EINFACHE SITTLICHKEIT

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Transkript:

OTTO FRIEDRICH BOLLNOW EINFACHE SITTLICHKEIT Kleine philosophische Aufsätze Dritte Auflage 1962 VANDENHOECK & RUPRECHT IN GÖTTINGEN Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1957; 1962 Printed in G ermany Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus auf foto- oder akustomechanischem Wege zu vervielfältigen. Herstellung: fotokop G.m.b.H., Darmstadt 6608

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE Die in diesem Band zusammengestellten Aufsätze sind größtenteils in der Zeit unmittelbar nach dem letzten Krieg entstanden. Die allgemeine Unsicherheit in den sittlichen Begriffen, die Fragwürdigkeit insbesondre einer hochgespannten heroischen Ethik und der Zusammenbruch vieler bis dahin für selbstverständlich gehaltener Wertungen führte notwendig zu einer Besinnung auf die bleibenden Grundlagen allen sittlichen Lebens. Denn bisher hatte die philosophische Ethik meist viel zu»hoch«angesetzt und dabei die einfachen Fragen des alltäglichen Daseins vernachlässigt, in denen sich doch der weitaus größte Teil unsres Lebens abspielt. Ihnen gilt vor allem die erste Reihe der hier vorgelegten Untersuchungen. Die zweite Reihe der Arbeiten greift etwas weiter aus. Gemeinsam mit der ersten bleibt die Richtung auf die einfachen Erscheinungen des Lebens. Aber sie sucht diese jetzt nicht nur im engeren sittlichen Bereich, vielmehr auch in Themen, die in der üblichen Einteilung eher der Psychologie zuzugehören scheinen. Sie will zeigen, daß auch diese in der genaueren Durchleuchtung sehr bald auf ethische Fragen zurückführen, oder genauer, daß man bei einer sorgsamen (phänomenologischen) Zergliederung hinter die überlieferte Aufspaltung von Psychologie und Ethik in einen einheitlichen anthropologischen (d. h. den Menschen in seiner Einheit betreffenden) Bereich vordringt und daß sich von jeder der hier beispielhaft herausgegriffenen Erscheinungen ein neuer Zugang zum Gesamtverständnis des Menschen auftut. Weniger einheitlich ist die dritte Reihe der Aufsätze. Sie reicht zum Teil noch in die letzten Kriegsjahre selber zurück, und dort, unter der beständigen Bedrohung und fern von der regelmäßigen wissenschaftlichen Arbeit, hat sich in den immer nur kurzen Stunden der Besinnung jene Form des kleinen philosophischen Aufsatzes entwickelt, von der der Untertitel spricht 5

und die ich in der Vorrede zur ersten Auflage in Beziehung zur literarischen Form der Kurzgeschichte zu bringen versucht habe. Die letzte der hier vereinigten Arbeiten versucht daher all gemeiner das Problem einer solchen»kleinen Form«zu ent wickeln. Es handelt sich dabei um Versuche, von unscheinbaren alltäglichen Erfahrungen ausgehend zu allgemeineren Wesens gesetzen des Lebens vorzudringen. Leitend ist dabei auch hier (wie schon in den beiden ersten Teilen) immer wieder der Aus gang von dem schon in der Sprache überlieferten Weltverständ nis. Im Mittelpunkt steht darum der Versuch über»philosophie und Sprache«, in dem ich, soweit es in meinen Kräften stand, die von Hans Lipps entwickelten und heute zu Unrecht fast vergessenen Gedanken lebendig zu halten versucht habe. Gegenüber der ersten Auflage von 1947 ist in der ersten Reihe ein Beitrag über»ehre und guter Ruf«hinzugekommen, der schon im früheren Entwurf mit geplant, aber damals nicht zur Ausführung gekommen war. In der zweiten Reihe ist das Stück»Über die Freude«fortgelassen, dessen Gedanken in der inzwischen erschienenen Neuauflage des»wesens der Stim mungen«(frankfurt a.m. 1956) ausführlicher entwickelt sind. In der dritten Reihe ist vor allem der sich zu eng an Lipps' gleich betitelten Nachlaßband anschließende Beitrag über»die Verbindlichkeit der Sprache«durch die schon genannte freiere Fassung des Vortrags über»philosophie und Sprache«auf dem Bremer Philosophen-Kongreß von 19jo ersetzt worden, für dessen Überlassung ich dem A. Francke-Verlag, bei dem der Kongreßbericht erschienen ist, zu Dank verpflichtet bin. Fort geblieben sind hier die beiden Stücke:»Kennt der Mensch seinen eigenen Charakter?«und»Grenzen des Verstehens«, die in einem Aufsatzband über Probleme der Geisteswissenschaften ihren systematisch günstigeren Ort bekommen sollen. Hinzu gekommen sind dagegen die Stücke über»vorurteile«und»päd agogische Erfahrung«, die sich mit der»betrachtung über die Schmerzhaftigkeit der Wahrheit«verbinden und von hier zu den sprachphilosophischen Gedanken hinüberführen. Auf genommen ist ferner der Versuch»vom Gift des Mißtrauens«, der ein mir wichtiges Problem berührt und sich hier zwanglos an die»frühen Kindheitserinnerungen«anfügt. 6

Das Streben nach einer höchsten Einfachheit der Darstellung und der Sprache, der Versuch, behutsam vordringende Analyse mit allgemeiner Verständlichkeit auch für den philosophisch nicht vorgebildeten Leser zu verbinden, führte zum Verzicht auf Anmerkungen und Literaturhinweise. Einzig die Herkunft der hier vereinigten Stücke ist in einem Quellennachweis zusammengestellt. Tübingen, im Juni 19$ 6 Otto Friedrich Bollnow VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE Die dritte Auflage der»einfachen Sittlichkeit«ist gegenüber der zweiten unverändert geblieben. Die Absicht, neue, inzwischen veröffentlichte Arbeiten hinzuzunehmen, die den Gedankenkreis des vorliegenden Bandes aus größerem zeitlichen Abstand weiterzuführen versuchen, mußte aufgegeben werden, weil sie den Umfang zu sehr vergrößert hätten. Sie erscheinen jetzt gleichzeitig im selben Verlag als selbständiger Band unter dem Titel»Maß und Vermessenheit des Menschen«. Tübingen, im August 1961 Otto Friedrich Bollnow 7

INHALT Erste Reihe 1. Güte des Herzens... 9 2. Einfache Sittlichkeit... 20 3. Die Pflichterfüllung... 31 4. Das Mitleid... 37 5. Ehre und guter Ruf... 47 6. Die Anständigkeit... 61 7. Ideale... 74 Zweite Reihe 8. Der Ernst... 87 9. Der Leichtsinn... 91 10. Der Ärger... 95 11. Die Wut... 101 12. Der Zorn... 105 13. Der Haß... m 14. Das Bewußtsein... 118 15. Das Selbstbewußtsein... 125 16. Die Bewußtheit... 131 17. Die Wachheit... 135 Dritte Reihe 18. Betrachtung über die Schmerzhaftigkeit der Wahrheit. 142 19. Vorurteile... 150 20. Pädagogische Erfahrung... 162 21. Philosophie und Sprache... 167 22. Die Philosophie und die Dichter... 183 23. Frühe Kindheitserinnerungen... 193 24. Vom Gift des Mißtrauens... 198 25. Lob der kleinen Form... 201 Quellennachweis: Nr. 14, 6: Die Sammlung, 1. Jahrg. 1945/46. Nr. 5: Die Sammlung, 7. Jahrg. 1952. Nr. 8: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 14.7.1944. Nr. 19: Die Sammlung, 4. Jahrg. 1949. Nr.20: Schola, 3. Jahrg. 1949. Nr. 21: Symphilosophein, Bericht über den Dritten Deutschen Kongreß für Philosophie, München 1952. Nr.23 und 25: Kölnische Zeitung 1944. Nr. 24, Schola, 2. Jahrg. 1948. Nr. 7, 9-18, 22: erstmalig in der 1. Auflage dieses Buchs, Göttingen 1947.