3. ANDERS LERNEN LEHREN



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Transkript:

3. ANDERS LERNEN LEHREN Viele ältere Lernerinnen haben zu Beginn eines Sprachkurses keine oder nur wenige Kenntnisse über moderne Lehr-Lernmethoden und verlassen sich noch auf jene Methoden aus ihrer Jugend. Die Erfolge vieler früher angewandter Methoden, wie z. B. die Grammatik-Übersetzungsmethode, beruhen jedoch auf dem Kurzzeitgedächtnis, welches in jungen Jahren noch sehr gut funktioniert, mit zunehmendem Alter aber nachlässt. Unbewusst oder bewusst vergleichen die TN ihre früheren mit den heutigen Lernerfolgen und es besteht die Gefahr, dass sie die Lust am Lernen verlieren bzw. sogar den Kurs verlassen. Gerade deswegen ist es notwendig, die TN zum Ausprobieren und Anwenden neuer Lehr-Lernmethoden zu motivieren. Das Gehirn einer älteren Lernerin bevorzugt Bekanntes. Wenn Seniorinnen in einen neuen Sprachkurs kommen, in dem sie weder die Methoden kennen noch eine Einführung von der KL erhalten haben, so werden sie zuerst immer versuchen, nach der ihnen bekannten Methode zu lernen. Aktivitäts- und Übungsformen sowie Lerntipps sollten demnach (zumindest am Anfang) auf den bisherigen Lernwegen und -erfahrungen der TN aufbauen. Auch das selbstständige Ausprobieren ist für viele TN ungewohnt. Sie erwarten vielmehr, dass die KL ihnen genau zeigt, wie sie lernen sollen. TIPP Erklärungen geben Bevor Sie mit der Einführung neuer Übungen beginnen, sollten Sie unbedingt Form und Ziele dieser Übungen erklären, dass z. B. das erfolgreiche Kommunizieren im Vordergrund steht und somit mehr Wortschatz- und Sprechübungen und weniger Leseverstehen und Übersetzungen eingesetzt Wichtig ist auch, den TN genügend Zeit zu geben, sich an diese Übungsformen zu gewöhnen. Neue Methoden sollten schrittweise und mit einfachen und gut strukturierten Aktivitäten eingeführt Anders lernen mit Lerntipps Lerntipps sind kurze praktische Vorschläge, wie eine Fremdsprache effektiver gelernt werden kann. Ein Lerntipp bezieht sich jeweils auf einen bestimmten Punkt des Lernens, z. B. wie sich Vokabeln besser einprägen lassen. ( siehe Abschnitt: Wortschatzlernen mit Verknüpfung) 22

Das Kennenlernen neuer Lerntipps bietet älteren TN die Aussicht auf nachhaltige Erfolge und sollte von der KL systematisch in den Unterrichtsplan einbezogen Zuerst sollte die KL ihre TN eine Weile beobachten und kennenlernen, um dann geeignete Lerntipps auszusuchen. Bei der Wahl von Lerntipps sind die Lernbiografien und Erfahrungen der TN sowie die Struktur und Dynamik der Gruppe zu berücksichtigen. Die Einführung eines jeden Lerntipps sollte unbedingt schrittweise und durch konkrete Aktivitäten im Unterricht stattfinden. Es genügt nicht, wenn die KL nur den Lerntipp erklärt und empfiehlt. Die TN werden ihn erst erfolgreich anwenden, wenn dieser im Unterricht mehrmals durchgeführt wurde. Bei älteren Lernerinnen gilt oft der Grundsatz: Weniger ist mehr. Führen Sie lieber weniger Lerntipps ein, diese aber ausführlich und unter häufiger Anwendung. Das Positive ist: Hat die TN mit einem Lerntipp Erfolg, wird sie bereit sein, weitere Tipps auszuprobieren. Besonders für TN dieser Zielgruppe bedeuten Lernfortschritte große Freude und einen Motivationsschub. Anders lernen mit Spielen Es kann sein, dass das Wort Spiele von manchen TN negativ beurteilt wird. Sie assoziieren damit etwas Kindisches oder Nutzloses, das sie im Rahmen des Unterrichts nicht mit einer Lernsituation verbinden. Vorteilhafter klingen Begriffe wie Lernspiele oder Aktivitäten. Prinzipiell sind ältere Lernerinnen jedoch offen für das Ausprobieren neuer Lernaktivitäten; sie brauchen nur detaillierte Informationen. Wie bei jeder neuen Übung muss die KL auch bei Spielen ganz genau erklären, was das Ziel einer bestimmten Aktivität ist und wie sie abläuft ggf. kann sie vorher ein Beispiel geben. Während der Übung sollte die KL jederzeit zur Verfügung stehen, um Hilfe oder Impulse zu geben. Bei der Wahl eines Spiels für unsere Lerngruppe sollte die KL auf verschiedene Aspekte achten: Keine komplizierten oder umständlichen Regeln. Das Spiel muss dem Lernniveau der TN angepasst werden (ggf. selbst vorher ausprobieren). Das Spiel darf keiner TN persönlich zu nahe treten (Gefahr bei Spielen, die personenbezogene Fragen beinhalten, die die Privatsphäre der TN berühren können). Das Spiel muss fordernd, aber je nach Bildungsstand für jeden zugänglich sein. 23

Das Spiel muss Spaß machen und die KL muss es selbst mögen, sonst lässt sich nur schwer Begeisterung bei den TN herstellen. ( Man muss selber brennen, um andere entflammen zu können. ) Wenn die TN ein bestimmtes Spiel sehr mögen, sollte die KL dieses bei verschiedenen Themen anwenden. Die Beliebtheit eines Spiels und die Routine beim Spielen machen den Unterricht effektiver. TIPP Bei der Aktivität sollten Sie darauf achten, dass der Geräuschpegel nicht zu hoch wird. Ist der Unterrichtsraum groß genug, sollten die einzelnen Gruppen weit auseinander sitzen, wenn möglich in einen anderen Raum gehen. Bei Rollenspielen können ältere Lernerinnen mehr Widerstand zeigen als bei Lernspielen. Dahinter steckt oft die Angst, Fehler zu machen oder sich vor der Gruppe zu blamieren. Außerdem verlangen Rollenspiele Inspiration und Fantasie, die nicht immer vorhanden sind. Es gibt jedoch Tricks, die diese Aktivität erleichtern. Mithilfe von Fotos oder Karten können TN innerhalb definierter Angaben eine fiktive Identität annehmen. Sehr stimulierend wirken Rollen, die von der eigenen Person weit entfernt sind. Auch hilft es, die Einführung dieser Rollen locker und kreativ zu gestalten. Eine positive Auseinandersetzung mit neuen Perspektiven und Meinungen fördert komplexe Verbindungen im Gehirn, die das Langzeitgedächtnis unterstützen, wenn es z. B. gelingt, den Lernstoff mit Erinnerungen, Gefühlen und Erfahrungen zu verknüpfen. Je mehr Assoziationen bestehen, umso besser bleibt der Lernstoff hängen. Anders lernen mit einem Lerntagebuch Ein Lerntagebuch kann die Motivation der TN wecken und zugleich das selbstständige Lernen fördern; d. h., jede TN entscheidet für sich, was und wie sie lernt. Es ist das ideale Instrument, um sich mit dem Lernen selbst und dem Thema der jeweiligen Kursstunde auseinanderzusetzen. 15 Für ältere TN mit wenig formaler Lernerfahrung ist das Lerntagebuch eine gute Gelegenheit, einen Überblick über eigene Lernfortschritte zu gewinnen. Außerdem können Wissenserwerb, Fähigkeiten und Erfahrungen aus eher informellen Lernsituationen neu bewertet 15 Lerntagebuch-Begeisterte finden eine ausführliche Version des Lerntagebuchs im Europäisches Portfolio für Sprachen. Zu finden unter: http://www.hueber.de/portfolio Mehr Informationen zum Tagebuch finden Sie unter http://erwachsenenbildung.at (dort nach Lerntagebuch suchen) 24

Tipps für die Teilnehmerinnen Jede TN bestimmt den Inhalt ihres Buches. Zur Analyse des eigenen Lernfortschritts werden mögliche Strukturierungsfragen vorgegeben. Die TN entscheidet jedoch selbst, auf welche Beispiele/Fragen sie sich konzentrieren möchte. Mögliche Fragen sind: Was hat mir heute im Unterricht besonders gut gefallen? Warum? Was habe ich heute besser gemacht als bisher? Woran liegt das? Was habe ich heute gelernt? Wie habe ich gelernt? Mit wem habe ich heute gut gearbeitet? Warum lief es so gut? Was möchte ich noch lernen/können? Wie erreiche ich mein Ziel? Was kann ich dafür tun? Eine solche Selbstanalyse ermöglicht ein tieferes Verständnis des eigenen Lerntyps und der bevorzugten Lernmethoden. Lernungeübten hilft das Dokumentieren außerdem, sich wieder mit dem Lernen vertraut und die positiven Lernerfahrungen und Lernerfolge sichtbar zu machen. Statt einer Hausaufgabe kann die KL die TN hin und wieder zu einem Eintrag in das Lerntagebuch auffordern, damit sie selbst ihre Fortschritte messen können. Anders lernen durch handlungsorientierte Aufgaben Eine erfolgsversprechende handlungsorientierte Übungsform ist die Projektarbeit. Die Aufgabe für ein handlungsorientiertes Projekt muss die TN interessieren und ihnen die Möglichkeit geben, ihr inhaltliches Wissen zum Thema weiterzugeben. Ein Beispiel für eine Aufgabe wäre, einen Stadtführer mit den schönsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erstellen. Das Anwenden des gerade gelernten Wissens ist ein Erfolg und motiviert zum Weiterlernen. Die Aufgaben werden selbstständig in Partnerarbeit oder in Kleingruppen ausgeführt. Die KL übernimmt die Rolle der Moderatorin. ( siehe Abschnitt: Die Rolle der Kursleiterin) Zu Beginn sollte sie nur einfache und kurze Aufgaben stellen und die Gruppenstärke auf zwei bis drei TN beschränken. Haben sich die TN an die Methodik des selbstständigen Arbeitens gewöhnt, können komplexere Aufgaben gestellt 25

Diese Art des Lernens ist besonders für ältere Lernerinnen geeignet, da die TN innerhalb der Gruppenarbeit ihr im Laufe des Lebens gesammeltes Wissen und ihre Erfahrungen auf kreative Weise austauschen und einbringen können. es bei den Aufgaben nicht nur um das Sprachenlernen geht, sondern auch darum, mit anderen TN etwas zu gestalten und dabei in der Fremdsprache selbstständig zu kommunizieren. für die Erledigung der Aufgabe in der Regel viele Fähigkeiten und Kompetenzen gefragt sind. Das macht es möglich, dass jede TN, unabhängig von ihrer sprachlichen Begabung, etwas zur Erfüllung der Aufgabe beitragen kann. die TN mit der Aufgabe ein gemeinsames Ziel haben, wodurch die Gruppenzugehörigkeit gestärkt wird. Dies ist für die Zielgruppe besonders wichtig. Am Schluss stellt jede Gruppe ihre Arbeitsergebnisse im Plenum vor und/oder es wird eine kleine Ausstellung dazu gemacht. ( siehe: Anlage 1 Beispiele für kommunikative Aufgabenstellungen) 26