Selbstständiges Lernen 1. Was ist selbstständiges Lernen? Die Schüler setzen sich selbsttätig und aktiv handelnd mit Lerngegenständen auseinander. Diese Selbsttätigkeit zwingt zu eigenen Überlegungen, die zu verschiedenen Lösungen führen können. Dadurch soll das Problembewusstsein ebenso wie das eigene Denken, Handeln und Urteilen gefördert werden. Erreicht werden kann dies nur in einem langen Lernprozess, der auf Mitdenken und Mittun ausgerichtet ist. Merkmale: - S beobachten eigene Verstehensprozesse, haben Gespür für eigenes Lernen, können eigene Stärken und Schwächen einschätzen - S planen und steuern ihr Handeln zielbewusst - S bemühen sich um Vielzahl von kognitiven Strategien - S denken über Verlauf ausgeführter Handlungen nach, ziehen Schlüsse daraus, reorganisieren ihr Wissen - S können mit Wissenslücken und Fehlern produktiv umgehen - S sind in der Lage, neues Wissen und bereits beherrschtes in Beziehung zu setzen S verfügen über reiches, gut organisiertes Wissen, das sie bei der Lösung von Aufgaben flexibel und reflexiv nutzen. 2. Notwendigkeit A Veränderung der Lebenswirklichkeit a. demographischem Bereich: Austausch der Großfamilie durch Kleinfamilie; Verlust von sinnlich-unmittelbaren Erfahrungen (z.b. Feuermachen, Kohlenschleppen); aber: Intensivierung der Eltern-Kind-Beziehung, Zunahme an Empathie und Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse b. gegenständliche Ausstattung von Kindheit: Urbanisierung; Straßensozialisation nimmt ab Kinder spielen vermehrt in Wohnungen (in Kinderzimmern) Handlungsmöglichkeiten der Kinder verlagern sich in abgegrenzte, pädagogische Spezialräume (Kinderzimmer, Spielplätze, Sportanlagen...) c. Raumerleben: Veränderung der Streifräume das Kind kann nicht mehr in eigener Regie seine Außenwelt als ein Stück eigenständiger, qualitativ von der Familie unterschiedener städtischer Umwelt erschließt (z.b. gefährlicher Schulweg); Umstrukturierung des kindlichen Raumerlebens bewirkt das Leben auf mehreren Inseln
d. Fernsehen und elektronische Medien: Wahrnehmung von Abbilden einer konstruierten oder vorhandenen Welt (unangreifbar); eigene Denkprozesse werden vernachlässigt; psychosoziale Konsequenzen wie Vereinsamung und Kontaktverlust; durch Massenproduktion geht die Vorstellung von Entstehen verloren das Verstehen wird schwieriger e. Schnelllebigkeit der Zeit Die heutige Zeit ist von schnellen Veränderungen geprägt, sodass nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass das heutige Wissen ausreicht, um sich in der Gesellschaft zu verwirklichen B Erwartungen der Gesellschaft Die Gesellschaft fordert Menschen, die in der Lage sind, sich durch die Entwicklung eigener Sinnbestimmungen zu verwirklichen, Mitverantwortung für die Gestaltung des Landes zu übernehmen und die eigenen Ansprüche sowie jene der Gesellschaft in eine ausgewogene Relation zu bringen (Böttcher, 2000; Grundgesetz). Gesellschaft fordert nach PISA und TIMMS konsequente Vermittlung zukunftsgerechter Schlüsselqualifikationen: Selbstständigkeit, Kreativität, Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit, Methodenbeherrschung und Teamgeist es zeigt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen der Lebenswelt der Schüler und den Forderungen, die die Gesellschaft an die junge Generation stellt
3. Schule als allgemein bildende Institution a. Vermittlung von Schlüsselqualifikationen (Gesellschaft, Rollenübernahme) Öffnung der Schule nach außen (nicht nur Vermittlung von Inhalten, sondern auch Einblicke in außerschulische Lebensbereiche) b. Bildungskommissionsbericht NRW (1995) thematisiert selbständiges Lernen im Rahmen ihrer Forderungen zum lebenslangen Lernen vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher und ökonomischer Zeitsignaturen: herkömmliche Orientierungsmuster, Routinen, Normen, Werte auf ihre Gültigkeit prüfen/ Veränderungen Wirtschaft, soziale Gefüge Wandel der Qualifikationsanforderungen und profile Fähigkeit und Bereitschaft zu lebenslangem Lernen (= Prozess; lebenslang und selbsttäig) c. Konjunktur selbständigen Lernens findet darüber hinaus ihren Grund in der zunehmenden Wichtigkeit bestimmter Verhaltensdispositionen gegenüber einem bestimmten Fachwissen: Studien- und Fachmotivation, Gewissheit in der Fächerauswahl, Selbständigkeit im Lernverhalten und soziale Kompetenz vor allem in Oberstufe soll systematische Verstärkung der Anteile von selbständigem Lernen unter Einbeziehung von Gruppenarbeit und Selbstlernverfahren und der Nutzung moderner Medien erfolgen. d. Richtlinien Selbständiges Lernen ist implizit bereits in der Sek. I durch den allgemeinen demokratischen Bildungsauftrag des Gymnasiums begründet. Des Weiteren findet sich die Forderung von wissenschaftspropädeutischem Vorgehen in der Sek. II, welche explizit die Förderung der Selbstständigkeit fordert. 4. Erkenntnisse aus der Lernpsychologie Neuere Forschungen aus der Neurobiologie und der Kognitionspsychologie zeigen, dass der Lernvorgang kein rezeptiver und mechanischer Prozess des sinnlosen Auswendiglernens und Einprägens ist, wie es beim Nürnberger Trichter-Modell suggeriert wird (Scheunpflug, 2001). Untersuchungen aus der Lernpsychologie kommen zu dem Ergebnis, dass das menschliche Gehirn die durch die Sinnesorgane aufgenommenen Reize strukturiert, interpretiert und sich somit ein Konstrukt der Welt schafft (Krapp, 2001). Konstruktivismus: Lernen im Sinne des Wissenserwerbs ist ein aktiver Prozess, der an die Aktivierung bereits vorhandenen Vorwissens gekoppelt ist und eine Verknüpfung der neuen Informationen mit dem Vorwissen erfordert, wenn eine langfristige Speicherung erreicht werden soll.
In Abgrenzung zum Kognitivismus (Informationsverarbeitungsprozess), der die objektivistische Vorstellung einer einzigen, objektiv wahren Realität des Wissens annimmt, lehnt man jedoch die Annahme einer Wechselwirkung zwischen der externen Präsentation und dem internen Verarbeitungsprozess ab. Stattdessen wird der individuellen Wahrnehmung, Interpretation und Konstruktion eine wesentlich stärkere Bedeutung eingeräumt, d.h. Konstruktionen sind individuell und soziale Produkte. Durch Lernen werden individuelle Konstrukte aufgebaut, verknüpft, reorganisiert und modifiziert. Lernen ist die zweckmäßige Modifikation kognitiver Strukturen. Lernen bedeutet nach dem konstruktivistischen Paradigma: Wahrnehmen, Erfahren, Handeln, Erleben und Kommunizieren, die jeweils als aktive, zielgerichtete Vorgänge begriffen werden. (Wissen an sich ist daher durch den Lehrer nicht vermittelbar.) 5. Aufgabe des Lehrers Die Aufgabe des Lehrers ist es demnach: die individuellen Prozesse anzuregen und zu unterstützen -> Aktivierung, Bereitstellung einer herausfordernden Umgebung, -> Nähe entdeckendes Lernen (Bruner). Lehren soll 3 Ebenen des Lernens anregen: Konstruktion: Wir sind Erfinder unserer Wirklichkeit. Wissenskonstruktion auf der Grundlage bestehenden Vorwissens und durch die Interpretation auf Grundlage bestehender Überzeugungen. Rekonstruktion: Wir sind Entdecker unserer Wirklichkeit. Nachentdeckung bereits bestehender Konstruktionen. Dekonstruktion: Wir sind Enttarner unserer Wirklichkeit. Zweifel, Ergänzungen, Wechsel der Perspektive im Hinblick auf bestehende Konstruktionen. Anforderungen an konstruktivistische Lernumgebungen Authentizität der Lernumgebung situierte Anwendungskontexte multiple Perspektiven und multiple Kontexte sozialer Kontext komplexe Ausgangsprobleme Artikulation und Reflexion unterschiedliche Lerntypen (Lernen lernen) fehlerfreundliche Lernumgebung gute Lernatmosphäre
6. Ziele / Chancen Förderung von Lernmprozessen Förderung von Kompetenzen: o Methodenkompetenz, Kooperations-, Kommunikations-, Reflexionskompetenz wachsender Grad an Eigenverantwortung und Selbststeuerung Mündigkeit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung Förderung von Kreativität Stärkung der Persönlichkeit 7. Voraussetzungen Voraussetzungen von Seiten des Lehrers: Der Lehrer nimmt die Position des Lernunterstützers und Lernberaters ein, indem er Lernsituationen kreiert, in denen der Lernende in Anwendungssituationen dazu angeregt wird, seine Konstruktion von Wirklichkeit zu hinterfragen, weiterzuentwickeln, zu verwerfen oder zu bestätigen das erfordert insbesondere: - Planungs- und Organisationskompetenz - Reflexionskompetenz - Beratungskompetenz - Handlungskompetenz - Beobachtungskompetenz Voraussetzungen von Seiten des Schülers: Der Schüler wird durch das eigenverantwortliche Steuern seines eigenen Lernprozesses zum autonomen Lerner. Dafür muss er im Vorhinein neben der fachlichen Kompetenz bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen, die z T. je nach Altersstufe und Fach unterschiedlich sind: kognitive Kompetenz (sich selbst Ziele setzen, Lösungsstrategien finden, Infoquellen nutzen, Lernen planen) Kommunikative Kompetenz (Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, aus Kommunikation lernen) Soziale Kompetenz (andere herausfordern, anderen helfen, mit anderen zusammenarbeiten) Motivation (aus eigenem Antrieb tun, selbst Ziele setzen, kognitives Handeln selbst steuern und regulieren)
Metakognitive Kompetenz (eigene Stärken und Schwächen einschätzen, die eigenen Handlungen beobachten und kontrollieren, eigenes Verhalten reflektieren und daraus Schlüsse ziehen) 8. Umsetzungsmöglichkeiten in der Schule im Regelunterricht, in speziellen unterrichtlichen Förderkonzepten, in ausserunterrichtlichen Förderkonzepten mögliche Aktivitätsformen (kommunikatives Tun Plakat, Power Point, Lernspiele, kommunikatives Handeln Gruppengespräch, Talkshow, exploratives Handeln Expertenbefragung, Exkursion) o Arrangieren von Lernwegen, die die untersch. Voraussetzungen, die die einzelnen Schüler mitbringen, berücksichtigen und möglichst jede und jeden zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand anregen o Ziel dieser Lernwege, bei deren Gestaltung die Lernenden miteinbezogen werden sollen, ist die Entwicklung selbstgesteuerten Lernens (nicht nur persönlich bedeutsames Wissen, sondern auch Kompetenzen zum Wissenserwerb und soziale Kompetenzen) o Wissen muss anwendbar und von lebensweltlicher Bedeutsamkeit für die Schüler sein: Erwerb von Wissen und Kompetenzen aktives selbstgesteuertes Lernen Aktivierung, Sinnhaftigkeit, Kooperation, Differenzierung, indiv. Förderung o Merkmale Öffnung in Bezug auf den Lernbegriff Öffnung in Bezug auf Inhalte und Themen Öffnung in Bezug auf Arbeitsformen und Medien Öffnung in Bezug auf Lernort und Lernumwelt Methodische Varianten Projekt (Schüler-, Handlungs-, Produktorientierung) Planarbeit (indiv. Arbeitsplan er kann auch freie/ kreative, kooperative und projektartige Elemente aufweisen; es kann Pflicht- und Wahlaufgaben geben) Freiarbeit (Arbeitsmittelangebot, die für die spezif. Lernbedürfnisse ausgewählt, vorbereitet und eingeführt sind Schüler sollen sich selbst einschätzen lernen, welche Lücken sie haben und was sie erarbeiten müssen, um einen bestimmten Stand zu erreichen bzw. welche Kenntnisse und Fertigkeiten sie weiter vertiefen müssen Materialien sollen daher auf unterschiedliche Zugänge, Erarbeitungsweisen, Übungsformen und zur Vertiefung zur Verfügung stehen selbstorganisierte Verteilung der Materialien und der Umgang damit muss in Freiarbeit gelernt werden Stationenlernen (Grundidee: Thema wird in mehrere Teilaspekte unterteilt, die von Schülern selbständig zu erarbeiten sind; Material und Arbeitsanweisungen; Basis- und Zusatzaufgaben; unterschiedl. Materialien und Methoden an den Stationen; Übungs-,
Experimentier- und Erarbeitungtypen-neu/vertiefend des Stationenlernens; freie Reihenfolge oder Lernzirkel ; versch. Sozialformen; Laufzettel ; Lernerfolgsüberprüfung mit Hilfe von Lösungsblättern ) Kooperatives Lernen (Norm Green) neue Medien (rezeptiv, produktiv) nutzen Konkrete Beispiele aus der Praxis Gruppenpuzzle Spiel NW (Naturwissenschaft) Klassenkorrespondenzen außerschulische Umfragen Erstellung von Hörspielen etc. Experimente / Planung von Experimenten und Vorgehensweisen Mögliche Probleme Kompetenzmangel Lehrer muss gut im Einsatz neuer Medien ausgebildet sein, Unterricht fachmännisch vorbereiten und durchführen Klare Arbeitsaufträge und gut strukturiertes, interessantes Material Ergebnisse in herkömmlichen Unterrichtsabschnitten wiederholen, systematisieren und einüben Schüler müssen dem Verfahren gegenüber aufgeschlossen sein Überforderung der Ss für alle Schüler ausreichende Wissensbasis herstellen! Regeln! Lernen im Offenen Unterricht muss gelernt werden! Arbeitsformen müssen eingeführt werden! Schwächere Schüler unterstützen und fördern! Offenere und stärker angeleitete Phasen müssen vernetzt werden! Möglichkeiten zum Wechsel mit geschlossenen Formen (Trotz aller Vorteile gelangt die Lehrperson mit offenen Unterrichtsformen zum Teil an die Grenze der Möglichkeiten, aus diesem Grunde müssen Kontaktstellen zu geschlossenen Unterrichtsformen wie zum Beispiel das Lehrer-Schüler-Gespräch oder fragend-entwickelnder Unterricht geschaffen werden)
Grenzen der Leistungsbewertung Grundlage jeder Beurteilung im Offenen Unterricht ist die sorgfältige, möglichst systematische Beobachtung der einzelnen Schüler Berücksichtigt werden müssen die Prinzipien der Kooperation, der Differenzierung und Förderung, die Prozessorientierung des Lernens, der individuelle Lernweg und der jeweilige Lernprozess (Arbeitsprozessbericht, Arbeitsmappe, Lerntagebuch, Portfolio. u.ä.) Evtl. Kriterien zur Leistungsbewertung mit Schülern und Schülerinnen absprechen. Wie zum Beispiel: o Ordner korrekt geführt? o Anleitungen selbständig und vollständig ausgeführt? o Vereinbarte Regeln eingehalten? o Pflichtaufgaben zügig und selbständig erledigt? o Wahlaufgaben selbst ausgewählt und bearbeitet? o Eigene Arbeits- und Lerndefizite einschätzen? o Hilfe anbieten & annehmen? Zeitfaktor: Viele offene Methoden sprengen den üblichen Zeitrahmen einer Unterrichtsstunde.