig und so Wenige wie möglich! Unnötige Manipulationen in der Wunde vermeiden Wundspüllösungen anwärmen 34
35 Schmerz 35
36 Schmerz Wundauflagen mit Silikonbeschichtung, Lipokolloidbeschichtung oder Soft-Gel bevorzugen Verwendung von Ibuprofen-haltigem Polyurethanschaumverband (Biatain Ibu) nur sinnvoll wenn Exsudat vorhanden und Wunde frei von Belägen ist Keine Einschnürungen durch festes Anwickeln, Verband spannungsfrei anbringen. 36
37 Wundrand und -umgebung Alkoholfreie Hautschutzfilme» 3M Cavilon Hautschutzfilm Spray oder Applikatorstäbchen» SECURA Spray oder Applikatorstäbchen» Askina Barrier Film (nur Spray)» Cutimed Protect Spray oder Applikatorstäbchen» Trockene, saubere Haut» 30 Sek. trocknen lassen» Keine Anwendung von Ölen oder Fetten vorher 37
38 Wundrand- und Wundumgebung Silikonfilm» Silesse Tücher oder Spray» BRAVA Tücher oder Spray» Sensi-Care Tücher, Spray oder Applikator» Muss bei jedem Verbandswechsel erneuert werden 38
39 Psyche Betroffene durchläuft Sterbephasen! Tumorwunden = Verunstaltung, Patienten fühlen sich als Monster (bes. bei Tumoren im Gesichts- / Halsbereich), fühlen sich entstellt Patient schämt sich, empfindet Ekel vor sich selbst Angst vor Mitmenschen Geruch, Exsudation Rückzug Bei Ängsten vor Geruch, Exsudation Patient über Verbandsmaterialien und ihre Wirkung aufklären 39
40 Ernährung Nährstoffdefizit! Schlechte Nährstoffaufnahme Appetitlosigkeit, Übelkeit / Erbrechen / Diarrhoe durch Chemo, Ulcerationen der Mundschleimhaut Schmerzen beim Essen Geruchsveränderungen (Patienten riechen schlechter oder gar nicht durch Chemo) Geschmacksveränderungen (Patienten haben häufig einen metallischen Geschmack) 40
41 Ernährung Nährstoffdefizit! Schlechte Nährstoffaufnahme Appetitlosigkeit, Übelkeit / Erbrechen / Diarrhoe durch Chemo, Ulcerationen der Mundschleimhaut Schmerzen beim Essen Geruchsveränderungen (Patienten riechen schlechter oder gar nicht durch Chemo) Geschmacksveränderungen (Patienten haben häufig einen metallischen Geschmack) 41
42 Ernährung Regelmäßige Ermittlung von Körpergewicht, BMI, Energiebedarf Zusätzliche Gabe von Trinknahrung Substitution von Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen Ggf. enterale Ernährung über Ernährungssonden, vorübergehende oder dauerhafte PEG-Anlage Ggf. parenterale Ernährung, insbesondere bei Diarrhoe Schädigung der Darmschleimhaut durch Chemo / Bestrahlung 42
43 Palliativsituationen 43
44 Ziel in der palliativen Wundversorgung Selbes Ziel wie bei Versorgung von palliativen Tumorwunden: Symptomkontrolle Erhalt bzw. Verbesserung der Lebensqualität 44
45 Dekubitus am Lebensende Häufig trotz aller Maßnahmen nicht vermeidbar Körper ist am Ende seiner Ressourcen Blutvolumen zentralisiert Sauerstoffmangel in der Peripherie 45
46 Literaturliste Angelika Fuchs, Dekubitus, Kohlhammer Verlag, Stephan Daumann, Wundmanagement und Wunddokumentation, Kohlhammer Verlag, Chronische Wunden Beurteilung und Behandlung, Kohlhammer Verlag,, Wundbeurteilung und Wundbehandlung, Kohlhammer Verlag / Bernd Assenheimer, 100 Fragen zur Wundbehandlung, Brigitte Kunz Verlag, Hannover / Anke Bültemann, 100 neue Fragen zur Wundbehandlung, Brigitte Kunz Verlag, Hannover Gregor Voggenreiter / Chiara Dold, Wundtherapie, Thieme Verlag, Stuttgart Kerstin Protz, Moderne Wundversorgung, Urban & Fischer Kerstin Protz / Werner Sellmer / Bernd von Hallern, Wunde einfach praktisch, BvH Verlag für medizinische Publikationen Bernd v. Hallern, Kompendium Wundbehandlung, BvH Verlag für medizinische Publikationen Joachim Dissemond, Ulcus cruris Genese, Diagnostik und Therapie, UNI-MED Verlag, René Bostelaar (Hrsg.), Wundmanagement in der Klinik, Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover Anette Vasel-Biergans / Wiltrud Probst, Wundauflagen für die Kitteltasche, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbh, Stuttgart Anette Vasel-Biergans / Wiltrud Probst, Wundversorgung für die Pflege, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbh, Stuttgart Erwin Riedel et. al., Verbandstoff-Fibel, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbh, Stuttgart Ingo Blank, Wundversorgung und Verbandwechsel, Kohlhammer Verlag, Stuttgart Klaus Gellert, Techniken zum Wundverschluss, Thieme Verlag, Stuttgart Eva-Maria Panfil / Gerhard Schröder, Pflege von Menschen mit chronischen Wunden, Hans Huber Verlag, Bern 46
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