Arbeitsmigration als Stimulus des Sozialstaates? Jahrestagung der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt Flüchtlinge und Sozialstaat Chancen, Risiken und Handlungserfordernisse Loccum, 16. September 2016 Dr. Ulrich Walwei
Ausgangspunkt Die Quantität und Qualität des Arbeitsangebots ist ein wesentlicher Faktor für wirtschaftliche Dynamik. Migration ist langfristig der stärkste Hebel zur Beeinflussung des Arbeitsangebots. Welche Konsequenzen hat (Arbeits-)Migration für die Finanzierung des Sozialstaats? Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 2
Arbeitskräfteangebot und Migrationseffekte Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 3
Warum Erwerbspersonenpotenzial steuern? Arbeitsangebot aktuell auf Rekordniveau trotz fallender Geburtenraten und bereits sichtbarem Nachwuchsmangel Ohne Wanderungsüberschuss wird Arbeitsangebot künftig deutlich zurückgehen Rückgang des Arbeitsangebots führt nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung der Arbeitsmarktlage Umfang des Arbeitsangebots beeinflusst den Kapitalstock und den längerfristigen Wachstumspfad Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 4
Erwerbspersonenpotenzial (1.000 Personen) Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials bis 2050 Natürliche Bevölkerungsbewegung, konstante Erwerbsbeteiligung 50.000 45.000 40.000 35.000 30.000 ohne Wanderungen 25.000 20.000 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Quelle: Johann Fuchs, IAB 2010 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 5
Erwerbspersonenpotenzial (1.000 Personen) Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials bis 2050 Zusatzvarianten: Wanderungssaldo 100 Tsd. Personen p.a., steigende Erwerbsbeteiligung 50.000 45.000 40.000 35.000 30.000 Nettozuwanderung 100.000 ohne Wanderungen, steigende Erwerbsquote, Rente mit 67 ohne Wanderungen 25.000 20.000 Quelle: Johann Fuchs, IAB 2010 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 6
Erwerbspersonenpotenzial (1.000 Personen) Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials bis 2050 Verschiedene Zusatzvarianten teils kumuliert: u.a. Wanderungssaldo 100 bzw. 200 Tsd. Personen p.a., steigende Erwerbsbeteiligung 50.000 45.000 40.000 35.000 30.000 Nettozuwanderung 200.000, steigende Erwerbsquote, Rente mit 67 Nettozuwanderung 100.000, steigende Erwerbsquote, Rente mit 67 25.000 Nettozuwanderung 100.000 ohne Wanderungen, steigende Erwerbsquote, Rente mit 67 ohne Wanderungen 20.000 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Quelle: Johann Fuchs, IAB 2010 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 7
Arbeitskräfteangebot auf Allzeithoch Erwerbspersonenpotenzial, 1991-2016, in Mio. 46,5 46,2 46,0 45,5 45,0 44,5 44,0 43,5 43,0 42,7 43,243,2 43,243,4 43,0 43,8 43,6 44,2 44,344,444,4 44,0 45,4 45,3 45,3 45,2 45,2 45,2 45,0 45,0 44,9 44,7 45,8 45,9 42,5 42,0 * = Prognose für 2016 Quelle: Fuchs et. al. 2016 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 8
1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 Zu- und Fortzüge sowie Wanderungssaldo der ausländischen Bevölkerung, 1974-2015 *, in Tsd. 2000 1800 1600 1400 1200 1000 800 600 400 Zuzüge Fortzüge Saldo 200 0-200 -400 *) Ab 1991 neues Bundesgebiet Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 9
Determinanten der Migration Druckfaktoren im Ursprungsland: Arbeitslosigkeit, niedriges Lohnniveau, Armut, Krieg, Verfolgung Sogfaktoren im Aufnahmeland: Arbeitsplätze, gute Verdienstmöglichkeiten, soziale Sicherheit, politische Stabilität Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft alternativer Zielländer: Umlenkungseffekte Institutionen: Zuwanderungsregelungen, Asylbestimmungen, Portabilität von Sozialleistungen, Integrationsmaßnahmen; Anerkennung von Qualifikationen Kosten: Aufwand für Reisen/Kommunikation, ethnische Netzwerke Kultur: Sprache, Religion, Mentalitäten, Willkommenskultur Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 10
Zuwanderung nach Zuzugswegen und Ländergruppen Anteile der Zuzugswege an der Zuwanderung in Prozent Quelle: IAB KB 21.1/2014. Abweichungen zu 100 Prozent sind rundungsbedingt Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 11
Qualifikationsstruktur der Neuzuwanderer 2005 bis 2013, Anteile in % 100% 90% 80% 30 34 36 41 43 46 40 41 39 70% 60% 50% 40% 32 28 30 29 24 20 26 24 26 mit akademischem Abschluss mit Berufsausbildung ohne Berufsausbildung 30% 20% 33 33 29 25 28 29 30 32 32 in Ausbildung oder Studium 10% 0% 5 5 6 5 4 5 5 3 3 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 Quelle: Mikrozensus (Berechnungen: Herbert Brücker) Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 12
Auswirkungen von Migration auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 13
Gesamtwirtschaftliche Effekte der Migration Bevölkerung Erwerbspersonen Bruttoinlandsprodukt Erwerbstätigkeit Löhne Arbeitslosigkeit Staatshaushalt Sozialstaat, u.a. Arbeitslosenversicherung und Grundsicherung Renten- und Pflegeversicherung Haushaltsbezogene Leistungen wie Wohn- und Kindergeld Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 14
Simulation der Arbeitsmarktwirkungen der Migration nach Deutschland, Löhne: Veränderung in %; Arbeitslosenquote: Veränderung in %-Punkten bei einer Einwanderung von 1% der Erwerbspersonen 1 Alle Erwerbspersonen Szenario 1 Niedrigqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Personen mit Migrationshintergrund Szenario 2 Mittelqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Neuzuwanderern im Jahr 2008/09 Szenario 3 Hochqualifizierte Neuzuwanderer 60% Hochschul-absolventen und vollkommene Integration in den Arbeitsmarkt Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Niedrige Qualifikation Mittlere Qualifikation Hohe Qualifikation -0,45 0,99-0,02 0,22 0,17-0,24 0,04 0,00 0,57-0,20 0,56-0,22 0,03 0,02-0,69 0,22-0,71 0,17 Alle 0,00 0,13 0,00-0,03 0,00-0,12 1 Simulation der Auswirkungen auf die bereits in Deutschland lebenden Erwerbstätigen. Quelle: Simulationsrechnungen von Herbert Brücker Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 15
Simulation der Arbeitsmarktwirkungen der Migration nach Deutschland, Löhne: Veränderung in %; Arbeitslosenquote: Veränderung in %-Punkten bei einer Einwanderung von 1% der Erwerbspersonen 1 Personen ohne Migrationshintergrund Szenario 1 Niedrigqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Personen mit Migrationshintergrund Szenario 2 Mittelqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Neuzuwanderern im Jahr 2008/09 Szenario 3 Hochqualifizierte Neuzuwanderer 60% Hochschul-absolventen und vollkommene Integration in den Arbeitsmarkt Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Niedrige Qualifikation Mittlere Qualifikation Hohe Qualifikation -0,30 0,58 0,09-0,08 0,17-0,22 0,10-0,04 0,61-0,24 0,56-0,21 0,09-0,01-0,52 0,10-0,70 0,13 Alle 0,07 0,03 0,11-0,13 0,01-0,11 1 Simulation der Auswirkungen auf die bereits in Deutschland lebenden Erwerbstätigen. Quelle: Simulationsrechnungen von Herbert Brücker Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 16
Simulation der Arbeitsmarktwirkungen der Migration nach Deutschland, Löhne: Veränderung in %; Arbeitslosenquote: Veränderung in %-Punkten bei einer Einwanderung von 1% der Erwerbspersonen 1 Personen mit Migrationshintergrund Szenario 1 Niedrigqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Personen mit Migrationshintergrund Szenario 2 Mittelqualifizierte Neuzuwanderer Durchschnittliche Qualifikation ist vergleichbar mit der von Neuzuwanderern im Jahr 2008/09 Szenario 3 Hochqualifizierte Neuzuwanderer 60% Hochschul-absolventen und vollkommene Integration in den Arbeitsmarkt Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Löhne AL-Quote Niedrige Qualifikation Mittlere Qualifikation Hohe Qualifikation -0,65 1,53-0,16 0,61 0,16-0,28-0,32 0,22 0,22-0,02 0,53-0,31-0,33 0,19-1,76 0,98-0,79 0,43 Alle -0,39 0,62-0,58 0,38-0,03-0,14 1 Simulation der Auswirkungen auf die bereits in Deutschland lebenden Erwerbstätigen. Quelle: Simulationsrechnungen von Herbert Brücker Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 17
Makroeffekte von Fluchtmigration und anderer Zuwanderung Zuwanderung jeweils in Prozent der Gesamtbevölkerung, BIP pro Kopf in Prozent, Lohnquote und Erwerbslosenquote in Prozentpunkten Quelle: Weber/Weigand 2016 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 18
Migration und Sozialstaat (1): Problembeschreibung (Arbeits-)Migration mildert den absehbaren Rückgang des Erwerbspersonenpotentials. Mögliches Problem für den Sozialstaat: Ausländer sind überdurchschnittlich arbeitslos und beziehen überdurchschnittlich häufig Transferleistungen. Migranten erhalten seltener beitragsfinanzierte Transferleistungen und häufiger steuerfinanzierte Transferleistungen als Einheimische (Boeri 2009). Aber: Bildung/Ausbildung wird nicht selten vollständig oder teilweise von Herkunftsländern finanziert. Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 19
Migration und Sozialstaat (2): Fiskalischer Beitrag Bonin (2006) schätzt für 2014 laufenden Finanzierungsbeitrag von in Deutschland lebenden Ausländern auf 2000 p.a. Bonin (2013) kommt in aktueller Schätzung auf einen höheren Finanzierungsbeitrag (3.300 p.a.), welcher die verbesserte Arbeitsmarktlage, auch der Ausländer, reflektiert. Beide Studien zeigen, dass sich der Finanzierungsbeitrag bei besserer Integration (und damit implizit besserer Qualifikation der Migranten) vervielfachen kann (bis zu dreifach) Vorteile für Renten- und Pflegeversicherung umso höher desto jünger Migranten sind: Bezogen auf Lebenszyklus höhere Nettozahlungen von Jüngeren als von Älteren (Brücker 2013) Effekte abhängig von Alter und Integration der Migranten Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 20
Arbeitsmarktintegration von Migranten als Investition Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 21
Arbeitslosenquoten von Aus- und Inländern, 1998 2014, in Prozent der jeweiligen Erwerbspersonen 30,0 25,0 25,1 23,7 20,0 20,1 19,0 17,1 17,2 18,8 20,2 20,3 20,1 18,1 19,1 18,2 16,9 16,5 16,7 16,5 15,0 10,0 11,7 11,1 10,2 9,8 10,2 11,0 11,0 11,7 11,0 9,2 8,0 8,3 7,8 7,2 6,9 6,9 6,7 5,0 0,0 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 Arbeitslosenquote Deutsche bezogen auf abhängige zivile Erwerbspersonen Arbeitslosenquote Ausländer bezogen auf abhängige zivile Erwerbspersonen Quelle: Statistik der BA Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 22
Beträchtliche Länderunterschiede bei der Arbeitsmarktintegration von Ausländern Beschäftigungs- und Arbeitslosenlücke zwischen Einheimischen und Ausländern, 2014 Quotient Beschäftigungsquote 1) 1,1 1,0 0,9 0,8 0,7 0,6 US UK OECD * 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 DE NL DK Quotient Arbeitslosenquote 2) SE 1) Quotient aus der Beschäftigungsquote von Ausländern und der von Einheimischen. Je höher er ist, desto mehr Ausländer sind im Vergleich zu Einheimischen in Beschäftigung. 2) Quotient aus der Arbeitslosenquote von Ausländern und der von Einheimischen. Je höher er ist, desto mehr Ausländer sind im Vergleich zu Einheimischen arbeitslos. Der Wert 1 bedeutet, dass die Quoten gleich hoch sind. * Daten von 2012 Quelle: OECD, Berechnungen: Regina Konle-Seidl Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 23
Erwerbsintegration benötigt Zeit für Flüchtlinge mehr als für andere Migranten Beschäftigungsquote von Zuwanderern im Zeitverlauf, nach Zugangsweg, in % 90 80 70 60 50 40 30 Flüchtlinge Andere Zuwanderer 20 10 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Jahre seit Zuzug Quelle: IAB-SOEP-Migrationsstichprobe, eigene Berechnung. Quelle: IAB Aktuelle Berichte, 14/2015 Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 24
Konvergenz zu einheimischen Verdiensten Tagesverdienste in % des Medians der einheimischen Jahresverdienste gleichen Alters und Jahr 100 90 80 70 60 50 40 Flüchtlinge Andere Zuwanderer 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15+ Jahre seit Zuzug Quelle: Berechnungen von Herbert Brücker auf Grundlage der IAB-SOEP-Migrationsstichprobe. Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 25
Effekte von Integrationsmaßnahmen Das Erreichen von guten oder sehr guten Deutschkenntnissen erhöht die Beschäftigungswahrscheinlichkeit und die Verdienste um jeweils rd. 20 % (Bach et al. 2016) Der Erwerb eines deutschen Bildungsabschlusses erhöht die Beschäftigungswahrscheinlichkeit und die Verdienste um jeweils rd. 20 % (Bach et al. 2016) Auch die Anerkennung beruflicher Abschlüsse geht mit einer höheren Erwerbstätigkeit und höheren Löhnen einher (Brücker et al. 2014) Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 26
Fazit Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 27
Migration hat noch Potenzial Erwerbsorientierte Zuwanderung kann Wirtschaft und Sozialstaat stimulieren. Arbeitsmigration spielt bis dato aber keine nennenswerte Rolle. Bisher fehlt es an einem schlüssigen Einwanderungskonzept (Optionen: Punktesystem; Weiterentwicklung der bestehenden Regelungen). Entscheidend für positive sozialstaatliche Impulse sind Altersstruktur und Qualifikation der Migranten. Integrationsmaßnahmen können den Finanzierungsbeitrag hier lebender Ausländer nachhaltig anheben. Arbeitsmigration als Stimulus für den Sozialstaat? 28
Für weitere Informationen: www.iab.de www.iab.de