Stets ein sicherer Ort

Ähnliche Dokumente
Partizipation als Korrekturerfahrung bei Trauma

TRAUMAHILFE NETZWERK SCHWABEN AUGSBURG. Umgang mit Trauma in der Asylarbeit Basisinformationen Maria Johanna Fath 2015 Prof.Dr.

Umgang mit traumatisierten Kindern

Trauma und Gruppe. Zentrum für Traumapädagogik

Charles Figley, 1989

Traumagerechtes Vorgehen in der systemischen Arbeit

TRAUMA ALS PROZESSHAFTES GESCHEHEN

Zur Psychodynamik von Kindern, die Opfer und Zeugen von häuslicher Gewalt geworden sind

Traumapädagogik in der stationären Jugendhilfe ein Weg aus der Ohnmacht. Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen (Wilma Weiß, 41)

Missbrauch und Life - events

Gewalterfahrungen und Trauma bei Flüchtlingen

Weiterbildung Traumapädagogik

Das Normale am Verrückten

Definition Frühgeburt

TRAUMA. Erkennen und Verstehen

Hintergrundwissen Trauma. E. L. Iskenius, Rostock

Trauma und Krebs. Wie traumatherapeutische Hilfe Heilung unterstützen kann. T , F DW - 20

Verletzte Kinderseelen begleiten und verstehen

Umgang um jeden Preis oder Neuanfang ohne Angst?

Trauma: Entstehung Prävention Auswirkungen und Umgang damit

Umgang um jeden Preis oder Neuanfang ohne Angst?

Inhalte. Entstehung einer Traumatisierung. Was brauchen traumatisierte Kinder und Jugendliche? Auswirkungen. Ursachen

Danach ist nichts mehr wie es war

Psychotherapeutische Praxis und Institut für Supervision und Weiterbildung. Trauma und Bindung

"... danach ist nichts mehr wie vorher - Erste Hilfe durch traumasensible Beratung. Ulrich Pasch Ambulanz für Gewaltopfer, Gesundheitsamt Düsseldorf

Trauma und Paardynamik

Alter und Trauma. Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe 16. November 2016

Kinder erleben Gewalt

Macht Eure Welt endlich wieder mit zu meiner...

BESCHÄDIGTE KINDHEIT Ein traumatherapeutischer Blick auf die komplexe Entwicklungsstörung nach Frühtraumatisierung

Trauma und Traumafolgestörungen im Betrieb

Partizipation: Widerstand versus Chancen in der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Fachtag 8.11.

INNERE SICHERHEIT UND KONTROLLE WIEDERERLANGEN DIE THERAPIE VON SEXUELL TRAUMATISIERTEN KLIENTINNEN UND KLIENTEN

Traumatisierte Kinder und Jugendliche Dienstbesprechung für Beratungslehrkräfte aus Grund- und Mittelschulen

Traumapädagogische Aspekte in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit sexualisierten Gewalterfahrungen

Elke Garbe. überlebt? 1

Unser Auftrag. ist der caritative Dienst für den Menschen als lebendiges Zeugnis der frohen Botschaft Jesu in der Tradition der Orden.

Belastende Lebensereignisse bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen

Kinder und Jugendliche unterstützen - Posttraumatische Belastungen erkennen

Safety first Stabilisierung bei PatientInnen mit traumatischen Erfahrungen. Fachtagung am Dorothee Spohn

Grundbedingungen nach Jaspers (1965)

Traumatischer Stress in der Familie

Komplexe Traumafolgestörungen Vom Erkennen zum Handeln. Trier, den 11. Juni 2014 Referentin: Dr. med. Brigitte Bosse

Auswirkungen der traumatischen Erfahrung auf Gedanken, Gefühle und Verhalten

Familie und Trauma Familie im Stress. Ein triadisches Modell post-traumatischer Prozesse

Umgang mit traumatisierten Flüchtlingskindern. Carina Teusch, Kristina Hansmann

HERZLICH WILLKOMMEN!

Trauma-sensibles Vorgehen in

Fachvortrag 23. April 2015 KIM soziale Arbeit e.v.

Traumatischer Stress. in der Familie. Das erstarrte Mobile. Traumatischer Stress? Traumatisierte Familien ZPTN

Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma

Umgang mit Trauma bei Schulkindern was kann ich tun?

Workshop: Flucht als traumatische Erfahrung eine Herausforderung für die Kindertagesbetreuung. 07. September 2016

Amoklauf Ein Auslöser für Traumata und psychische Störungen am Beispiel des Zuger Attentats

Umgang um jeden Preis oder Neuanfang ohne Angst?

Workshop Gefahr erkannt-gefahr gebannt? Traumatisierung nach sexueller Gewalterfahrung

Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie Landesnervenklinik Sigmund Freud

Traumapädagogik in der frühen Kindheit 11:30 bis 13:00 Uhr. Trauma. Trauma. BewälIgungsmöglichkeiten. Herzlich Willkommen zum Thema:

Das Konzept der Entwicklungstrauma-Störung Das Konzept der seelischen Behinderung Das Konzept der Teilhabe als Medizin

Der Umgang mit Verlusttraumatisierungen. Markos Maragkos Überblick

Bedrohte Kinderseele

Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) Wirksame Therapiestrategien

ʺPsychotraumatologie für helfende Berufeʺ

Dissoziative Identitätsstörung Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Referentin: Dr. med. Brigitte Bosse Rottweil, 11. Nov. 2017

Traumapädagogik in der Praxis. Referentin: Ute Hellrigel

Wann und warum ist eine Fluchtgeschichte traumatisierend?

Traumapädagogik als Pädagogik der Selbstbemächtigung von jungen Menschen Wilma Weiß

Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude Trauma und Suizidalität. Dr. Jochen Peichl Nürnberg

Dank Vorwort (Michaela Huber) Einleitung (U. Beckrath-Wilking)... 19

Das Verborgene zu Tage fördern. Psychoanalytischpädagogisches

Wissen reduziert Angst

Besuchskontakte mit der Herkunftsfamilie: Problematik und gedeihliche Bedingungen Alexander Korittko 1

Andreas Langhof - AGFJ ggmbh

Traumatischer Stress in der Familie

Elke Garbe. entwicklungstraumatisierten Kindern

Wie Traumata in die nächsten Generationen wirken Transgenerationale Traumaweitergabe in der sozialpädagogischen Arbeit

TANNENHOF BERLIN-BRANDENBURG E.V.

Umgang mit einem belastenden Ereignis

Notfallpsychologie. Auslösende Situationen

Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Mt 25,35. Ulrich Gerth Beratungs- und Jugendhilfezentrum St. Nikolaus Mainz

Psychotherapie. noch einmal zur Erinnerung! Posttraumatische Belastungsstörungen

Abgrenzung zu vermeidbaren Belastungen (durch unprofessionelles Handeln) Belastungen sind berufsspezifisch und gehören zum Berufsprofil

DID eine Herausforderung für alle Beteiligten. Mainz, den 25.Nov Referentin: Dr. med. Brigitte Bosse

Katzen als Begleiterinnen in der Psychotherapie

Wenn die Wunde verheilt ist, schmerzt die Narbe

ICH, LIEBE UND TRAUMA IM PÄDAGOGISCHEN ALLTAG

Einführung in die trauma-orientierte Arbeitsweise

Traumatisierte Kinder stärken: Das Ich-bin-wichtig Buch

Arbeiten am Selbstkonzept

Inhalt. 1 Basiswissen

Danach ist nichts mehr wie es war

Traumapädagogik. im Kontext kultursensiblen Handelns

Themenabend am : Aggression was tun? Referentin: A. Sewing. Definition Ursachen/ Auslöser Vorbeugung Deeskalation

Weshalb uns traumatisierte Kinder an die Grenzen bringen. Fachtag für westfälische Pflegefamilien

Transkript:

Stets ein sicherer Ort Grundsätze und Möglichkeiten der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Pflegekindern Vortrag von Margarete Udolf 26. Hamburger Pflegeelterntag 05.09.2015

Inhalte 1. Entstehung von Trauma 2. Traumafolgen bei Kindern und Jugendlichen 3. Traumapädagogische Haltung 4. Psychoedukation 5. Stabilisierung 6. Anregungen zum Umgang mit Wutausbrüchen Traumatisierter 7. Selbstfürsorge der Pflegeeltern: Schutz vor Sekundärer Traumatisierung

Definition von Trauma seelische Verletzung ein oder mehrere lebensbedrohliche Ereignisse Erleben als Opfer oder Zeug_in Bewältigungsmechanismen überfordert

Definition von Trauma extreme Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht völliger Kontrollverlust führt zur Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses langanhaltende Belastungsreaktionen möglich

Traumatypen Single-Traumata (einmaliges Erlebnis/Beobachtung) z.b: Unfälle Krankheiten Natur- und andere Katastrophen Verlust naher Bezugspersonen

Traumatypen Poly-Traumata (wiederholte, andauernde Ereignisse) z.b: Emotionale, körperliche, sexuelle Misshandlung Vernachlässigung Krieg, Folter Flucht

Traumareaktion Stress-Reaktion: Kämpfen oder Flüchten sonstige Bewältigungsmechanismen kein Nachlassen der Bedrohung Ohnmacht, Ausgeliefertsein, Kontrollverlust

Traumareaktion No Fight No Flight Freeze (= Einfrieren, Lähmen) - Entfremdung vom aktuellen Geschehen - Ausschütten von Endorphinen und Noradrenalin - Dissoziation als Überlebensstrategie Fragment (Fragmentieren der Wahrnehmung und der Erinnerung)

Traumareaktion Dissoziation als Überlebensstrategie hilft Situationen auszuhalten, die unaushaltbar sind Veränderung des Fühlen, Erleben und Wahrnehmen vergleichbar Trancezustand sich wegbeamen lebt als Traumafolgesymptom weiter

Traumafolgesymptome PTBS Intrusionen: - Erinnerungsfetzen - Grübeln - Alpträume - Flashbacks - Posttraumatisches Spiel Konstriktion: - Lähmung, Untererregung - Einschränkung der Vitalität - Abstumpfen / Numbing - Soziale Isolation - Regression Hyperarousal: - Anspannung - Schreckhaftigkeit - Schlafstörung - Konzentrationsstörung, Schulprobleme - Aggressives Verhalten, Wutausbrüche Dissoziation: - Innere Leere - Depersonalisation / Derealisation - Veränderung von Wahrnehmung und Bewusstseins - Taubheit der Haut oder Körperteile

Täterintrojekte und täterloyale Anteile Täter-Introjekte = innere Repräsentanzen der TäterInnen und deren Verhaltensweisen, Rechtfertigungen etc. Täterloyale Anteile = dem Opfer gegenüber gleichgültige Eltern(teile) Entstehen während traumatisierender Erlebnisse als innere Repräsentanzen der Täterhaltungen und einstellungen Glaubenssätze und Verhaltensweisen

Niedrige Frustrationstoleranz Trauma Beeinträchtigung der Frustrationstoleranz : bei geringer Frustration Wutausbrüche oder verzweifeltes Weinen Reaktionen auf kleinste Reize wie auf eine lebensgefährdende Bedrohung besondere Anfälligkeit bei vernachlässigten Mädchen und Jungen

Mangelhafte Mentalisierung Mentalisierung = Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreiben mentaler Zustände zu interpretieren

Folgen mangelhafter Mentalisierung Schwierigkeiten in Stress-Situationen: über eigene und fremde Gefühle und Verhalten nachzudenken sich selbst und wichtige Bezugspersonen als durch Bedürfnisse und Wünsche motiviert wahrzunehmen unterschiedliche Perspektiven einzunehmen ohne sofort zu handeln ohne Anwesenheit anderer Menschen in der Container Funktion auszukommen

Was tun?

Traumapädagogische Haltung Traumatisierte Mädchen und Jungen werden mit ihrer Geschichte angenommen Anpassungsbemühungen, Verhaltensauffälligkeiten und Symptome = Überlebensstrategien und Zeichen von Überlebenswillen, Kompetenz und Ressourcen der Betroffenen

Traumapädagogische Haltung Respekt bisherigen Lebensleistungen gegenüber Ressourcen sind immer vorhanden! Vermeiden von pädagogischen Interventionen, die die Grundgefühle und Annahmen der Traumatisierten bestätigen

Psychoedukation Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr. Marie Curie - Skłodowska Psychoedukation = Information und Erklärung von Symptomen und posttraumatischen Verhaltensweisen Fördern des Verstehens der eigenen Gefühle und Reaktionen Achtung: Keine Erzählung detaillierter traumatischer Erinnerungen ohne psychotraumatologisch orientierte Therapie!

Psychoedukation Konzept des Guten Grundes von W. Weiss: Erfragen des guten Grundes für irritierende, bizarre, selbst- und/oder fremdschädigende Verhaltensweisen, die aber in den traumatischen Situationen das Überleben sicherten

Stabilisierung die wichtigste Aufgabe der Traumapädagogik (und Traumatherapie) Ziel: Verbesserung der Lebensqualität (subjektiv) oft jahrelange Dauer, mühevoll und von Rückschlägen geprägt Arbeit der kleinen und kleinsten Schritte realistische Ziele (Hilfeplan!) Achtung: Stabilisierung ist nur in Friedenszeiten möglich!

Grundlage der Stabilisierung Sicherer Ort Traumatisierte brauchen einen sicheren äußeren Ort für einen sicheren inneren Ort: Schutz Sicherheit Verlässlichkeit Kontrollierbarkeit

Stabilisierung Gedanken und Gefühle wahrnehmen Achtsamkeitsübungen zur Wahrnehmung von Veränderungen im Körper und den Gefühlen Skills zur Selbstkontrolle üben z.b: Dissoziationsstopps Imaginationsübungen zur Prävention von Intrusionen und Dissoziationen Ich-bin -Übung Notfallkoffer packen und benutzen Ressourcen realisieren, ausprobieren, nutzen

Umgang mit Wutausbrüchen Traumatisierter Deeskalation als oberstes Gebot bei Traumatisierten! Was tun bei aggressivem Verhalten? Unterscheiden zwischen gezieltem Einsatz von Aggression und traumabezogenen Wutausbrüchen Daran denken, dass Gewalt auch von uns ausgehen kann ohne dass wir es merken!

Ursachen für Wutausbrüche als direkte Traumafolge der Übererregung als Abwehrverhalten traumabezogene Wutausbrüche durch Überflutung von Gefühlen begünstigt durch Täterintrojekte verstärkt durch niedrige Frustrationstoleranz

Deeskalation Prophylaktische Maßnahme routinemäßig Wutausbrüche dokumentieren, um Trigger (Auslösereize) zu finden: Art, Ort, Zeit des Auftretens Anwesende hilfreiche Interventionen unwirksame Interventionen ( Öl ins Feuer ) etc. Ziel: Identifizieren, Minimieren, Vermeiden von / Triggern

Was brauchen traumatisierte Pflegekinder noch? nach Bedarf traumatherapeutische Unterstützung

Was brauchen traumatisierte Pflegekinder noch? Freude und Spaß!!! Es gilt daher die Freudenseite zu beleben und ihr einen besonderen Schwerpunkt zu geben, um die Belastung und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ins Gleichgewicht zu bringen. Standards der BAG Traumapädagogik zur traumapädagogischen Arbeit in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Das ist aber noch nicht alles!

Was brauchen Pflegeeltern? Entlastung im Alltag: Freundeskreis, Freizeit, Jugendamt emotional: Achtung Schuldgefühle! Schutz vor Gewalt durch das Pflegekind Burnout und Sekundärer Traumatisierung das heißt manchmal auch: Abschied vom Pflegekind Eigene Psychotherapie nach Bedarf

Selbstfürsorge der Pflegeeltern Berufsrisiko Sekundäre Traumatisierung Ansteckung mit typischen posttraumatischen Symptomen im Verlauf der Arbeit mit traumatisierten Menschen eine übertragene Traumatisierung, die zustande kommt, obwohl die HelferInnen nicht selbst mit dem traumatischen Ereignis konfrontiert sind Unterschied zur primären Traumatisierung: zeitlicher Abstand zum Geschehen und Fehlen eigener sensorischer Eindrücke (Definition nach Judith Daniels)

Gefährdungen der Pflegeeltern akute externe Gefährdung der Pflegekinder (Kontakte zu leiblichen Eltern!) Belastungen aus der direkten Arbeit mit dem Pflegekind: das Ausmaß ihres/seines Leides und Schilderungen der Qualen

Sekundäre Traumatisierung - Prophylaxe A wie Achtsamkeit: auf sich selbst, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Ressourcen zu achten, um gesund zu leben

Sekundäre Traumatisierung - Prophylaxe B wie Balance: Gleichgewicht zwischen Arbeit, Freizeit und Ruhe, zwischen der Vielfalt der Aktivitäten im Pflegeverhältnis und den anderen Lebensbereichen als Krafttankstelle

Sekundäre Traumatisierung - Prophylaxe C wie connection: Verbundenheit mit sich selbst, anderen Menschen, der Natur, dem Leben (auch spirituell) als Gegenstück zu den Belastungen und den Einschränkungen des Berufes

Was brauchen Pflegeeltern Wer mit traumatisierten Menschen arbeitet muss drei Dinge unbedingt beherzigen: Erstens: gut essen Zweitens: viel feiern und Drittens: wütend putzen! (Veronika Engl)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!