Internet- und Computerspielabhängigkeit

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Transkript:

Vortrag Netzwerk Betriebe 27. Juni 2012 Internet- und Computerspielabhängigkeit Referentin: Dayena Wittlinger Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchterkrankungen

Agenda 1. Die Arbeit der Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum (EVA) 2. Internet- und Computerspielabhängikeit 3. Mediennutzung am Arbeitsplatz 2

Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum 400 KlientInnen/Jahr 300 Spieler 50 Angehörige (Spieler) 25 Mediennutzer 25 Angehörige (Medien) Prävention OneWeek.NoMedia Projekte Netzwerkarbeit (mit Fokus auf die Vernetzung und Entwicklung bestehender Präventionsangebote) AK Medienkooperation Fachtag Medien Beratung und Behandlung von path. Mediennutzern und Bezugspersonen Erstberatung Diagnose, Abklärung u. Behandlungsempfehlung Vermittlung in stationäre Rehabilitation und Nachsorge Beratung für Angehörige Öffentlichkeitsarbeit Pressearbeit Vorträge Beteiligung an Ausstellung 3

Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum Beratung - Betroffene: überwiegend junge Erwachsene, männliche Berufstätige Durchschnittsalter 25 Jahre - Angehörige: überwiegend Eltern Durchschnittsalter 47 Jahre Zugangswege - Internet Präsenz - Jugendamt, Gesundheitsamt - JobCenter - Ambulanz in Tübingen - Schulen, Betriebe (Präventionsveranstaltungen) 4

Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum Art der Problematik (2011) Online-Pornografie 9% Sonstiges 9% Internet 27% Online-Spiele 55% 5

Internet- und Computerspielabhängigkeit erkennen und verstehen 6

Umfang des Problems in Deutschland Ergebnisse zur Prävalenz der Internetabhängigkeit Online-Stichprobe (Hamburg, Hahn und Jerusalem, 2001) Befragung von ca. 7.000 Personen aller Altersgruppen Internetabhängigkeit: 3,2 % der Bevölkerung PINTA-Studie (Lübeck und Greifswald, Dr. Rumpf, 2011) Erste repräsentative deutsche Untersuchung Telefonische Befragung von 15.023 Personen (14 bis 64 Jahren): Internetabhängigkeit: 1 % der Bevölkerung (560.000) Problematische Internetnutzung: 4,6 % (2,5 Mio.) Zunahme der Zahl bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (14- bis 24- Jährigen): 2,4 % (ca. 250.000) gelten als internetabhängig 13,6 % (1,4 Mio.) als problematische InternetnutzerInnen 7

Diskussion Beschreiben Sie Merkmale von problematischem bzw. exzessivem Internet-Gebrauch: - Verhalten bei Internetnutzung - Persönliches Verhalten (Gestik, Erscheinungsbild) - Sonstige Informationen (Eigen- und Fremdaussagen) 8

Definition: Internetabhängigkeit Internetabhängigkeit ist die Unfähigkeit von Individuen, ihre Internetnutzung zu kontrollieren, wenn dieses zu bedeutsamen Leiden und/ oder Beeinträchtigung der Funktionalität im Alltag führt. Quelle: R. Pies, Should DSM-V Designate Internet Addiction a Mental Disorder? Psychiatry, 2009 9

Diagnostik 1. Beschäftigen Sie sich nahezu ausschließlich mit dem Internet (über vergangene Onlineaktivitäten nachdenken oder sich die nächste Onlinesitzung im Voraus vorstellen)? 2. Empfinden Sie das Bedürfnis, das Internet immer länger zu nutzen, um damit zufrieden sein zu können? 3. Haben Sie mehrfach erfolglos versucht, ihre Zeit im Internet zu kontrollieren oder zu reduzieren oder den Internetgebrauch zu beenden? 4. Fühlen Sie sich ruhelos, launisch, deprimiert oder reizbar, wenn Sie Ihren Internetgebrauch zu reduzieren oder zu beenden versuchen? 5. Bleiben Sie länger online als zunächst beabsichtigt? 6. Haben Sie wegen des Internets bereits den Verlust bedeutsamer Beziehungen oder der Arbeitsstelle oder von Bildungs- bzw. Karrierechancen auf Spiel gesetzt? 7. Haben Sie Familienmitglieder, Therapeuten oder andere über die Intensität Ihres Internetgebrauchs belogen? 8. Nutzen Sie das Internet als eine Möglichkeit, Problemen zu entkommen oder der Erleichterung schlechter Stimmung (z.b. Gefühle von Hilflosigkeit, Schuld, Angst und Niedergeschlagenheit)? 10

Diagnostische Kriterien für Internetabhängigkeit Einengung des Verhaltensraums Die/der Betroffene verausgabt über eine längere Zeitspanne den größten Teil des Tageszeitbudgets zur PC-/Internetnutzung und denkt dauerhaft an den nächsten oder zurückliegenden PC-/ Internetgebrauch. Kontrollverlust Die Person hat ein ausgeprägtes Verlangen, das Internet zu nutzen und eine verminderte Kontrolle über die Dauer der PC-/ Internetaktivität. Trotz des bestehenden Wunsches, nicht online zu sein, kann der Medienkonsum nicht reduziert werden. Toleranzentwicklung Im Laufe der Zeit ist eine immer intensivere Nutzung des PCs/Internets notwendig, bis ein Effekt der Befriedigung im Sinne der Erreichung einer positiven Stimmungslage eintritt. Entzugserscheinungen Ist es für die Person nicht möglich, das Internet zu nutzen, so treten unterschiedliche unangenehme emotionale und körperliche Zustände (z.b. Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Nervosität, Niedergeschlagenheit) auf. Außerdem kann intensives psychisches Verlangen ( craving ) als Folge längerer Unterbrechung der Internetnutzung auftreten. Schädliche Folgen Verschiedene Aufgaben und Interessen werden vernachlässigt. Trotz bewusst wahrgenommener schädlicher Folgen wie Fehlzeiten bzw. Schul- und Ausbildungsabbrüche, Verlust der Partnerin/ des Partners oder finanzieller Probleme, wird der exzessive Mediengebrauch fortgeführt. 11

Diagnostische Kriterien für Internetabhängigkeit ICD-10-GM (Version 2010) Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60-F69) F63.8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle In diese Kategorie fallen andere Arten sich dauernd wiederholenden unangepassten Verhaltens, die nicht Folge eines erkennbaren psychiatrischen Syndroms sind und bei denen der betroffene Patient den Impulsen, das pathologische Verhalten auszuführen, nicht widerstehen kann. Nach einer vorausgehenden Periode mit Anspannung folgt während des Handlungsablaufs ein Gefühl der Erleichterung. Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit F68.8 Sonstige näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen Charakterstörung o.n.a. Störung zwischenmenschlicher Beziehung o.n.a. 12

Dauerhafte Folgen Durch den verfestigten Verhaltensexzesses treten dauerhafte negative Folgen auf, wie z.b.: Körperliche Erkrankungen (u.a. Rückenbeschwerden, Übergewicht) Vernachlässigung des äußeren Erscheinungsbildes oder der Wohnung bzw. Lebensumgebung Gestörtes Essverhalten Konflikte mit Eltern, Lehrern, Ausbildern, Partnern Rückzug aus der sozialen Realität und zwischenmenschlicher Einbindung 13

Komorbide Störungen Emotionale Störungen (Depression) Schlafstörungen Verhaltensstörungen (Störung des Sozialverhaltens) Angststörungen, Phobie ADS bzw. ADHS Asperger-Syndrom Persönlichkeitsstörung (narzisstische, instabile) 14

Sucht am Arbeitsplatz Hinweise und Auffälligkeiten auf eine beginnende oder bestehende (Alkohol)abhängigkeit Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Fehlzeiten - Häufung einzelner Fehltage - Entschuldigung durch andere (z.b. Elternteil oder Ehepartner) Leistungsminderung - Starke Leistungsschwankungen - Mangelnde Konzentrationsfähigkeit - Auffallende Unzuverlässigkeit - Fehlentscheidungen 15 15

Sucht am Arbeitsplatz Hinweise und Auffälligkeiten auf eine beginnende oder bestehende (Alkohol)abhängigkeit Verhaltensveränderungen - Starke Stimmungsschwankungen - Unangemessen nervös/reizbar - Großspurig/aggressiv oder unterwürfig/überangepasst - Soziales Rückzugsverhalten bzw. Isolation Äußeres Erscheinungsbild/ Auftreten - Vernachlässigung der Körperpflege/Kleidung - Gewichtszunahme Mediennutzung - Steigerung des Internetkonsums (während der Arbeitszeit) 16 16

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dayena Wittlinger dayena.wittlinger@eva-stuttgart.de 17