Semiotik Zeichenlehre

Ähnliche Dokumente
Semiotik der Sprache - Semiotik des Comics. Das Verhältnis von Sprache, Bild und Welt

SEMIOTIK =??? 04: F. de Saussure

Aufgabe 01 IA/IV Spurensuche. Sonsalla, Thomas. Potsdam, den

Strukturalistische Schulen. Petra M. Vogel

2. Wörter als Zeichen: Semiotischer Aspekt Einordnung der Linguistik in die Semiotik. 2.2 Zeichenmodelle. 2.5 Zeichenarten und Betrachtungsweisen

Semiotik und Informationstheorie

SEMIOTIK =??? Σηµειωτικη. semiotica. semiotics. sémiotique. semasiologie sematologie sémiologie

Logik und modelltheoretische Semantik. Was ist Bedeutung?

Modul: Sprachtheorie 2. Veranstaltung: Sprache als System I F. de Saussure

Philosophische und systemtheoretische Grundlagen 6 DVD MATTHIAS VARGA VON KIBÉD PEIRCE SCHE ZEICHENTHEORIE UND TETRALEMMA FERRARIMEDIA

Die Semiotik Ein kleiner Einstieg

Einführung in die Semiotik Umberto Eco

Einführung in die Semantik. Kommunikation Allgemeine Zeichentheorie Semiotik Die Natur des sprachlichen Zeichens

Kommunikation und Interaktion

Semiotik. Wintersemester 2001/2002. Vorlesung: Mittwoch, 18 2o h, Hs. C Lorenz Engell

aliquid stat pro aliquo

Einführung in die germanistische Sprachwissenschaft

Semiotik: Die Lehre von den Zeichen

Einführung in die germanistische Linguistik

So entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die ganze Philosophie voll ist). WITTGENSTEIN: Tractatus 3.324

grundlagen der semiotik Achim Eschbach (Hrsg.) Soziosemiotik Grundlagentexte HERBERT VON HALEM VERLAG

Universität Paderborn

3 Eine kurze Einführung in die Zeichenlehre (Semiotik) 1

Frieder Nake: Information und Daten

Peirces Zeichenbegriff: seine Funktionen, seine phänomenologische Grundlegung und seine Differenzierung

Einführung in die Sprachwissenschaft des Deutschen. Semantik I. PD Dr. Alexandra Zepter

Einführung in die portugiesische Sprachwissenschaft

Einführung in die Syntax und Morphologie. Vorlesung mit Übung WS 2010/2011, Computerlinguistik

Ferdinand de Saussure Linguistik und Semiologie

Einführung in die Literaturtheorie

SEMIOTIK =??? 03: Ch.W. Morris

Grammatik im engen Sinn: Grammatik = Syntax Von syntaxis = Zusammenordnung.

Logik I. Symbole, Terme, Formeln

SEMIOTIK =??? 02: Ch.S. Peirce

Das Zeichen ist Zeichen vom Zeichen Eine Rezension zur semiotischen Theorie von Umberto Eco

Prof. Dr. Alfred Toth. Grundlagen einer dialektischen Semiotik

Soziologische Kommuni kationstheorien

Einführung in die Semiotik Umberto Eco

Semiotik in Deutschland: ein Überblick. Martin Siefkes Technische Universität Chemnitz

Wissen und Gesellschaft I Einführung in die analytische Wissenschaftstheorie. Prof. Dr. Jörg Rössel

Universität Zürich. Grundsätzlich. Peirce. Deutsches Seminar

Einführungskurs in die linguistische Semiotik

Strukturalismus als Methode

Sprache und Schrift in Hermann Pauls "Prinzipien" und de Saussures "Cours"

Philosophie der Grammatik

Inhalt. 2. Fragestellung... 21

Einführung Computerlinguistik. Allgemeines zur Linguistik

1 Bedeutung in Semantik und Pragmatik

Die Entwicklung der Semiotik : Die Analyse von Ausdrucks- und Darstellungsformen

Anselms Gottesbeweis und die Logik. und überhaupt: Beweise

Produktbotschaften Das Auto als Botschaftsvehikel und Ausdruck meines Selbst

Charles Sanders Peirce ( )

Arten und Typen von Grammatiken

REGELMÄSSIGKEIT UND ARBITRARITÄT IN SPRACHE

3. Wie kann nun aber auf der Basis der tetradischen Präzeichenrelation die Unterscheidung von Denotation und Konnotation eingeführt werden?

Phonologische Theorien. Bistra Andreeva Sommersemester 2008/Sitzung 2

1 Bedeutung in Semantik und

Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft

Information und Produktion. Rolland Brunec Seminar Wissen

Ontologien aus der Perspektive von Informationsspezialisten. Von der Theorie zur Praxis Elena Semenova

Sozialisation und Identität nach George Herbert Mead

Willkommen. Einführung in die Sprachwissenschaft. Was bisher geschah

EF- GK 11 PSYCHOLOGIE EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOLOGIE SCE/ PASC. Paradigmen (Schulen / Hauptströmungen) der Psychologie (Hobmair, 2013, S. 35 ff.

kultur- und sozialwissenschaften

Interdisziplinäre fachdidaktische Übung: Modelle für Sprachen in der Informatik. SS 2016: Grossmann, Jenko

die Klärung philosophischer Sachfragen und Geschichte der Philosophie

Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit nach Peter L. Berger und Thomas Luckmann

Phonologische Theorien. Europäischer Strukturalismus Ferdinand de Saussure

Klausurrelevante Zusammenfassung WS Kurs Teil 2 Modul 1A B A 1 von

SEMIOTIK =??? 02: Ch.S. Peirce

Der Status der Einheit Wort im Französischen

Handbuch der Semiotik

EDITH SCHMID UND EMIL KRAUCH FREGE II SINN UND BEDEUTUNG

3 Empirische Überstzung des Forschungsproblems (X aus 5)

George Herbert Mead SEIN LEBEN UND DIE SYMBOLISCHE MIKRO-PERSPEKTIVE

Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Herbstsemester 2011/2012 Assist. Daumantas Katinas

Syntax und Morphologie

bisher besprochen:! Das Ziegenproblem! nochmals: John Stuart Mill" Wiederholung: Falsifikation! Deduktion! Die Weiterentwicklung des Rationalismus!

Das kleine interaktive Lexikon oder Übungsbuch in der Einführung in die Germanistik. Problemkreis 1

Methoden der kognitiven Neurowissenschaften

Sprachwissenschaftliche Analyse von Bild, Schrift und Sprache in Print- und Onlinezeitungen

John Dewey (Art as Experience, 1935, S.50)

Philosophische Semantik

Die Energetische Medizin

Prof. Christian Nimtz // erlangen.de. Sprachphilosophie Grundfragen und Grundprobleme

6 Aneignung von Begriffen 6.1 Theoretische Grundlagen

DIPLOMARBEIT. Titel der Diplomarbeit. Die Fotografie als Kunstwerk. oder

Ivana Daskalovska. Willkommen zur Übung Einführung in die Computerlinguistik. Sarah Bosch,

Vorlesung im SS 2004 von Prof. Dr. Sabine Walper. Handlungs- und Rollentheorien Gesellschaftstheorien

Linguistische Grundbegriffe

Transkript:

Semiotik 1) Gegenstandsbereich der Semiotik 2) Zeichenkonzeption von Peirce und Morris 3) Modelle der sprachlichen Zeichen nach F. de Saussure, L. Hjelmslev und Ogden & Richards

Semiotik Zeichenlehre Unterschiedliche Ansichten: Grundlagenwissenschaft/ Metawissenschaft Interdisziplinäre Plattform; Interdisziplin Wissenschaftliche Disziplin Gegenstandsbestimmung: Die Semiotik ist die Wissenschaft von den Zeichen. Die Semiotik untersucht die zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur.

Beziehung zw. Linguistik und Semiotik 3 Konzepte: 1) Semiotik als eine der Linguistik übergeordnete Wissenschaft a) Semiotik als größeres Gebiet, Linguistik als eines der Teilgebiete b) Semiotik als eine Grundlagenwissenschaft der Linguistik 2) Linguistik als eine der Semiotik übergeordnete Wissenschaft a) Linguistik als eine Pilotwissenschaft; (frühe strukturalistische Semiologie; inspiriert durch F. de Saussure) b) Semiotik als Teilgebiet der Linguistik (R. Barthes) (?!) 3) Komplementarität von Linguistik und Semiotik

Charles Sanders Peirce (1839 1914) Universalgenie: Logiker, Mathematiker, Chemiker Philosoph die nordamerikanische philosophische Tradition des Pragmatismus (William James, George Herbert Mead, John Dewey) - Chicago Kritische Abgrenzung eigene Richtung: Pragmatizismus WERK: Collected papers (1930ff.), insb. Grammatica speculativa překlad: Palek, Bohumil (ed.): Sémiotika. Praha, 1997

G. H. Mead John Dewey

Ch. S. Peirce Zeichenbegriff Interpretant Repräsentamen Objekt Gegenstand der Semiotik: Zeichenprozesse = Prozesse der Semiose Konzept einer potentiell unendlichen Semiose

Ch. S. Peirce Zeichenbegriff Interpretant Repräsentamen Objekt Der unmittelbare Interpretant interpretatives Potential Der dynamische Interpretant die tatsächliche Wirkung eines Zeichens Der finale Interpretant die wahre Interpretation am Ende des Prozesses

Ch. S. Peirce Terminologie interpretant Interpretant representamen Repräsentamen object Objekt en cz dt semiosis sémiose, sémióza die Semiose (-en)

Ch. S. Peirce 3 Universalkategorien Erstheit (firstness, prvost) Kategorie der bloßen Möglichkeit, der Unmittelbarkeit Zweitheit (secondness, druhost) Relation eines Ersten mit einem Zweiten Kategorie der Bezugnahme, Reaktion, Handlung Drittheit (thirdness, třeťost) Kategorie der Gewohnheit, Gesetzmäßigkeit

Charles Sanders Peirce - Zeichenkonzeption grundlegende Trichotomie

Charles Sanders Peirce - Zeichenkonzeption Ikon = Zeichen, das auf das bezeichnete Objekt allein auf Grund von ihm eigenen Eigenschaften verweist Index = ein von seinem Objekt durch raum-zeitliche Kontiguitäts ts- oder Kausalitätsbeziehung tsbeziehung abhängiges Zeichen Symbol das Zeichen wird mit dem Objekt durch ein Gesetz oder eine Regularität verbunden

Charles Sanders Peirce Terminologie firstness qualisign icon rhema secondness sinsign index dicisign thirdness legisign symbol argument EN CZ DT icon ikón (ikona) das Ikon -s, -e (Ikons) index index der Index -, -e (Indizes) das Indiz, -es, -ien/-es (anderes Wort!) symbol symbol das Symbol -s, -e

Charles W. Morris (1901 1979) Philosoph und Semiotiker die nordamerikanische Tradition des Pragmatismus (Ch. S. Peirce, William James, George Herbert Mead, John Dewey) Tradition des sozialen Behaviorismus Projekt der Einheitswissenschaft Encyclopedia of Unified Science (1938f.) (zusammen mit O. Neurath und R. Carnap) Morris, Charles W. (1938). Foundations of the Theory of Signs. překlad: Palek, Bohumil (ed.): Sémiotika. Praha, 1997.

Ch. W. Morris: Zeichenkonzeption Zeichenprozess 3 Dimensionen der Semiose 3 Disziplinen der Semiotik

Ch. W. Morris: Zeichenkonzeption Der Zeichenträger steht nie allein, sondern in Beziehung zu anderen Zeichenträgern (syntaktische Dimension) steht für etwas anderes (semantische Dimension) wird produziert, rezipiert, interpretiert (pragmatische Dimension)

Ch. W. Morris: Zeichenkonzeption 3 Dimensionen der Semiose 3 Disziplinen der Semiotik Peirce ähnliche Gliederung: 1) Reine Grammatik (Repräsentamen) 2) Eigentliche Logik (Repräsentamen vs. Objekt) 3) Reine Rhetorik (Repräsentamen vs. Interpretant)

Charles W. Morris: Zeichenklassifikation nach Handlungsphasen Handlungs- Bezeichnungs- Gebrauchs- Wertphasen dimensionen dimensionen dimensionen Orientierung designativ informativ distanziert Bearbeitung präskriptiv inzitiv dominant Erfüllung appreziativ valuativ rezeptiv Beeinflusst durch die behavioristische Psychologie von George Herbert Mead

Zeichenbegriff und Zeichenmodelle Ch. S. Peirce Ch. W. Morris F. de Saussure L. Hjelmslev

Moderne Semiotik Persönlichkeiten Peirce (1839 1914) 1914) Morris (1901 1979) 1979) Jakobson (1896 1982) 1982) Collected Papers Foundations of the Theory of Signs Suche nach dem Wesen der Sprache 1931-1958 1938 1965 1916 1943 Cours de linguistique générale Prolegomena zur Theorie der Sprache De Saussure (1857-1913) 1913) Hjelmslev (1899 1965) 1965)

Ferdinand de Saussure (1857-1913) Semiotisches Projekt von F. de Saussure (Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 1916) Semeologie/Semiologie als eine noch nicht existierende Disziplin (srov. česky sémiotika/sémiologie)

Semiotisches Projekt von F. de Saussure Die Sprache ist ein System von Zeichen, die Ideen ausdrücken und insofern der Schrift, dem Taubstummenalphabet, symbolischen Riten, Höflichkeitsformen, militärischen Signalen usw. usw. vergleichbar. Nur ist sie das wichtigste dieser Systeme. Man kann sich also vorstellen eine Wissenschaft, welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht; diese würde einen Teil der Sozialpsychologie bilden [ ]; wir werden sie Semeologie (von griechische sêmeîon, Zeichen ) nennen. Da sie noch nicht existiert, kann man nicht sagen, was sie sein wird. (Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 1916)

Zeichenmodell nach F. de Saussure Zeichenmodell nach F. de Saussure Zeichen als psychische Entität (Lautbild = psychischer Eindruck des Lautes) Zeichen als Verbindung der Vorstellung mit dem Lautbild Bezeichnetes Bezeichnendes

Kreislauf des Sprechens (parole) psychischer Vorgang physiologischer Prozess physikalischer Vorgang

Zeichenmodell nach F. de Saussure Zeichen als psychische Entität nicht als Verbindung von Name und Sache zu verstehen (dies würde fertige Vorstellungen vor den Wörtern voraussetzen)

Zeichenmodelle Zeichenmodell von F. de Saussure Zeichenmodell von L. Hjelmslev

Louis Hjelmslev (1899-1965) Kopenhagener Schule Glossematik radikal strukturalistische Richtung semiotische Orientierung (Einbezug von nichtlinguistischen Sprachen ) Prolegomena zur Theorie der Sprache (1943) O základech teorie jazyka (přel. František Čermák, 1972)

Zeichenmodelle Zeichenmodell von F. de Saussure Zeichenmodell von L. Hjelmslev

Zeichenmodell von L. Hjelmslev Reine Form (abstraktes formales System von Relationen) als Gegenstand der semiotischen Forschung

Segmentierung der Inhaltsmaterie Jede Sprache nimmt in dem semiotisch amorphen Bereich der Inhaltsmaterie ihre eigenen Grenzziehungen vor. Weitere Beispiele: : Kontinuum des Farbspektrums Die semiotische amorphe Materie lässt sich durch unterschiedliche Wissenschaften strukturieren.

Zeichenmodelle Zeichenmodell von F. de Saussure C. K. Ogden und I. A. Richards (Cours de linguistique générale, 1916) (The Meaning of Meaning, 1923)

Spezifika der sprachlichen Zeichen (F. de Saussure) Das sprachliche Zeichen hat 2 Grundeigenschaften Arbitrarität/Beliebigkeit Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig. (Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft) Linearität Das Bezeichnende, als etwas Hörbares, verläuft ausschließlich in der Zeit und hat Eigenschaften, die von der Zeit bestimmt sind: a) es stellt eine Ausdehnung dar, und b) diese Ausdehnung ist meßbar in einer einzigen Dimension: es ist eine Linie. (Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft)