Migration: gestern, heute, morgen Jochen Oltmer www.imis.uni-osnabrueck.de
Kennzeichen der aktuellen Diskussion um Migration Ad-hoc-Thematisierung, keine nachhaltige Diskussion gesprochen wird über Instrumente, nicht über Ziele geschichtsblind raumvergessen
Migration Muster regionaler Mobilität, die weitreichende Konsequenzen für die Lebensverläufe der Wandernden haben und aus denen Veränderungen sozialer Institutionen resultieren Chancenwahrnehmung (Arbeits- und Erwerbsmigration, Bildungs- und Ausbildungswanderungen, Entsendungen, Lifestyle-Migration) Gewalt und Zwang (Flucht, Vertreibung, Deportation; politisch und weltanschaulich bedingt oder Folge von Kriegen) Krise (z.b. Abwanderung aufgrund menschlicher oder natürlicher Umweltzerstörung; akuter wirtschaftlicher und sozialer Notlagen)
Migrantinnen und Migranten sind jung Mobilitätsfaktor 3,50 3,00 2,50 2,00 1,50 1,00 Aber: Damit das Verhältnis von Erwerbspersonen und Rentnern in D. konstant bleibt, müssten 1995-2050 mehr als 180 Mio. Menschen zuwandern/zugewandert sein 0,50 0,00 21-25 26-30 31-35 36-40 41-45 46-50 51-55 56-60 61-65 66-70 71-75 76-80 > 80 Alter
Migration ist Fluktuation, die Niederlassung ein selteneres Ereignis In die Bundesrepublik kamen 1955-1973 auf der Basis von Anwerbeverträgen 14 Mio. ausländische Arbeitskräfte, 11 Mio. wanderten wieder ab Integration = permanentes Aushandeln von Chancen der ökonomischen, politischen, religiösen oder rechtlichen Teilhabe
Netzwerke von Migrantinnen und Migranten 42% of US hotel business is Gujarati Fish and Chips all Italiana in Dublin Gujaratis, mainly Patels, now own 21,000 of the 53.000 hotels and motels in the US. [ ] Asian-American Hotel Owners Association, which has 9,000 members and 90% are Gujaratis, says Indian-American hoteliers pay $700 million in taxes every year and create a million jobs (The Times of India, 18.10.2006).
Globale Migration im langen 19. Jahrhundert
Aktuelle Migration zwischen und in verschiedenen Weltregionen Quelle: Guy J. Abel/Nikola Sander, Quantifying Global International Migration Flows, in: Science 343. 2014, S. 1520-1522.
Zu- und Fortzüge, Deutschland 2013/2014 2013 Zuzüge Fortzüge Saldo Europa 941.379 609.289 332.090 Afrika 53.393 22.893 30.500 Amerika 63.905 58.020 5.885 Asien 154.424 84.506 69.918 Australien/Ozeanien 7.344 7.371-27 Gesamt 1.226.496 789.193 437.303 2014 Zuzüge Fortzüge Saldo Europa 1.081.155 713.242 367.913 Afrika 75.313 27.435 47.878 Amerika 67.799 60.698 7.101 Asien 224.889 90.135 134.754 Australien/Ozeanien 7.393 7.828-335 Gesamt 1.464.724 914.241 550.483
Wanderungen über die Grenzen Deutschlands 1991-2013
Entwicklung der Migration aus dem globalen Süden in den globalen Norden in M 20 16 17.6 16.6 12 12.5 11 9.5 8 4 0 2000-2005 2005-2010 2010-2015 2025-2030 2045-2050
Flüchtlinge weltweit 40 Flüchtlinge IDPs 38,2 35 30 25 20 15 10 16,5 17,2 21,3 22,5 25,0 27,5 28,0 22,0 19,7 19,6 19,5 20,5 19,1 18,7 18,1 16,6 17,4 19,3 21,3 21,2 25,0 25,0 24,6 25,3 23,3 24,4 26,0 26,0 27,0 27,5 26,4 33,3 28,8 15,5 15,1 15,4 15,9 15,9 14,6 13,8 13,8 13,5 14,4 15,9 15,2 15,2 15,5 15,2 15,4 16,7 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 19,5
Aufnahme von Flüchtlingen Staaten entscheiden mit weiten Ermessensspielräumen über Aufnahme Bereitschaft, Schutz zu gewähren, bildet Ergebnis eines Aushandlungsprozesses, an dem zahlreiche, unterschiedlich machtvolle Akteure beteiligt sind Permanenter Wandel im Blick auf die Frage, wer unter welchen Umständen als Flüchtling wahrgenommen und wem in welchem Ausmaß Schutz zugebilligt wird
Asyl im Aushandlungsprozess DDR-Zuwanderung: 1951 Notaufnahmeverfahren Ungarn 1956 Algerien späte 1950er/frühe 1960er Jahre Griechenland 1967 Tschechoslowakei 1968 Chile 1973 Südostasiatische boat people späte 70er/ frühe 80er Jahre 1980: Iran, Türkei, Polen (100.000) Frühe 90er Jahre: Öffnung des Eisernen Vorhangs / Krieg um Jugoslawien
Asylanträge in der Bundesrepublik Deutschland 1953-2014 450.000 400.000 350.000 300.000 250.000 200.000 150.000 100.000 50.000 0 1953 1958 1963 1968 1973 1979 1984 1989 1994 1999 2004 2009 2014
Zentrale Kennzeichen der Debatte heute Ad-hoc-Thematisierung keine nachhaltige Diskussion, gesprochen wird über Instrumente, keine Formulierung von Zielen geschichtsblind (Dublin-Regelung dt. Verantwortung) raumvergessen ( internationale Staatengemeinschaft )
Zum Weiterlesen: Klaus J. Bade/Pieter C. Emmer/Leo Lucassen/Jochen Oltmer (Hg.), Enzyklopädie Migration in Europa vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 3. Aufl. Paderborn 2010. Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 86), 2. Aufl. München 2013. Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, München 2012 (Sonderausgabe Bonn 2013).