Tade Tramm Wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen und die Modellierungsmethode eine fachdidaktische Einführung



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Transkript:

Vorwort Tade Tramm Wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen und die Modellierungsmethode eine fachdidaktische Einführung 1. Das Wichtigste in Kürze Wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen ist der Titel des vorliegenden Lehrbuches, und das ist zugleich sein Programm und sein Versprechen. Die Lernenden sollen an die Welt des Rechnungswesens und der Buchführung so herangeführt werden, dass sie von Beginn an erfahren, wie diese zur Lösung betriebswirtschaftlicher Probleme beitragen. Das Rechnungswesen soll als Instrument wirtschaftlichen Handelns und Denkens eingeführt werden, und das heißt natürlich zugleich, dass der Verzahnung des Rechnungswesens mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen zentrale Bedeutung zukommt. Ebene der Belegströme und der Tätigkeiten zur Anbahnung, Begleitung und Auswertung der Güter- und Geldströme Sachzielebene: Ebene der Realund Nominalgüterströme Abbildung 1: Dimensionen betrieblichen Handelns Um diesen Anspruch einlösen zu können, ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler den Zusammenhang zwischen den drei oben dargestellten betrieblichen Prozessdimensionen erkennen und dass sie weitergehend dazu befähigt werden, sich zwischen diesen Ebenen gedanklich hin und her zu bewegen oder anders formuliert je nach besonderem Erkenntnisinteresse von der einen Sicht in die andere zu übersetzen. Das Rechnungswesen wird so als eine ganz spezifische Abbildung, ein ganz besonderes Modell betrieblicher Prozesse begriffen. Es akzentuiert die Wertschöpfungsprozesse, die sich mit allem betrieblichen Geschehen vollziehen und ermöglicht es letztlich die Frage zu beantworten, welchen Erfolgsbeitrag jedes einzelne Geschäft, jede einzelne Entscheidung bringt. Erst unter dieser Perspektive macht es Sinn, Rechnungswesen zu betreiben und zu erlernen. Buchführen ist Modellieren, wie auch z. B. das Zeichnen eines Stadtplanes oder das Erstellen einer Bauzeichnung. Die Qualität eines jeden Modells zeigt sich in seiner Nützlichkeit, seiner Instrumentalität. Mit der Modellierungsmethode verbindet sich die Idee, dass die Schülerinnen und Schüler befähigt werden sollen, betriebliche Strukturen und Prozesse abzubilden und dass sie darüber zugleich die Fähigkeit erwerben, Ergebnisse des Rechnungswesens Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Kennzahlen und Statistiken zu interpretieren und für ihr Handeln zu nutzen. Die Modellierungsmethode ist eine methodische Konzeption zur Einführung in die Systematik der Buchführung. Sie versteht sich als Alternative zur traditionellen Bilanzmethode. Während dort die Systematik der Buchführung, und damit auch die Interpretation jedes einzelnen Geschäftsvorfalls, aus der Veränderung von Bilanzpositionen heraus erklärt wird, setzt die Modellierungsmethode bei der ökonomischen Interpretation betrieblicher Leistungsprozesse an. Während in der Bilanzmethode die Bilanz das grundlegende Bezugsmodell zum Verständnis der Buchführung ist, tritt bei der Modellierungsmethode ein umfassendes allgemeines Unternehmensmodell an deren Stelle, mit dem die Marktbeziehungen der Unternehmung (Real- und Nominalgüterströme), ihr interner Leistungsprozess und auch die Bestände abgebildet und interpretiert werden können. Wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen und Modellierungsmethode sind eng miteinander verknüpfte curriculare bzw. fachdidaktische Ansätze des Rechnungswesenunterrichts, die in den 90er Jahren von Preiß und Tramm am Seminar für Wirtschaftspädagogik der Universität Göttingen und später auch am Institut für Berufs- und Wirt- 4 Formalzielebene: Ebene der Werttransformationen und der betrieblichen Wertschöpfung

schaftspädagogik der Universität Hamburg entwickelt und in einer Vielzahl von Praxiszusammenhängen erprobt und untersucht worden sind. Mit dem Lehrbuch von Joost, Kripke und Tramm liegt erstmals ein Lehrwerk vor, dass dieses Konzept in geschlossener Weise zur Einführung in die Buchhaltung ausgearbeitet hat (vgl. auch die parallel konzipierte Prozessorientierte Wirtschaftslehre von Adler et al. 2002). Dieser Beitrag versucht in der gebotenen Kürze, die konzeptionellen Grundzüge dieses Ansatzes darzustellen und zugleich deutlich zu machen, weshalb aus der Sicht des Herausgebers und der Autoren die Modellierungsmethode besser als die traditionelle Konzeption dazu in der Lage ist, dem Rechnungswesen einen angemessenen Stellenwert im Rahmen einer integrierten Ökonomiekonzeption bzw. eines lernfeldorientierten kaufmännischen Curriculums zu sichern. 2. Wozu noch Rechnungswesen? Weshalb sollen junge Menschen, die etwas über Wirtschaft erfahren oder einen kaufmännischen Beruf erlernen wollen, heute noch Buchführung lernen? Viele Unternehmen lassen ihren Jahresabschluss von Steuerberatern erledigen, und für die alltäglichen Buchungen gibt es leistungsfähige Finanzbuchhaltungsprogramme. Es gibt tatsächlich nur einen guten Grund heute noch Buchführung zu lernen und der lautet: Die Buchführung ist der Schlüssel zum wirtschaftlichen Denken. Nur mit Hilfe der Buchführung ist es möglich festzustellen, ob ein Unternehmen wirtschaftlich arbeitet und Gewinne erzielt. Nur mit Hilfe der Buchführung kann man die Übersicht im Geschäftsablauf behalten. Und nur mit Hilfe des Rechnungswesens kann ein Unternehmen seine Preise kalkulieren, kann es ermitteln, ob eine Investition sich rechnet oder welche Abteilung bzw. welche Produkte zum Erfolg beitragen oder vielleicht sogar Verluste einfahren. Ein moderner Buchführungsunterricht kann sich also heute nicht mehr damit legitimieren und darauf beziehen, für die Arbeit in der Buchhaltung zu qualifizieren. Zugleich sind Aspekte des Rechnungswesens und Controllings deutlicher als je zuvor Kernbereiche betriebswirtschaftlichen Handelns und Denkens in allen Abteilungen und auf allen Hierarchiestufen, und damit liegen hier auch Kernkompetenzen für alle Kaufleute. Dabei ist es ganz gleich, ob sie die wirtschaftliche Selbstständigkeit anstreben oder als kaufmännische Angestellte in zunehmendem Maße selbstständig und verantwortlich handeln sollen. Mit dieser veränderten Funktion verbinden sich zugleich zwei Akzentverschiebungen, die im Hinblick auf die traditionelle Ausrichtung des Rechnungswesenunterrichts von erheblicher Bedeutung sind: Das betriebswirtschaftliche Interesse richtet sich viel deutlicher als in der Vergangenheit auf Prozesse in der Unternehmung, während der traditionelle Buchführungsunterricht noch immer über seine Fixierung auf die Bilanz Strukturen in den Mittelpunkt stellt. Prozesse werden (im Bilanzvergleich) nur summarisch in ihren Auswirkungen auf die Bilanzpositionen in den Blick genommen und sie werden auch nur insoweit berücksichtigt, wie sie Veränderungen von Bilanzpositionen bewirken. Die Kosten- und Leistungsrechung, mit der erst die Leistungsprozesse in den Mittelpunkt gestellt werden, wird üblicher Weise erst im Anschluss an die Finanzbuchführung eingeführt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht rückt zunehmend die Funktion des internen Rechnungswesens für Steuerungs- und Controllingprozesse in den Vordergrund. Und es sind genau diese Fragen, die auch aus der Sicht eines wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesenunterrichts von besonderer Bedeutung sind. Fragen der externen Rechnungslegung, insbesondere der Bilanzierung und Bewertung stellen sich relativ abgelöst von der Steuerung betrieblicher Prozesse auf einer eher unternehmenspolitischen Ebene. Der herkömmliche Rechnungswesenunterricht stellt demgegenüber Funktion und Normen der externen Rechnungslegung deutlich in den Vordergrund, ohne dass er freilich i. d. R. Fragen der Bilanzierung wirklich aus einer Gestaltungsperspektive heraus thematisiert. Im Ergebnis ist also aus einer curricularen, lehrplantheoretischen Sicht heraus festzustellen, dass der Rechnungswesenunterricht heute wichtiger denn je ist. Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es ihm erstens gelingt, den Schülern den Blick auf die Kosten- und Leistungsprozesse als Kernbereich betrieblichen Geschehens zu eröffnen und dass damit zweitens von Beginn an deutlich gemacht werden kann, dass und in welcher Weise das Rechnungswesen für betriebliche Planungs-, Steuerungs- und Kontrollprozesse genutzt wird. Beides leistet der traditionelle Buchführungsunterricht nicht in hinreichendem Maße. 3. Wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen Mit dem Konzept des Wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens wird diese veränderte Funktion eines modernen Rechnungswesenunterrichts auf den Begriff gebracht, und es wird zugleich daran erinnert, dass alle didaktischen und methodischen Überlegungen zum Rechnungswesenunterricht sich immer wieder auf die Frage nach dem wozu, nach dem Sinn des Faches oder Lerngegenstandes Rechnungswesen beziehen müssen. Der traditionelle Rechnungswesenunterricht folgte weitgehend einer Philosophie, die man als wirtschaftspropädeutisch bezeichnen könnte: Einführung in die Systematik des Rechnungswesens als Vorstufe zum wirtschaftlichem Denken. Der Unterricht begann mit sehr vereinfachten Fällen, realistische oder gar komplexe Anwendungsbezüge standen erst am Ende des Lehrganges. Erst das System, dann die Anwendung, ganz am Ende die Nutzung in Beurteilungs- und Entscheidungszusammenhängen. 5

Aus wirtschaftsinstrumenteller Sicht ist dem entgegenzuhalten, dass der Sinn und die Zweckmäßigkeit eines Modells (oder eines Instruments zur Modellierung) erst beurteilt und verstanden werden können, wenn thematisiert wird, was dieses Modell in welchen Handlungs- und Entscheidungszusammenhängen leisten soll. Es kommt also darauf an, das Instrumentarium des Rechnungswesens von Beginn an als Planungs- und Kontrollinstrument für betriebliche Prozesse einzuführen und dies bedeutet einerseits, dass von Beginn an mit relativ komplexen, glaubhaften und realitätsnahen Situationen gearbeitet wird und es bedeutet andererseits, dass bei der schrittweisen Einführung des Rechnungswesens auch tatsächlich gewährleistet sein muss, dass auf betriebswirtschaftlich sinnvolle Fragen unter Nutzung von Verfahren und Begriffen des Rechnungswesens nützliche Antworten gegeben werden können. Die nachfolgende Tabelle fasst noch einmal die zentralen Unterschiede in der curricularen Orientierung zusammen: wirtschaftspropädeutisches Rechnungswesen Rewe als Vorstufe zum ökonomischen Denken Betriebswirtschaftliche Anwendungsbezüge am Ende Primat der Systemlogik Dominanz der Struktur Externe vor interner Rechnungslegung wirtschaftsinstrumentelles Rechnungswesen Rewe als Instrument zum Verstehen ökonomischer Strukturen und Prozesse Buchführung als wertakzentuierendes Modell Rewe als Planungs- und Kontrollinstrument Durchgängiger Bezug auf die Verfolgung ökonomischer Ziele Abbildung 2: Curriculare Orientierungen des Rechnungswesenunterrichts 4. Die Bilanzmethode ein Auslaufmodell Nahezu alle eingeführten Lehrwerke zur Buchführung orientieren sich an einer speziellen Lehrstrategie, die man als methodisches Pendant zum wirtschaftspropädeutischen Ansatz verstehen kann. Diese Methode ist in der fachdidaktischen Diskussion als Bilanzmethode bekannt, und lässt sich durch folgende Merkmale kennzeichnen: Die Bilanz wird als zentrales mentales Bezugsmodell der Buchführung eingeführt, aus der alle weiteren Buchungen logisch-formal abgeleitet werden; die Auswirkungen von Geschäftsvorgängen auf die Vermögens- und Kapitelbestände werden vor Einführung der Buchführungssystematik anhand einer Bewegungsbilanz illustriert; die Kontensystematik wird durch eine Auflösung der Bilanz in Konten eingeführt, zum Abschluss des Geschäftsganges werden dieser Logik folgend die Salden der Konten wieder zur Bilanz zusammengeführt; aus Vereinfachungsgründen werden zunächst nur Bestandsbuchungen ohne Erfolgswirkung durchgeführt; die Einführung der Erfolgskonten erfolgt zunächst formal, indem in Ermangelung eines Gegenkontos das Eigenkapitalkonto angesprochen wird; Aufwendungen werden als Eigenkapitalminderung, Erträge als Eigenkapitalmehrung eingeführt; Die beiden Erfolgsarten werden isoliert voneinander eingeführt, in der Regel über den Nebenleistungsbereich (Provisionserträge; Zinsaufwand). Die Bilanzmethode wurde zu Beginn des Jahrhunderts entwickelt und 1922 von Butze/Butze erstmals geschlossen präsentiert und begründet. Ich erwähne dies hier, weil vielen Lehrern gar nicht mehr im Bewusstsein zu sein scheint, dass es sich hierbei keineswegs um die eine, sachnotwendig gebotene Lehrstrategie handelt, sondern vielmehr um einen Lehralgorithmus, der sich deutlich von dem unterscheidet, was etwa im Unterricht in der Schweiz oder in den USA stattfindet. Entsprechend macht es Sinn, über die Vorzüge und Nachteile dieses Verfahrens nachzudenken, denn es gibt Alternativen und Gestaltungsoptionen. Tatsächlich erweist sich bei näherer Betrachtung, dass es sich bei der Bilanzmethode um einen hochgradig axiomatisierten Lehrformalismus handelt, der systematisch von der Alltagserfahrung der Schüler abgekoppelt ist und der aufgrund unangemessener Vereinfachungen und falscher mentaler Modelle zum Aufbau von Fehlvorstellungen führt. Vor allem aber legt die Bilanzmethode weder das Verständnis der wirtschaftlichen Abläufe zugrunde noch fördert sie es. Ja, schärfer noch, in Teilaspekten stehen Erklärungsfiguren der Bilanzmethode wirtschaftlichem Verständnis diametral entgegen. Hierzu seien nur einige kurze Hinweise gegeben (siehe dazu vertiefend Preiß/Tramm 1990; 1996; Preiß 1999): Die Bilanzmethode führt zu einer Vermischung von Bilanz und Buchführung und damit von stichtagsbezogener Ist- und zeitraumbezogener Buch-Rechnung. Fast in allen gängigen Lehrbüchern werden die Kontensalden über die Bilanz abgeschlossen und wird (aus Gründen der didaktischen Vereinfachung) in der Bilanz gebucht ( Bewegungsbilanz ); zugleich wird das Wesen der Bilanz häufig mit Hilfe der Bilanzwaage illustriert, was dem Charakter der Bilanz als verbundenem Ausweis von Mittelherkunft und Mittelverwendung absolut entgegensteht. Die Bilanz kann definitionsgemäß nie im Ungleichgewicht sein, sowenig, wie man zu Messzwecken eine ihrer Waagschale isoliert beschweren oder erleichtern könnte, was wiederum Wesen und Funktion einer Waage entspräche. Es handelt sich somit um ein falsches und irreführendes mentales Modell, das das Verständnis des für die Bilanzmethode zentralen Konstrukts Bilanz nachhaltig beeinträchtigen dürfte; Aufwendungen werden als Minderungen des Gewinns behandelt, nicht jedoch als Voraussetzungen dafür, Gewinn zu erzielen. In dieser Logik handelte wirtschaftlich vernünftig, wer die Aufwendungen konsequent reduzierte. Sinnvoll wäre es hingegen vielmehr, Aufwendungen als Voraussetzungen für Erträge und Gewinnchancen zu verstehen, was in didaktischer Hinsicht erforderte, sie unmittelbar aufeinander bezogen einzuführen und von Beginn an ihr Verhältnis zueinander zu thematisieren; 6

schließlich werden im Kontext der Bilanzmethode Aufwendungen und Erträge auch nicht inhaltlich sinnvoll definiert, sondern es wird lediglich unter finanzwirtschaftlicher Betrachtung konstatiert, dass etwa im Falle der Gehaltszahlungen der Abgang von Zahlungsmitteln (bei gleichbleibendem Fremdkapital) als Minderung des Eigenkapitals zu erfassen ist. In diesem Sinne scheint es common sense zu sein, Aufwendungen als Abflüsse zu interpretieren, und es scheint niemanden zu stören, dass buchhalterisch gesehen der Fall der Gehaltszahlungen in Form von zwei Abflüssen zu interpretieren ist: Zahlungsmittelabfluss einerseits und Eigenkapitelminderung andererseits. Eine wirtschaftlich unsinnige Interpretation, bei der völlig vernachlässigt wird, dass die Gegenleistung der Gehaltszahlung der Faktorinput der Arbeitsleistung ist. Aufwendungen wären in diesem Sinne als Leistungsinput zu interpretieren, der durch einen Zahlungsoutput entgolten wird. Entsprechend stellen auch Umsatzerlöse nicht etwa einen Zufluss (i.s. von Eigenkapitalmehrung) dar, sondern natürlich eine Leistung der Unternehmung für die Marktpartner und damit einen Output, dem ein Zahlungsmittelzufluss korrespondierte. 5. Die Alternative: Modellierungsmethode Es handelt sich bei der Modellierungsmethode um einen alternativen unterrichtsmethodischen Weg zur Einführung in die Systematik der Doppelten Buchführung; die Doppik selbst bleibt als Lerngegenstand natürlich unverändert. Die Schüler sollen weiterhin am Ende des Lehrganges in der Lage sein, eine Bilanz aufzustellen und zu erläutern, komplexe Geschäftsgänge zu buchen und einen Abschluss zu erstellen. Dies alles soll freilich in einer Weise erarbeitet werden, dass in jeder Phase Ziel und Zweck der Buchführung erfahrbar werden und dass buchhalterische Verfahren und Lösungen aus dem wirtschaftlichen Verständnis der Prozesse erschlossen werden. Die wesentlichste und weitreichendste Innovation der Modellierungsmethode dürfte darin bestehen, dass nicht länger versucht wird, alle Geschäftsvorfälle gedanklich in ihren Auswirkungen auf die Bilanz hin zu interpretieren und daraus dann den jeweiligen Buchungssatz abzuleiten. Statt dessen stellt die Modellierungsmethode konsequent die Abbildung von Kosten- und Leistungsprozessen in den Mittelpunkt und ermöglicht es so, buchhalterische Lösungen aus dem wirtschaftlichen Verständnis von Transaktionen heraus zu begründen. Um dieses zu unterstützen wird in der Modellierungsmethode und also auch in diesem Lehrbuch mit einem allgemeinen Unternehmensmodell gearbeitet, das es ermöglicht, in sehr vereinfachter, schematisierter Form die Transaktionsbeziehungen einer Unternehmung mit Ihrer wirtschaftlichen Umwelt darzustellen und zu analysieren (vgl. Abbildung 3). Umwelt Anlage- und Vorratsvermögen Grundstücke (Grund und Boden + Gebäude) Lieferanten Technische Anlagen und Maschinen Betriebs- und Geschäftsausstattung Unfertige Erzeugnisse Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe Fertige Erzeugnisse und Waren Arbeitnehmer Leistungsprozess Beschaffung Produktion Absatz Kunden Finanzierungsbereich Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen Eigentümer Zahlungsmittel (Kasse, Bank) Langfristige Bankverbindlichkeiten Eigenkapital Kreditinstitute staatliche Einrichtungen Abbildung 3: Das allgemeine Unternehmensmodell 7

Das Unternehmen steht dabei im Zentrum und ist von seinen Umsystemen umgeben; die Güter- und Leistungsströme zwischen der Unternehmung und seiner Umwelt lassen sich über Pfeile als Input- bzw. Output-Beziehungen abbilden. Im Zentrum der Unternehmung wiederum steht der Leistungsprozess; hier findet der Input betriebswirtschaftlicher Produktionsfaktoren und der Output in Form von Gütern und Leistungen statt. Den Inputs- und Outputs in den Leistungsprozess entsprechen jeweils gegengerichtete Zahlungsströme, die im Finanzierungsbereich abgebildet werden. Grundsätzlich folgt so jeder Geschäftsvorfall dem wirtschaftlichen Äquivalenzprinzip: Jedem Wertezugang entspricht ein gleich hoher Werteabgang. Vermögensgegenstände, die periodenbezogen nicht vollständig in den Leistungsprozess eingegangen sind, bilden als Anlage und Vorratsvermögen das dauerhaft bzw. längerfristig nutzbare Leistungspotenzial der Unternehmung. Mit diesen drei Sektoren lassen sich alle Bestands- und Erfolgsvorgänge in einer Unternehmung abbilden. Anlageund Vorratsvermögen bilden dabei den Bereich der bilanziell erfassten Vermögens- und Schuldenwerte ab, im Leistungsprozess werden die Kosten und Leistungen und damit das Betriebsergebnis abgebildet. Die Einbeziehung betriebsfremder bzw. außerordentlicher Wertezu- und -abflüsse ist durch eine spätere Ergänzung um einen entsprechenden neutralen Leistungsbereich möglich. Aus diesem Modell lassen sich nun alle Buchungen gleich ob Bestands- oder Erfolgsvorgänge nach einem einheitlichen Algorithmus ableiten: Alle Wertzugänge (Bestandsmehrungen oder Faktorinputs) führen zu Soll- Buchungen auf den entsprechenden Konten, alle Wertabgänge (Bestandsminderungen oder Leistungsabgänge) führen zu Haben-Buchungen. Wirtschaftliches Verständnis der Vorgänge wird zur Voraussetzung für sachgerechte buchhalterische Erfassung bzw. Modellierung. Genau betrachtet stellen wir damit ein zweites Bezugsmodell zum inhaltlichen Verständnis der Buchführungssystematik zur Verfügung, das durchaus auch ergänzend zur bilanziellen Interpretation herangezogen werden kann. Während jedoch die bilanzielle Interpretation alle Vorgänge nur im Hinblick auf die Veränderungen von Vermögens- und Schuldenwerten interpretiert und dabei zu keiner angemessenen Interpretation von Kosten und Leistungen gelangt, erlaubt es die Modellierungsmethode, von Anfang an den Kosten- und Leistungsprozess in den Mittelpunkt zu stellen. Die spätere Kosten- und Leistungsrechnung kann hieran nahtlos anknüpfen und dann unter spezifischen betriebswirtschaftlichen Fragen (Kalkulation, Kostenkontrolle) spezifische Instrumente der KLR einführen. 6. Das Sequenzierungskonzept der Modellierungsmethode und die Architektur des Lehrbuches Die konkrete Umsetzung dieser Konzeption in eine strukturierte Sequenz von Lernschritten soll im Folgenden am Beispiel der Kapitelabfolge des Lehrbuches dargestellt werden. Das Inhaltsverzeichnis lässt schnell erkennen, dass sich hier einerseits wohlvertraute Kapitelüberschriften finden lassen ( Von der Inventur zur Bilanz, Vom Eröffnungsbilanzkonto zum Schlussbilanzkonto sowie die Unterkapitel im Abschnitt 4 Der Leistungsprozess ); andererseits finden sich jedoch, vor allem am Anfang des Buches, etliche erläuterungsbedürftige Kapitel. Im Sinne der Modellierungsmethode ist das Buch so strukturiert, 1. dass es in den ersten Kapiteln (1 bis 3.2) zunächst darum geht, am Beispiel eines Modellunternehmens in den Gegenstandsbereich und die Perspektive der Buchführung also das System Unternehmung in seiner Wertdimension einzuführen und zugleich das Verfahren der buchmäßigen Bestandsfortschreibung vorzustellen; 2. dass im zweiten Schritt auf dieser Grundlage das System der doppelten Buchführung umfassend, aber unter Verzicht auf Differenzierungen in didaktisch reduzierter Form eingeführt wird (Kapitel 3.3 bis 3.6); 3. dass im dritten Schritt (Kapitel 4) schließlich die erworbene Struktur ausdifferenziert wird, indem kapitelleise Einzelaspekte bzw. Teilprozesse vertiefend betrachtet werden. Hierbei folgt das Lehrbuch inhaltlich der Gliederung des Lehrplanes der Berufsfachschule Wirtschaft in Niedersachsen nach Lerngebieten. Im sechsten Kapitel wird in die Buchführung am PC eingeführt, wobei zwar exemplarisch mit dem Programm Lexware buchhalter gearbeitet wird, jedoch eine Übertragung auf andere eingeführte Produkte ohne weiteres möglich ist. Von der Strukturierung her kommt der Ansatz der Modellierungsmethode besonders im ersten Bereich zum Tragen. Deshalb soll die Einführungssequenz im Folgenden noch etwas eingehender erläutert werden: 1. Schritt: Wertschöpfung als zentrales Prozessmerkmal wirtschaftlichen Handelns (Perspektive) Mit der Modellierungsmethode soll das Rechnungswesen aus einem Verständnis des betrieblichen Wertschöpfungsprozesses heraus erarbeitet werden. Folgerichtig beginnt auch das Lehrbuch damit, eben diesen zentralen Wertschöpfungsprozess anschaulich und aufs Wesentliche konzentriert einzuführen. Dies geschieht dadurch, dass zunächst nicht ein auf Dauer angelegtes Unternehmen, sondern ein einzelner, zeitlich begrenzter Prozess in den Blick genommen wird: Ein wirtschaftliches Projekt, im Lehrbuch das Auszubildendenprojekt. An diesem Beispiel kann aus dem technischen Verständnis des einfachen Leistungsprozesses Kissenherstellung und -vertrieb heraus in die Input-Output-Betrachtung eingeführt werden. Die Probleme der Kalkulation, der Projektplanung, der Liquiditätssicherung und der Erfolgsermittlung lassen sich glaubhaft darstellen und unter Verwen- 8

dung von Kategorien des Rechnungswesens lösen. Es kann aus diesen Zusammenhängen heraus in die Sektoren des Unternehmensmodells eingeführt werden und es kann insbesondere bereits das Verhältnis von Leistungsprozess und Finanzierungsbereich thematisiert werden. Als Juniorenprojekt von Auszubildenden ist dieses Vorhaben in den rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen der BüRoComfort GmbH eingebettet. Dieses Modellunternehmen wird im Anschluss an das Juniorenprojekt erstmals kurz vorgestellt. 2. Schritt: Kassenbericht als Grundmodell des Buchführens (Funktion) Das Verhältnis von stichtagsbezogener Bestandsaufnahme (Ist-Rechnung) und zeitraumbezogener Bestandsfortschreibung (Buch-Rechnung) ist für das Verständnis des Rechnungswesens von grundlegender Bedeutung. Auf das Problem einer unzulässigen Vermischung von Bilanzierungs- und Buchführungsfragen wurde bereits oben hingewiesen. Aus diesem Grunde halten wir es für sinnvoll und geboten, die Schüler auch in diese Struktur exemplarisch einzuführen und wir halten die Kassenbuchführung bzw. den Kassenbericht für ein geeignetes Modell, an dem sich im Kleinen die Beziehung von Bilanz und Finanzbuchführung darstellen lässt (vgl. dazu die Abbildung auf Seite 34 im Lehrbuch). Gleichzeitig bietet sich mit dieser Unterrichtseinheit die Chance, in die Technik der Kontenführung und Saldierung einzuführen und nicht zuletzt eine im Alltags- und Berufsleben durchaus bedeutsame praktische Kompetenz zu erwerben. Auch im Hinblick auf die Motivationslage der Schüler und die Möglichkeit zur Gestaltung eines schüleraktiven Unterrichts unter Einschluss von Gruppenarbeitsphasen haben sich diese beiden Einstiegslektionen sehr bewährt. 3. Schritt: Die Bilanz als Strukturmodell der Unternehmung: wertakzentuierend, zeitpunktbezogen, mehrperspektivisch (Gegenstand) Unter der allen Lehrern vertrauten Überschrift Von der Inventur zur Bilanz werden im Kapitel 2.2 die zentralen Instrumente, Verfahrensweisen und Konzepte der stichtagsbezogenen Bestandserfassung fallbezogen eingeführt. Die Erstellung der Bilanz wird als ein pragmatisch sinnvoller Modellierungsprozess erfahren und die Bilanz selbst als ein mehrperspektivisches (Aktiva Passiva) und mehrdimensionales (Anlage und Umlaufvermögen, Fremd- und Eigenkapital) Modell der wirtschaftlichen Lage einer Unternehmung. Zugleich dient dieser Lernschritt dazu, das Modellunternehmen BüRoComfort GmbH in seinen wertakzentuierenden Strukturdaten sorgfältig und differenziert zu durchdringen und damit die Voraussetzungen für die weitere Arbeit hiermit zu schaffen. 4. Schritt: Abbildung der Strukturen und Prozesse der Unternehmung im allgemeinen Unternehmensmodell (Komplexität) In den Kapiteln 3.1 und 3.2 werden das im ersten Schritt erarbeitete Wertstrommodell und die Positionen der Bilanz zusammengeführt und in Form des allgemeinen Unternehmensmodells integriert. Aus einer rückblickenden Betrachtung der Gründung des Modellunternehmens im Zeitraffer heraus wird dieses Modell zur Darstellung wirtschaftlicher Transaktionen genutzt (vgl. Lehrbuch S. 71f.). Und es wird schließlich am Beispiel des Jahresabschlusses gezeigt, in welcher Weise Prozessrechnung und Bestandsrechnung in diesem Modell aufeinander bezogen sind. Mit anderen Worten: Das Allgemeine Unternehmensmodell wird genutzt, um wirtschaftliche Aktivitäten der Unternehmung abzubilden und zu verstehen, und mit seiner Hilfe wird es möglich, den Betriebserfolg (hier noch gleich Unternehmenserfolg) zu ermitteln. Zugleich werden schließlich in diesem Schritt bereits die Einführung der Konten und der Kontensystematik insoweit vorbereitet, als die Positionen der Bilanz ins Unternehmensmodell einbezogen werden. 7. Zur didaktischen Umsetzung der Modellierungsmethode In der Umsetzung dieses methodischen Grundkonzepts folgt das vorliegende Lehrwerk den didaktischen Prinzipien problem- und handlungsorientierten Lernens. Die wichtigsten Gestaltungsprinzipien sollen zumindest stichwortartig kurz angesprochen werden: die Schüler sollen die Buchführung als problembezogenen und zielgerichteten Modellierungsprozess verstehen; Begriffe und Techniken der Buchführung sind grundsätzlich aus betriebswirtschaftlich relevanten Problemstellungen heraus zu entwickeln; hierfür ist der durchgängige Bezug auf realistische ökonomische Strukturen und Prozesse am Beispiel eines Modellunternehmens sinnvoll. Das Lehrbuch arbeitet mit dem Modell eines Industriebetriebes in der Rechtsform einer GmbH, der BüRoComfort GmbH, einem Hersteller anspruchsvoller Büromöbel; bezogen auf dieses Modellunternehmen ist wiederum eine konkrete, authentische Handlungsperspektive wichtig, mit der die Schülerinnen und Schüler zur Identifikation eingeladen werden. Die Probleme und Handlungsaufgaben im Lehrbuch sind aus der Perspektive von Auszubildenden formuliert. Hierbei kommt der Story, der Qualität und Glaubwürdigkeit der Geschichte erhebliche Bedeutung zu; 9

die Schüler sollen mit relativ komplexen Fällen konfrontiert werden, die ihnen eigenständige Problemlöseleistungen abverlangen, die auch in Form von Gruppenarbeit durchgeführt werden können. Über Arbeitsaufträge und Sachdarstellungen kann der Erarbeitungsprozess strukturiert und unterstützt werden; eine hervorgehobene Rolle spielt in allen Erarbeitungszusammenhängen die Arbeit mit dem allgemeinen Unternehmensmodell. Als Grundlage für buchungstechnische Lösungen werden die Schüler immer wieder aufgefordert, Geschäftsvorfälle mit Hilfe dieses Schemas abzubilden und zu interpretieren; Zusammenhänge zwischen Konten insbesondere im Zusammenhang mit den Periodenabschlussarbeiten werden ergänzend auch mit Hilfe von Kontenübersichten bzw. Kontenabschlussdarstellungen abgebildet; wesentlich für den Lernerfolg im Sinne der Modellierungsmethode ist der permanenter Wechsel der medialen Repräsentationsformen, also zwischen konkretgegenständliche Objekten (etwa bei der Inventur), realistischen Belegen (Rechnungen, Anlagekarten, Umsatzsteuervoranmeldung), verbalen Vorgangsbeschreibungen (Wareneinkauf auf Ziel), der Darstellung im allgemeinen Unternehmensmodell, den Buchungen in Grund- und Hauptbuch, der Zusammenfassung in Form von aggregierten Daten (Bilanz, Hauptabschlussübersicht u. a. m.). In der Fähigkeit zur Übersetzung zwischen diesen Ebenen erweist sich ganz wesentlich das Verständnis; der Modellierungsansatz ist schließlich nur umsetzbar, wenn von Beginn an eine Auswertung und wirtschaftliche Interpretation der Daten erfolgt. Dies kann auf durchaus unterschiedlichen Anforderungsniveaus erfolgen und beginnt mit den soeben angesprochenen Interpretations- und Übersetzungsleistungen. 8. Wie geht es weiter Ihnen liegt ein nach unserer Auffassung in sich rundes Lehrbuch zu einem innovativen Unterrichtskonzept vor. Vor dem Hintergrund der positiven Resonanz aus der Praxis und der überwiegend zustimmenden Reaktion aus dem wissenschaftlichen Bereich sind wir von der Praktikabilität und dem Innovationspotenzial dieses Ansatzes überzeugt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die grundlegenden Gestaltungsprinzipien des wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens sich bewährt haben, dass auf dieser Grundlage eine schüleraktivere, selbstorganisationsoffenere Unterrichtsgestaltung und damit eine Steigerung der Unterrichtsqualität möglich sind (vgl. Seifried/Brouer/Sembill 2002). Weitere Forschungen und Entwicklungsarbeiten zu dieser Konzeption laufen zur Zeit, die Internetplattform www.rechnungswesenunterricht.de des Bildungsverlages EINS wird über neue Ergebnisse informieren. Das wichtigste Feld zur Weiterentwicklung dieser Konzeption ist jedoch der Unterricht, in dem Lehrerinnen und Lehrer dieses Modell aufgreifen, anwenden, variieren und verbessern. Wir sind an Ihren Rückmeldungen und Ideen zum Wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesenunterricht hochgradig interessiert. Bitte wenden Sie sich mit Kritik und Anregungen an die Autoren und den Herausgeber. Sie erreichen uns unter D-Joost@gmx.de SG.Kripke@t-online.de Tramm@ibw.uni-hamburg.de Literaturhinweise: Adler, Jörg/ Frost, Gerhard/ Goldbach, Arnim/ Seidler, Detlev/ Tramm, Tade/ Wichmann, Elfriede (2002): Prozessorientierte Wirtschaftslehre. Troisdorf: Bildungsverlag EINS. Preiß, Peter (1999): Didaktik des wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens. München und Wien: Oldenbourg. Preiß, Peter/ Tramm, Tade (1996): Die Göttinger Unterrichtskonzeption des wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens. In: Preiß, P./ Tramm, T. (Hrsg.): Rechnungswesenunterricht und ökonomisches Denken. Wiesbaden: Gabler, S. 222 323. Preiß, Peter/ Tramm, Tade (1990): Wirtschaftsinstrumentelle Buchführung Grundzüge eines Konzepts der beruflichen Grundqualifikation im Umgang mit Informationen über Mengen und Werte. In: Achtenhagen, F. (Hrsg.): Didaktik des Rechnungswesens-Programm und Kritik des wirtschaftsinstrumentellen Ansatzes. Wiesbaden: Gabler, S. 13 94. Seifried, Jürgen/ /Brouer, Birgit/ Sembill, Detlef (2002): Was lernen Schülerinnen und Schüler im selbstorganisationsoffenen Rechnungswesenunterricht? In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 98. Band, Heft 4, S. 574 593. 10