Die synoptische Frage

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Die synoptische Frage Siegfried F. Weber / Großheide 1. Einleitung Wir haben ein Evangelium und vier Evangelien, d.h. das Evangelium ist vierfach vertrauenswürdig bezeugt. 1 Wer die ersten drei Evangelien Matthäus, Markus und Lukas durchliest, stellt bald fest, dass sie sich inhaltlich und in der Anordnung des Stoffes sehr ähnlich sind. Man nennt sie deshalb auch die Synoptiker. Das griechische Wort synopsao bedeutet zusammenschauen. Alle drei Ev. schauen die Geschichte Jesu zusammen. Deshalb gibt es Evangelien-Synopsen als selbständige Werke, die tabellarisch die drei Evangelien (nebst Johannes) nebeneinander stellen (I. Luther-Evangeliensynopse von Preisker. II. Neure Version: Evangeliensynopse nach der Einheitsübesetzung. III. Evangeliensynopse nach dem Griechischen Grundtext). Von dem Johannes Evangelium unterscheiden sich die Synoptiker sehr stark. Erst seit zweihundert Jahren beschäftigt man sich mit der Problemstellung, und man hat unterschiedliche Lösungsversuche vorgeschlagen. Manchmal fragt man sich, ob es überhaupt ein synoptisches Problem gibt, da doch alle drei Evangelien durch den Geist Gottes inspiriert sind und sich wunderbar ergänzen, und sich nicht widersprechen! Wer mit Widersprüchen in der Bibel rechnet, wird de facto Schwierigkeiten bei den Berichterstattungen in den Evangelien bekommen. Geschichte der synoptischen Tradition: Lektüre-Aufgabe: 1) Erich Mauerhofer: Einleitung in die Schriften des NT, Bd. 1, Neuhausen, 1995: Teil B: Einleitung in die Schriften des NT: 2.4. Die synoptische Frage. 2) Oder: Thomas Weißenborn: Apostel, Lehrer und Propheten: Band 1: Evangelien und Apostelgeschichte, Marburg a. d. Lahn, 2004: Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas: Die synoptische Frage, S. 60-128. Beachte bei Weißenborn unbedingt auch den Artikel Notizen aus der frühen Christenheit (S. 83-96). Ich möchte das synoptische Problem nur ganz kurz anreißen und möglichst einfach darstellen, so dass sich jeder Leser ein Bild von der synoptischen Struktur machen kann. Die Problemstellung lautet: Wieso sind die Synoptiker so ähnlich? Manchmal stimmen sie wortwörtlich überein: Vergleich der Blindenheilungen bei: Mt 20, 29 34 und (Mt 9, 27 31); Mk 10, 46 52; Lk 18, 35 43 Sogar die Anordnung des Stoffes (Akoluthie) ist ähnlich: Vgl. einmal den Erzählstrang bei Mt. 9, 1-38, Mk 2, 1 28 und Lk 5, 1 6, 12! 1 Eta Linnemann, Gibt es ein synoptisches Problem?, Hänssler, 1992, S. 174. Eta Linnemann verneint eine literarische Abhängigkeit der ersten drei Evangelien. 1

2. Übereinstimmungen und Unterschiede 2.1. Übereinstimmungen mit dem Mk Ev. Mk.: ges. 666 Verse Mt : ges. 1068 Verse Lk. : ges. 1149 Verse 606 V. stimmen mit Mk überein. 350 V. stimmen mit Mk überein Nach unserer ersten Berechnung stimmen bei Mt viel mehr Verse mit Mk überein als bei Lk und das, obwohl Mt sogar kürzer ist als das Lk-Ev. D. h. nach diesem Schema ist Mk viel näher mit Mt verwandt als Lk. 2.2. Übereinstimmungen zwischen Mt und Lk Mt und Lk haben etwa 250 Verse gleichen Inhalts, zu denen es zu Mk keine (!) Parallele gibt! (Insgesamt 700 Wörter, die sogenannten Minor agreements ). D. h. hier müssen Mt und Lk eine gemeinsame Quelle gehabt haben. Absprache? Dieselben Zeugen? 2.3. Unterschiede Jedes Evangelium hat sein Sondergut. Unter Sondergut (S) verstehen wir jene Ereignisse, Verse, Spruchsammlungen, die nur in einem Evangelium vorkommen. Z. B. berichtet Mt von den Weisen aus dem Morgenland, die anderen Ev. nicht. Mt S.: 300 Verse Lk S.: 550 Verse Mk S.: 3,21; 4,26 29; 7,31-37; 8,22-26; 13, 33-37; 14, 51 52. Alles andere hat Mk mit Mt oder Lk gemeinsam. 2.4. Wie sind die Übereinstimmungen zu erklären? Wie soll man z. B. die in vielen Fällen offensichtliche gleiche Reihenfolge der Ereignisse (gleicher Erzählstrang) sowie bis in kleinste Feinheiten hineinreichende sprachliche Gleichheit (in griechischer Sprache bei aramäischer Überlieferung!!!!!) der Formulierung aus einer mündlichen Tradition erklären? Haben die Autoren ihre Abfassung untereinander benutzt? Hat z.b. Mt aus Mk geschöpft? Oder hat Mk aus Mt geschöpft? 2

3. Die Zwei-Quellen-Theorie Geschichte der Zwei-Quellen-Theorie Die Zwei-Quellen-Theorie entstand erst im 18./19. Jh. n. C. Vorher gab es in Bezug auf die literarische Ähnlichkeiten der Synoptiker keine Diskussion, rechnete man doch primär mit der Inspiration und der zuverlässigen Überlieferung des Wortes Gottes. Doch im Zeitalter der Aufklärung verlor der Mensch seine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes. Nunmehr betrachtete er die biblischen Texte wie profane Texte. Interessant ist wiederum die Feststellung, dass es sich meist um Theologen aus dem deutschen Lager handelt, die mit dem Seziermesser des Rationalismus die Texte der Evangelien zerschneiden. 1) Den ersten Schritt bildete die Urevangeliumshyothese (G.E. Lessing 1778; J.G. Eichorn 1794): Alle drei Synoptiker schöpfen aus derselben Quelle, einem aramäischen Urevangelium (angeblich Mt). Ihre Differenzen beruhen auf dem unterschiedlichen schriftstellerischen Geschick, mit dem sie diese Quelle benutzen. 2) Die Fragmenten- oder Diegesenhypothese (F. D. Schleiermacher 1768-1834) nahm einen differenzierteren Traditionsprozess an: Demnach lägen den Evangelien als Quellen Materialsammlungen (Diegesen) zugrunde, die aus jeweils kongruenten Stoffen (z. B. Gleichnissen, Reden, Wundergeschichten) beständen und von Tradenten der zweiten Generation angelegt worden seien. 3) Später kam es zu der Traditionshypothese (J.G. Herder 1796; J.C.L. Gieseler 1818): Sie rechnete nämlich mit einem vielgestaltigen mündlichen Urevangelium, dessen Elemente in einem Traditionsprozess allmählich geformt wurden, und nahm damit schon Einsichten der Formgeschichte vorweg. 4) Schließlich setzte sich J. J. Griesbach (1789) mit der Benutzungshypothese durch. Sie ging davon aus, dass eines der Evangelien den anderen als Quelle gedient haben müsste. Manche gaben noch dem Matthäus-Evangelium den Vorrang, andere meinten, dass Mk von den anderen benutzt worden wäre, weil es das kürzeste Ev. sei. Mit der Mk-Priorität konnte sich dann C. Lachmann (1831) durchsetzen. 5) Bald wurde festgestellt, dass aber auch Mt. und Lk. übereinstimmen, auch da, wo sie Mk nicht folgen. Also musste noch eine Logienquelle (L oder Q) herhalten. 6) Ch. H. Weiße (1838) war es, der abschließend die Zwei-Quellen-Theorie entwickelte, die von Heinrich Julius Holtzmann 1863 vorgestellt wurde. Diese sog. Zwei-Quellen-Theorie hat sich bis heute in der Schultheologie fast unangefochten etabliert. 3

Durchgesetzt hat sich in der kritischen Schultheologie die Zwei-Quellen-Theorie. Demnach hätten alle von Mk abgeschrieben. S Mk (sei das älteste Ev., weil das kürzeste) S Mt Lk Q (Logienquelle) Nach dem Schema der Zwei-Quellen-Theorie hätten Mt und Lk von Mk abgeschrieben; daher die Übereinstimmungen. S bedeutet Sondergut, Material, was wir nur bei Mt finden und in keinem anderen Ev., oder Material, was nur Lk hat und sonst keiner. Q bedeutet Logienquelle. Aus dieser Quelle hätten Mt und Lk geschöpft, und zwar da, wo sie übereinstimmen. Es gibt nämlich Berichte, die nur Mt und Lk gemeinsam haben, nicht aber Mk. Diese Logienquelle ist allerdings eine fiktive Quelle, die bisher noch nicht gefunden wurde. Die Schultheologie basiert auf der Historisch-Kritischen-Methode (HKM). Die Evangelien seien nicht historisch echt. Sie gleichen Legenden und Mythen, die durch die Gemeinde geformt und durch den Redaktor überarbeitet worden seien. Probleme der Zwei-Quellen-Theorie: Das Problem der literarischen Abhängigkeit: Wir können Mt kritisieren, dass er falsch von Mk abgeschrieben hätte und ihm widerspreche. Die Evangelien seien reine literarische Produkte, mit denen man wie mit allen profanen Texten verfahren könne. Da die Evangelisten voneinander abgeschrieben hätten und weil sie die Berichte unterschiedlich wiedergeben, kommt es bei einem zur falschen Wiedergabe der Botschaft. Also enthalten die Evangelien Widersprüche. Mk als die Urquelle hätte größere Autorität und Authentizität als die übrigen Evangelien. Darum wird Mk in den Kommentaren auch an erster Stelle oder ausschließlich genannt. Mk wäre demnach zuverlässiger. Literarische Untersuchungen: Natürlich dürfen wir die Evangelientexte literarisch untersuchen, z. B. nach Gattungen, nach Doxologien, nach Gleichnissen, denn Gott hat uns sein Wort in menschlicher Sprache überliefert. Jedes Wort, jeder Satz hat seine imaginäre Aussage! Aber es darf nicht dahin kommen, dass durch literarkritische Studien Gottes Wort gegeneinander ausgespielt, seziert und in Frage gestellt wird. Zudem ist es sehr schwierig, aufgrund von literarischen Studien die Ursprünglichkeit der Texte zu rekonstruieren, weil es keine Urquellen gibt. Literarische Studien enden oft im Meer der Hypothesen! 4

Die Historisch-Kritische Methode arbeitet bei den Ev. nach folgenden Methoden: A. Der erste Sitz im Leben Man will die Entstehungsgeschichte bzw. die Überlieferungsgeschichte der Evangelienberichte erforschen. Der Sitz im Leben soll die Entstehung eines Berichtes erklären. Der erste Sitz im Leben 2 beschreibe die Ursprungssituation im Leben Jesu mit echten Jesusworten. Dies herauszuarbeiten ist Aufgabe der Literarkritik. B. Der zweite Sitz im Leben Später während der Verkündigung in den Gemeinden werden diese Jesusworte durch erfundene Wundergeschichten ausgeschmückt. Sie dienen der nachösterlichen Gemeinde zur Verkündigung (kerygmatische Arbeitshypothese). Damit beschäftigt sich die Formgeschichte 3, d.h. sie will wissen, wie die Wundergeschichten entstanden sind, bzw. geformt wurden. C. Der dritte Sitz im Leben Die Endautoren (Redaktoren) gestalten die mündlichen und schriftlichen Überlieferungen aus, fixieren sie schriftlich, überarbeiten sie, bis das Evangelium fertig ist. Damit beschäftigt sich die Redaktionsgeschichte. Ein Beispiel: Mk 2, 1 12 (Heilung des Gichtbrüchigen) 1) Die Worte Jesu dir sind deine Sünden vergeben seien wohl echt. Sie gehören zum ersten Sitz im Leben. 2) Die Wundergeschichte sei später bei der Verkündigung der Apostel erfunden worden, um die Vollmacht Jesu in Bezug auf die Sündenvergebung zu unterstreichen. Das wäre der zweite Sitz im Leben. 3) Der Evangelist Markus hätte später alles zusammengestellt und in seinem Evangelium verankert: Der dritte Sitz im Leben. Stellungnahme: Diese Arbeitsmethoden der HKM lehnen wir ab, da die Ev. einen Verfasser haben und keine Redaktoren da die Wunder Jesu de facto passiert sind und nicht durch die Gemeinde frei erfunden da die Verfasser der Ev. durch den Hl. Geist inspiriert sind da Lukas gemäß Lk 1, 1-4 sorgfältig die Ereignisse erforscht hat, Zeugen befragte und alles unter der Leitung des Geistes aufgeschrieben hat. Die Augenzeugen, welche noch während der Abfassung des Lk-Ev. lebten, hätten sich empört, hätte Lk nicht sorgfältig recherchiert. 2 Der Begriff Sitz im Leben wurde von dem Alttestamentler Gunkel geprägt. 3 Eine hervorragende Stellungnahme zur Formgeschichte verfasste Helge Stadelmann, die Entstehung der synoptischen Evangelien in: Bibel und Gemeinde, Zeitschrift des Bibelbundes, Nr. 77 / 1, 1977, S. 46 67. 5

4. Gibt es ein synoptisches Problem? Eta Linnemann (Leer) war früher als Theologieprofessorin eine Vertreterin der Historisch-Kritischen Bibelforschung und somit auch eine Verfechterin der Zwei-Quellen-Theorie. Inzwischen hat sie eine totale Kehrtwendung in ihrem Leben erlebt. Sie hat den, über den sie so vieles geschrieben hat, Jesus Christus, persönlich kennen gelernt. Dadurch stellt sie sich demütig unter die Bibel als das Wort Gottes. Sie lässt sich prüfen vom Wort und nicht umgekehrt. Sie hat widerrufen, was sie geschrieben hat. Nun setzt sie sich für die Echtheit, Einheit und Wahrhaftigkeit des Wortes Gottes ein. In ihrem Buch Gibt es ein synoptisches Problem? stellt sie die umgekehrte Frage: Wie viel Eigentümliches haben die Evangelien? Sie möchte nicht von der literarischen Abhängigkeit sprechen, sondern von der literarischen Eigenständigkeit der Evangelien. 1) Auch wenn es Übereinstimmungen gibt, so ist jedes Evangelium ein eigenständiges Werk, das unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben worden ist. 2) Die Gemeinsamkeiten kommen wegen dem einen Thema zustande: Alle schreiben von demselben HERRN und dessen Leben! 3) Die Unterschiede bei den Synoptikern bei denselben Ereignissen haben mit der Perspektive und mit dem Standort des Augenzeugen zu tun (Augenzeugen bei einem Unfall). Welchen Standpunkt möchte der Augenzeuge hervorheben? 4) Ebenso normal ist die Übereinstimmung zwischen den Varianten. Wenn dasselbe Ereignis berichtet wird, dann muss es Übereinstimmungen geben. 5) Darüber hinaus haben wir mit Angleichungen zu rechnen, da die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu in Jerusalem selbstverständlich ihre gemeinsamen Erinnerungen untereinander ausgetauscht haben. 6) Jesus selbst hat 3 Jahre lang verkündigt. Er kann die Parabel von der königlichen Hochzeit mehrmals unter verschiedenen Gesichtspunkten erzählt haben (Mt 22 u. Lk 14). 7) Die Evangelien berichten nur einen Bruchteil dessen, was Jesus gesagt und getan hat, und von daher ergeben sich zwangsläufig Unterschiede in der Abfolge dessen, was sie berichten. 8) Die Evangelien können schriftliche Quellen benutzt haben (vgl. Lukasprolog). Die Augenzeugen können sogleich Notizen gemacht haben (Mt.). Die Augenzeugen können auch später noch selber ihre Erinnerungen schriftlich fixiert haben. Aber auch sog. Schriftsteller können die Augenzeugen befragt haben, um dann das Gehörte aufzuschreiben (Lk.). 9) Fazit: Auch wenn die Synoptiker teilweise dieselben Taten, Worte Jesu und Ereignisse wiedergeben, so muss man nicht gleich von literarischer Abhängigkeit sprechen (als hätte einer vom anderen abgeschrieben), sondern ein jedes Evangelium ist unter der Leitung des Geistes ein selbstständiges Werk. 6

5. Weitere Lösungsvorschläge 1. Das Mt-Ev. als Urevangelium Nach den Kirchenvätern hat Mt als erster ein Evangelium geschrieben. Es gab wohl ein aramäisches Urevangelium. 2. Die Augenzeugen Mt war selbst Augenzeuge des Lebens Jesu! Mk und Lk haben teilweise Augenzeugen interviewt (vgl. Lk 1,2). Wir wissen, dass Mk nach dem Bericht der Kirchenväter Petrus 4 befragt hat, teilweise war aber Mk auch selbst bei den Kreuzigungsgeschehen dabei (Mk 14, 50 52). 3. Das synoptische Gerüst Die drei ersten Evangelien haben denselben chronologischen Aufbau: Geburt Jesu - Wirksamkeit Jesu in Galiläa - Reise Jesu (Samaria) - Wirksamkeit in Judäa - Kreuzigung und Auferstehung. Dieses synoptische Gerüst muss es vorher gegeben haben (Urevangelium des Matthäus / Bericht der ersten Augenzeugen). Denselben Aufbau finden wir auch bei der Predigt des Petrus in Apg. 10, 37 42. 4. Quellen Es müssen (schriftliche) Quellen vorgelegen haben, welche die Synoptiker benutzt haben - wegen wörtlicher Übereinstimmung in griechischer Sprache bei aramäischer Überlieferung: Vgl. die Heilung des Gichtbrüchigen: Der Stil mit Bindestrich: direkte Rede indirekte Rede direkte Rede : Mt 9,6; Mk 2, 10-11; Lk 5,24. Nach Lk 1,1 gab es verschiedene Unternehmungen, einen Lebensbericht von Jesus zu schreiben. Mehr wissen wir von Q nicht! 5. Der Unfall Bericht Bei einem Unfall gibt es mehrere Zeugen, die aus verschiedenen Perspektiven und Standorten berichten. Diese Berichte ergänzen sich zu einem Mosaik. In dieser Weise finden wir die unterschiedlichen Akzentuierungen in den Evangelien. Vgl. die charakteristischen Merkmale und Besonderheiten in den Einleitungsfragen. 6. Erinnerung Nach der Himmelfahrt Jesu erinnerten sich die Jünger an alle Reden Jesu. Erst jetzt konnten sie sie richtig einordnen (Joh. 2,22). Bei der Abfassung wurden sie zudem durch den Hl. Geist geleitet (Joh. 16, 13; 2.Tim. 3,16). 7. Das Prinzip der Anpassung Das Prinzip der Anpassung löst scheinbare Diskrepanzen (Gordon Fee). 5 Die Ablehnung Jesu finden wir bei Mt 13,57; Mk 6,4; Lk 4, 24 in Nazareth - bei Johannes dagegen in Jerusalem (Joh. 4,44). Grund: Johannes setzt Jesu Gottessohnschaft in Beziehung zu seiner Messianität (Joh. 20,31). Für die Juden war Jerusalem die wahre Heimat des Messias. Jo- 4 Vgl. Apg. 12,12: Petrus bei der Mutter des Markus! In 1.Petr. 5, 13 bezeichnet Petrus den Markus als seinen (geistlichen) Sohn. 5 Gordon Fee, Douglas Stuart, Effektives Bibelstudium, ICI, Asslar, 1996 3, S. 148 f. 7

hannes passt deshalb die Aussage der Ablehnung Jesu der Stadt Jerusalem an. Es kann sich aber auch um ein zweites Geschehen gehandelt haben. Merke: Wenn die Diskrepanzen zu groß sind, handelt es sich um zwei verschiedene Ereignisse, die an unterschiedlichen Orten oder zu unterschiedlichen Zeiten stattfanden. 8. Memorieren Nach Gerhardson unterrichtete der Herr Jesus als Rabbi seine Jünger nach der rabbinischen Lehrtradition. Demnach gab es folgende Arbeitsschritte: a) Memorieren b) Kommentieren c) Private Notizen Nach Gerhardson gibt es folgende NT-Anspielungen: a) Gesetz der Väter (Apg. 28,17) b) Gamaliel (Apg. 22,3) c) Paradosis (Überlieferung) der Ältesten: Mk 7,3.4.5.8.9.13. d) Begriffe wie empfangen, festhalten und wandeln, die sich in Mk 7 auf die jüdischmündliche Tradition beziehen, tauchen in 1.Kor. 11,23; 15,1.3; Gal. 1,9; Phil. 4,9; 1.Thess. 2,13; 4,1 u. 2.Thess. 3,6 wieder auf. e) In 2.Thess 2,15 heißt es: Haltet fest an der Tradition, die ihr von uns durch mündliche Rede empfangen habt. f) Jesus Worte bei Paulus: 1.Kor. 7,10; 9,14; 1.Thess. 4,15; 1.Kor. 11,23 ff.; 15,1 ff. Das Bild Jesu, das die Evangelisten zeichnen: Und ist es ein Mangel, wenn uns die Herkunft dieses Bildes dunkel bleibt? Niemand hat die Brote bereiten oder wachsen sehen, welche unter Jesu Dankgebet die Tausende sättigten; sie waren da und sie waren rechtes echtes Brot. So ist es mit allen Wunderwerken unseres Gottes: was wir sehen und haben, gehört in diese Welt; die Herkunft kennen wir nicht; aber was wir spüren, dem spüren wir es an, dass es von jenseits ist. 6 Gibt es einen Menschen, der so leichtgläubig ist wie der, welcher nicht an die Bibel glauben will? Er verschluckt eine Tonne von Schwierigkeiten, während er sich beklagt, dass wir ein Gramm davon verschluckt haben. Charles Haddon Spurgeon 6 Martin Kähler: Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus, Leipzig, 1896, 90. 8

Literatur zum Studium über die synoptische Frage 1. Erich Mauerhofer, die synoptische Frage in: Einleitung in die Schriften des NT, Hänssler, 1995: Bd. 1: Punkt 2.4. Die synoptische Frage, S. 174 208 (sein Lösungsvorschlag: Punkt 2.4.4.2., S. 208). 2. Gerhard Hörster, das synoptische Problem in: Einleitung und Bibelkunde NT, Brockhaus, 1993, S. 16 24. 3. Birger Gerhardson, Die Anfänge der Evangelien Tradition, Brockhaus, TVG, 1977 (sehr gute Darstellung über das Memorieren zur Zeit Jesu). 4. Helge Stadelmann, Entstehung der synoptischen Evangelien in: Bibel u. Gemeinde, Zeitschrift des Bibelbundes, 77 / 1, S. 46 67. 5. F.F.Bruce / C. P. Thiede in: Das Große Bibellexikon, I, S. 366 ff. 6. Eta Linnemann, Gibt es ein synoptisches Problem?, Hänssler, Neuhausen, 1997 (sie plädiert mehr für eine unabhängige und damit selbständige Entstehung der Evangelien). 7. Merrill C. Tenney, Die Umwelt des NT, die Evangelien als literarische Werke (Kapitel 6), Verlag der Francke Buchhandlung, Marburg an der Lahn, 1979. 8. Josh McDowell / Bill Wilson, Jesus von Nazareth, Tatsachen und Argumente für die Wahrheit der Evangelien, Hänssler, 1995. Weitere Literatur: 1) Walter A. Elwell / Robert W. Yarbrough: Studienbuch Neues Testament, Wuppertal, 2001 (Grand Rapids 1998): Kapitel 11: Die moderne Erforschung der Evangelien (Darstellung verschiedener Ansätze zur Erforschung der Evangelien in den letzten 100 Jahren und gegenwärtiger Stand der Forschungen). 2) Thomas Weißenborn: Apostel, Lehrer und Propheten, Bd. 1: Evangelien und Apostelgeschichte, Marburg a. d. Lahn, 2004: Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas, S. 60 bis 128 (Weißenborn lehnt die Zwei-Quellen-Theorie ab. Vor allen Dingen nimmt er die Kirchenväter-Zitate wieder ernst. Er stellt einen eigenen Lösungsversuch dar). 3) Franz Stuhlhofer: Jesus und seine Schüler, Giessen, 1991 (kurze Zusammenfassung des großen Themas bei Rainer Riesner: Jesus als Lehrer, Diss., 1981, Tübingen, 3 1988). 4) H. Conzelmann / A. Lindemann: Arbeitsbuch Neues Testament, Tübingen, 1975, 12 1998: 7 Literarkritik der synoptischen Evangelien. (Darstellung der Zwei-Quellen-Theorie in der neutestamentlichen Wissenschaft). 9