Marxismus als Fundamentalismus?

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Das spekulativ-deduktive Denken des Marxismus, bei welchem Theorien nicht einer empirischen Untersuchung, sondern vielmehr spekulativen Denkweisen entspringen, bildet, so Heimann, den Gegensatz zum empirisch-induktiven Denken. Sobald diese Theorien zu unabänderlichen Wahrheiten erklärt werden, lässt sich von fundamentalistischen Elementen sprechen. Als Beispiel dieses spekulativ-deduktiven Denkens des Marxismus, führt der Autor unter anderem den Historischen Materialismus an, dessen Grundgedanken sich nicht auf empirische Untersuchungen, sondern auf einen Leitfaden aus spekulativen Interpretationen stützen. Der Marxismus und dessen Theorien zeichnen sich des Weiteren, betont Heimann, durch deren Totalitarismus und Freund-Feind-Schema aus. Dies ließe sich vor allem an der antirevisionistischen, beziehungsweise anti-reformistischen Haltung des Marxismus, die jegliche Reformbewegung mit der Begründung ablehnt, dass alleine durch den Hammerschlag der Revolution (Luxemburg, zit. nach Heimann 1989: 220) eine neue sozialistische Gesellschaft entstehen könne, ablesen. Ein Beispiel für diese fundamentalistischen Dispositionen innerhalb des Marxismus liefert die Diskussion mit dem Sozialisten Eduard Bernstein, der die Theorien des Wissenschaftlichen Sozialismus einer kritischen Überprüfung unterzog: Bernstein wurde von den Marxisten zum Klassenfeind erklärt und da in den Augen der Marxisten deren Theorien die absolute Wahrheit darstellten und nicht anfechtbar waren, wurden seine Argumente nicht sachlich überprüft. Die Diskussion mit Bernstein ist zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen, zweier Klassen, zweier Gesellschaftsformen geworden. (Luxemburg, zit. nach Heimann 1989: 218). Das daraus resultierende antipluralistische Freund-Feind-Denken wurde im Anschluss daran auch auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung übertragen. Allem voran der revolutionäre Enthusiasmus der marxistischen Theorien erfüllt, laut Heimann, eine psychologische Funktion, da er sich motivierend und mobilisierend auf die Gesellschaft auswirkt: Man muss begeistert sein, um große Dinge zu vollbringen, sagt St. Simon. Aber nur große Ziele können begeistern. (Kautsky, zit. nach Heimann 1989: 221). Der euphorische Geschichtsoptimismus des Marxismus wurde beispielsweise auch innerhalb der Studentenbewegung der 68er Jahre wiederaufgegriffen und mit dem optimistischen Lebensgefühl dieser Generation gleichgesetzt. Die Vorstellung von der Ablösung einer Gesellschaft durch die Totalität einer anderen, kann als eine Art Heilswissen auf die Menschen wirken und somit fundamentalistische Kriterien erfüllen: Der Marxismus war zwar nicht Ursache für die Entstehung fundamentalistischer Denk- und Verhaltensweisen, aber als Heilswissen verstanden, hat er latente fundamentalistische Dispositionen verstärkt 2

und theoretisch gerechtfertigt. (Heimann 1989: 228). Obwohl fundamentalistische Elemente handlungsmotivierend sein können, so sind sie doch keinesfalls handlungsorientierend, da keine konkreten Anweisungen oder politische Strategien zur Veränderung der bestehenden Gesellschaft gegeben werden. Nach der Lektüre dieser Untersuchung, stellt sich einem unweigerlich die Frage nach den generellen Eigenschaften einer Theorie. Was genau charakterisiert eine Theorie und welche Elemente lassen eine Theorie zur Wurzel fundamentalistischer Bewegungen werden? Den Grundgedanken des Autors, dass sich fundamentalistische Ansichten nicht ausschließlich innerhalb der Religion, sondern auch innerhalb der Politik wie das Beispiel der Christlichen Rechten in den USA beweist und bestimmten Weltanschauungen finden können, finde ich einleuchtend, da sich der Fundamentalismus aus einzelnen Elementen zusammensetzt, die ihn als eben solchen kennzeichnen und auf alle möglichen Bereiche übertragen werden können. Was die fundamentalistischen Dispositionen anbelangt, die Horst Heimann im Marxismus auszumachen meint, so bin ich der Meinung, dass es sich bei dem Anspruch absoluter Wahrheit, mit welchem der Marxismus seine Theorien gegen jegliche Form der Kritik immunisiert, um ein Kriterium handelt, das als fundamentalistisch anzusehen ist. Eine gute Theorie bewegt sich innerhalb der Schlagworte Verifikation und Falsifikation, wobei letzteres von noch entscheidenderer Bedeutung für die Qualität einer Theorie ist. Theorien müssen regelmäßig mit der Realität abgeglichen und verändert oder gegebenenfalls verworfen werden. Dieser Paradigmenwechsel fördert den Wahrheitsgehalt einer Theorie. Theorien hingegen, welche aufgrund ihres angenommenen absoluten Wahrheitsgehaltes, jegliche Falsifikation ausschließen, können als fundamentalistisch bezeichnet werden. Auch das antagonistische Totalitätsdenken und das daraus resultierende Freund-Feind- Schema, das mit dem Anspruch absoluter Wahrheit einhergeht, verweisen auf fundamentalistische Elemente. Auf diese Art und Weise nämlich entsteht eine radikale Theorie, die sich nach dem Motto ganz oder gar nicht definiert und keinen Platz für schrittweise Veränderungen und Reformen lässt. Diese Radikalität und Statik finden sich vermehrt in fundamentalistischen Theorien und Einstellungen. Die Tatsache jedoch, dass sich Theorien auf spekulativ-deduktivem Denken aufbauen, stellt meiner Ansicht nach kein ausreichendes Indiz für deren fundamentalistischen Charakter dar. Am Anfang einer jeden Theorie stehen Spekulationen, welche dann durch Beobachtung und empirische Studien überprüft werden. Das Entscheidende ist folglich, wie mit den 3