1 Einleitung. Beispiel 1 (Musterbeispiel)



Ähnliche Dokumente
Private Banking. Region Ost. Risikomanagement und Ertragsverbesserung durch Termingeschäfte

Optionen. Börsennotierte Finanzanlageprodukte Optionen. Beispiel:

Termingeschäfte. Bedingte Termingeschäfte. Unbedingte Termingeschäfte, bedingte Ansprüche (contingent claims) unbedingte Ansprüche

Flonia Lengu. Termingeschäfte: Futures und Optionen/Forwards/Futures: Terminkauf und -verkauf

Aufgaben Brealey/Myers [2003], Kapitel 20

Optionsstrategien. Die wichtigsten marktorientierte Strategien Jennifer Wießner

Spekulation ist die meist kurzfristige, gewinnorientierte Ausnutzung erwarteter Preisänderungen.

Optionen am Beispiel erklärt

Investition und Finanzierung

Lösungshinweise zum Aufgabenteil aus Kapitel 6

Finanzierung. Prof. Dr. Rolf Nagel


Thema 21: Risk Management mit Optionen, Futures, Forwards und Swaps

Wichtige Begriffe in der Finanzmathematik

Dossier Anlage in Derivaten

HSBC Zertifikate-Akademie

Ein Meilenstein in der deutschen Bankenlandschaft. Bonn, 12. September 2008 Frank Appel, Josef Ackermann, Wolfgang Klein

Getreidehandelstag am 11./12. Juni 2012

HSBC Zertifikate-Akademie

HSBC Zertifikate-Akademie

Was unterscheidet eine Option von einem anderen, an der Börse handelbaren Finanzprodukt?

Bonuszertifikate II: Konstruktion, Kursverhalten und Produktvarianten

G. und V. Long Call Finanzierung und Investition

Indikatoren nicht Alles oder alles Nichts?

Aufgaben Brealey/Myers/Allen [2005], Kapitel 20

Positionstrading. am Webinarbeginn um 19:00 Uhr. des PTT:

Call: DE3S26 ab

Optionspreistheorie Seminar Stochastische Unternehmensmodelle

Die Cash-Extraction-Strategie

Konto-Nummer. Depot-Nummer. Ort, Datum

Minimale Preisbewegung: 1 Punkt, entsprechend einem Wert von 10 Franken März, Juni, September, Dezember

Generalthema: Derivate Finanzinstrumente: Bewertung und Einsatzmöglichkeiten

Kurzzusammenfassung zu Derivate

Anlagestrategien mit Hebelprodukten. Optionsscheine und Turbos bzw. Knock-out Produkte. Investitionsstrategie bei stark schwankenden Märkten

Warenterminbörse Preissicherung auf schwanken Agrarmärkten. Bad Hersfeld

Vor- und Nachteile des Dieselmotors. Vorteile. Drehmoment Verbrauch Einf. Bau. Geringe variable Kosten durch niedrigeren Verbrauch

Ölsaatenhandelstag am 18./19. September 2012

1. Einleitung Ausgangssituation...2

Vertical-Spreads Iron Condor Erfolgsaussichten

Fakultät III Wirtschaftswissenschaften Univ.-Prof. Dr. Jan Franke-Viebach

Mit Hebelprodukten profitieren. Grundlagenwissen Hebelzertifikate: Wie sie funktionieren!

Plan. Market Spreads. Volatility Spreads. Straddle Long Straddle Short Straddle. Bull Spread. Strangle. Mit Calls Mit Puts Bear Spread

Generalthema: Ausgewählte Fragen der Fremdfinanzierung

Internationale Finanzierung 7. Optionen

Finanzmanagement 5. Optionen

TRAINING CENTER. Interpretation der Aktiendepot - Signaltafel

Aufgabe 1 (25 Punkte) DIPLOMPRÜFUNG. TU Bergakademie Freiberg Fakultät für Wirtschaftswissenschaften

Musterlösung Übung 3

Short-Term Interest-Rate Futures EURO Money Market Future

Aufgaben Brealey/Myers [2003], Kapitel 21

E1.5-2 Was ist ein Optionsschein und welche Rechte werden in ihm verbrieft?

Musterlösung Übung 2

Produkttypenbeschreibung

Fakultät III Wirtschaftswissenschaften Univ.-Prof. Dr. Jan Franke-Viebach

So wähle ich die EINE richtige Option aus

Update Nr. 1 vom 23. Juli 2013

Stimmrechte: Veröffentlichung gemäß 26 Abs. 1 WpHG mit dem Ziel der europaweiten Verbreitung

ODAX Call / Put Open Interest Übersicht

Anlage in Finanzderivaten / Strukturierten Wertpapieren

ODAX Call / Put Open Interest Übersicht

ODAX Call / Put Open Interest Übersicht

Optionen, Futures und andere Derivate Das Übungsbuch. John C. Hull

Merkblatt. Pkw-Nutzung durch Unternehmer. Inhalt

Fakultät III Univ.-Prof. Dr. Jan Franke-Viebach

Das doppelte Lottchen Von Verträgen mit (angeblichen) Vertretern

Grundlagen der Finanzierung

Live-Trading mit Optionen

Knock-Out Zertifikate Christopher Pawlik

Allianz Autowelt Kaufvertrag für ein gebrauchtes Kraftfahrzeug

Financial Engineering....eine Einführung

Trading Chancen mit intelligenten Ordertypen optimal ausnutzen. 29. April 2015 Christopher Pawlik

Die richtige. Wertstrategie ist der Motor Ihres Immobilienverkaufs

Devisentermingeschäft (Spekulation) Seite 1

GERMAN language edition published by PEARSON DEUTSCHLAND GMBH, Copyright 2012.

Erfolgreich handeln mit Optionen

o Over the counter 5 Futures (z. B. Rohwarentermingeschäfte [standardisierte Kontraktbedlnqunqen: Börsenhandeil) Swiss GAAP FER 27: Derivate 219

Endlich raus aus dem Zertifikate-Dschungel

Market Analysis by Moving Averages

Volatilitätsstrategie mit Optionen

Eurex Optionen Strategien für Fortgeschrittene

Sensitivitätsfaktoren

GKB Devisenhandel. Individuelle Lösungen und effiziente Geschäftsabwicklung mit fairen Preisen. Die Bündner Art der Geldanlage. gkb.

Finanzmathematik Wie funktioniert eigentlich Hedging?

Trader Tour: Optionsscheine

Dr. Peter Putz. Strategisch Investieren. mit. Aktienoptionen. Konservativer Vermögenszuwachs. durch Stillhaltergeschäfte

Spielanleitung. Das große Spiel um Haus und Grund Für 3-6 helle Köpfe von Jahren

Mistrade Ranges für Options-Strategien: Anpassung der Regel zur Bestimmung von Mistrade Ranges

Feststellungsprüfung Deutsch als Fremdsprache. Hörverstehen. Fairer Handel

2. Optionen. Optionen und Futures Optionen. 2.1 Was sind Optionen?

Transkript:

9 1 Einleitung Derivate heißt so viel wie Abkömmlinge oder Abgeleitete (lat. derivare = ableiten). Viele Leute können sich gar nicht vorstellen, wie häufig sie im Alltag mit Derivaten in Berührung kommen. Das folgende Musterbeispiel schildert eine Situation, in der die Nachbarn Vogel und Neumann unbewusst ein Optionsgeschäft miteinander abschließen. Optionsgeschäfte stellen eine der vielen Arten von Derivategeschäften dar. Beispiel 1 (Musterbeispiel) Der 63-jährige Versicherungsvertreter Vogel will sich in einem Jahr zur Ruhe setzen und überlegt, wie er seinen gut erhaltenen Firmenwagen Marke Daimler günstig veräußern kann. Gleichzeitig hat sein 30-jähriger Nachbar Neumann, von Beruf aus Personalberater, der sich in einem Jahr selbständig machen möchte, einen prüfenden Blick auf das Fahrzeug geworfen. Er trägt sich mit dem Gedanken, den Wagen von Vogel zu erwerben. Vogel weiß andererseits von den Existenzgründungsplänen Neumanns und kann sich vorstellen, dass dieser an seinem Wagen Interesse hat. Beide planen einen Geschäftsabschluss und überlegen, wie sie taktisch am klügsten vorgehen sollten:

10 Was Sie über Derivate wissen müssen Variante 1: Die Initiative geht von Neumann aus. Er fragt Vogel, ob er seinen Wagen verkaufen will. Vogel würde unter der Bedingung zusagen, dass er das Auto erst in einem Jahr genau am 1.9.2010 übergibt und sicher sein kann, dass Neumann den Wagen zu diesem Zeitpunkt noch haben will. Da Neumann Interesse am Kauf zeigt, schlägt er Vogel folgende Lösung vor: Er zahlt eine Prämie von 1.000 für das Recht nicht jedoch für die Verpflichtung den Wagen genau in einem Jahr für 20.000 kaufen zu dürfen. (Der Preis entspricht dem Marktpreis und es soll der Einfachheit halber keine Abnutzung unterstellt werden.) Anders ausgedrückt, Neumann darf den Wagen zu diesem Kaufpreis (im Folgenden: Basispreis ) beziehen. Wenn er wider Erwarten abspringt, kann Vogel die Prämie behalten und sich nach einem anderen Käufer umsehen. Vogel muss allerdings das Fahrzeug am 1.9.2010 für den Fall bereithalten, dass Neumann von seinem Kaufrecht Gebrauch macht. Vogel willigt ein, weil er nicht glaubt, dass der Preis für seinen Daimler in einem Jahr über 21.000 steigt. In diesem Fall hätte er am Markt einen höheren Preis erzielt als von Neumann, der ihm inklusive 1.000 Prämie insgesamt 21.000 bietet. Sie schließen am 1.9.2009 das Geschäft ab. Der Sachverhalt lässt sich auf einer Zeitachse darstellen:

1 Einleitung 11 1. N kauft das Kaufwahlrecht, den Wagen von V am 1.9.2010 für 20.000 kaufen zu können. 2. V verkauft an N das Kaufwahlrecht. N = Neumann V = Vogel 1.9.2009 Geschäftsabschluss 1.9.2010 (eventuelle) Ausübung des Kaufwahlrechtes sowie Bezahlung durch N und Übergabe durch V. Abbildung 1 Variante 2: Die Initiative geht von Vogel aus. Vogel fragt Neumann, ob er seinen Wagen kaufen möchte, unter der Bedingung, das Fahrzeug erst in einem Jahr genau am 1.9.2010 liefern zu können. Neumann ist grundsätzlich interessiert, bleibt jedoch unentschlossen. Er überlegt, ob er dann am Markt einen vergleichbaren Daimler vielleicht günstiger erstehen kann. Vogel will ihm die Entscheidung versüßen und bietet 1.000 als Prämie für das Recht, nicht aber die Verpflichtung, den Wagen am genannten Tag für 20.000 an ihn verkaufen zu können. Anders ausgedrückt, Vogel darf Neumann den Wagen zum Basispreis andienen. Jetzt ist Neumann überzeugt, weil er nicht glaubt, dass der Marktpreis in einem Jahr unter 19.000 fällt. Erst dann wäre ein Marktkauf günstiger. Falls Vogel sich anders entschließt und abspringt, darf er die Prämie behalten und kann sich nach einer anderen

12 Was Sie über Derivate wissen müssen günstigen Kaufgelegenheit umsehen. Neumann muss den Wagen jedoch auf jeden Fall kaufen, wenn Vogel nicht abspringt. Sie schließen das Geschäft am 1.9.2009 ab. Auch dieser zur Variante 1 spiegelbildlich verlaufende Sachverhalt lässt sich auf einer Zeitachse darstellen: 1. V kauft das Verkaufswahlrecht, den Wagen am 1.9.2010 für 20.000 an N verkaufen zu können. 2. N verkauft an V das Verkaufswahlrecht. N = Neumann V = Vogel 1.9.2009 Geschäftsabschluss 1.9.2010 (eventuelle) Ausübung des Verkaufwahlrechtes durch V sowie Bezahlung und Abnahme durch N. Abbildung 2 Die in der Fachsprache neben den genannten Kauf/Verkauf von Kauf- bzw. Verkaufswahlrechten häufig verwendeten Alternativbezeichnungen Call/Put, Long/Short und Kaufoption/Verkaufsoption werden in Abb. 3 systematisch eingeordnet:

1 Einleitung 13 Optionen Call Put Long Call Short Call Long Put Short Put Kauf einer Kaufoption Verkauf einer Kaufoption Kauf einer Verkaufsoption Verkauf einer Verkaufsoption Erwartung: steigende Kurse fallende oder konstante Kurse fallende Kurse steigende oder konstante Kurse Abbildung 3 Den Leser wird an dieser Stelle folgende Feststellung überraschen: Mit dem dargestellten Sachverhalt ist das Grundwissen über Derivate weitgehend zusammengefasst. Fazit: Weil die Geschäftsabschlüsse und ihre Erfüllung (Lieferung bzw. Bezug des Daimler-Wagens) zeitlich auseinanderfallen, wurden Termingeschäfte abgeschlossen. Anderenfalls wären es Kassageschäfte. Bei einem Kassageschäft erfolgen Geschäftsabschluss und Erfüllung gleichzeitig ( Hand in Hand ). Termingeschäfte werden in der Fachsprache Derivatgeschäfte genannt. Das Kauf- bzw. Verkaufswahlrecht in unserem Beispiel sind Derivate, für die Prämien (Preise) gezahlt werden.