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1 Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen. (aus Indien) Der alte Arzt spricht Latein, der junge Arzt spricht Englisch, der gute Arzt spricht die Sprache seiner Patienten. Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit. (Ludwig Börne)

2 9. Gesundheit und Krankheit Unterschiedliche Kulturen gehen mit Krankheit und Schmerz im Allgemeinen auch unterschiedlich um. Jede Krankheitsäußerung ist im gewissen Sinne kulturspezifisch. Vorsicht ist hier aber wie auch in allen anderen Bereichen geboten, Stereotypisierungen sind nicht angebracht, da es auch innerhalb der gleichen Kultur individuelle Unterschiede gibt und man diese nicht außer Acht lassen sollte. Ähnlichkeiten innerhalb der Kultur sind substantiell Der Umgang mit Krankheit und Schmerz Gründe für den unterschiedlichen Umgang mit Krankheit und Schmerz liegen zum Teil in der unterschiedlichen Kontrollüberzeugung. Mittel- und Nordeuropäer sowie Amerikaner, welche zu den individualorientierten Kulturen zählen, sind überzeugt sich selbst helfen zu können (internale Kontrollüberzeugung). Sie suchen sich möglichst bald Rat beim Arzt und erhoffen sich davon Kontrolle über Krankheit und Schmerz. Familienorientierte Kulturen (z.b. Mittelmeerstaaten, Asiaten ) haben die Einstellung, dass die Familie hilft, den Schmerz zu bewältigen (externale Kontrollüberzeugung). Sie drücken ihren Schmerz deswegen auch anders (z.b. lauter) aus und werden meist von vielen Angehörigen zum Arzt begleitet. Diese geben ihnen Beistand, da sie ihr Leid nur mit Hilfe der Familie bewältigen können. Viele in anderen Kulturen erzogene Menschen können nicht nachvollziehen, dass ihre ganz individuelle Erkrankung mit demselben Wort benannt wird, wie auch die Krankheit von anderen. Es ist ihre Erkrankung, etwas ganz persönliches, die Nachbarin nebenan kann doch unmöglich dieselbe Krankheit haben. Für diese Menschen ist Individualisierung besonders wichtig, wie eigentlich in allen Bereichen der Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen. Schmerzäußerungen hängen mit den Werten und Normen der eigenen Kultur zusammen und werden auch dementsprechend geäußert. Beispiele (ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Gefahr der Pauschalierung): Iren ziehen sich zurück, da es nicht angebracht ist seinen Schmerz zu äußern; Nordamerikaner gehen schnell zum Arzt und äußern ihre Beschwerden sachlich; Menschen aus den südlichen Ländern äußern ihren Schmerz lautstark, damit sie familiäre Anteilnahme bekommen. Das kann manchmal etwas befremdlich wirken, da wir unsere eigene Vorstellung davon haben, welche Schmerzäußerung und Schmerzbewältigung angebracht und welche es weniger ist. Manche Kulturkreise machen keine Unterschiede zwischen psychischer und physischer Ebene (z.b. Menschen aus vielen afrikanischen Ländern). Hier wird die psychosoziale Beeinträchtigung deutlich mehr in den Schmerzbegriff involviert. Zudem leiden MigrantInnen, welche Benachteiligung und Fremdenfeindlichkeit erfahren haben, oft unter vermindertem Selbstwertgefühl und auch depressiven Verstimmungen. 58

3 9.2. Sprache im Zusammenhang mit Krankheit In einigen Studien hat man mittlerweile herausgefunden, dass es einen komplexen Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit gibt. Durch mangelnde Verständigung ist eine gute Behandlung oft gefährdet. Wird auf die beschriebenen kulturellen Unterschiede keine Rücksicht genommen, so entstehen Stress und Hilflosigkeit bei den PatientInnen, was wiederum eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit begünstigt. Daraus folgt, dass ÄrztInnen und Menschen, welche mit kranken Personen in Kontakt sind, versuchen sollten, sich in die Lebenswelten der Menschen hineinzudenken. Durch Zuhören, Reden und Nachvollziehen der andersartigen Darstellungsweise von Krankheit, kann man lernen, entsprechend darauf zu reagieren. Auch im schulischen Kontext, ist es hilfreich, zu wissen, wie Menschen anderer Kulturen mit Krankheit und Schmerz umgehen, da es immer wieder vorkommen kann, dass Kinder bzw. ihre Eltern selbst krank sind bzw. werden. Zudem können immer wieder Fragen zu Gesundheit und Krankheit auch an die PädagogInnen herangetragen werden. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Körperregionen und Schmerzen kann dabei zur Verwirrung und Unverständnis führen. Auch bei der Schmerzschilderung zeigen sich kulturelle Unterschiede: Menschen mit Migrationshintergrund äußern sich hinsichtlich Ausmaß und Körperregion oft anders als ÖsterreicherInnen. So wie in der deutschen Sprache unter Herzschmerzen nicht immer nur ein internistisches Problem gemeint sein muss, sondern vielleicht ein Hinweis auf die allgemeine Gemütslage und die psychische Verfassung der Person, die das äußert, so gibt es in anderen Kultur- und Sprachkreisen Redewendungen, die wörtlich übersetzt eine andere Bedeutung haben Zum Beispiel: die Bemerkung eines Mannes aus dem Nahen Osten, dass seine Leber brenne, brachte den Arzt dazu, ein großes Labor mit allen möglichen Blutuntersuchungen anzuordnen. Gemeint war damit aber eine äusserst schwierige persönliche Situation, Trauer um einen Familienangehörigen, Depression etc. Interessant ist es, dass es auch Zusammenhänge zwischen dem Stärkegrad der Unsicherheitsvermeidung einer Kultur und der Gesundheit zu geben scheint. ÖsterreicherInnen haben aufgrund ihrer Sozialisierung und dem gleichen kulturellen Hintergrund (Werte, Normen, Symbole) ähnliche Vorstellungen. Ihre Erfahrungen und Assoziationen sind bedingt aus den Erlebnissen, welche sie in der Gesellschaft (Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, Berufsalltag) gesammelt haben. Wenn medizinische und soziale Dienstleistungen von Menschen anderer Kulturen in Österreich in Anspruch genommen werden bzw. wenn diese Menschen ihr gesundheitliches Problem mitteilen, kann es in vielfacher Hinsicht zu Verständigungsschwierigkeiten führen. Wenn ein Mensch mit türkischem Hintergrund meint: Mein Kopf ist erkältet! können sich ÖsterreicherInnen mitunter nicht vorstellen, wo das Problem liegt. Für diese türkische Person bedeutet es so etwas wie Ich bin dabei durchzudrehen! Wenn sie gefragt wird, wo es weh tut und die Antwort lautet: Alles tut mir weh!, soll es mitunter der Hinweis sein, dass sie diesen ganzheitlichen Ausdruck als Darstellung der generellen Beeinträchtigung verwendet. Weitere Aspekte kultureller Unterschiede bestehen hinsichtlich unterschiedlicher Körperbilder. Umgekehrt verhält es sich genauso: Bei mir ist eine Laus über die Leber gelaufen, können ÖsterreicherInnen die Botschaft herauslesen, dass die Person sich über etwas ärgert. Menschen aus anderen Kulturen können mit dieser Aussage aber wenig anfangen. Religiöse und magische Vorstellungen (Existenz von Geistern, Djinnen, Ritualen, Symbolen) und der Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit, spielen vor allem in den Balkanländern und im Mittleren Osten noch immer eine wichtige Rolle. 59

4 Verschiedene traditionelle Heiler sind sowohl im Herkunftsland, als auch hierzulande anzutreffen. In Bezug auf diese Überzeugungen ist ein Mittelweg anzustreben. Wichtig ist, dass das medizinische System des anderen nicht als lächerlich angesehen wird. Traditionelle Heilungsrituale sind für die Erkrankten und deren Familie oft sehr wichtig im sozialen Gefüge, als Erklärung und zur Stärkung der Würde. Behutsam sollte den Menschen aber auch, falls erforderlich, die Notwendigkeit und Vorteile der westlichen Methoden verständlich gemacht werden. Der Islam begleitet Muslime auch im Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Wobei es durchaus Ähnlichkeiten zum Christentum gibt. Gesundheit und Wohlbefinden werden diejenigen haben, welche Allah (Gott) dienen, d.h. nach den Regeln der Religion leben. Die frommen Muslime/Muslimas sehen Krankheit als eine Art Prüfung von Allah für den Menschen. Der Körper erkrankt zum Beispiel wegen des Genusses von Verbotenem, bei Unterlassung dieser Getränke und Speisen folgt die Genesung. Seelische Probleme können durch Heuchelei oder Zweifel am Glauben hervorgerufen werden. Mit Beten und guten Taten kann man dem entgegenwirken. Die Gemeinschaft erkrankt dann, wenn die Regeln des Islams nicht eingehalten werden. Bei Muslimen/Muslimas ist oft die Frage zu stellen, ob gewisse Behandlungsmöglichkeiten bzw. Therapieansätze islamisch erlaubt bzw. verboten sind (wenn es z.b. um die Mitteilung von intimen Details, die gegengeschlechtliche Behandlung und körperorientierte Behandlungsformen geht). Eine Studie mit österreichischen und pakistanischen PatientInnen untersuchte, was die PatientInnen als Ursache für ihre Erkrankung ansahen. Sie brachte folgende Ergebnisse: ÖsterreicherInnen nennen häufiger Stress und körperliche Ursachen als Auslöser für die Erkrankung. Diese Einstellung ist von der westlichen Wissenschaft geprägt. Wogegen Pakistani religiöse Modelle, wie Tabubrüche oder den bösen Blick als Auslöser für die Erkrankung annehmen. 60

5 9.3 Gesundheit und Ernährung Die Gesundheit ist im Unterricht ein wertvolles Thema im Schulalltag für Kinder und Eltern. Besonders das Thema Gesunde Ernährung kann und soll hier aufgegriffen werden. Wichtig ist es, den Eltern näher zu bringen, wie sie sich und ihre Familie gesund ernähren können und dass dies für die Entwicklung und die Gesundheit des Kindes von großer Bedeutung ist. Diesen Informationsbedarf haben wie sich immer wieder zeigt - Eltern mit und ohne Migrationshintergrund in gleichem Ausmaß. Für Menschen aus vollkommen anderen Gegenden dieser Welt ist es jedoch eine noch größere Herausforderung, aus dem für sie unbekannten Angebot an Früchten, Lebensund Genussmitteln das auszuwählen, was ihnen und ihren Kindern gut tut. Erschwert werden solche Entscheidungen auch durch die Medien, die höchst manipulativ zu vermitteln versuchen, was der Mensch so braucht. Bedeutung für die pädagogische Praxis: Dabei können Eltern gut in den Schulalltag integriert werden. An vereinbarten Tagen, kann eine Gesunde Jause in der Schule gestaltet werden, an dem ein Elternteil die Jause mitbringt. Hier könnte man vielleicht Paare bilden, sodass immer ein österreichischer Elternteil mit einem Elternteil mit Migrationshintergrund zusammenarbeitet. Die Arbeit der Personen und das Essen sollen natürlich dementsprechend gewürdigt werden. Durch Thematisierung bzw. Vorzeigen kann ein besseres Verständnis über dieses Thema erreicht werden. Ein wichtiger Bereich innerhalb des Themas Ernährung sind die vielfältigsten Speiseregeln in den verschiedenen Kulturen. Auch hier ist Sensibilität gefragt, vor allem bei jenen Gelegenheiten, wo in bzw. von der Schule etwas angeboten wird. Beispiel: bei einem Klassenfrühstück wird nicht nur Wurst aus Schweinefleisch sondern auch aus Putenfleisch angeboten. Es ist klar, dass es ab einer gewissen Gruppengröße immer schwieriger wird, auf alle Diätvorschriften (medizinischer oder religiöser Natur) Rücksicht zu nehmen, zumal man sie als PädagogIn oft ja gar nicht im Detail kennt. Trotzdem ist es wichtig, dass sich die einzelnen davon betroffenen Kinder (plus Familien) ernstgenommen fühlen und erleben, dass sich die Schule bemüht, niemanden auszugrenzen. Diese Rücksichtnahme und Akzeptanz macht sich insofern bezahlt, als sich Eltern, die sich angenommen und respektiert fühlen, viel eher aktiv am Schulleben beteiligen und engagieren. Es gibt sicher zahlreiche Anknüpfungspunkte, dieses Thema auch im Unterricht zu bearbeiten. 61

6 9.4. Sportunterricht in der Schule Auch die Bedeutung körperlicher Betätigung sollte immer wieder betont werden. Viele Eltern neigen dazu, Kinder stundenlang vor dem Fernseher sitzen zu lassen, nicht wissend, dass dies negative Auswirkungen auf Gesundheit, Psyche und Sozialverhalten hat. Bedeutung für die pädagogische Praxis: Das Friedensbüro bietet Elternabende und SchülerInnenworkshops zum Themenbereich Bildschirmkonsum und die Auswirkungen auf (Gewalt)verhalten bzw. Gesundheit an. Details unter In vielen Nationen hat Sport eine wesentliche Bedeutung. Gerade beim Fußball ist oft zu sehen, wie wichtig diese Sportart für viele Menschen ist. Diese Tatsache kann man sich eventuell auch als PädagogIn zu Nutze machen, um besseren Zugang zu den Kindern bzw. Eltern zu erlangen. Probleme, welche den Turnunterricht bzw. das Turngewand betreffen, können ebenfalls auftreten. Beispiel aus dem Alltag: Ein muslimisches Mädchen wollte den Turnunterricht mit dem Kopftuch bestreiten, da der Vater dies verlangte. Die Lehrerin wollte aber, dass das Mädchen das Kopftuch abnimmt. So war es von beiden Seiten nicht möglich, das Mädchen am Turnunterricht teilhaben zu lassen. Aber hier konnte- durch das Reden miteinander- eine einfache Lösung gefunden werden. Die Lehrerin wollte das Mädchen nicht mit dem Kopftuch turnen lassen, da das rutschige Material und das Herunterhängen des Tuches ein gewisses Gefahrenpotential für das Kind barg. Die Lösung war ein Tuch aus Baumwollmaterial mit mehr Griff und das Zusammenbinden des Tuches im Nacken, damit das Mädchen nirgends mehr hängen bleiben konnte. Das Mädchen trug somit das Kopftuch, aber das Risiko für das Turnen war aus dem Weg geschafft. Damit war das Problem gelöst, denn Vater, Lehrerin und Schülerin waren mit der Lösung zufrieden. Das Mädchen konnte den Turnunterricht besuchen. Hier kann man sehen, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen und seine Gründe darzulegen, um dann gemeinsam eine Lösung zu suchen und zu finden. Weiter Beispiele sind mehrtägige Ausflüge, bei denen muslimische Mädchen oft nicht mitfahren dürfen. In manchen Schulen wird organisiert, dass eine muslimische Frau (Mutter, Religionslehrerin, ) mitfährt, die das Vertrauen der muslimischen Eltern genießt. 62

7 Literatur CliniCum: Transkulturelle Psychiatrie: Kultur, Migration und Psychosen. curado: Schmerzbewältigung in verschiedenen Kulturen. Das Wissensportal zum Thema Kultur und Gesundheit: Gesundheit, Krankheit und muslimische Patienten. mighealthnet: Hintergrundinformationen zu Menschen mit Migrationshintergrund. Migrationshintergrund,_-populationen,_Einwanderungs-_und_Integrationspolitik,_usw Salzburger Universitätsklinik: Migration und Gesundheit: Verstehen kann heilen Transkulturelle Kompetenz schafft Gesundheit. 63

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