Morphologie und Syntax

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Transkript:

Morphologie und Syntax Gerhard Jäger 27. Juni 2006 1 Wortbildung: Komposition Zusammenfügen von Wörtern (bzw. Stämmen 1 ) zu neuen Wörtern ist rekursiv: Kompositum (Ergebnis eines Wortbildungsprozesses) kann selbst wieder Bestandteil eines Kompositums sein (1) [[[ jung + hirn ] verwesungs ] serie] 1.1 Das Kopfprinzip Komposition ist asymmetrisch: rechte Komponente determiniert Wortart grammatische Merkmale semantische Basiseigenschaften des Kompositums grammatische Eigenschaften der rechten Komponente werden an das Kompositum vererbt (2) Komposita, die aus X+Y bestehen, sind selbst wieder von der Kategorie Y. Die Komponente, die die grammatischen Eigenschaften des Kompositums determiniert, heißt der Kopf des Kompositums. 1 Streng genommen befasst sich die Wortbildung mit Wortstämmen, also flektierbaren Einheiten. 1

Das Kompositum als Ganzes ist eine Projektion des Kopfes Der Kopf vererbt bzw. projiziert seine Eigenschaften auf seine Projektion. Bei der Komposition im Dt. gilt die Right Hand Head Rule. Baumdarstellung /rot/ [mask] [mask] /wain/ [mask] /wain/ /rot/ üblich auch Darstellung mit indizierten Klammern: (3) a. [ [masc] [ /rot/ ] [ [masc] /wain/ ] ] b. [ [ [masc] /wain/ ] [ /rot/ ] ] Eigenschaften, die vom Kopf auf das Kompositum vererbt werden, heißen Kopf-Merkmale (engl. head features) Kopfbegriff ist transitiv: Wenn der Kopf von B ist und B der Kopf von C, dann heißt auch der Kopf von C. Komplexe Strukturen können also mehrere (ineinander verschachtelte) Köpfe haben. Üblicherweise meint man mit Kopf den lexikalischen Kopf, also den Kopf, der selber nicht mehr zusammengesetzt ist. 1.2 Struktur und Betonung (4) Die Compound Stress Rule: In einem Paar von Schwesterknoten [ B ] ist B genau dann akzentuiert, wenn B verzweigt. (Eine Silbe ist immer betont; wenn B nicht verzweigt, ist dann betont.) 2

(5) a. Hand+buch b. [Schiffs [ tage+buch]] c. [[[ Rot + wein] glas ] behälter] (Behälter für Rotweingläser) d. [[Rot+wein] [ glas+behälter]] (Glasbehälter für Rotwein) 1.3 Klammer-Paradoxe (6) Kaffeefilterknickschutz Betonung intuitiv auf knick einzig mögliche Struktur daher Kaffee filter knick schutz intendierte Bedeutung: orrichtung, die das Umknicken von Kaffeefiltern verhindert semantisch motivierte Struktur daher schutz knick Kaffee filter würde Betonung auf Kaffee voraussagen 3

2 Derivation Bildung von Wörtern aus einem Wort und einem ffix (Morphem, das selber kein Wort oder Wortstamm ist) ffixe sind gebundene Morpheme verbreitetste rten von ffixen: Präfix (steht am nfang einer Derivation; un- in Un-glück) Suffix (steht am Ende einer Derivation; -bar in ess-bar) daneben auch komplexere rten wie Zirkumfix und Infix Derivation (wie Komposition) ist rekursiv: (7) a. Erhöhung b. Erniedrigung c. Möglichkeit d. Wünschbarkeit e.... 2.1 Das Kopfprinzip bei der Derivation Präfixe haben keinen Einfluss auf grammatische Kategorie [neut] [stark] un- [neut] ab- [stark] glück fahr- über lich glück 4

Suffixe determinieren grammatische Kategorie der Derivation: mein er- -er leicht führ einheitliches Kopf-Prinzip: Der Kopf einer Wortbildungskonstruktion determiniert die Merkmale der Konstruktion Konsequenz: bei Präfigierung ist der Stamm der Kopf bei Suffigierung ist das Präfix der Kopf Suffixe haben selber grammatische Merkmale 2 mein er- leicht -er 2 Die Frage, ob Präfixe im Dt. auch Merkmale haben, ist müßig, weil diese nicht sichtbar wären. 5

führ uch bei der Derivation gilt die Right Hand Head Rule der rechte Tochterknoten ist der Kopf des Mutterknotens 2.2 Konversion problematische Fälle: (8) ent+kork+en -en ist ein Flexions-Suffix; für die Wortbildung ist der Stamm entkorkmaßgeblich ent-? kork nach Kopfprinzip müsste kork ein erb sein, es ist aber ein omen drei Lösungsansätze: 1. es gibt Suffixe ohne phonologische Repräsentation (sog. ullmorpheme ent- kork 2. usnahme zur Right Hand Head Rule: manchmal kann auch das Präfix der Kopf sein 6

ent- kork 3. es gibt einen abstrakten erbstamm kork-, der nur gebunden auftreten kann ent- kork lle drei Optionen haben or- und achteile; im Folgenden nehmen wir die dritte Option an. 2.3 Subkategorisierung ffixe sind nur mit Stämmen von bestimmter Kategorie kombinierbar (9) a. essbar, lernbar, brauchbar b. *schönbar, *großbar c. *fürbar, *ohnebar d. *computerbar, *radbar (10) a. erzeihung, Meinung, Erhöhung b. *Computerung, *Radung c. *Essung, *Lernung, *Brauchung (11) a. ungenießbar, unschön, unerträglich b. *unverzeihen, *unmeinen, *unerhöhen c. *Uncomputer, *Unrad 3 ffixe selegieren (wählen aus) Stämme von einer bestimmten Kategorie Selektionsinformation werden als Merkmale der Form [*x*] dargestellt ( X ist die Kategorie des Stammes) 3 Zwar gibt es Bildungen der Form un+ wie Unrat, Unwetter, aber dieses Muster ist nicht produktiv 7

ess [*v*] -bar Selektion wird auch Subkategorisierung genannt (und Selektionsmerkmale dementsprechend Subkategorisierungsmerkmale ) der selegierte (subkategorisierte) Stamm heißt Komplement des Kopfes allgemeines Schema für Präfigierung: X [*x*] X präfix allgemeines Schema für Suffigierung: X Y X [*y*] suffix Wenn ein Selektionsmerkmal α eines Knotens mit der Kategorie des Schwesterknotens übereinstimmt, sagt man, dass α saturiert ist. Selektionsmerkmale von ffixen müssen saturiert werden. 8